Im Gespräch mit Axel Prahl über den Film „Kafkas Der Bau“

Axel Prahl empfängt mich in Berlin-Mitte im edlen, von der Presseagentur gemietetem „Gorki-Appartement“. Im Weinbergsweg vor dem Haus laufen die Frauen in Kleidern herum, die man sonst nur auf den Catwalks der Fashion Week bestaunt. Prahl dagegen trägt eine Outdoor-Weste. Gut kann er sich an Schlüchtern in Osthessen erinnern, dort sprach ich zweimal mit ihm, als er im Zelt des Kultur-Kinos mit seiner Band spielte oder den Film „Alles inklusive“ vorstellte, um das Kino-Projekt zu unterstützen. In diesem Jahr komme er nicht, meint er, jetzt seien mal andere dran.

Warum haben Sie in diesem Film mitgespielt?

Ich denke, das Resultat spricht eigentlich für sich, es ist zwar mehr oder weniger eine One Man Show mit mir, aber es spielen natürlich auch ganz hervorragende Kollegen mit. Das war ein Herzensprojekt für mich, wann kriegst Du denn mal so eine Rolle angeboten?

Regisseur Freydank hat sofort an Sie gedacht, kannten Sie ihn vorher?

Nee, aber ich hatte den mit einem Oscar prämierten Kurzfilm „Spielzeugland“ gesehen. Ich war sehr erfreut, dass er gerade mir diese Rolle angeboten hat. Als Schauspieler ist man natürlich dankbar, wenn einem möglichst unterschiedliche Charaktere angeboten werden.

Sie wollten sich bewusst mal vom Münsterer „Tatort“ absetzen?

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„Die Maisinsel“ – ein großartiger, bildgewaltiger Film

Die Menschen in dem Land Abchasien am Fluss unterhalb des Kaukasus reden nicht viel. Erst als nach 20 Filmminuten schwer bewaffnete, dumpf dreinblickende Soldaten an ihrer kleinen Insel vorbei schippern, fragt die Enkelin Asida (Mariam Buturishvili) ihren Opa Abga (Ilyas Salman): „Wer sind diese Männer?“. Nach einer Filmstunde reden sie zwei weitere Sätze über die Schule, in die das Mädchen morgens mit dem Boot fährt.

Die beiden versuchen in mühseliger Arbeit eine „schwimmende Insel“ fruchtbar zu machen, die sich im Frühjahr mitten im Strom aus angeschwemmter Erde gebildet hat. Der Fluss ist freies Gebiet, die Ufer werden von aggressiven Militärs aus Russland oder Georgien bewacht.

Der alte Mann pflanzt mit Hilfe des Mädchens Mais an und kämpft mit ihr gegen die Naturgewalten, denn die beiden wollen mit dem Verkaufserlös den Winter überleben. Eines Tages flüchtet sich ein angeschossener Soldat auf die Insel, der alte Mann liefert ihn nicht an die Verfolger aus. Das Mädchen ist sehr an diesem jungen Mann interessiert – einmal während des ganzen Films lacht sie, als sie ihm unvermittelt einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet…

Mit sehr ruhigen Bildern und extrem langen Einstellungen erzählt der georgische Regisseur George Ovashvili diese kleine melancholische Geschichte, die ausschließlich auf der winzigen Insel spielt.

Von den persönlichen Hintergründen der Akteure oder den politischen Verhältnissen erfahren wir Zuschauer nichts. Der Filmemacher vertraut ganz auf die gewaltigen Bilder, mehr als ein Dutzend Sätze werden nicht gesprochen. Wir erleben lediglich die beiden Menschen mit ihrer differenzierten Körpersprache in den wechselnden Jahreszeiten auf ihrem Eiland…

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Ein irrer Film und besser als sein Titel „Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“

„Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ ist kein sozialpädagogisches Rührstück, sondern ein schriller, herausfordernder Spielfilm über ein junges, geistig behindertes Mädchen, das hemmungslos seine Lust ausleben will. Der herausragende Film mit dem seltsamen Titel kommt jetzt in die Kinos.

Dora (Victoria Schulz) hat blaue Flecken, nachdem sie lange den schönen Peter (Lars Eidinger) verfolgte und der sie dann – naja, das ist die Sicht ihrer Eltern – vergewaltigte. Dem schönen Mädchen mit der geistigen Behinderung gefällt der ruppige Sex sehr gut, während ihre Eltern außer sich sind. Die alarmierte Polizei unternimmt nichts, denn Dora ist mündig und hat keine gesetzliche Betreuung.

Ihre stark sedierenden Medikamente hat die Mutter (Jenny Schily) am 18. Geburtstag abgesetzt: Verwischte Nahaufnahmen, verschwommene Hintergründe in wackelig gefilmten Bildern lassen uns Zuschauer die jahrelange Dämpfung von Doras Wahrnehmung erahnen. Doch nun wird das ganze Leben eine aufregende Entdeckungsreise für das aus ihrem Dornröschenschlaf geweckte Mädchen. In der Badewanne spielt sie unter den Augen der Mutter an sich herum, von ihrem Vater will sie Zungenküsse, sie begrabscht den Mann einer Freundin und fordert: „Ich will auch ein Paar sein!“ Aber Dora spürt auch ihre Behinderung, „Ich bin kein Mongo!“, kreischt sie die Eltern an, „ich will nicht anders sein.“ Immer wieder trifft sie Peter zum hemmungslosen Sex, ihre Eltern verzweifeln und spüren offensichtlich die eigene Verklemmtheit. Weiterlesen

Ein iranischer Vampirfilm?

 „A Girl Walks Home Alone At Night“ wird als erster iranischer Vampirfilm angepriesen und kommt jetzt in die Kinos. Das großartige Werk ist jedoch eher ein surrealistisches Traum- und Liebesspiel als „eine Symphonie des Grauens.“

Ein namenloses Mädchen rollt im flatternden Tschador auf ihrem Skateboard durch die nächtlichen Straßen einer düsteren Stadt. Diese melancholische Vampirin trifft auf Arash, der reglos eine Laterne wie den Mond anglotzt. Verkleidet als Graf Dracula hat er sich – ausnahmsweise völlig mit Drogen zugedröhnt – nach einem Kostümfest verirrt. Irgendwann nimmt er die frierende Unbekannte in seine Arme und meint: „Ich bin ein Vampir, aber Du musst keine Angst vor mir haben…“ Die Situation wirkt so grotesk, weil wir Zuschauer wissen, dass die Fremde bereits einigen Menschen das Blut ausgesaugt hat. Auf ihrem Skateboard schiebt sie Arash zu sich nach Hause, denn der kann nicht mehr laufen. Dort hören sie gemeinsam eine Rockballade, tanzen dazu endlos lange in Zeitlupe…

Der in schwarz-weiß gedrehte Film ist nicht wirklich ein Vampirfilm, seine eigentlich schlichte Geschichte schnell erzählt: Arash (Arash Marandi) muss seinen geliebten Ford Thunderbird dem Dealer Saeed (Dominic Rains) überlassen, weil sein drogensüchtiger Vater bei ihm hoch verschuldet ist… Weiterlesen

„Elser“ – nicht nur ein spannender Politthriller, sondern zugleich auch berührender Liebes- und Heimatfilm

In diesen Tagen kommt der sehenswerte Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ über den Hitler-Attentäter Georg Elser in die Kinos. Um es gleich vorwegzunehmen, dieser Spielfilm ist berührender Liebesfilm, hervorragender Heimatfilm und engagierter Politthriller zugleich.

Hätte Hitler im November 1939 nicht 13 Minuten früher als geplant den Münchner Bürgerbräukeller verlassen, wären er und fast die gesamte NS-Führung getötet worden. Die Zeitgeschichte wäre anders verlaufen, Millionen Menschen nicht im II. Weltkrieg umgekommen. Die Historiker haben sich mächtig an dem nur seinem Gewissen verpflichteten Einzeltäter Elser abgearbeitet. Es war ja eine ungeheure Provokation, dass einem allein handelnden Attentäter – in einer Zeit, wo angeblich niemand etwas wusste und keiner etwas tun konnte – ein beinahe erfolgreicher Tyrannenmord gelang. Die kommunistischen, christlichen und bürgerlichen Widerstandskämpfer denunzierten ihn jahrzehntelang als Werkzeug Hitlers. Zu Unrecht, wie Forschungen seit den späten 1960er-Jahren belegen.

Der Film erzählt auf zwei Ebenen – er beginnt mit der Verhaftung Elsers (Christian Friedel), Rückblenden nach Verhören verdeutlichen mit sinnenfrohen Bildern sein Leben im Heimatdorf auf der Schwäbischen Alp: Erste Liebe. Schwimmen im See. Musizieren auf der Kirchweih. Doch immer wieder kehrt der Film ins düstere Gefängnis zurück, zeigt die rüden Vernehmungen und später die halbwegs „milde“ Behandlung des Staatsfeindes.

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„Die letzten Gigolos“ – Der Hauptdarsteller stellt seinen Film in Schlüchtern vor…

Zum Schluss räumt Regisseur Stephan Bergmann den Stehtisch im Kuki-Kino im Exil zur Seite. Nun hat der in Schlüchtern lebende Peter Nemela – „Der letzte Gigolo“ – genügend Platz, um mit einer Zuschauerin noch einen Walzer zu tanzen (Foto). Gemeinsam hatten die beiden ihren Film vorgestellt, der seit sechs Wochen in den Kinos läuft.

„Die letzten Gigolos“ ist ein warmherziger Dokumentarfilm, der professionelle Kavaliere bei ihrer Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ begleitet. Das Tanzen mit älteren alleinstehenden Damen, die gerne solche Schiffsreisen unternehmen, ist Nemelas Job. Auch Flirts, das Rosenverteilen oder die Begleitung kleinerer Ausflugsgruppen gehört zu seinen Aufgaben. 30 Reisen unternahm er mit dem Traumschiff, seitdem er nach seiner Berentung mit 72 Jahren noch einmal eine sinnvolle und tolle Rolle als „Gentleman Host“ fand.

Bergmann drehte seinen Debütfilm, in dem sehr viel getanzt wird, bei laufendem Betrieb auf dem Schiff… Weiterlesen

„Cinderella“ – Kitsch und doch voller Zauber

65 Jahre nach ihrem Zeichentrickfilm „Cinderella“ schuf die Traumfabrik Walt Disney eine neue Fassung dieses Aschenputtel-Motivs. Der Realfilm mit echten Akteuren und digitalen Effekten kommt jetzt in die Kinos.

Vater, Mutter und deren Kind, das noch nicht Cinderella ist, leben glücklich in einer bunten, fröhlichen Welt. Doch eines Tages wird diese Idylle durch den plötzlichen Tod der Mutter zerstört. Ihrer Tochter Ella (Lily James) gibt sie noch die Lebensweisheit mit, immer couragiert und dennoch gütig zu handeln.

Nach einiger Zeit heiratet der Vater die Witwe Lady Tremaine (Cate Blanchett) mit zwei entsetzlich dummen, affektierten Töchtern. Eifersüchtig überwacht die immer garstiger werdende Stiefmutter die vertraute Beziehung ihres Mannes mit Ella. Auf einer Geschäftsreise stirbt der Vater in der Fremde, die Familie verarmt. Nun muss die Vollwaise alle Hausarbeiten verrichten und ihre Sippe bedienen, weil kein Geld für Personal da ist. Sie schläft in der warmen Asche vor dem Ofen und wird zur „schmutzigen Ella“ – zu Cinderella. Weiterlesen

„Als wir träumten“ – Andreas Dresens ebenso harte wie einfühlsame Bestseller-Verfilmung

Regisseur Andreas Dresen präsentierte seinen neuen Film „Als wir träumten“ vor kurzem auf der Berlinale. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Clemens Meyer wurde auf dem Festival kontrovers diskutiert. Jetzt kommt jetzt er in die Kinos.

Der Film beginnt in der finsteren Ruine eines abgebrannten Kinos: „Mark!“, ruft jemand in die Dunkelheit, „Mark?“. Dani (Merlin Rose), der Besucher aus der Vergangenheit, und der drogensüchtige Mark (Joel Basmann) reden über alte Zeiten im Leipziger Osten: Bei den Wehrübungen der Jungen Pioniere hofften sie, an die Brüste der größeren Mädchen dotzen zu können. In der Wendezeit erfreuten sie sich noch an Mikrowellen und Softpornos aus dem Westen. Streiflichtartig skizziert der Film mit diesen Rückblenden jene frühen Jahre, nach denen die Jugendlichen dann ihre wilden Träume leben wollen:

„Wir sind die Größten!“, brüllen sie angesoffen aus geklauten West-Autos. Sie gründen einen illegalen Techno Club in einer alten Fabrik, das „Eastside“, mit dem sie richtig Geld verdienen. Die Mädchen, die sie gerne hätten, kriegen sie dennoch nicht, nackt sieht Andi sein geliebtes „Sternchen“ (Ruby O.Fee) nur in der Striptease-Bar… Weiterlesen

„Traumfrauen“ Im Gespräch mit Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung und Palina Rojinski

In Berlin sprach ich mit den Darstellerinnen Hannah Herzsprung, die gerne einmal eine Ballett-Tänzerin im Film spielen möchte und Palina Rojinski, die irritiert war, dass ihre Filmrolle in „Traumfrauen“ als so männlich erlebt wurde. Beide erzählten, dass die Dreharbeiten mit der Filmemacherin Anika Decker unglaublich viel Spaß gemacht hätten und sehr harmonisch gewesen seien. „Das war ein „Aphroditentempel“, meint Rojinski. Bei ihrem Regiedebüt hätte Decker auch allen Akteurinnen genügend Raum für Improvisationen gelassen, so festgelegt seien die Dialoge gar nicht gewesen. Der Titel „Traumfrauen“ sei natürlich augenzwinkernd gemeint gewesen. Decker hatte Elyas M’Barek die Rolle auf den Leib geschrieben, doch der fühlte sich nicht als Hahn im Korb. Bescheiden meinte er, es seien doch auch andere Männer am Set gewesen. Wir stellten ihm drei weitere Fragen:

Wie war der Dreh mit so vielen Frauen?

„Es war natürlich sehr wichtig, dass eine Frau diesen Film gemacht hat, weil ja viele Dinge angesprochen und gezeigt werden, die man als Mann gar nicht so weiß… Weiterlesen

Zum Ende der 65. Berlinale (Kommentar)

Die Filmfestspiele in Cannes sind glamouröser, die in Venedig ambitionierter? Na und? Mit über 320.000 privaten Besuchern ist die Berlinale das größte Zuschauerfestival der Welt, mehr als 20 Millionen Euro fließen dadurch in ihre Kasse. Von wegen fehlende Programmatik oder unzureichend kuratiert: In einem Dutzend Sektionen liefen 441 Filme – vom Märchentraum für die ganze Familie bis zum experimentellen Geflimmer, vom Politthriller bis zum Genderporno. Und vor allem jede Menge einfach nur gut erzählte, sehenswerte Filme.

Dazu fanden bei den Festspielen Minderheiten, Unterdrückte und Ausgegrenzte aus aller Welt ein cineastisches Forum. „Durch den Film sind wir mit den Problemen dieser Welt verlinkt“, meinte Festivalleiter Dieter Kosslick. Völlig zu Recht bekam deshalb der im Iran mit Berufsverbot belegte und politisch verfolgte Filmemacher Jafar Panahi den Goldenen Bären für seinen subversiven Wettbewerbsbeitrag „Taxi“. Eigentlich gilt ja für die Beurteilung eines Films, dass eine geniale Idee noch kein gutes Werk ausmacht.

Doch in Zeiten, in denen Künstler für die Freiheit der Kunst sterben, darf auch die Kunst für die Freiheit der Künstler kämpfen. Panahis listiges Meisterwerk ist kein Jammerfilm, sondern zeigt – oft sehr humorvoll – Menschen im iranischen Alltag unter der Mullah-Diktatur. Weiterlesen