„Er ist wieder da!“ – Die außergewöhnliche Verfilmung eines außergewöhnlichen Romans

Die Verfilmung des Bestsellers „Er ist wieder da“ von Timor Vermes kommt in die Kinos. Der hervorragende Film unterscheidet sich deutlich von seiner literarischen Vorlage und bewahrt dennoch ihren grotesken Geist: Oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt sitzt Adolf Hitler und porträtiert Passanten, die begeistert seine miesen Zeichnungen kaufen. Zum Beginn der Dreharbeiten für „Er ist wieder da“ reiste das Filmteam wirklich durchs Land, um herauszufinden, wie Leute auf den Wiedergekehrten reagieren. Die Frage, darf man das, hat sich durch deren Reaktionen erübrigt. Die Menschen machten Selfies mit dem Führer, schimpften auf die Demokratie und wollten in Gesprächen mit ihm ihre Sorgen loswerden, statt sich über seinen absonderlichen Auftritt zu empören.

Die Filmgeschichte: Im Herbst 2014 erwacht Adolf Hitler (Oliver Masucci) in Berlin unweit des ehemaligen Führerbunkers. Erstaunt versucht er sich im veränderten Berlin zurechtzufinden und Parteigenossen aufzuspüren. Der arbeitslose Filmemacher Sawatzki (Fabian Busch) erkennt die Chance, mit dem vermeintlichen Führer ganz groß herauszukommen… Weiterlesen

Die unerträgliche Leichtigkeit des Meerschweins – Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Frankfurter Oper

„Musik mit Bildern“ nennt Tonkünstler Helmut Lachenmann seine selten aufgeführte Komposition „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von 1997. Nur wenige Tage präsentiert die Frankfurter Oper dieses außergewöhnliche Werk nach HC Andersens Märchen.

„Es war ganz grausam kalt; es schneite und es begann dunkler Abend zu werden. In dieser Kälte ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen.“ So beginnt Andersens Märchen, in dem die Kleine an der Kälte und den gleichgültigen Menschen zugrunde geht.

Orchester und Chor sind im Saal verteilt, auch auf der Bühne sitzen Zuschauer. Auf einer Ebene über ihnen musizieren Instrumentalisten, die von einer großen Leinwand verdeckt werden. Zu Beginn pusten und schnauben die Bläser in ihre Instrumente, Streicher kratzen und scharren mit den Bögen. Chor und Solistinnen atmen laut, keuchen und schnalzen. Diese Geräusche verbreiten eine fremdartige und eisige Atmosphäre im Saal. Manche Töne machen Verkehrslärm und achtloses Vorübergehen der Leute spürbar. „Ritsch!“, allegorisieren die Violinen das Anzünden der Schwefelhölzer, an deren Flammen sich das Mädchen wärmt und ihre Fantasien entzünden. Musikalische Klangsplitter und lyrische Gesangsfetzen mischen sich unter die Tonmalereien. Der Kältetod des Kindes mit wundersamen Halluzinationen wird mal laut und dramatisch, meist aber subtil und geheimnisvoll in eigen-artige Klänge umgesetzt… Weiterlesen

„Pindorama“ – Lia Rodrigues Companhia de Danças im Frankfurter Mousonturm

Im Frankfurter Mousonturm begann am letzten Wochenende das internationale Tanzfestival „Together Forever“. Ein erster Höhepunkt war der Auftritt der brasilianischen Gruppe Lia Rodrigues Companhia de Danças.

Im großen, abgedunkelten Saal des Mousonturms steht oder sitzt das Publikum um eine lange Plastikplane auf dem Boden. Stille. Eine nackte Frau begießt sich mit Wasser, legt sich nieder, bewegt sich embryonenartig mit unendlicher Langsamkeit auf der Plane. Vor den Augen der Zuschauer verwandelt sie sich in ein unbestimmtes Wesen. Irgendwann werden ihre ruhigen Bewegungen durch die Plane gestört, die von Helfern geschüttelt wird. Die Plane schlägt stärkere Wellen, wie in einem Sturm ringt die Kreatur mit den Wogen, die bald über ihr zusammenschlagen. Sie windet und rollt sich, gleitet und glitscht, scheint hilflos von einem Ende der Plane zum anderen mitgerissen zu werden. Nach langen kräftezehrenden Ringen liegt die Tänzerin wirklich erschöpft auf der Plane. Der Sturm ist vorbei.

Auch in den folgenden zwei Teilen von „Pindorama“ macht die Companhia de Danças kein bedeutungsschwangeres Drama, zeigt keine gespielten Gefühle und vermeidet jeglichen emotionalen Kitsch. Man kann das Ausgeliefertsein an elementare Naturgewalten oder Kampf gegen Elemente assoziieren. Jedoch bleibt die Interpretation dieser lebenden Bilder dem Publikum überlassen, das nicht vom Geschehen überwältigt aber heftig berührt wird. Die Choreografin Lia Rodrigues erschafft mit ihrem Ensemble eindringliche Tableaus, deren Bedeutungen nicht festgelegt sind… Weiterlesen

“Mein Weg” – Werkschau des Metallbildhauers Ulrich Barnickel in der Kunststation Kleinsassen (Teil I)

Zum 60. Geburtstag des Metallbildhauers Dr. Ulrich Barnickel widmet ihm die Kunststation Kleinsassen die Ausstellung „Mein Weg“, die sich auf seine Entwicklung in den letzten zehn Jahren konzentriert. Barnickel gehört zu bekanntesten Künstlern Europas, der mit Metall arbeitet.

Manchmal braucht Barnickel martialische Arbeitsgeräte, eine Baggerschaufel oder den Gabelstapler, um große Stahlbleche zu formen. Jedoch empfindet er Eisen nicht als „schweres Material“: „Man muss es halt bearbeiten können“, meint er lakonisch. Das hat er als Autoschlosser und Schmied gelernt, damit begann sein Weg, der ihn auch zum Studium der Metallbildhauerei in die Burg Giebichstein (Halle) führte.

Obwohl er mit der DDR abgeschlossen hat, lobt er seine handwerkliche Ausbildung und, unter anderem, die dort erworbenen Kenntnisse der menschlichen Anatomie im Studium. Immer wieder betont er, dass seine Fähigkeit zur „figurativen Abstraktion“ darin ihre Wurzel habe.

Als der Künstler Mitte der 80er-Jahre im Westen ankam, waren seine kunsthandwerklichen und künstlerischen Arbeiten nicht gefragt, sondern abstrakte und performative Künste… Weiterlesen

„Mein Weg“ – Werkschau des Metallbildhauers Ulrich Barnickel in der Kunststation Kleinsassen (Teil II)

„Weg der Hoffnung“

„Das muss jemand gemacht haben, der sehr religiös ist“, meinte eine Besucherin beim Anblick der 14 Figurengruppen auf dem ehemaligen „Todesstreifen“ der Grenze zur DDR. Tatsächlich bezeichnet sich Barnickel auch als religiösen aber nicht frömmelnden Menschen oder eifrigen Kirchgänger. „Der Weg der Hoffnung“, den der Bildhauer in fast vierjähriger Arbeit bis 2010 neben der Gedenkstätte „Point Alpha“ schuf, ist der vorläufige Höhepunkt seines künstlerischen Wegs: Darin hat er alle formalen und ausdrucksstarken Elemente seiner Kunst vereinigt.

Barnickels Passionsweg benennt die traditionellen Stationen des christlichen Kreuzwegs um, aus „Jesus fällt zum dritten Mal“ wird beispielsweise „Erniedrigung“. Materialzitate verweisen auf den historischen Bezug: Eine Geschosshülse, ein Helm der DDR-Armee, Hammer und Zirkel als Insignien der Macht. „Hier habe ich einen gehörigen Teil meiner eigenen Geschichte und Befindlichkeit eingearbeitet“, sagt der Künstler. Doch trotz der christlichen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Bezüge werden die Stationen zu allgemein menschlichen und urreligiösen Archetypen.

„Zentraleuropa ist christlich geprägt“, meint Barnickel, „wir besitzen Werte, nach denen müssen wir nicht suchen. Wir brauchen den Glauben, vor allem an den Menschen und das Gute.“ Ausdrücklich verweist er auf die christlichen Tugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“ als menschliche Grundhaltung. Die „Hoffnung“ steht als offenes Skulpturenensemble am Ende des 1,4 km langen Passionswegs.

„Drei Männer rücken die Frauen ins Bild“ – Newton, Horvat und Brodziak im Berliner Museum für Fotografie

Das Berliner Museum für Fotografie beherbergt die Stiftung des 2003 gestorbenen Fotografen Helmut Newton. Wie schon oft präsentiert das Haus bisher ungezeigte Arbeiten Newtons mit Fotografien von Kollegen, diesmal mit dem jungen Szymon Brodziak (39) und dem wesentlich älteren Frank Horvat (87).

Man meint den Staub der Archive zu riechen, in denen eine attraktive junge Frau noch nicht verstaubt oder in den Aktenordnern verschwunden ist. Drei kleine, unscheinbare S/W-Fotografien führen in die geheimnisvolle Welt Brodziaks ein, die Frau gehört irgendwie nicht zum Ort, an dem sie abgelichtet wurde. Die wesentlich größeren S/W-Arbeiten in der Ausstellung widmen sich noch intensiver dieser Idee – eine Frau schwebt spektakulär in einer Baggerschaufel vor dem Himmel, andere verschwinden scheinbar in Landschaften oder Felsen, einer weht der Rock über den Kopf und sie wird zur Blume. Der polnische Mode- und Kunstfotograf macht das Alltägliche unwirklich, manchmal geradezu surrealistisch.

Die behutsamen und doch sinnlichen Frauenportraits Brodziaks hängen in der Nachbarschaft Newtons, eines Fotografen, dessen gesamtes Werk oft – zu unrecht – als sexistisch abgetan wurde. Natürlich fehlen nicht die erotisch aufgeladenen Bilder von Frauen, die sich nehmen was sie wollen: Die nackte Grace Jones schaut verächtlich, mit einem die Männer vereisenden Blick in die Kamera, während sie sich ein männliches Model krallt. Weiterlesen

Das Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch – voller Lust auf ein reiches Erbe

Mit einem frühen und einem späten Werk der vor sechs Jahren gestorbenen Choreografin Pina Bausch ging das Wuppertaler Tanztheater in die Sommerpause. Die nächste Spielzeit beginnt zum ersten Mal in dessen 40-jähriger Geschichte mit „Neuen Stücken“ einiger Gastchoreografen – doch ein „Neuanfang“ des berühmten Ensembles ist das nicht!

Nur eine Tänzerin steht auf der Bühne, zeigt sich von allen Seiten, bleckt die Zähne, streift die Haare zurück. Weitere Frauen kommen, bald lässt sich das ganze weibliche Ensemble taxieren. Dann verwandeln die Männer durch Vervielfachung und Übertreibung alltäglicher Verhaltensweisen die Bühne in einen grotesken „Kontakthof“. Der Name des Stückes ist sein Inhalt – was tun Menschen alles, um zu gefallen, um jemanden zu finden, um nicht einsam zu sein? Dieses Beziehungsthema, das in zahllosen assoziativen Szenen mal verzweifelt, mal humorvoll umkreist wird, hat heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Es war ein Skandal als Pina mit diesem Stück vor fast vier Jahrzehnten formal und inhaltlich das klassische Ballett und den Modern Dance infrage stellte. „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt“, meinte die Choreografin. Sie wollte den Tanz nicht revolutionieren, aber sie suchte gemeinsam mit ihrem Ensemble nach neuen, lebensnahen Ausdrucksformen. Viele alt gewordene Akteure sind in diesem Stück seit zwanzig Jahren oder länger dabei, nur wenige sind unter vierzig. Pina hat dieses zeitlose Werk einige Jahre vor ihrem Tod zunächst mit älteren Laien über 65 inszeniert, später sogar mit Teenies.

Auch „Vollmond“ beginnt mit skurrilen Wettkämpfen im Alltag… Weiterlesen

Der Mut in Zeiten der Unterdrückung – Jafa Panahis Meisterwerk „Taxi Teheran“ kommt in die Kinos

Jafar Panahis Film „Taxi Teheran“ gewann bei der Berlinale 2015 den Hauptpreis. Das cineastische Meisterwerk zeigt auf eigenwillige Weise das Leben der Menschen in Teheran, der Heimatstadt des iranischen Regisseurs. Jetzt kommt der Film in die Kinos.

Ein schwer verletzter Mann wird zum Krankenhaus gefahren. In das Smartphone des Taxifahrers stammelt er sein Testament. Wird er überleben? Ein mieser Typ schwadroniert über die Todesstrafe für Diebe. Zwei alte Damen lassen die Droschke quer durch die Stadt rasen. Ihr Goldfisch soll zu einer bestimmten Zeit in der Quelle eines Flusses schwimmen. Sonst müssen die abergläubischen Frauen sterben. Der illegale DVD-Händler erkennt den Chauffeur: „Du bist doch Panahi, das hier sind ja Dreharbeiten…“

Tatsächlich ist es Jafar Panahi (55), der iranische, mit Hausarrest und Berufsverbot belegte Filmemacher, der mit einem Taxi durch Teheran fährt und Fahrgäste befördert. In dem engen, geschlossenen Raum filmen Minikameras mit festen Einstellungen die kleinen Dramen oder politischen Streitereien zwischen den Mitfahrern sowie die naseweise Reflexion der zehnjährigen Nichte des Regisseurs über das Filmemachen im Iran. Wieder einmal hat sich der Künstler mutig über das Berufsverbot hinweggesetzt, einen listigen Film gedreht, heimlich außer Landes geschafft – und dafür den Goldenen Bären der Berlinale 2015 erhalten.

Kurz vor den Berliner Filmfestspielen wurden in Paris Redakteure von „Charlie Hebdo“ ermordet, wir kommentierten einige Tage später die Preisverleihung: „In Zeiten, in denen Künstler für die Freiheit der Kunst sterben, darf auch die Kunst für die Freiheit der Künstler kämpfen.“ Weiterlesen

Sanddünen und Tellerlippen – SEBASTIÃO SALGADO erforscht entlegene Weltgegenden und ihre Bewohner

Sebastião Salgado zeigt Eisberge, Sanddünen und den tiefen Dschungel. Mit seinen Fotografien macht der 71-Jährige die fragile Schönheit der Erde auf einzigartige Weise bewusst. Unter dem Titel „Genesis“ präsentiert die Berliner Ausstellungshalle c/o derzeit 245 großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien des brasilianischen Ausnahmekünstlers.

Die Bilder zeigen mächtige skulpturale Eisberge, die wie finstere Schlösser wirken, oder seltsame Wimmelbilder mit Tausenden von Pinguinen, in archaisch anmutenden Eislandschaften. Ihre einzigartige Ästhetik zieht den Betrachter förmlich in die Ausstellung hinein. Staunend kann man unberührte Landschaften und unbekannte Tiere erleben, schließlich auch indigene Menschen mit eigenartigem Aussehen und sonderbaren Verhaltensweisen. Sebastião Salgados Fotografien erschließen weitgehend unbekannte und von der Zivilisation verschonte Flecken der Welt. Acht Jahre lang bereiste der durch seine Flüchtlingsbilder bekannt gewordene Sozialfotograf entlegene Gebiete in allen Erdteilen – oft mit Faltboot, Fesselballon oder zu Fuß.

Das Magnum-Mitglied fotografiert seit den 1970ern bis heute ausschließlich schwarzweiß. Die Arbeiten seines jüngsten, seit 2004 entwickelten Zyklus’ „Genesis“ sind überaus kontrastreich. Gerade die Sanddünen oder faszinierenden Bodenformationen wirken deshalb grafisch wie Holzschnitte oder Radierungen. Die von ihm abgelichteten Tiere, gelegentlich auch die Menschen, scheinen auf steinernen, eisigen oder floralen Hintergründen oft mit der Natur zu verschmelzen: Weiterlesen

„Das Salz der Erde“ und der Katalog „Genesis“ – Material zu SEBASTIÃO SALGADO

Porträt eines hoffenden Künstlers: Wim Wenders Doku „Das Salz der Erde“

„Salgado macht Bilder von Menschen, denn die sind das Salz der Erde“, erklärt Wenders den Titel seines Films. Die erstaunlich spannende und berührende Dokumentation wurde für den Oscar nominiert und liegt jetzt auch als DVD (NFP) vor.

„Ich wollte herausfinden, warum dieser Fotograf seit vielen Jahren so einen starken Eindruck auf mich macht“, sagt Wim Wenders über seine Dokumentation „Das Salz der Erde“. Der 1944 in São Paulo geborene und aufgewachsene Salgado hatte eine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler vor sich, aber seit seinem 26. Lebensjahr widmete er sich ausschließlich der Fotografie. Zunächst reiste er durch die USA, später häufig durch Südamerika, und fotografierte ausgebeutete, am Rand der Gesellschaft lebende Menschen. „Das Leben, das er gesehen hatte, veränderte ihn, seine Fotografien bekamen eine andere Bedeutung“, berichtet Wenders.

Salgado dokumentierte mit seiner eigenartigen schwarz-weißen Fototechnik jahrzehntelang das Leid hungernder, vertriebener oder sterbender Menschen in Mali, Ruanda und anderen Ländern… Weiterlesen