„Myths – Upcycled“ – spannende Ausstellung & Vernissage in Kunststation

Wieder einmal präsentiert die Kunststation Kleinsassen eine spannende Ausstellung, die mit einer ungewöhnlichen Vernissage begann.

Die in der Schau „Myths – Upcycled“ vertretenden Kunstschaffenden nutzen auf unterschiedliche Weise Naturüberbleibsel und Zivilisationsmüll als Material für ihre Werke. Im Upcycling werden wertlose Abfälle nicht nur recycelt sondern zugleich aufgewertet.

„No reason to get excited“ (Kein Grund zur Aufregung). Zur Eröffnung singen Bernd Baldus, der Künstler aus der Nachbarschaft, sowie zwei an der Ausstellung Beteiligte aus einem Stück von Bob Dylan. Man meint, der Song kommentiert ironisch die hochaktuelle Diskussion über Plastikmüll.

Im großen Saal der Kunststation herrscht „geordnetes Chaos“, wie Leiterin Monika Ebertowski erklärt. Stühle, Staubsauger und andere Haushaltsgeräte Kleinsassener Bürger liegen herum. Aus dem Sperrmüll schafft die US-amerikanische Künstlerin Kitty Wales in der nächsten Zeit Skulpturen. Khalil Chishtee hat aus New York weiße Plastikbeutel mitgebracht, aus denen er lebensgroße Figuren kreiert. Gespenstisch hängt ein weißes Pärchen in der Halle, bald folgen weitere Gestalten. Bis zum 14. Juni arbeiten Wales und Chishtee an ihrem „Work in Progress.“

Zum Schluss schleppt Künstler Thomas Putze, dürftig mit weiß-rotem Absperrband bekleidet, einen Baumstamm in den Saal. Er rupft Zweige ab, stellt den Baum aufrecht und klettert akrobatisch daran hoch. Oben verschwindet er in schwindelnder Höhe durch ein Fenster. „Upcycled“ heißt seine kühne Aktion, die auf performative Weise den Ausstellungstitel umschreibt. Im folgenden Dialog der Kuratorin Dr. Elisabeth Heil mit den beteiligten Kunstschaffenden, werden deren unterschiedliche künstlerische Positionen zum Thema deutlich:

Der vielseitige Putze hat einen „Mischwald“ aufgebaut. Zwischen noch nadelnden großen Bäumen fügte er weiterbearbeitete Naturobjekte, Gemälde sowie Arbeiten aus Schrott und natürlichen Fundstücken zu einer Installation: Statt sich im Wald über Müll zu ärgern, ließe er sich davon inspirieren, weiß die Kuratorin. „Ja, hier kann ich mal die Sau rauslassen“, meint Putz lachend, der auch hölzerne Wildsäue zeigt. Selbst seine Preisliste mit den von ihm gezeichneten Einzelarbeiten ist ein kleines Kunstwerk. Weiterlesen

Bilder- statt Tanztheater? Das erste „Neue Stück“ der Pina Bausch Compagnie

Ein Tänzer besteigt einen Stuhl am linken Rand der halbdunklen Bühne, bekommt einen weiteren Stuhl gereicht, auf den er sich stellt. Dann nimmt eine Tänzerin mit High Heels seinen Platz ein.

Mit der Zeit arbeitet sich so das ganze Ensemble zeitlupenhaft auf den Stühlen an der Rampe entlang und verschwindet allmählich am rechten Rand. Zehn Minuten lang ertönt keine Musik, nur das Scharren und Knarren der Möbel ist zu hören.

Während Einzelne im Hintergrund noch mit Stühlen balancieren oder improvisieren, scheinen auf der Bühne eigenartige Bilder auf: Ein Mann wird aus dicken Papierknäueln geschnitten, später bewundert er sich als nackter Narziss in kleinen Spiegeln, die ihm Frauen reichen. Mit einem riesigen Baum besteigt eine winzige Tänzerin das Gebirge aus grauen Matten im Hintergrund der Bühne. Eine Frau scheint mit zwölf Beinen zu tanzen. Rücklinks gleiten einzelne Menschen extrem langsam den Berg hinunter…

Diese grotesken, meist schönen, manchmal auch lasziven Bilder sind keine Zwischenstationen des Tanzes, keine eingefrorenen Bewegungsbilder, sondern überwiegend eigenständige „lebende“ Gemälde und Skulpturen. Es ist deutlich, der Gast-Choreograf Dimitris Papaioannou kommt von der Bildenden Kunst, der Performance Art und dem experimentellen Theater. Klassisch oder zeitgenössisch wird in dem neuen Stück wenig getanzt, denn der griechische Choreograf knüpft an die mittlere Schaffensphase der Bausch an, seit der wir ja wissen: „Vieles kann Tanz sein.“

Mit dem Ensemble hat er wohl ganz im Geiste der legendären Choreografin gearbeitet: Etliche Szenen entstanden wie bei ihr aus Improvisationen, selten mal zitiert er ihre typischen Tanzfiguren, etwa eine „richtig“ getanzte Diagonale. Doch ansonsten entwickelt der Grieche ein ganz und gar individuelles Bildertheater, das sich dennoch in der Tradition des Wuppertaler Tanztheaters weiß.  Weiterlesen

„Morgendämmerung“ – Tanzfrühling in Hessen (4)

Künstliche Intelligenz, Androiden und Endzeitstimmung – auch der Tanzfrühling im Kasseler Staatstheater widmet sich diesen aktuellen Themen.

Unter dem vagen Titel „Morgendämmerung“ beginnt der zweiteilige Tanzabend, während das Publikum hereinströmt. Zu düsterer, elektronischer Musik winden sich bereits halbnackte Tänzerinnen und Tänzer auf dem Boden der leeren Bühne. Ein Mann hängt kopfunter von der Decke und ruft: „Do I exist?“ (Lebe ich?). Zwei aufrechte Wesen mit zuckenden, roboterhaften Bewegungen begegnen einander zwischen den Liegenden und versuchen unbeholfen, sich zu verständigen und gemeinsam zu bewegen.

Andere Mitglieder des Ensembles schleppen große spiegelnde, halbtransparente Plexiglastafeln auf die Bühne, mit denen sie eigenartige individuelle Tänze oder gemeinsame serielle Polonaisen aufführen. Einmal drapieren sie die Platten zu kleinen Hütten, in die sie die Herumliegenden hineinzerren, die dort drinnen zunächst das Tanzen zu üben scheinen. Durch die spiegelnden Rahmen vervielfachen sich unaufhörlich die Aktionen der Tanzenden. Zunächst wirken Ihre Bewegungen eckig und roboterhaft – im Laufe des Stücks werden sie jedoch zunehmend geschmeidig und menschlicher. Irgendwann geraten die Wesen völlig außer sich, scheinen auszubrechen aus ihrer Programmierung oder Bestimmung, zelebrieren wilde dionysische Tänze.

Es sind spannende, oft auch sehr schöne Tanzbilder, die der Gastchoreograf Helder Seabra mit dem Kasseler Ensemble (verstärkt durch weitere Tänzerinnen, darunter die furiose kahle Performerin Stephanie Crouissilat  aus New York) erarbeitet hat. In „Röntgen“, diesem ersten Stück des Abends, bleibt offen, ob Roboter außer Kontrolle geraten sind. Oder ob die Menschen sich endlich aus der Normierung befreit haben und zu ihrer Individualität finden können.

Für die zweite, titellose Choregografie des Intendanten Johannes Wieland, wurde in der Pause die Bühne in ein Trümmerfeld verwandelt. Zwischen Backsteinhaufen tobt das schmuddelig wirkende, eingestaubte Ensemble mit wilden akrobatischen Tänzen, eine Frau schleppt optimistisch einen riesigen verdorrten Baum herein. Es herrscht Chaos, doch immer wieder nehmen die Akteure Ziegel zur Hand, beginnen irgendwo irgendetwas aufzubauen. Weiterlesen

„Kreationen“ – Tanzfrühling in Hessen (3)

Zwei Gastchoreografen haben mit dem Hessischen Staatsballett jeweils ein neues Tanzstück erarbeitet. Unter dem Titel „Kreationen“ werden die beiden hervorragenden Arbeiten in Darmstadt und Wiesbaden präsentiert.

Der Slapstick gleich zu Beginn der ersten Choreografie ist emblematisch für den gesamten Abend: Ein Mann steht vor dem Zwischenvorhang und pfeift ein Lied. Dann folgt ein Spot auf den Gitarrenspieler in einer Badewanne, der nicht nur das Wasser aus seinem Instrument schüttet, sondern sich auch akrobatisch aus der Umklammerung des Zubers zu befreien sucht.

Auch wenn der Abend gelegentlich recht düster wird, scheint der Prolog zu signalisieren: Hey Leute, nehmt uns nicht so ernst. Das gilt besonders für die zweite Tanzarbeit Jeroen Verbruggens „The Great Trust“. In einer riesigen Mauer qualmt es aus einem Loch, durch das wohl gerade eine Rakete gezischt ist. Auf der verqualmten Bühne lagern Krankenschwestern und Clowns, zwischen denen ein hysterischer Zirkusdirektor herumspringt. Nach und nach beginnen diese Figuren mit staksigen Bewegungen närrische Tänze, verrenken sich akrobatisch oder gebärden sich steif wie Puppen.

Die postapokalyptische Gesellschaft wird uns als clowneskes Tanztheater vorgeführt – doch wir sind eher im Kino als im Ballettsaal: Wie in einem surrealen Film lässt die Compagnie teils albtraumartige, teils groteske Bilder aufscheinen, die bedrückende Wirklichkeit wird darin verlacht. Schließlich wird der Weltuntergang poppig zugekleistert, im Mauerloch singen drei Clowninnen „Schubiduba. Again and again!“ Eine Marylin Monroe zelebriert mit einem Furry (einem Mann im Teddykostüm) den Pas de Deux und zuletzt hüpft das Ensemble mit Springseilen über die Bühne.

Auch im ersten Teil des Abends beherrscht eine riesige Mauer die Bühne, das wohl einzig Verbindende zwischen den zwei Stücken. Was bei Verbruggen lustvoll als  apokalyptischer Zirkus präsentiert wird, wirkt vorher in Alejandro Cerrudos „Now and Then“ wesentlich strenger. Der Choreograf arbeitet intensiv mit der Beleuchtung, die androgyn gekleideten Tanzenden wirken oft wie Schattenwesen, die spannende Lichtbilder kreieren.  Auch hier ist die Welt in Unruhe, die Menschen rennen gegen die Mauer an, aus synchronen Bewegungsmustern brechen Einzelne ständig aus. Weiterlesen

„Code“ – Tanzfrühling in Hessen (2)

„Code“ – eine experimentelle Choreografie und eine Kammeroper mit Neuer Musik

Jetzt im Frühjahr kommen etliche neue, teils experimentelle Stücke auf hessische Tanzbühnen. Sie werden vor allem von jungen Choreografen inszeniert, die sich mit der Apokalypse oder den Bedrohungen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzen. Einen Anfang machte der zweiteilige Abend „Code“ in Darmstadt.

Das kleine Darmstädter Kammertheater wirkt durch die Beleuchtung wie eine Verlängerung des unterirdischen Parkhauses gleich nebenan. Zu düsteren Klangcollagen drängen Tänzerinnen und Tänzer mit Luftschläuchen und in Kampfkleidung herein. Sie rotten sich zusammen und nehmen schließlich mit befremdenden Bewegungen die Bühne ein. Gelegentlich werden in ihren bizarren, nennen wir sie ruhig: Tänzen, klassische Ballettfiguren zitiert. Ein Liebespaar, verstrickt in zahllose Gürtel und Bänder mit Schnallen, wird auf einer Rampe präsentiert und versucht sich, bei plötzlich süßlicher Musik, im traditionellen Pas de Deux zu lieben. Bald rebelliert das Paar gegen die bedrohlich herandrängenden Voyeure, befreit sich von seinen Fesseln und kommt in Schlüpfern und Sport-BH erneut zum Liebestanz zusammen. Ein etwas unbeholfener Schluss in Unterwäsche, den jedoch das Darmstädter Publikum heftig bejubelt. Dieses Tanzstück „Love Radioactive“ im zweiten Teil des Abends wurde von Ramon Johns, einem Tänzer des Staatsballetts, für einige seiner Ensemblemitglieder choreografiert.

Wesentlich experimentierfreudiger und überzeugender ist dagegen die Uraufführung der Kammeroper „EvE & Adinn“ von Sivan Cohen Elias: Doktor Green, eine Art digital arbeitender Doktor Frankenstein, schuf das Wesen EvE, eine künstliche Intelligenz, die abgeschirmt hinter Firewalls und Sicherungssystemen in seinem Laboratorium gehalten wird. Sie glaubt, sie sei eine lebende Person, darf jedoch nicht auf die Menschheit losgelassen werden, weil sich ihre Intelligenz ständig dramatisch erhöht. Zu radikalen Klängen Neuer Musik und schrillen Gesangsfetzen entführen Musiker und Vokalisten des Staatstheaters das Publikum quasi in eine elektronische Büchse der Pandora, die man nicht öffnen darf. Dazu bewegt sich Aki Hashimoto, die vielseitige Sängerin und Performerin, als EvE oft wie eine theatralische Tänzerin. Auch wenn die Handlung insgesamt unklar bleibt, präsentiert Regisseurin Corinna Tetzel ein spannendes Gesamtkunstwerk. An dessen Ende bleibt Pandoras Dose zum Glück ungeöffnet… Weiterlesen

„It Dansa“ – Tanzfrühling in Hessen (1)

Im Fuldaer Schlosstheater war die Compagnie „It Dansa“ aus Barcelona mit einem abwechslungsreichen Tanzabend zu Gast.

Rau bellt ein Mann spanische Befehle, eine Frau reagiert mit anmutigen Bewegungen, nähert sich zögernd. Zarte Berührungen, gemeinsame Figuren, dann unaufhörliches Ringen: Kampf. Loslassen. Annäherung. Kampf. Loslassen… Schon vorher kreieren drei Paare auf der leeren Bühne kraftvoll-dynamische Bewegungsbilder, später schaffen sie in diversen Konstellationen kunstvolle akrobatische Tänze. „Naked Thoughts“ ist vor allem eine sehr energiegeladene aber letztlich ziemlich ausdruckslose Choreografie: Purer Tanz.

Das ändert sich in den „Sechs Tänzen“ Jirí Kyliáns nach der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Mit angedeuteten klassischen Figuren (Ballett kann man es wirklich nicht nennen) und Hüpfen, Hinfallen, Pantomimen, kleinen Gags reagieren die Tanzenden fröhlich auf die Mozartische Musik. Bereits das erste Stück ist von großer Leichtigkeit, gleitet jedoch nie ins Burleske ab. Die folgenden Tänze werden komplexer, ein Mann zankt sich mit zwei Frauen, liegende Tänzerinnen werden herausgezogen, eine ist auf zwei turtelnde Männer eifersüchtig. Immer wieder halten die Männer die Frauen an den Kleidern fest, ziehen sie daran hoch oder scheinen sie damit zu erwürgen. Zum Schluss rieseln Unmengen Seifenblasen auf das Ensemble. Mozart hätte seine Freude an diesen leicht getanzten Stücken gehabt, die bereits ein Klassiker des zeitgenössischen Tanztheaters sind.

„Whim“, unaufhörlich „Whim“, schreit ein Tänzer im Lichtkegel. Neben ihm ein Riesenhaufen von Stühlen und Menschen, aus dem sich vierzehn Tanzende jeweils mit einem Stuhl herauslösen: Synchron recken sie sich, strecken sich, knuddeln sich zusammen oder gleiten auf den Boden. Manchmal fällt jemand kichernd aus der Rolle, steckt die anderen an, auch das Publikum macht mit: Lach-Yoga für alle. Irgendwann entsteht ein Chaos von Stühlen und Menschen, in das Vivaldis Musik dann geradezu hineinfährt. Gruppen bilden sich, im Vordergrund Kusstänze, im Hintergrund Kontakttänze mit Stühlen. Weitere zwanzig Minuten lang tanzt und spielt das Ensemble unaufhörlich mit den Sitzgelegenheiten, ohne dass es je langweilig wird. Zu Maurice Ravels „Bolero“, dann zu „My baby don’t care“ Nina Simones entstehen ständig neue, abwechslungsreiche Mensch-mit-Stuhl-Bilder. Zum Schluss rotten sich alle erneut zusammen, der einzelne Tänzer brüllt „Whim!“, den Titel dieser theatralischen Choreografie von Alexander Ekman. Weiterlesen

MAX WEINBERG IST TOT!

Max war ein echtes Original, ein Bohemien mit schwarz ummalten Augen, die Klamotten immer mit Farben bekleckert. Er war einer der wildesten und sinnlichsten Maler Frankfurts, aber kein Outsider oder Brut Art Künstler.

Auch wenn er wie besessen malte, wusste er genau was er tat und welchen Platz er in der Kunstgeschichte hat. Seine kräftigen vielbrüstigen, vielaugigen, in grellen Farben gemalten Frauen und seine bizarren expressiven Wimmelbilder faszinierten viele Menschen. Doch auch die düsteren Erfahrungen seiner Lebensgeschichte sind gelegentlich in den Malereien spürbar:
Denn Max war noch ein Kind, als seine jüdische Familie vor den Nazis erst nach Belgien dann nach Palästina flüchten musste. In Israel leistete er Wehrdienst, später studierte er Kunst an der Akademie in Tel Aviv. 1959 kehrte er nach Deutschland zurück und besuchte die Städel-Abendschule. Seit fast 30 Jahren arbeitete er in seinem, von der Stadt Frankfurt subventionierten Atelier in der Ostendstraße. Dort liegen stapelweise Tausende von großen und kleinen Bildern übereinander, die er gerne ohne viel Federlesen auf Ausstellungen gab und dort auch gut verkaufte.
Nach längerer Krankheit starb Max mit 90 Jahren in einem Frankfurter Krankenhaus. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) soll ihn noch am Sterbebett besucht haben, um ihm mitzuteilen, dass die Stadt ihn mit der Goethe-Plakette auszeichne.
Seine Künstler-Freundinnen und Freunde wollen sich am Montag, 23. April, ab 14 Uhr bei einer Trauerfeier auf dem Jüdischen Friedhof von ihm verabschieden. Ganz in seinem Sinne wird das bestimmt ein rauschendes fröhliches Fest mit vielen Tränen geben…
Foto:
Max Weinberg mit Hannah Wölfel (Kunstverein Fulda) in seinem Frankfurter Atelier © Hanswerner Kruse

„3 Tage in Quiberon – 3 Tage im Leben Romy Schneiders

Der Film „3 Tage in Quiberon“, der jetzt in die Kinos kommt, zeigt das widersprüchliche Leben der deutsch-französischen Schauspielerin Romy Schneider (1938 – 1982)

Es war schon ein kühnes Projekt der Regisseurin Emily Atef und ihrer Produzenten, lediglich einen dreitägigen Ausschnitt aus dem Leben des „Mythos“ Romy Schneider auf die Kinoleinwand zu bringen. Der schwarz-weiße Streifen zeigt eine der bekanntesten Schauspielerinnen ihrer Zeit (hervorragend dargestellt von Marie Bäumer), die 1981 einige Tage in einer „Diätklinik“ verbrachte, um von ihren Medikamenten und Drogen herunterzukommen. Die Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) besuchte sie dort, gemeinsam empfingen beide Frauen zwei Stern-Reporter für ein Interview.

Zur Erinnerung: Als 16-jährige kam Romy Schneider, die schon einige erfolgreiche Filme gedreht hatte, als putzige bayrische Königstochter und österreichische Kaiserin Sissi in die Kinos. Die dadurch berühmt gewordene Schauspielerin ließ sich noch zu zwei Fortsetzungen der Sissi-Trilogie (1955 – 1957) treiben. Dann verweigerte sie eine weitere Folge und emigrierte nach Frankreich. Sie wollte als ernsthafte Akteurin arbeiten, denn in Deutschland „klebte die Sissi an mir wie Grießbrei.“ In Paris wurde sie zum Weltstar durch ihre Arbeit in anspruchsvollen Filmen mit bekannten Kollegen und renommierten Regisseuren.

Gerne gab sie Luder wie eine Pornodarstellerin, Prostituierte oder Gangstergeliebte. Die deutsche Presse verzieh dem „Franzosenflittchen“ diesen „Vaterlandsverrat“ nie, während sie in Frankreich von den Medien begeistert gefeiert wurde. Doch gierig wurden auch von Sensationsblättern ihr problematisches Privatleben, die schwierigen Affären sowie ihre Schicksalsschläge ans Licht gezerrt. Sie arbeitete wie besessen und gönnte sich auch nach persönlichen Katastrophen, wie dem Tod ihres Kindes, keine Pausen.

Um ihrem kritischen vierzehnjährigen Sohn David zu beweisen, „dass ich es kann!“, ging sie 1981 (ein Jahr vor ihrem Tod) in die Klinik. Dort gab sie den Stern-Reportern, trotz ihrer negativen Erfahrungen mit deutschen Boulevardblättern, ein langes Interview, das im Film authentisch wiedergegeben wird. Sie hatte Vertrauen zum Fotojournalisten Robert Lebeck (Charly Hübner), den sie schon länger kannte, der seinen schreibenden Kollegen Michael Jürgs (Robert Gwisdek) mitbrachte. Weiterlesen

Mein ’68 – biografische Notizen

1963 als Hauptschüler mit fünfzehn in die Mechanikerlehre in Wilhelmshaven. Ich habe noch den Ölgestank der düsteren Fabrikhallen in der Nase, die entwürdigende Anmache der Ausbilder in den Ohren: „Du Kloake!“

Sinnlose Löcher bohren, sinnlose Bleche feilen, sinnlose Gewinde schneiden, sinnlose Flächen fräsen. Für die Ausgelernten Brötchen kaufen. Hinter ihnen her putzen. Die Gänge fegen. Vom Feilen große Blasen an den Händen, von Metallspänen aufgerissene Finger, Pickel ohne Ende, der wachsende Körper gefesselt, eingezwängt, zerdrückt. In Nyltest-Hemden und Trevira-Hosen ungelenkes Geschiebe in der Tanzschule. „Bist du oft hier?“, sehnsüchtig verklemmte Annäherungen an die Mädchen. Und Eltern, die die alles schönreden. Abends höre ich das Nachtprogramm von Radio Bremen, seltsam schräge Klänge von Boris Blacher oder Anton Webern. Was später „Neue Musik“ hieß und als elitär galt, kündete mir hoffnungsvoll von einem ferneren Leben.

Von meiner ehrgeizigen Mutter in die Abendschule getrieben, um was Besseres zu werden: „Damit Du mal Ingenieur werden kannst“. Der pöbelnde Meister fand das nicht so gut, „Du kannst dich nicht genug auf die Arbeit konzentrieren“, aber ich hatte nach einem Jahr schon gelernt, wenn denen etwas nicht gut tut, tut es mir sehr gut! Um 22 Uhr nach der Schule, meine Eltern schliefen und mir tat sich eine neue Welt auf. In der anrüchigen Bar „Esprita“, Onkel Rudi, der Polizist raunte „da verkehren die 175er“, oder im geheimnisvollen „Moulin Rouge“, einer Kneipe französischer Provenienz, traf ich Gammler, Schwule, Künstler, Leute vom nahen Stadttheater, die anders waren als alle die ich kannte, die anders dachten, anders sprachen, anderes lasen. Ich spürte, es gibt dieses andere, dieses wirkliche, dieses wilde Leben jenseits von Fabrik und Familie.

Nach einem halben Jahr hatte ich einen Parka, in die Stirn gekämmte Haare, immer ein Buch bei mir und konnte in der „Esprita“ anschreiben lassen: Ich gehörte dazu und hatte ein paar fremde Freunde. Weiterlesen

„Transit“  – ein kleiner Vergleich des Films mit dem Roman

„Transit“ – der neue Film von Christian Petzold folgt sehr frei dem gleichnamigen Roman Anna Seghers. Ihre spannenden, selbst erfahrenen Flüchtlingsgeschichten aus den 1940er-Jahren hat er in die Gegenwart verlegt.

„Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben.“

So beschreibt die Autorin die Situation der vielen Flüchtlinge in Marseille, die den Nazis entkommen konnten und dort im unsicheren Transit lebten. Seghers nennt sie „Abreisebesessene“, deren „Strom anschwoll“ und die den Ich-Erzähler mit „düsterem Transitgeschwätz“ ansteckten: „Ich fürchtete mich, ich könnte in diesen Strom hineingeraten…“

Im Film flüchtet Georg gemeinsam mit einem schwerverletzten Freund im Güterzug aus Paris, das von deutschen Truppen besetzt wird. Sein verwundeter Begleiter stirbt, der Zug wird von der Wehrmacht durchsucht, doch der aus einem Lager entflohene Georg (Franz Rogowski) kann entkommen. Er schlägt sich nach Marseille durch und entgeht dort mehrmals seiner Festnahme durch die französische Polizei. Ständig finden Razzien statt, Flüchtlinge werden verhaftet: Sie dürfen groteskerweise nur bleiben, wenn sie mit einem Visa und anderen Papieren nachweisen können, dass sie nicht bleiben wollen.

Als Georg in der mexikanischen Botschaft Briefe des in Paris gestorbenen, von den Deutschen verfolgten Schriftstellers Weidel abgeben will, wird er für eben diesen Mann gehalten. Problemlos erhält er zur Ausreise nach Mexiko die notwendigen Papiere und Tickets, nach denen sich in Marseille alle Gestrandeten sehnen. Doch Georg lässt sich dagegen gleichgültig in der Hafenstadt treiben und gibt sich, erst nach langem Zögern, als Weidel aus. Immer wieder fasziniert ihn die schöne Maria (Paula Beer), die verzweifelt jemanden zu suchen scheint. Er verliebt sich in sie, ohne zu ahnen, dass sie die Frau des Schriftstellers ist, dessen Identität er angenommen hat… Weiterlesen