Der Film „Wo die Lüge hinfällt“

Die junge Frau hastet durch die City, rempelt Leute an, stürzt in ein Café, weil sie dringend pinkeln muss. Aber das ist nur Gästen erlaubt und die Warteschlange vor dem Bestelltresen ist endlos lang. „Liebling, was willst Du trinken?“, ruft ihr ein attraktiver Fremder zu, der ganz vorne steht. Nun bekommt sie, als angebliche Ehefrau, tatsächlich den Kloschlüssel von der knurrigen Kellnerin.

So lernen sich Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell) kennen. Sie verbringen eine Nacht ohne Sex miteinander, doch durch ein blödes Missverständnis am nächsten Morgen, sind sich beide spinnefeind und sehen sich nicht wieder.

Nach diesem langen Teaser sehen wir der Heirat zweier Frauen zu. Als die Frage kommt, ob jemand Einwände vorbringen will, springt der Vater einer Braut auf. Überraschend folgt jetzt keine queerfeindliche Tirade, sondern er lädt – wir schauen ein Video – Verwandte und Freunde aus den USA nach Australien ein. Hier treffen nun also nach einigen Jahren Ben und Bea, die Schwester einer Braut, aufeinander und beginnen sogleich sich anzugiften. Bens Ex ist mit einem dumpfen, kraftprotzigen Surfer liiert: „Nur zum Vögeln“, wie sie ihrem Ex gegenüber betont und ihn anhimmelt. Beas Verflossener wird von den Eltern auch eingeladen, damit sie „endlich in die richtige Richtung geht.“

Die Bräute grämen sich, „sie werden unsere Hochzeit ruinieren“, und stiften die übrigen Gäste an, Bea und Ben zusammenzubringen. „Sie müssen sich ja nicht lieben“, heißt es, „wir müssen es nur hinkriegen, dass sie endlich miteinander vögeln.“ Doch beide durchschauen den plumpen Plan, beschließen dennoch mitzuspielen. Denn die zwei wollen auf keinen Fall wieder etwas mit ihren alten Lieben zu tun haben. Sie befummeln sich, wenn alle gucken, dabei findet Bea auch schon mal eine Vogelspinne in Bens Unterhose. Als die ganze Hochzeitsgesellschaft auf einem Schiff fährt, spielen sie Szenen aus dem Film „Titanic“ nach – was aber gründlich in die Hose bzw. in diesem Fall ins Wasser geht. 

Nach vielen guten Gags und gelungenen Slapsticks kommen sich die beiden einander tatsächlich erotisch näher. Während sich beim ersten Mal Bea aus Bens Wohnung morgens davonschlich, was ihn sehr kränkte, schleicht er sich früh nach der Liebesnacht fort, was sie nun mächtig kränkt. Und wieder beginnt das ganze chaotische Spiel von vorne…

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„The Palace“ – Roman Polanskis Film im Kino

Peinlich berührt verdammt die Filmkritik unisono Roman Polanskis letzten Film, seine groteske Burleske „The Palace“ (2023), die nun auch hier in die Kinos kommt. Dabei wird von einigen Kritikastern „Altherrenhumor“ als neues cineastisches K.-o.-Kriterium eingeführt. Wir wissen zwar nicht, was bei TicToc und Instagram als jugendfrischer oder feministischer Humor daherkommt. Aber so schlimm ist diese Komödie wirklich nicht, denn unverfroren haut der neunzigjährige Regisseur der älteren Hautevolee im Film, lustvoll deren Dekadenz und Protzerei um die Ohren.

In der Millennium-Silvesternacht 2000 versammeln sich Superreiche, Pornostars, zwielichtige Russen und anderes aufgeblasenes Volk im schweizerischen Nobelhotel Palace. „12 Stunden bleiben uns“, verkündet morgens der Hotelchef (Oliver Masucci) seinem Personal und wird fortan selbst durch den Film gejagt, um zahlreiche Schwierigkeiten mit absonderlichen Gästen zu lösen. Etwa einen, als Geschenk angelieferten Pinguin seiner Empfängerin anzuvertrauen.

Champagner fließt in Strömen, unaufhörlich wird Kaviar gereicht. Eine französische Diva (Fanny Ardant) füttert mit dem Fischrogen ihren Hund, der daraufhin das Bett vollkackt. Der nun hinzugezogene Schönheitschirurg, eigentlich mit seiner Geliebten inkognito im Hotel, muss jetzt den Hund und dessen Frauchen behandeln. Zahlreiche von ihm verschönerte Damen erkennen und umschwärmen ihn.

Überaus dominant ist Bill Crush (Mickey Rourke), er hat zwar vergessen zu reservieren, doch sein Kampf ums Zimmer, einen Restauranttisch oder Bewunderung zieht sich als Running Gag durch die Silvesternacht. Eine arme tschechische Familie taucht im Palace auf und behauptet mit ihm verwandt zu sein. Der vermutliche Vater flippt aus, doch der Hotelchef kümmert sich rührend um die Angereisten. Mit einem braven Bankangestellten (Milan Peschel) bereitet Crush einen internationalen Millenniumsbetrug vor, doch sein Helfer wird zunehmend betrunkener und von jungen russischen Damen verführt, die ihn „niedlich“ finden.

Die wiederum gehören zu einer obskuren Delegation von Halunken, die mehrere Geldkoffer im alten Hotel-Safe verstecken…

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„791 km“ – das mobile Kammerspiel im Kino


Julian Nagelsmann konnte in diesen Tagen für seine Teilnahme an der Auslosung der EM-Spiele in Hamburg weder Flieger noch Bahn benutzen. Weil die Schneemengen in München so gigantisch waren, setzte sich der kränkelnde Bundestrainer selbst ins Auto und düste acht Stunden lang einmal durchs ganze Land: 791 Kilometer. 791 Kilometer. „791 km“, das ist auch der Titel des mobilen Kammerspiels im Taxi, das in dieser Woche in die Kinos kommt.

In München sind die Stürme so gewaltig, dass weder Züge noch Flieger zum 791 km entfernten Hamburg starten können. Zufällig findet sich eine illustre Gesellschaft beim brummeligen, genervten Taxifahrer Josef (Joachim Król) ein, die aus unterschiedlichen Gründen am nächsten Morgen in der Hansestadt sein muss: 

Die überambitionierte Tiana (Nilam Farooq) will ihre „Start-up-Präsentation,“ von der sie ständig redet, persönlich vorstellen. Althippie und Ökostreiterin Marianne (Iris Berben) hat einen wichtigen Untersuchungs-Termin, dazwischen hockt die unermüdlich plappernde, scheinbar geistig etwas behinderte Susi (Lena Urzendowsky) und Tianas Freund Philipp (Ben Münchow), ein Physiotherapeut, den nichts aus der Ruhe bringt. 

Zunächst zieht sich der Film genauso wie die endlos lange Autobahnfahrt durch die Nacht. Das Paar streitet, Marianne gibt Öko-Weisheiten von sich, denen Josef mächtig widerspricht: „Ihr wisst nicht was es heißt, arbeitslos zu werden“ und Susi kommentiert oder hinterfragt alles offenherzig und distanzlos. Schließlich plappert sie sogar noch Tianas Schwangerschaft aus, von der sie zufällig auf dem Klo hörte: „Tampons brauche ich ja jetzt nicht mehr.“

Als alle im Auto pennen und man hofft, dass Josef oder wir Zuschauer nicht auch noch einschlafen, werden die nächtlichen Ereignisse aufregender und komischer. Das Taxi gerät in eine Polizeikontrolle und Susi wird mit einem Luftballon als schwanger ausgegeben. Warum verraten wir hier nicht, jedenfalls wird das Taxi vom Polizeiwagen zur Klinik eskortiert, in dem traumartige Dinge passieren. Beispielsweise assistiert Susi als Krankenschwester bei einer Herz-OP – oder hat sie das nur fantasiert?

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Der Film „Elaha“ oder ein Kampf ums Jungfernhäutchen…

Orientalische Musik. Tanzende Menschen. Die Kamera führt uns direkt in eine arabische Hochzeitsfeier. Eine fröhlich hüpfende, flatternde junge Frau wird von ihrer Mutter in einer, uns fremden Sprache barsch zurechtgewiesen. Durch die Untertitel erfahren wir, sie solle sich zurücknehmen, denn sie sei schließlich verlobt. Im Klo fragen sich die jungen Mädchen auf deutsch: „Hast du schon mal?“ Bald erkennen wir, dass die Feierlichkeiten nicht im Nahen Osten stattfinden, sondern in einer Stadt im Ruhrgebiet. Und die vermeintlich arabischen Muslime sind Kurden, aber von den gleichen mittelalterlichen Wertvorstellungen besessen. 

Eine Filmstunde später schreit die junge Frau endlich zurück: „Und wenn ich eure Ehre nicht mehr zwischen den Beinen habe?“ Dann will die Mutter lieber eine tote Tochter! Vorher konnten wir miterleben, wie die bereits 22-jährige Elaha (Bayan Layla) verzweifelt versuchte, ihr Jungfernhäutchen chirurgisch wieder flicken zu lassen. Doch den Preis von mehreren Tausend Euro kann sie nicht aufbringen. Ein Versuch mit einem Blutmittel für die mögliche Hochzeitsnacht funktioniert nicht. Ihre lesbische, verheiratete, dunkelhäutige Lehrerin in der Berufsvorbereitung kümmert sich intensiv um sie, denn „ich weiß wovon ich rede“. Sie könnte ihr helfen, konfrontiert sie aber mit der Frage, „Bist du wirklich die Frau, die du sein willst?“ Schließlich befragt Elaha sich selbst, warum und ob sie das Hymen überhaupt zurückhaben will. 

Sie soll nicht zwangsverheiratet werden, sondern findet ihren zukünftigen Ehemann und dessen Familie durchaus sympathisch. Das Aussuchen des Hochzeitkleides oder die Wohnungssuche mit dem Verlobten sind für sie selbstverständlich. Liebevoll kümmert sie sich um ihren kleineren behinderten Bruder. Aber je weniger sie sich in ihre vorgegebene Rolle als keusche Verlobte einfügt, mit ihren Freundinnen tanzen geht, freizügig kleidet oder das Abitur nachholen will, umso stärker terrorisiert der zukünftige Mann sie bereits vor der Ehe. „Ich gebe dir alle Freiheiten, aber ich will, dass du auf mich hörst“, sagt er. Dann schnüffelt er sogar an ihr, ob sie mit einem anderen Mann Sex hatte. Seine Familie fordert vor der anstehenden Hochzeit plötzlich eine ärztliche Untersuchung ihrer Jungfräulichkeit. 

Bis dahin haben ihre erwachsenen Freundinnen und sie versucht, sich irgendwie zwischen westlicher Freiheit mit selbstbestimmtem Leben und den geliebten Familien, mit ihren repressiven patriarchalischen Regeln durchzuwinden.

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„Die Mittagsfrau“ verfilmt…

„Die Mittagsfrau“ ist ein weiblicher Naturgeist in der slawischen Sagenwelt, sie gab dem Film ihren Namen. Man muss ihr alles erzählen muss, wenn man sie trifft: Wer man ist und woher man kommt, sonst findet man keinen Frieden. Doch im äußerst ruhig erzählten und oft abschweifenden Film, braucht man lange um zu verstehen, wer die verschiedenen Personen eigentlich sind und was sie umtreibt. 

Die halbwüchsigen Mädchen Helene (Mala Emde) und Martha (Liliane Amuat) leben im spießigen Bautzen bei ihrer jüdischen, aber psychisch schwerkranken Mutter. Unvermittelt beginnt die oft zu toben, Geschirr zu zerschmeißen und die jungen Frauen zu schurigeln. Am Ende der 1920er-Jahre machen sich die beiden auf ins wilde Berlin und wohnen bei ihrer exzentrischen Tante. Während die lesbische Martha sich endlich ausleben kann, versucht Helene das Abitur nachzuholen, um Medizin zu studieren. Dennoch verliebt sie sich heftig in Karl, der mit ihr die Leidenschaft für Literatur und Bildende Kunst teilt: 

„Es ist ein Weinen in der Welt / als ob der liebe Gott gestorben wäre / und der bleierne Schatten, der niederfällt, / lastet grabesschwer“, heißt es bei Else Lasker-Schüler, der Lieblingsdichterin der Liebenden. Und tatsächlich fallen bleierne Schatten: Karl kommt beim Reichstag um, als die Nazis die Macht ergreifen, für die beiden halbjüdischen Geschwister wird es in Deutschland lebensgefährlich. Martha und ihre Tante wollen Deutschland verlassen, während die verzweifelte Helene vor Trauer um Karl wie gelähmt ist.

Wilhelm, ein strammer Nazi, verliebt sich in sie, nur widerwillig gibt sie seinem Drängen nach. Er begleitet sie in eine Irrenanstalt, in die ihre Mutter eingesperrt wurde. Die Nazis versuchen hier einen Zusammenhang zwischen Jüdisch-sein und Geisteskrankheit zu erfinden. Dadurch erfährt Wilhelm von der jüdischen Herkunft seiner Angebeteten. Er ist zwar entsetzt, besorgt ihr dennoch falsche „arische“ Papiere und fordert als Gegenleistung die Heirat. In der Hochzeitsnacht ist er wütend, dass er keine blutende Jungfrau bekommt. Trotz großer Vorsicht wird Helene später schwanger, doch der Nazi will „von dem Balg“ nichts wissen, verlässt sie und verweigert den Unterhalt.

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Steven Spielberg: Sein persönlichster Film…

Jeder Film ist eine Fiktion, selbst wenn er auf wahren Begebenheiten beruht: Auch der neue Film Steven Spielbergs „Die Fabelmans“, ist zwar durch seine frühe Lebensgeschichte inspiriert, aber er hat sie kreativ umgestaltet und dramatisiert. Per se changiert die Story also zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Man muss kein Liebhaber des wohl erfolgsreichsten Regisseurs und Produzenten der Kinogeschichte sein, um den Film anzusehen – im Gegenteil! Wenn man Spielberg bisher eher kritisch gegenüberstand, wie der Verfasser dieser Zeilen, nimmt einen „Die Fabelmans“ (ein fiktiver Name) für den Filmemacher ein. Der Streifen beginnt mit dem ersten Kinoerlebnis des sechsjährigen Sammy, den seine Eltern mit ins Kino nehmen wollen, obwohl der Kleine etwas ängstlich ist. „Filme sind doch Träume“, meint seine Mutter beruhigend, aber „Träume sind unheimlich“, erwidert der bockige Junge. 

Die Familie sieht Cecil DeMilles „Die größte Schau der Welt“, in dem ein Auto mit einem Zug zusammenstößt und zwei Züge aufeinanderprallen. Diese Szene lässt Sammy nicht los, immer wieder spielt er sie mit seiner Modelleinbahn nach. Bis seine Mutter auf die Idee kommt, ihm die Super-8-Kamera des Vaters zu geben: „Dann muss der Unfall nicht immer wieder aufs Neue passieren!“ So lässt es der kleine Fabelman nur noch einmal für die Kamera krachen und kann dann den Schreck der garstigen Szene im Kino bewältigen. In Wirklichkeit hat Spielberg dieses Erlebnis erst einige Jahre später gehabt, als er den Streifen heimlich sah. Aber bedeutet diese Verschiebung irgendetwas für diesen Spielfilm? Natürlich nicht, denn authentisch ist, dass am Beginn seiner gigantischen Karriere diese Episode stand.

Die weitere Entwicklung ist schnell erzählt: Sammy ist fasziniert von den Möglichkeiten der filmischen Aufzeichnung und gibt die Kamera nicht mehr aus der Hand. Er hält dokumentarisch die zahlreichen Umzüge der Familie fest, zufällig auch vertrauliche Ereignisse mit dramatischen Hintergründen (die hier nicht verraten werden). Die kleinen Geschwister werden zu Mumien, wenn er sie in Klopapier einwickelt. Später müssen seine Pfadfinder als Cowboys oder Soldaten herhalten, schließlich sogar seine aggressiven antisemitischen Mitschüler. Sammys erste Liebesgeschichte als kleiner Judenjunge mit einer superfrommen Katholikin ist von hinreißender Komik, wie auch andere Begegnungen.

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„TÁR“ Musik Macht Missbrauch

Auf der Berlinale hatte der Film TÁR mit Cate Blanchett seine Deutschland-Premiere, jetzt kommt er in die Kinos

Lydia Tár (Cate Blanchett), die fiktive Stardirigentin der Berliner Philharmoniker, braucht lange um uns in ihre glamouröse Welt mitzunehmen. Zwischen New York und Berlin lebt sie in einer Blase, führt hochelaborierte Gespräche über Musik, trifft angesehene Intellektuelle oder berühmte Musiker und ist besessen von ihrem Job, in dem sie endlich auch noch Gustav Mahlers „Fünfte“ einspielen möchte. Nach gefühlter endloser Kinozeit lernen wir auch ihre Frau Sharon Goodnow (Nina Hoss) und deren adoptiertes Kind Petra (Mila Bogojevic) kennen. Das wird in der Schule gemobbt und Tár lässt es sich nicht nehmen, persönlich einer Peinigerin ihrer Tochter Prügel anzudrohen: „Ich bin Petras Vater!“

Sie geht auch recht ruppig mit den Instrumentalisten ihres Orchesters um und will den Ersatzdirigenten, „diesen Roboter“, loswerden. In ihrem amerikanischen Lehrauftrag führt sie arrogant einen schnöseligen Musikstudenten vor, der sich weigert Bach zu spielen: Weil der so frauenfeindlich gewesen sei, dürfe man ihn heutzutage nicht mehr anhören. Als eine blutjunge russische Cellistin sie bezirzt, gibt sie deren Werben nach und will sie gleich zur Solocellistin machen. 

Tár ist kein sexistisches Monster, aber hier spürt man zum ersten Mal, dass die Grande Dame ihre Macht auch privat nutzt. Dann geht alles sehr schnell, denn die Blase platzt: Ein ehemaliges amerikanisches Orchestermitglied hat sich umgebracht, mit ihr hatte Tár eine Affäre und sie dann fallengelassen. Die Familie macht die Dirigentin für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Gleichzeitig taucht im Internet ein manipuliertes Video vom Streit mit dem Studenten auf. Mehr erfährt man nicht, aber Tár wird nun im wahrsten Sinn des Wortes erlegt: allein aufgrund der Gerüchte wird sie als Dirigentin suspendiert, der Lehrauftrag wird ihr entzogen, die Plattenproduktion macht jetzt „der Roboter“. Nachdem sie ihn auch noch während des Konzerts von der Bühne prügelt, stürzt sie ins Bodenlose…

Im letzten Jahr wurde der Film bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt, Blanchett erhielt den Preis für die beste Hauptrolle und wird seitdem für ihre leidenschaftliche Darstellung – „Ein Star spielt einen Star“ – weltweit gefeiert und prämiert.

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Wie kamen die Olchis in ihre Heimat Schmuddelfing?

Filmstart am 22. Juli
Vor drei Jahrzehnten begannen kleine eigenartige grüne Wesen, die Olchis, deutsche Kinderzimmer zu erobern. Die in mittlerweile 35 Bilderbüchern dargestellten Wesen essen gerne Müll, trinken Altöl, waschen sich nie und riechen streng. Kinder lieben diese Olchis, weil sie all das machen, was sie selbst nicht dürfen oder sich nicht trauen.

Trotz der Beliebtheit der Grünlinge sind ihre Abenteuer erstaunlicherweise erst jetzt verfilmt worden. Der Film berichtet von der übelriechenden Stadt Schmuddelfing, in der die Olchis heute wohnen. Ein letzter Müllmann hat gekündigt und nun sind der Gestank und die Abfallberge in der Stadt so gewaltig geworden, dass kein Tourist mehr hierher reisen mag. Doch dafür kommt eines Tages die Olchifamilie auf ihrem Drachen „Feuerstuhl“ an und glaubt sie sei im Paradies: „Der Platz ist oberolchig“, schwärmen alle.

Gleichzeitig versucht Max, der Sohn der Bürgermeisterin, mit seiner Freundin Lotta und einem verrückten Professor, einen Stinkomat gegen den Gestank zu entwickeln. Doch unverdrossen halten die Bürgermeisterin und ein geldgieriger Baulöwe an dem Projekt fest, auf dem Müllplatz einen Wellness-Tempel zu bauen. Aber dazu müssen die kleinen Grünen vertrieben werden.

„Niemand mag uns, wir riechen schlecht und sehen grün aus“, klagen die bekümmerten Olchikinder und wollen Abschied von ihren Menschenfreunden nehmen. Doch Max und Lotta lassen deren Vertreibung nicht zu und kämpfen für ihr Bleiberecht: „Schließlich sind sie doch die besten Recycler der Welt.“ 

Dieser klassische  Animationsfilm im Disney-Stil erweckt die Olchis zum Leben. Sie agieren so, als kämen sie direkt aus den Bilderbüchern und sind dabei keine süßlichen Kitschwesen. Auch die menschlichen Figuren sind animiert, dennoch wirkt der gesamte Film real und glaubhaft. Die „Bösen“, wie der Baulöwe und seine Arbeiter oder die Bürgermeisterin, sind nicht besonders bedrohlich, sondern werden durch Komik und Slapsticks gleichsam entschärft. Auch die abscheulichen Speisen der Olchis rufen keinen Ekel hervor, weil sie so genießerisch weggeschlabbert werden. Aus Versehen trinkt die Bürgermeisterin einen Zaubersaft statt ihr Beruhigungsmittel und wird nun eine Zeitlang grün und olchig. Hinterher kann sie die Welt mit den Augen der grünen Wesen sehen und sie verstehen.

Mit großer Leichtigkeit und ohne erhobenem Zeigefinger, spricht der Film viele verschiedene Themen an: Vertrieben werden oder bleiben dürfen, verlorene Heimat, Recycling oder sich in andere einfühlen. Vor allem aber ist es ein Streifen über Freundschaft und das miteinander Klarkommen, selbst wenn man sehr unterschiedlich ist. 

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Die 71. Berlinale im Home Office (3)

Die Erwartungen an die cineastische Qualität auf der diesjährigen zweigeteilten Berlinale durften nicht allzu hoch sein: Aufgrund der Pandemie wurden wenig Kinofilme produziert, viele Streifen werden noch zurückgehalten. So gelangten in alle Sektionen des 71. Festivals auch etliche mittelmäßige Filme. 

Statt wie sonst 400 Streifen gab es nur ein Drittel, die ausschließlich online für Filmschaffende und Kunden des Europäischen Filmmarktes (EFM) sowie Presseleute zu sehen waren. Statt klugen Pressekonferenzen oder Schaulaufen auf dem rotem Teppich mit internationalen Stars, musste man in den Computer glotzen. Doch im Juni wird der zweite Festival-Teil in Berliner Kinos für das Publikum mit Preisverleihungen nachgeholt.

Eins muss man der Wettbewerbs-Jury bei ihrer nicht immer nachvollziehbaren Bärenauswahl lassen, ihr gelang ein Parforceritt durch die Fülle des zeitgenössischen Kinos. So wie das gekürzte Gesamtprogramm bildeten ebenfalls ihre Entscheidungen im Wettbewerb diese Vielfalt ab: Von extremen Experimenten über berührende Dokumentationen, endlosen Gesprächsmitschnitten bis zu bildgewaltigen Erzählungen.

Den goldenen Bären gab es für einen Film, der im Titel „Bad Luck Banging or Loony Porn“ sein Thema anklingen lässt: Er beginnt mit ausgiebigem Sex einer Lehrerin mit ihrem Ehemann, wie man ihn im normalen Kino noch nie sehen konnte. Später läuft die weibliche Darstellerin lange (angezogen) durch Bukarest zu einer Elternversammlung. Denn der Clip ihres sexuellen Abenteuers wurde durch Unbekannte ins Netz gestellt. Von den aufgebrachten Eltern wird ihr nach wirren bigotten Diskussionen unterstellt, sie sei als Pädagogin ungeeignet. Der Mittelteil des Werks besteht aus zahlreichen Clips zu Stichworten wie Faschismus, Selbstbefriedigung oder Freiheit, die assoziativ den Zustand der rumänischen Gesellschaft skizzieren. Ein wenig erinnert dieser überzeugende Montage-Film an westliche Experimente in den 1970er-Jahren.

Die wunderbare Dokumentation „Herr Bachmann und seine Schüler“ bekam einen Silberbären als „Preis der Jury“. Der ältere Lehrer Bachmann versucht in Stadtallendorf geflüchteten, heimatlos gewordenen Schülerinnen und Schülern einfühlsam, aber auch konsequent, ein Stück Heimat wiederzugeben. Ebenfalls einen Silberbären erhielt Maren Eggert für ihre darstellerische Leistung in dem weiteren deutschen Wettbewerbsbeitrag „Ich bin dein Mensch“. Darin spielt sie eine alleinstehende selbständige Frau, für die ein lebensechter Roboter gebaut wurde, der alle ihre Wünsche erahnen kann. Das ist kein Science Fiction, sondern ein spannender und humorvoller Streifen über Paarbeziehungen. Wie immer hätten Werke in anderen Sektionen allemal silberne Bären verdient gehabt. 

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Die 71. Berlinale im Home Office (2)

Fast zwei Jahrzehnte lang hat Dieter Kosslick (72) erfolgreich die Berliner Filmfestspiele geleitet und erweitert. Jetzt zur 71. Berlinale – die wegen Corona extrem verändert und gesplittet wird – erscheinen seine Memoiren „Immer auf dem Teppich bleiben.“

Bis zu 350.000 Leute besuchten bis zum Ende seiner Ära 2019 jährlich die Festspiele. Doch der charismatische Leiter machte die Berlinale nicht nur zum größten Publikumsfestival der Welt. Sondern er verband die distanzierte europäische Filmindustrie (EFM) mit der Berlinale, holte den deutschen Film zurück, knüpfte weltweite Kooperationen und förderte die Begegnungen des cineastischen Nachwuchses mit arrivierten Filmschaffenden. Aus diesen, von ihm neu entwickelten Bereichen entstand jetzt die erste Stufe der diesjährigen Corona-Berlinale, das Industry Event. Vor allem für zehntausende von Fachbesuchern und jungen Filmschaffenden war dieser Zweig des Festivals – unbeachtet von Öffentlichkeit und Medien – bisher Mittelpunkt der Festspiele.

Der Kinoliebhaber Kosslick wollte nicht nur eine bessere Welt auf der Leinwand sehen, sondern engagierte sich – auch innerhalb der Berlinale – für Frauenrechte und weibliche Gleichstellung, gegen Rassismus, für Flüchtlinge und nachhaltige ökologische Veränderungen. Das waren keine aufgesetzten Attitüden, sondern im ersten Teil seiner Erzählungen macht er deutlich, welche Themen ihn schon früh bewegten. Etwa in den späten 1970er-Jahren schrieb er in der linken „konkret“ über das Bienensterben oder Essen und Trinken ohne Gift und chemische Zusätze. 

Von den Genossen hieß es, das sei doch allenfalls ein Nebenwiderspruch: Ein Grund für ihn, den Journalismus aufzugeben und die Hamburger Filmförderung, später dann das neue Büro der Filmschaffenden zu managen. Den gut einhundert Gründern, die seinen Lieblingsstreifen wissen wollten, nannte er „Ben Hur“: „Es wäre kontraproduktiv gewesen, einen Film aus der Reihe der Anwesenden zu nennen“, schreibt er. Dieser gigantische Hollywood-Streifen hatte ihn als Elfjährigen zum lebenslangen Kinofan erweckt. 

Kosslick lernte deutsche und europäische Filmschaffende kennen, widmete sich der Filmförderung und der Zusammenarbeit mit dem Fernsehen, was allerlei Leute überraschte. Schließlich wurde er zum Chef der nordrheinwestfälischen Filmproduktion berufen. Nach zehn Jahren in diesem Gremium machte er sich im Jahr 2001 – bestens informiert und vernetzt – auf zur Leitung der Berlinale, die er seit zwanzig Jahren regelmäßig besuchte. „Das schien kein begehrenswerter Job zu sein“, wusste er bereits, dennoch brauchte er lange um zu begreifen, dass „ehrverletzende Beleidigungen einer Handvoll Fachjournalist*innen mehr zur persönlichen Profilierung dienten und weniger die Filme betrafen.“

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