Michael Moore „Where to Invade Next“

Ein krasses Reisetagebuch – ein Filmemacher zieht raubend und plündernd durch Europa

Die Krieger im Pentagon stöhnen, seit dem 2. Weltkrieg hätten sie keinen Krieg mehr siegreich beendet, nicht in Korea, nicht in Vietnam, nicht im Irak… Die Truppen bräuchten mal Pause, meint der zu Hilfe gerufene Oscar-Preisträger Michael Moore, sie sollten ihn mal machen lassen. Also zieht der Einzelkämpfer mit der amerikanischen Flagge in der Hand auf der MS Reagan nach Europa, um hier das Beste zu rauben.

Zunächst kommt er nach Italien, „wo die Menschen immer so aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt.“ Als sich herausstellt, dass die Menschen dort auf gut acht Wochen Urlaub im Jahr kommen, wundert ihn das zu Opernmusik und Bilder von arbeitenden Menschen gar nicht mehr. „Ich bin als Ein-Mann-Armee hier einmarschiert und werde diese Idee mitnehmen“, erklärt Moore.

In Frankreich besucht er eine 3-Sterne-Küche, die sich als Schulkantine entpuppt. Das dreiteilige Menü dort wird amerikanischem Fast Food gegenübergestellt. „Iihhhh!“, rufen die französischen Kindern, „Die armen Kids!“, stöhnt der französische Koch. Moore klaut das französische Essen und zieht weiter nach Finnland, in dem die Menschen seltsame Sportarten wie Handyweitwerfen oder Frauentragen praktizieren. Er kann es kaum glauben, dass es nur 20 Schulstunden pro Woche und niemals Hausaufgaben gibt, obwohl die Finnen doch weltweit die besten Schüler hervorbringen. Weiterlesen →

Der Fälscher und der lachende König – das KulturWerk-Festival vom 12. bis 22. November in Schlüchtern (Osthessen)

Am Donnerstag beginnt das 6. herbstliche Festival des Schlüchterner KulturWerks. Die Bildenden Künstler, Tänzerinnen und Theatermacher haben wieder ein interessantes Programm mit eigenen Veranstaltungen und Gästen zusammengestellt. Als Belohnung für das treue Publikum gibt es nun, nach fünf Jahren, zwei herausragende Veranstaltungen bekannter Künstler: Quadro Nuevo präsentiert ihr neues Programm „Tango“ und Michael Quast zelebriert mit Sabine Fischmann seinen „Don Giovanni á trois“

Eigentlich begann das Festival schon vor längerer Zeit, denn die KulturWerker haben für die begleitende Kunstausstellung diesmal alle eingeladen die Lust hatten, sich daran zu beteiligen. Und so haben 180 Künstlerkollegen, Flüchtlinge, kleine und große Kinder, Menschen mit Behinderung und sonstige Schlüchterner Bürger quadratische Leinwände mit den Maßen 50 x 50 Zentimeter mit künstlerischen Mitteln gestaltet. Viele dieser Gestalter gehen zum ersten Mal mit einem Werk an die Öffentlichkeit, deshalb ist ihre Aufregung besonders groß.

Die KulturWerker wurden jetzt von den Bildern geradezu überschwemmt und haben mächtig viel (kreative) Arbeit, die Leinwände eng aneinander in drei Reihen aufzuhängen („Petersburger Hängung“). „Da müssen gestalterische Kontraste geschaffen werden“, erklärt KulturWerkerin Hannah Wölfel, „starke Bilder müssen neben schwächeren, dynamische neben ruhigeren hängen. Unterschiedliche Motive sollen sich ergänzen. Weiterlesen →

Richard III – die Faszination der düsteren Königsdramen Shakespeares an der Berliner Schaubühne

Seit 2008 ist „Hamlet“ mit Lars Eidinger in der Schaubühne ständig ausverkauft. Auch die Karten für „Richard III“ mit Eidinger sind in diesem Jahr immer sofort vergriffen.

Zu lauter Rock-Musik stürmt eine aufgedrehte Gesellschaft die Bühne, lüsternd begrapschen sich die Akteure. Hinter ihnen hinkt der bucklige Richard (Lars Eidinger) herein und murmelt seinen traurigen Monolog: „Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht / Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt / In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig / Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend / Dass Hunde bellen, hink ich wo vorbei…“

Die Bühne ist eine halbrunde Manege, steil erheben sich die Zuschauerränge. Ganz nah ist man den Spielern und wird komplizenhaft in das Geschehen hinein gezogen. Regisseur Thomas Ostermeier ließ dauerhaft Shakespeares „Globe“-Theater nachbauen.

Bald fordert der völlig entblößte Richard von Lady Anne (Jenny König), ihn mit seinem Schwert zu töten, weil er doch ihren Mann ermordete – aber zum Schluss küsst sie ihn. Mit solch eindringlichen Bildern, dann wieder mit Klamauk, wird die Geschichte Richards erzählt, der sämtliche Widersacher aus dem Weg räumte, um Englands König zu werden.

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Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985)

Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985), die nach dem 1. Weltkrieg das „Neue Sehen“ stark beeinflusste.

Weiche entblößte Frauenkörper oder harte Maschinenteile, Clochards oder Can-Can-Tänzerinnen. Überraschende Vogelperspektiven oder verfremdende Details. Porträts mit viel Licht und Schatten oder bloß menschliche Hände. Die junge deutsche Fotografin schuf in wenigen Jahren ein vielfältiges und innovatives Oeuvre.

„Zottel“, wie sie genannt wurde (und wie sie auf frühen Bildern auch aussieht), hatte eine schwierige Jugend. Dann war sie als junge Revolutionärin an der Münchener Räterepublik beteiligt. In der Sowjetunion warf man sie als Abweichlerin ins Gefängnis, da verging ihr schnell der Kommunismus: Mitte der 1920er-Jahre widmete sie sich in Amsterdam und Paris wieder der Fotografie. Aber Krull blieb unangepasst und rebellisch, das beeinflusste ihren künstlerischen Blick… Weiterlesen →

Neues Tanztheater im herbstlichen Hessen – ein kleiner Streifzug

„Feuervogel“ und „Petruschka“ – im Gießener Stadttheater sind moderne Interpretationen dieser Ballette von Igor Strawinsky (1882 – 1971) zu sehen. In Wiesbaden und Darmstadt präsentiert das Hessische Staatsballett den Tanzabend „Weltenwanderer“.

In „Petruschka“ bewegen sich weiß gekleidete Figuren mit bizarren Bewegungen zu manchmal süßlich neoromantischen, dann wieder dröhnenden Klängen. Die Tanzenden winden sich an den Wänden, verknäueln sich auf dem Boden, frieren ein, werden lebende Bilder. Auch ein verliebtes Paar begegnet sich mit fremdartigen Bewegungen im Pas de deux. Der mit der „Ballerina“ herumturtelnde „Mohr“ wird eifersüchtig von „Petruschka“ überwacht, der Strawinskys Ballettmusik von 1911 den Namen gab. Doch bei allen, von den Klängen hervorgerufenen dramatischen Gefühlen, bleibt das tanzende Ensemble eigentümlich distanziert. Choreograf Tarek Assam ließ sich nicht dazu hinreißen, die Ballettgeschichte tanz-theatralisch zu illustrieren.

Ähnliches geschieht im „Feuervogel“ (1910), dem zweiten Strawinsky-Ballett des Abends, choreografiert von Pascal Touzeau. Auch bei dieser eher mythischen Geschichte, gleitet die Inszenierung nicht ins banale Nacherzählen ab: „Ich brauche keinen Vogel im Tutu“, meint Touzeau. Der sehr freie Umgang mit der Sagengestalt des „Feuervogels“ wird in düstere und strengere Tänze als in „Petruschka“ umgesetzt.

Gewiss ist das kein Ballett mehr, was da auf der kleinen Bühne dargeboten wird… Weiterlesen →

„Er ist wieder da!“ – Die außergewöhnliche Verfilmung eines außergewöhnlichen Romans

Die Verfilmung des Bestsellers „Er ist wieder da“ von Timor Vermes kommt in die Kinos. Der hervorragende Film unterscheidet sich deutlich von seiner literarischen Vorlage und bewahrt dennoch ihren grotesken Geist: Oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt sitzt Adolf Hitler und porträtiert Passanten, die begeistert seine miesen Zeichnungen kaufen. Zum Beginn der Dreharbeiten für „Er ist wieder da“ reiste das Filmteam wirklich durchs Land, um herauszufinden, wie Leute auf den Wiedergekehrten reagieren. Die Frage, darf man das, hat sich durch deren Reaktionen erübrigt. Die Menschen machten Selfies mit dem Führer, schimpften auf die Demokratie und wollten in Gesprächen mit ihm ihre Sorgen loswerden, statt sich über seinen absonderlichen Auftritt zu empören.

Die Filmgeschichte: Im Herbst 2014 erwacht Adolf Hitler (Oliver Masucci) in Berlin unweit des ehemaligen Führerbunkers. Erstaunt versucht er sich im veränderten Berlin zurechtzufinden und Parteigenossen aufzuspüren. Der arbeitslose Filmemacher Sawatzki (Fabian Busch) erkennt die Chance, mit dem vermeintlichen Führer ganz groß herauszukommen… Weiterlesen →

Die unerträgliche Leichtigkeit des Meerschweins – Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Frankfurter Oper

„Musik mit Bildern“ nennt Tonkünstler Helmut Lachenmann seine selten aufgeführte Komposition „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von 1997. Nur wenige Tage präsentiert die Frankfurter Oper dieses außergewöhnliche Werk nach HC Andersens Märchen.

„Es war ganz grausam kalt; es schneite und es begann dunkler Abend zu werden. In dieser Kälte ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen.“ So beginnt Andersens Märchen, in dem die Kleine an der Kälte und den gleichgültigen Menschen zugrunde geht.

Orchester und Chor sind im Saal verteilt, auch auf der Bühne sitzen Zuschauer. Auf einer Ebene über ihnen musizieren Instrumentalisten, die von einer großen Leinwand verdeckt werden. Zu Beginn pusten und schnauben die Bläser in ihre Instrumente, Streicher kratzen und scharren mit den Bögen. Chor und Solistinnen atmen laut, keuchen und schnalzen. Diese Geräusche verbreiten eine fremdartige und eisige Atmosphäre im Saal. Manche Töne machen Verkehrslärm und achtloses Vorübergehen der Leute spürbar. „Ritsch!“, allegorisieren die Violinen das Anzünden der Schwefelhölzer, an deren Flammen sich das Mädchen wärmt und ihre Fantasien entzünden. Musikalische Klangsplitter und lyrische Gesangsfetzen mischen sich unter die Tonmalereien. Der Kältetod des Kindes mit wundersamen Halluzinationen wird mal laut und dramatisch, meist aber subtil und geheimnisvoll in eigen-artige Klänge umgesetzt… Weiterlesen →

„Pindorama“ – Lia Rodrigues Companhia de Danças im Frankfurter Mousonturm

Im Frankfurter Mousonturm begann am letzten Wochenende das internationale Tanzfestival „Together Forever“. Ein erster Höhepunkt war der Auftritt der brasilianischen Gruppe Lia Rodrigues Companhia de Danças.

Im großen, abgedunkelten Saal des Mousonturms steht oder sitzt das Publikum um eine lange Plastikplane auf dem Boden. Stille. Eine nackte Frau begießt sich mit Wasser, legt sich nieder, bewegt sich embryonenartig mit unendlicher Langsamkeit auf der Plane. Vor den Augen der Zuschauer verwandelt sie sich in ein unbestimmtes Wesen. Irgendwann werden ihre ruhigen Bewegungen durch die Plane gestört, die von Helfern geschüttelt wird. Die Plane schlägt stärkere Wellen, wie in einem Sturm ringt die Kreatur mit den Wogen, die bald über ihr zusammenschlagen. Sie windet und rollt sich, gleitet und glitscht, scheint hilflos von einem Ende der Plane zum anderen mitgerissen zu werden. Nach langen kräftezehrenden Ringen liegt die Tänzerin wirklich erschöpft auf der Plane. Der Sturm ist vorbei.

Auch in den folgenden zwei Teilen von „Pindorama“ macht die Companhia de Danças kein bedeutungsschwangeres Drama, zeigt keine gespielten Gefühle und vermeidet jeglichen emotionalen Kitsch. Man kann das Ausgeliefertsein an elementare Naturgewalten oder Kampf gegen Elemente assoziieren. Jedoch bleibt die Interpretation dieser lebenden Bilder dem Publikum überlassen, das nicht vom Geschehen überwältigt aber heftig berührt wird. Die Choreografin Lia Rodrigues erschafft mit ihrem Ensemble eindringliche Tableaus, deren Bedeutungen nicht festgelegt sind… Weiterlesen →

“Mein Weg” – Werkschau des Metallbildhauers Ulrich Barnickel in der Kunststation Kleinsassen (Teil I)

Zum 60. Geburtstag des Metallbildhauers Dr. Ulrich Barnickel widmet ihm die Kunststation Kleinsassen die Ausstellung „Mein Weg“, die sich auf seine Entwicklung in den letzten zehn Jahren konzentriert. Barnickel gehört zu bekanntesten Künstlern Europas, der mit Metall arbeitet.

Manchmal braucht Barnickel martialische Arbeitsgeräte, eine Baggerschaufel oder den Gabelstapler, um große Stahlbleche zu formen. Jedoch empfindet er Eisen nicht als „schweres Material“: „Man muss es halt bearbeiten können“, meint er lakonisch. Das hat er als Autoschlosser und Schmied gelernt, damit begann sein Weg, der ihn auch zum Studium der Metallbildhauerei in die Burg Giebichstein (Halle) führte.

Obwohl er mit der DDR abgeschlossen hat, lobt er seine handwerkliche Ausbildung und, unter anderem, die dort erworbenen Kenntnisse der menschlichen Anatomie im Studium. Immer wieder betont er, dass seine Fähigkeit zur „figurativen Abstraktion“ darin ihre Wurzel habe.

Als der Künstler Mitte der 80er-Jahre im Westen ankam, waren seine kunsthandwerklichen und künstlerischen Arbeiten nicht gefragt, sondern abstrakte und performative Künste… Weiterlesen →

„Mein Weg“ – Werkschau des Metallbildhauers Ulrich Barnickel in der Kunststation Kleinsassen (Teil II)

„Weg der Hoffnung“

„Das muss jemand gemacht haben, der sehr religiös ist“, meinte eine Besucherin beim Anblick der 14 Figurengruppen auf dem ehemaligen „Todesstreifen“ der Grenze zur DDR. Tatsächlich bezeichnet sich Barnickel auch als religiösen aber nicht frömmelnden Menschen oder eifrigen Kirchgänger. „Der Weg der Hoffnung“, den der Bildhauer in fast vierjähriger Arbeit bis 2010 neben der Gedenkstätte „Point Alpha“ schuf, ist der vorläufige Höhepunkt seines künstlerischen Wegs: Darin hat er alle formalen und ausdrucksstarken Elemente seiner Kunst vereinigt.

Barnickels Passionsweg benennt die traditionellen Stationen des christlichen Kreuzwegs um, aus „Jesus fällt zum dritten Mal“ wird beispielsweise „Erniedrigung“. Materialzitate verweisen auf den historischen Bezug: Eine Geschosshülse, ein Helm der DDR-Armee, Hammer und Zirkel als Insignien der Macht. „Hier habe ich einen gehörigen Teil meiner eigenen Geschichte und Befindlichkeit eingearbeitet“, sagt der Künstler. Doch trotz der christlichen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Bezüge werden die Stationen zu allgemein menschlichen und urreligiösen Archetypen.

„Zentraleuropa ist christlich geprägt“, meint Barnickel, „wir besitzen Werte, nach denen müssen wir nicht suchen. Wir brauchen den Glauben, vor allem an den Menschen und das Gute.“ Ausdrücklich verweist er auf die christlichen Tugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“ als menschliche Grundhaltung. Die „Hoffnung“ steht als offenes Skulpturenensemble am Ende des 1,4 km langen Passionswegs.