Die 71. Berlinale im Home Office (1)

Es ist saukalt, die Berlinale beginnt mit einigen Wochen Verspätung, doch statt mit der Berliner S-Bahn zum Potsdamer Platz zu fahren, steige ich auf den großen Dachboden der Wohngemeinschaft und mache Feuer an. Später sitze ich dann alleine im „Dachbodenkino“ vor der mächtigen Leinwand und schaue online Filme.

Ich vermisse den großen Berlinale-Palast mit den Wettbewerbsfilmen und die kleinen Kinos mit den experimentellen Filmen. Mir fehlt das Stöhnen, Lachen, Meckern oder Klatschen der Kolleginnen und Kollegen. Ich hätte so gerne die Pressekonferenzen mit der Nähe zu den Filmleuten sowie die Gespräche zwischen den Aufführungen, die Hektik und die Müdigkeit, die Qual der Wahl zwischen den diversen Filmen… 

Dennoch kommen sogar auf meinem Dachboden Kinogefühle auf: an einen anderen Ort gehen, in der Dunkelheit sitzen, später ins Sonnenlicht treten. Ich entdecke einen großen Vorteil, ich kann zappen! Täglich werden online etwa 30 Filme aus allen Sektionen – wie Wettbewerb, Berlinale-Specials, Generation oder Perspektive Deutsches Kino – angeboten. Die kann man von 7 Uhr morgens bis 24 Uhr niemals alle sehen, aber es ist möglich in viele hineinzuklicken und nach einer Viertelstunde zu wissen: Oh, den möchte ich weitersehen oder ach nee, schon wieder ein gut gemeinter aber langweilig erzählter Flüchtlings-, Beziehungs-, erste-Liebe- oder Politfilm.

Mein erster Eindruck: Die besten Filme laufen in der Sektion Panorama und in Berlinale Specials: Tim Fehlmanns („Hell“) Endzeitdrama „Tide“, mit undeutlichen Bildern in Schlamm und Wasser. Anne Zohra Berracheds („24 Wochen“) „Die Welt wird eine andere sein“ ist eine melodramatische Liebesgeschichte zwischen einer weltoffenen Türkin und einem islamistischen Libanesen in Deutschland. Aber auch Maria Schraders Wettbewerbsfilm „Ich bin Dein Mensch“ ist durchaus großes Kino, in dem ein menschenechter Roboter speziell für eine Frau gebaut wurde. 

Doch der sogenannte Wettbewerb ist eigentlich ein Witz: Kümmerliche 14 Filme, die wir Presseleute vorab sehen dürfen (Daniel Brühls und Dominik Grafs Streifen sind nicht zur Online-Ansicht freigegeben) und die Restjury besteht nur noch aus vier ehemaligen Bärenpreisträgern*innen. Die Gold- und Silberbären sowie die anderen Preise werden am Freitag bekanntgegeben und erst im zweiten Teil der Berlinale im Juni vergeben. Dann soll durch die geöffneten Kinos wieder die Atmosphäre eines Publikumsfestivals entstehen.

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Ein Münsterer Tatort im Zwischenreich: „Limbus“

So viel ist sicher: Dieser 37. Tatort aus Münster wird nicht nur die Fans von Börne und Thiel irritieren, sondern auch die Tatort-Gemeinde spalten. Statt der ewigen Frotzeleien zwischen den beiden Kontrahenten, erleben die Zuschauer eine irrsinnige Geschichte, in der es wenig zu lachen gibt.

Lange, dunkle unterirdische Gänge. Altmodische Paternoster. Knöcheltiefes Wasser in düsteren Büros. Nach einem schweren Autounfall findet sich Professor Börne  im Limbus wieder, in der Vorhölle zwischen Leben und Tod – während er zugleich im Krankenhaus im Sterben liegt. „Wir sind froh über jede Stunde, die wir ihn noch am Leben erhalten können“, sagt die Ärztin seinen Münsterer Kolleginnen und Kollegen. Noch am Vorabend hatten sie in einer Kneipe vom Professor Abschied genommen, weil der sich eine Zeitlang beurlauben ließ, um ein Buch über den Tod zu schreiben. 

So viel können wir hier von diesen surrealen Ereignissen bereits verraten, weil die makabre Mischung – von Tatort-Krimi und Börne als Wiedergänger im Zwischenreich – nach fünf Minuten des TV-Films klar sind.

Kommissar Thiel glaubt nicht an Börnes schweren Unfall mit 180 km/h auf der nächtlichen Landstraße: „Das ist nicht seine Art! Außerdem war er stocknüchtern, als er die Kneipe verließ.“ Während der Kommissar gegen den Willen der Staatsanwältin Klemm klassisch ermittelt, versucht der Professor verzweifelt als Untoter die Ermittlungen zu beeinflussen und seine Assistentin Frau Haller („Alberich“) zu kontaktieren. Jedoch zwischen der realen Welt und dem Limbus ist keine Kommunikation möglich, allenfalls kann Alberich ihren Ex-Chef vage spüren, wenn der seine Hand auf ihre Schulter legt. Erst als sie kurzzeitig selbst dem Tod nahe ist, kann der Wiedergänger mit ihr Kontakt aufnehmen und sie warnen.

In der Zwischenwelt trifft der Untote auch auf die Ermittlerin Nadeshda aus Münster, die vor einiger Zeit im Tatort „Das Team“ ermordet wurde. Sie befindet sich ebenfalls noch im Limbus, hat sich dort aber verlaufen. „Der sieht ja aus wie Thiel“, sagt sie über den Geschäftsführer (den man früher Teufel nannte), der Börnes nahenden Tod bearbeitet und ebenfalls von Axel Prahl gespielt wird.

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Interview mit Nina Hoss

„Pelikanblut“ und „Schwesterlein“ – erst jetzt kommen zwei Filme mit Nina Hoss in die Kinos, die bereits vor der Corona-Pandemie anlaufen sollten. In „Pelikanblut“ spielt sie Wiebke, eine Mutter, die mit allen Mitteln um das Vertrauen ihres zweiten Adoptivkindes Raya kämpft. Der Streifen „Schwesterlein“ zeigt sie als Lisa im Ringen mit dem Tod des kranken Zwillingsbruders (siehe Filmbesprechungen). In beiden Filmen hat man das Gefühl, dass die Schauspielerin selbst an ihre Grenzen geht. Aber gar nicht durch dramatisches oder exzessives Spiel, sondern durch spürbare Einfühlung in die Figuren und die Authentizität ihrer Darstellung.

Beide von ihr gespielten Frauen kämpfen (scheinbar) mit fehlender instrumenteller Vernunft und akademischer Logik – ohne Rücksicht auf ihr mahnendes Umfeld – gegen ein unabänderliches Schicksal. Im Gespräch geht Nina Hoss tief in die Details, sagt aber viel Allgemeines über die von ihr dargestellten Frauen und ihre Arbeit.

Frage: 
Sind die beiden Figuren besessen oder sind sie voller Glaube, Liebe, Hoffnung?

(lacht) Ich kann die Kraft beider Frauen individuell erklären: Wiebke weiß in „Pelikanblut“ als „Horsemanship“-Frau,hier sagt man fälschlich Pferdeflüsterin, dass Tiere trotz schlechter Erfahrungen mit Menschen wieder Vertrauen gewinnen können: Ohne Druck und Gewalt. Was sie da verstanden hat, will sie auch mit ihrem neuen Adoptivkind verwirklichen. Sie ist ja eine unglaublich einfühlsame Frau, die Vertrauen herstellen kann. 

Den beiden Mädchen aus Bulgarien, nur da darf man sie als alleinerziehende berufstätige Frau adoptieren, will Wiebke auf ihrer „Ranch“ größtmögliche Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit gewähren. Jetzt funktioniert das aber nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Was heißt das, wenn ich auf Widersprüche, auf Hindernisse stoße? Wie schnell sage ich, ach, das lasse ich sein und gebe den anderen auf… 

Frage 
…das ist in Wiebkes Leben nicht vorgesehen?

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Zum Film „Schwesterlein“

Geht sie, tanzt er mit dem Tod!

Während uns die Kamera ins Krankenhaus bringt, hören wir das Brahmslied „Schwesterlein, Schwesterlein, Wann geh’n wir nach Haus?“ Immer eindringlicher singt der besorgte Bruder diese Frage an die Schwester. Doch die will weiter tanzen und nicht weg, „geh ich, tanzt er mit ihr!“ Im Film ist Lisa (Nina Hoss) das besorgte „Schwesterlein“, das sich selbst sinnbildlich zu Tode tanzt, während doch ihr Bruder Sven (Lars Eidinger) bald sterben muss: Geht sie, tanzt er mit dem Tod, deshalb kann sie ihn nicht loslassen!

Sie hat soeben in einer Schweizer Klinik Knochenmark für den, an Leukämie erkrankten Zwillingsbruder gespendet. Mit ihrer Familie lebt sie hier, reist jedoch mit dem totkranken Sven nach Berlin zurück, wo er der Star in der Schaubühne ist. Hier stürmt der Schauspieler ins Theater. Greift sich die Hamlet-Krone. Taumelt in die Proben für sein Shakespeare-Stück. Deklamiert „Bereit sein ist alles!“ Doch Regisseur David (Thomas Ostermeier) hat Zweifel an dieser Bereitschaft.

Lisa unterstützt das Verlangen des Bruders wieder auf die Bühne zu gehen: Ihr Mann tobt, „die Kinder sollen sein Sterben nicht erleben.“ Svens Mutter keift, „ich will mir nicht ansehen, wie er dahinsiecht“. Und der Regisseur setzt schließlich „Hamlet“ ab: „Ich wollte Sven nicht vor den Zuschauern abkratzen lassen!“ Doch Lisa hält das für „Quatsch! Der steht bald wieder auf der Bühne.“ Seit der Diagnose des Bruders hat sie, die erfolgreiche Theaterautorin, nichts mehr schreiben können. Doch angesichts des Todes erwacht ihre Kreativität, „sie rast im fröhlichen Braus“, wie es im Brahmslied heißt: Für Sven schreibt sie einen intensiven Monolog, den er auch sitzend sprechen könnte. 

„Schwesterlein“
Schweiz 2020, 101 Min. FSK ab 12 Jahre, Kinostart 29.10.2020
Regie Stéphanie Chuat/ Véronique Reymond mit Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller, Jens Albinus u.a.

Das hat Fassbinder nicht verdient…

Unter dem Titel „Enfant Terrible“ bringt der Filmemacher Oskar Roehler jetzt eine – angebliche – cineastische Verneigung vor dem großen Theater- und Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder (1945 – 1982) in die Kinos. 

Diese vermeintliche Hommage ist keine Biografie, kein Biopic, sondern reiht assoziativ schrille Szenen aus Fassbinders Leben aneinander: Münchener Antitheater, erste Filmerfolge, Festivals, Auszeichnungen. Vor allem aber widmet Roehler sich ausgiebig Fassbinders angeblich miesem Umgang mit den Leuten in seinem wilden „Clan“, der ihm als Familienersatz diente, und dem ausschweifenden schwulen Sex. Dazu kolportiert er, der Filmkünstler habe seine Liebhaber in den Tod getrieben oder Kinder gequält. Das wird meist bei schummrigem Licht in bunt bemalten theatralischen Kulissen erzählt. Roehlers eigenartiges Machwerk könnte durchaus ein alter, überzeichneter Streifen von Fassbinder selbst sein. 

Aber fassungslos sitzt man im Kino und denkt, dieses grölende oder sabbernde, andere beleidigende, manchmal an sich selbst zweifelnde und rauschgiftsüchtige Monster mit Schaum vor dem Mund (Oliver Masucci), soll der weltberühmte deutsche Regisseur gewesen sein? Der Mann war 37 als er starb und hatte bis dahin über 40 Spielfilme gedreht, 24 Theaterstücke inszeniert, dazu TV-Serien wie „Berlin: Alexanderplatz“ gemacht, in eigenen oder fremden Streifen mitgespielt, Drehbücher und weitere Stücke geschrieben. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hieß das programmatische Buch des Clanmitglieds Harry Baer über ihn. Für seine „Schlaflosigkeit“ erhielt Fassbinder zahlreiche Preise auf den Filmfestivals in Berlin und Cannes sowie sieben – die meisten bisher vergebenen – Deutsche Filmpreise.

Doch Roehler beschränkt sich in seinem missfälligen Bilderbogen meist auf die private exzentrische Seite des „Enfant Terrible.“ Fassbinders internationale Bedeutung für den „Neuen Deutschen Film“ in den 1970er- und frühen 80er-Jahren dabei auf der Strecke.

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Zum Film „Pelikanblut“

Nach einem alten Mythos hacken sich Pelikanweibchen die Brust auf, um mit dem Blut ihre toten Jungen ins Leben zurückzuholen. Diese frühchristliche Metapher des Filmtitels scheint auch das Handeln der alleinerziehenden Pflegemutter Wiebke (Nina Hoss) zu bestimmen.

Als sich ihr zweites neues Adoptivkind Raya (Katerina Lipovska) als garstiges Monster und „emotional totes Kind“ (so Regisseurin Katrin Gebbe) entpuppt, wird sie – im übertragenen Sinn – zum Pelikanweibchen. Sie schleppt die Fünfjährige den ganzen Tag lang im Wickeltuch herum, besorgt sich illegale, Muttermilch fördernde Medikamente, um das Kind zu säugen. So will sie an frühe Entwicklungsphasen anknüpfen, als Raya noch beziehungsfähig war. Denn das bulgarische Waisenkind ist schwer traumatisiert…

Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach:
Wiebke ist eine leicht amerikanisch angehauchte Pferdezüchterin, die für eine Reiterstaffel der Polizei junge Pferde dressiert. Mit ihrer neunjährigen Adoptivtochter Nicolina versteht sie sich großartig, bis das neue Adoptivkind ins Haus kommt. Für kurze Zeit passt Raya sich an und Nicolina freut sich über ihre Schwester. Doch nach und nach wird Raya nicht nur ihrer großen Schwester immer unheimlicher: Sie bunkert Essen, schmiert mit Kot, legt Feuer, quält oder sexualisiert andere Kinder bis die Eltern sie aus der Kita rausschmeißen: „Die ist krank! Die muss weg!“

Das stellt letztlich auch ein Kinderpsychologe fest. Wiebke muss erkennen, dass Liebe und konsequentes Handeln alleine keine Heilung bringen. Doch sie merkt auch, dass gestörte Kinder nicht wie Pferde dressiert werden können. Jedoch als sie das Kind in eine Spezialklinik bringen will, rennt es weg und schreit plötzlich „Mama!“

Wiebke bildet parallel zu dieser Geschichte Polizeipferde aus und zähmt für eine Polizistin (und mit ihr) einen wilden Hengst. Auf einer richtigen Demo dreht das Tier durch, verletzt Demonstranten, wirft seine Reiterin ab und wird erschossen. Das kann man mit dem wilden Kind nicht machen – doch als mit Raya gar nichts mehr geht, schlägt der sozialpädagogisch anmutende Psychothriller in ein anderes Genre um: Weiterlesen

„Wie in der Steinzeit!“ – Filme über saudi-arabische Frauen

Zwei neue Filme setzen sich mit der unglaublichen Situation saudiarabischer Frauen auseinander: Auf der Berlinale im Frühjahr wurde der Film „Saudi Runaway“ vorgestellt, der noch keinen Verleih hat. Zur gleichen Zeit kam „Die perfekte Kandidatin“ in die Kinos, wurde aufgrund der Corona-Krise abgesetzt und ist jetzt erneut angelaufen.

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film „Saudi Runaway“ lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Weiterlesen

Der neue Film „Berlin. Alexanderplatz“

Auf der letzten Berlinale feierte das Publikum die dritte Verfilmung des Romans von Alfred Döblin „Berlin. Alexanderplatz“ (1929). Doch die kühne Idee des Regisseurs Burhan Qurbani, den Streifen in unsere Zeit zu verlegen, wurde mit keinem Bären belohnt. Das spannende, bildgewaltige Werk, das später den 2. Platz beim Deutschen Filmpreis 2020 gewann, kommt nach der Corona-Pause jetzt endlich in die Kinos.

Eine rot eingefärbte Welt steht Kopf. In der Tiefe des Meeres kämpft ein Mann um sein Leben. Seine Frau Ida klammert sich an ihn. Sie ertrinkt als er sie von sich stößt. Aus dem Off berichtet eine weibliche Stimme: „Halb lebendig, halb tot wurde Francis an Land gespült. Dort rief er: Gott, ich schwöre Dir, von nun an will ich gut sein!“

Als nächstes sieht man diesen Afrikaner Francis (Welket Bungué) selbstbewusst und cool im Flüchtlingsheim. Sein zukünftiger Kontrahent Reinhold (Albrecht Schuch) versucht Drogenhändler unter den Elenden zu rekrutieren: „Niemand hat es verdient so zu leben wie ihr!“ Francis schuftet lieber als Schwarzarbeiter auf dem Bau als ein Dealer zu werden, wird jedoch entlassen, als er einen schwerverwundeten Kollegen rettet. Erneut die Frau aus dem Off: „Er wollte anständig sein, aber man hat ihn nicht gelassen.“

Notgedrungen muss er sich nun an den irren Reinhold wenden, er tröstet die vom sexsüchtigen Chef schnell verstoßenen Frauen und macht bald Karriere bei der Drogenmafia. Gemeinsam lassen sich beide im Berliner Nachtleben treiben und nennen sich Freunde. Gegen seinen Willen wird Francis in einen Raubüberfall verwickelt. Als er sich dagegen wehrt, schubst Reinhold ihn aus dem Fluchtauto, dabei verliert Francis einen Arm. „Anständig wollte er sein, aber das Leben hat ihn nicht gelassen.“ Aus dem Off wieder die Stimme der – wie wir mittlerweile wissen – jungen Hure Mieze (Jella Haase), in die sich Francis verliebt hat. Sie ist schwanger von ihm, er will sie heiraten, doch stattdessen überschlagen sich nun die dramatischen Ereignisse…

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„Knives Out“ – radikal aufgefrischtes Agatha-Christie-Kino

„Knives Out – Mord ist Familiensache“ war auf dem Weg ein erfolgreicher Blockbuster mit zahlreichen Hollywood-Stars zu werden – doch dann kam das Corona-Virus, die Kinos wurden geschlossen. Ab sofort ist er als DVD usw. erhältlich.

Morgens nach seinem 85. Geburtstag wird der erfolgreiche Schriftsteller und Verleger Harlan Thrombey (Christopher Plummer) mit durchschnittener Kehle gefunden. Vieles deutet auf einen abstrusen Selbstmord hin, doch der berühmte und stets erfolgreiche Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) glaubt nicht an einen Suizid. Gemeinsam mit der Polizei versucht er ein Motiv für das Verbrechen zu finden und die Identität des Opfers zu erkunden. Das Publikum begleitet die Ermittler bei dieser „Familienaufstellung“ und stößt in der großen, angeblich harmonischen Sippe auf üble Probleme. Kaum sitzen die möglichen Verdächtigen einzeln im Verhör, gehen sie hasserfüllt mit – imaginären – Messern aufeinander los: Ein Verheirateter hat eine wilde erotische Affäre. Eine veruntreut das reichhaltige Collegegeld für die Tochter. Jemand soll den Verlag nicht mehr leiten dürfen. Ein anderer wurde enterbt. Aber alle Motive in diesem Sündenpfuhl reichen nicht für einen tückischen Mord oder die möglichen Beschuldigten haben ein Alibi. In der Mitte des Films glaubt man als Zuschauer die Lösung zu begreifen: vielleicht war es doch ein Selbstmord? – doch das bleibt wirklich bis zum Ende offen.

Von der Kritik wurde der Streifen als großartiger, klassischer „Whodunit“ gefeiert, dieser englische Begriff steht für Who done it?  (Wer hat es getan?): Drei bedeutsame Aspekte des Film machen ihn zu diesem Genre: Die Handlung spielt überwiegend im weiträumigen Anwesen, in dem der mögliche Mord verübt wurde. Die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar, trotz gegenteiliger Annahme der störrischen Familienmitglieder kann kein Fremder die Tat begangen haben: Mord ist Familiensache. Der Täter bzw. die Täterin wird nach zahlreichen Wandlungen und Umwegen am Ende vor allen Beteiligten überführt. Dabei spielen Messer noch einmal eine große Rolle. Weiterlesen

Woody Allen:A Rainy Day in New York

Woody Allens Film „A Rainy Day in New York“, der im letzten Herbst in die Kinos kam, erschien vor einiger Zeit auf DVD und als Download. Kürzlich wurde auch Allens Autobiografie unter dem Titel „Ganz nebenbei“ veröffentlicht.

Beinahe das ganze Leben lang wohnte er in seinem geliebten New York, etliche seiner Filme spielen in dieser Metropole, die er bewunderte und verklärte. In seinem 50. Film, fasst der Regisseur diese Liebe noch einmal in wunderbar ausgeleuchtete, elegische Bilder: Gatsby (Timothée Chalamet) reist vom Provinz-College, in das ihn seine leistungsorientierte Mutter verbannte, nach Manhattan zurück. Weil seine Freundin Ashleigh (Elle Fanning) dort einen berühmten Filmemacher für die College-Zeitung interviewen kann, will Gatsby ihr seine Heimatstadt zeigen.

Doch schnell wird die staunende Ashleigh vom Regisseur, seinem Drehbuchschreiber und später von einem schmierigen Star vereinnahmt. Die alten weißen Männer sind bezaubert von dem sehr blonden und – scheinbar – naiven Country Girl aus Arizona. Gatsby begegnet unterdessen ehemaligen Mitschülern, die gerade einen Film drehen. Dabei trifft er auf Chan (Selena Gomez), die kleine Schwester einer früheren Liebe, die ein New Yorker Biest geworden. Mit ihr liefert er sich bissige Dialoge wie in einer alten Screwball-Komödie. Da Ashleigh verschwunden bleibt, geht er mit einer Prostituierten zur Soiree seiner ungeliebten Mutter – und macht eine erstaunliche Entdeckung…

Gatsby ist ein altmodischer Junge, der lieber riskant aber erfolgreich Poker spielt und Songs von Cole Porter darbietet, als ordentlich zu studieren: Der Träumer könnte ein Enkel Woody Allens sein, der geht auch gerne im Regen spazieren und sehnt sich nach dem Manhattan der 1940er-Jahre. Regisseur Allen spielt mit Klischees, Ashleigh beispielsweise wirkt derartig persifliert als blondes Dummchen, dass sie dadurch die aufgeblasenen Filmgockel letztlich entlarvt.

„A Rainy Day in New York“ ist wie eine Screwball-Komödie aus den 1940er-Jahren und zugleich ein melancholischer Liebesfilm. Das verträumte Ende jedoch bringt uns, ganz ohne Nostalgie, in eine romantische Gegenwart zurück.

„A Rainy Day in New York“ USA 2016 (Drehzeit), 2019 (veröffentlicht). 95 Minuten
Regie: Woody Allen mit Timothée Chalamet, Selena Gomez, Elle Fanning u.a.

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Kommentar Hexenjagd auf Woody Allen