Ulrich Barnickels Modelle der „Sieben Todsünden“ nun auch in Fulda…

In der Bibliothek des Fuldaer Priesterseminars präsentiert Bildhauer Ulrich Barnickel bis zum Ende der Fastenzeit seine Figurengruppe „Die sieben Todsünden“, die er Ende 2016 in Gotha erstmalig zeigte (siehe hier). Zur gut besuchten Vernissage brachte Komponist Franz Vorraber seine eigens für diese Skulpturen komponierten Klänge zu Gehör.

Nachdem der Tonkünstler zunächst Robert Schumanns romantische „Fantasie“ auf dem Flügel vortrug, ging er mit seinem „Klang der Todsünden“ entschieden zu Sache. Denn Barnickels kleine Sündenskulpturen sind ja nun keineswegs niedliche Modelle für größere Arbeiten. Der „Stolz“ etwa ist eine grobe Figur, die mit ihrem Körperausdruck die eigene Wichtigkeit überdehnt und rücklinks hinzufallen scheint. Vorrabers Paraphrasierung des Stolzes begann zwar mit wohlklingender, feierlicher Marschmusik, die dann jedoch kratziger, aufgeblasener und immer schriller bis zum Umfallen wurde.

In Barnickels „Wollust“ ringen zwei stark stilisierte Figuren miteinander, der Mann ergreift eine Frau von hinten, die wohl nur ungern ihren prächtigen Hintern von ihm losreißt… Weiterlesen

„Die Frau im Mond“ – ein Film, poetisch wie sein Titel

In der französischen Provence war es, in den 1950er Jahren, für Frauen bestimmt kein Zuckerschlecken, sexuelle Begierde zu spüren und von der großen Liebe zu träumen. Auch die verliebte junge Träumerin Gabrielle (Marion Coillard) bekommt die Verachtung ihres Dorfes zu spüren, als sie vom Dorflehrer öffentlich brüsk zurückgewiesen wird.

Aber hat er sie denn nicht durch das Ausleihen von Liebesromanen geradezu ermuntert sich ihm zu nähern und hinzugeben? Gabrielles wütende Mutter droht, sie lasse die Tochter in die Irrenanstalt einweisen, wenn sie nicht den baskischen Flüchtling José (Alex Brendemühl) heiraten würde: „Du bist nicht verrückt, aber Du lebst in Deiner eigenen Welt!“

Die Mutter verspricht dem, zunächst zögernden Basken Geld und Unterstützung bei seiner Verwirklichung beruflicher Pläne. Widerstrebend willigt schließlich auch Gabrielle in den Handel ein, nicht ohne José klar zu machen, dass sie niemals mit ihm Sex haben werde. Doch als der Mann wieder einmal zu den Huren gehen will, macht seine Frau sich erotisch zurecht, fordert ihn auf, Geld auf den Küchentisch zu legen und gibt sich ihm hin.

Aufgrund ihrer Dauerschmerzen in der Niere, geht Gabrielle widerwillig in ein Sanatorium in der Schweiz. Dort fällt sie durch ihr exzentrisches Auftreten auf, verliebt sich aber unsterblich in den depressiven und totkranken Offizier André (Louis Garrel), der im Indochina-Krieg verwundet wurde. Kann sie mit dem geheimnisvollen Opiumesser endlich die so lang ersehnte heiße Liebe ausleben und ihre Begierde stillen? „Dein Körper ist in mich eingedrungen, ich bin ein Teil von ihm“, schreibt sie später. Weiterlesen

Kommentar zum Ende der Berlinale 2017

„Wir brauchen Filme, die mutig sind“, meinten einige Filmschaffende, als sie ihre Bären annahmen. Osteuropäische Regisseurinnen sprachen von den „Komfortzonen“, aus denen man sich herauswagen und Neues probieren müsse. Manche, die nicht auf Preise abonniert sind, vergossen Freudentränen – und als Kritiker wollte man wohl mitweinen.

Die 67. Berlinale präsentierte in allen ihren Bereichen couragierte Streifen, um uns Zuschauern aber auch den Filmleuten Mut in düsteren Zeiten zu machen. Selbst wenn manche Werke einen ziemlich herunterzogen, so machten sie doch immer Auswege deutlich.

Nach dem Festival wird wohl, wie immer, genörgelt werden, es sei nicht glamourös gewesen oder viele Filme nur durchschnittlich. Doch das empfinden die über 300.000 Besucher des Publikumfestivals gewiss ganz anders. Im Gegensatz zu den elitären „Fachmessen“ in Venedig oder Cannes können sie sich in Berlin selbst eine Übersicht zum Gegenwartskino verschaffen.

Im „Großen Wettbewerb“ entschied die kompetente Jury sehr weise und wie von uns erwartet. Doch die Gold- und Silberbären brummen ja nur auf der Spitze des Berlinale-Eisbergs. Von unabhängigen Jurys gab es zahlreiche pekuniäre oder ideelle Preise zur Ermutigung in allen Sektionen. Allein deren Nennung würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen.

Letztes von der Berlinale (10)

Ein Stimmungsbild vom letzten Tag:
Ist Hugh Jackman tatsächlich barfuß über den roten Teppich gegangen? Wir wissen es nicht, denn während ich die Service-Leute dazu befragen will, kommt über ihre Walkie Talkies das Verbot, mit der Presse zu reden. Was in den Hirnen der Leitung von Leiharbeitsfirmen vor sich geht, wissen wir auch nicht…

Dagegen dürfen die von der Berlinale angestellten Service-Leute „natürlich mit mir sprechen“ (so der Presse­chef): Zunächst lag am Tag, als Jackman in der Pressekonferenz war, hinter dem Podium nur ein Schuhabsatz, im Promi-Ausgang eine ganze Schuhsohle, drüben im Berlinale-Palast sogar Strümpfe… aber ob die nun vom großen Star waren?

Eine Kollegin kommt zum Ticketstand für die Zeitungsleute und schmeißt empört ihr kostenloses Billet für „The Party“ auf den Tisch. Dazu kreischt sie, die Mitarbeiter hätten ihr gefälligst sagen müssen, dass die Karte für einen Film und nicht für die Abschlussparty der Berlinale sei.

Die „Badges“, also die umgehängten Foto-Plastikkarten mit der Akkreditierung zur Berlinale, sind ein Heiligtum. Bei jedem Festival versuchen Dutzende von filmgierigen Menschen mit alten oder gefälschten Badges in die Berlinale-Kinos zu kommen.

Eine Koreanerin wollte ihren Badge beim Rausgehen aus den Pressevorführungen unbedingt immer zeigen, berichtet ein Whistleblower der Service-Firma. Sie hatte Angst, sonst nicht herauszukommen.

Dann erzählt er die Geschichte eines holländischen Journalisten, der bei 19 Kinobesuchen wohl 90 Mal den Badge zeigen musste. Die Karte wird im Idealfall zwischen Daumen und Zeigefinger hochgehalten. In einem Alptraum sei der Kollege mit Fingerstarre aufgewacht.

Anke Engelke ist beim Service sehr beliebt: „Die kennt doch hier nun wirklich jeder!“ oder „Die ist immer sehr bezaubernd und lobt uns, das tut gut.“

Während ein Neuköllner Jungfilmstar sich immer „fürchterlich aufbläst, wenn er seine Karte zeigen soll“, präsentiert die Moderatorin der Eröffnungs- und Abschlussgala immer brav ihren Badge. „Dafür ist der doch da“, meint sie.

„Wir sollen nicht wie ein Schluck Wasser dastehen“, lautet die Anweisung der Berlinale. In den letzten Jahren gab es wohl immer wieder Pressefotos, auf denen sich alle mit glänzenden Augen um die Stars scharten, nur die Platzanweiser hingen hinten schlaff herum.

Zum Schluss verteile ich „Goldbären“ von Haribo an die Service-Leute, die sich über Dank und Resonanz immer sehr freuen: „Wir sind doch wie eine große Familie“, meint einer.

Foto: Hugh Hackman in der Pressekonferenz zu „Logan“ (c) Hw Kruse

Neues von der Berlinale (9)

Im Keller des Pressecenters hockt eine frierende junge Frau. Sie ist nicht das filmreife „Mädchen mit den Schwefelhölzern“, sondern gibt Pfandbecher aus. Für 2 Euro kann man einen schicken weißen Behälter mit dem roten Bären leihen (und behalten). Das ist preiswerter, als die offiziellen Müslischalen oder andere Andenken an das Festival. Die Berlinale hat ihren ökologischen Anspruch: Kostenlose Kaffee wird den Journalisten nur in ihren eigenen Gefäßen gereicht und die Kapseln aus den Automaten werden wieder recycelt.

Schon immer will das Festival Verständigung und Toleranz fördern. Doch es reagiert nicht nur mit der Programmauswahl auf gesellschaftliche Situationen, sondern auch durch viele soziale Aktivitäten für Menschen mit geringem Einkommen oder Flüchtlinge. Auch die von mir befragten Service-Leute in allen Bereichen schätzen ihren Job.

Gestern, am letzten Tag des Wettbewerbs, wollte die Berlinale wohl noch mal so richtig zeigen, was sie drauf hat: Wir können auch Comic oder Action! Es gibt einen ganz exzellenten chinesischen Zeichentrickfilm („Have a Nice Day“). In sehr realistischen Farben und mit echten Geräuschen wird die Geschichte einer umkämpften Geldtasche gezeigt. Der Regisseur war lange Zeit Maler und dachte sich, „warum keinen Film malen?“

Außerdem läuft ein hektischer, blutiger Action Thriller: Von der Industrie ausgemusterte Mutanten, also künstliche Menschen, kämpfen um ihr Leben und das ihrer Kinder („Logan“). Neben mir heult eine russische Kollegin ganz fürchterlich.

Die ausländischen Kollegen diskutieren auf den Pressekonferenzen die Filme aus der Heimat – etwa Korea, Chile oder USA – oft kenntnisreich in ihren Muttersprachen. Das gibt dem Festival nicht nur die internationale Atmosphäre, sondern ermöglicht oft weitere neue Blicke auf die gerade gesehenen Streifen. So erfuhren wir in „Joaquim“, wie im modernen Brasilien immer noch die alten kolonialen Strukturen nachwirken.

Foto:
Mal ich selbst in der Pressekonferenz, fotografiert von Dong Jun Jerome Lee

Neues von der Berlinale (8)

In der Früh, auf dem Weg zum Berlinale-Palast, sitze ich müde in der S-Bahn, vertieft in meine Filmpläne. Irgendetwas rempelt mich an, ich sehe hoch – und schaue in die Sonne: Ein lichtblondes, vielleicht zweijähriges Mädchen strahlt mich mit blauen Augen an; mir geht das Herz auf. Später beim Aussteigen liegt ein blutender Obdachloser regungslos auf der Steintreppe, Helfer bemühen sich um ihn, steif klammert sich daneben ein Nichtsesshafter an Krücken. Ist der, möglicherweise tote Mann Opfer eines Überfalls oder betrunken die Stufen heruntergefallen?

Meine Berliner Wirklichkeit ist filmreif und widersprüchlich – so gegensätzlich, wie die Scheinwelt in den Festspielkinos: Ich sehe diesen wunderbar-poetischen Film aus Ungarn, über den ich hier schon berichtete: Die ätherische blonde Hauptdarstellerin wird darin oft zur Sonne. Oder ich gucke blutige Horrorkomödien wie den genialen spanischen Streifen „El Bar“. Er zeigt, wie acht Menschen einander in einer abgeschlossenen Kneipe ausgeliefert sind und sich gegenseitig psychisch, später auch physisch zerfleischen.

Dieser Streifen, wie ebenso neulich der blutige chinesisch-japanische Gangsterfilm „Mister Long“, machen deutlich, der Wettbewerb im Festival ist nicht mit Beziehungs- und Problemfilmen übersättigt. Sogar die schrille Fortsetzung des legendären cineastischen Werks „Trainspotting“ von 1996 (!) läuft – allerdings außer Konkurrenz – ebenfalls im Wettbewerb.

Ich habe hier gelegentlich ironisch über die Presseleute gelästert. Doch heute muss ich mal schreiben, dass das gemeinsame Anschauen von Filmen mit so vielen Kinofreunden sehr anregend ist. Viele kontroverse Diskussionen mit den Anderen vertiefen die Wahrnehmung und eröffnen oft weitere Gesichtspunkte oder neue Perspektiven der Streifen.

Durch den Vergleich der Wettbewerbsbeiträge, verändert sich sowieso im Nachhinein häufig die spontane Bewertung der verschiedenen Filme für mich…

Neues von der Berlinale (7)

Wieder einmal verlasse ich vorzeitig den Berlinale-Palast. „Colo“, die portugiesische Sozial-Tristesse zieht sich ewig hin (138 Minuten) – und ich bin unter Zeitdruck. Denn die täglichen drei Wettbewerbs-Filme und ihre Pressekonferenzen sind so dicht getaktet, dass ich ständig zu früh gehen muss. Zwischendurch schreibe ich dann dieses Tagebuch.

Ein Servicemann erzählt mir, dass er neulich im Monitor neben seinem Kaffeeautomaten eine tolle Pressekonferenz mit einer Regisseurin erlebt hätte. Am nächsten Morgen sei sie zum Kaffeetrinken gekommen und er fand es toll, dass er ihren Film loben konnte.

Manchmal sind diese Konferenzen einfach großartig, wie gestern mit dem finnischen Regisseur Aki Kaurismäki. Er sieht so muffig und schräg aus wie seine Filmfiguren, aber wenn er den Mund aufmacht, ist er warmherzig und doch ironisch. So wie seine Filme. Auf die Frage einer Kollegin, was er denn von der „Islamisierung Europas“ halte, knurrte er, man spräche ja auch nicht von der Islandisierung Europas, nur weil Island bei der letzten Fußball-EM so gut gewesen sei. Sein Schauspieler sang dann ein trauriges finnisches Lied. „So ist Finnland“, meinte der Regisseur.

Gerne branden bei diesen Konferenzen auch immer wieder Fragen nach der „Wahrheit“ im Film auf. Gestern bei der spannenden Doku über den Künstler Joseph Beuys wurde nicht gemeckert, weil der Regisseur ja Originaldokumente verwendet hatte. Aber deren Auswahl und, vor allem, deren Gestaltung ist ja auch sehr subjektiv: War Beuys wirklich „so“?

„Django“, der Eröffungsfilm, wurde heftig diskutiert, weil der Musiker „so“ ja nicht von den Nazis verfolgt worden und nie in der Schweiz gewesen sei. Doch es wurde eine Episode aus seinem Leben genutzt, der Streifen erhob nicht den Anspruch eines Dokumentarfilms. Ein Spielfilm, Filmkunst, darf frei den Geist einer Epoche verdeutlichen und Fragen aufwerfen, sie muss nicht die vermeintliche historische Wahrheit zeigen.

Foto: Aki Kaurismäki in der Pressekonferenz

Neues von der Berlinale (5)

Als die Berlinale begann, strahlten alle Servicekräfte. Ich kam mir vor wie in Thailand, dem Land des Lächelns, wo ich bis dahin den Winter verbrachte. Dort in der Ferne bekam ich zum Jahresbeginn ständig Einladungen aus Berlin, um vorab fast alle Festivalfilme aus verschiedenen Sektionen zu sehen. Nur für die Wettbewerbsfilme gab es keine Voraufführungen. Das Festival konnte für akkreditierte Journalisten also bereits im Januar beginnen.

Nun muss ich ständig jonglieren, sehe ich Streifen im Wettbewerb oder anderen Bereichen, weil sich alle Anfangszeiten dauernd überschneiden. Gestern wollte ich „Una Mujer Fantastica“, das Drama eines transsexuellen Menschen aus dem Wettbewerb“, für einen Thailand-Film im „Forum“ schwänzen. Doch die Doku zeigte nur eine endlose Fahrt mit der siamesischen Eisenbahn – zum meditativen Klack-Klack der Räder flimmerten Bilderströme von Landschaften und Menschen auf der Leinwand. Bald hatte ich keine Ruhe mehr und ging doch noch in den Wettbewerb.

Auch aus dem didaktischen Schmachtfetzen „Viceroy’s House“ bin ich abends vorzeitig ausgestiegen. Es war die Weltpremiere eines Films über die Selbständigkeit Indiens, verknüpft mit einer Liebesgeschichte. Das aber habe ich bereits sinnlicher und aufregender gesehen (etwa in „Mitternachtskinder“).

Zwar bin ich aus dem letztjährigen – später vielfach preisgekrönten – Berlinale-Streifen „Victoria“ vorzeitig abgehauen. Das war ein Fehler, wie ich später bekennen musste. Doch in „Tiger Girl“, zum Beginn dieser Festspiele, erlebte ich zwei Stunden lang hingestammelte Dialoge und Prügeleien zwischen Mädchen. Danach beschloss ich, meine Kräfte zu schonen und weiterhin früher aus nervenden Filmen zu gehen.

Immerhin habe ich bis jetzt viel gesehen, das mich begeistert hat. Darüber schreibe ich morgen.

Neues von derBerlinale (4)

Die Kollegen drängeln, schubsen, drücken, um den Berlinale-Palast zu verlassen. Doch auf den Treppen bleiben viele plötzlich wie angewurzelt stehen, um E-Mails zu checken. Kein Rauskommen, das ist die Gelegenheit, meine Medizin gegen trockene Augen einzuträufeln. „Kannste auch keine Filme mehr sehen?“ Den Joke höre ich seit Jahren. Mittlerweile habe ich mich eingelebt, mein Zeitgefühl verändert sich. Streifen, die ich vor Tagen gesehen habe, sind weit weg.

Einen Film sehe ich neben einer Übersetzerin. Ich habe noch nie über die Stimmen nachgedacht, die aus den kleinen Übersetzungsgeräten säuseln. Die Frau schaut immer vorher die Filme und dolmetscht in den Pressekonferenzen die Diskussionen. Sie liebt Kino und natürlich ihren Festival-Job: „Das ist schon anders, als bei der Landwirtschaftsausstellung“, meint sie. Von ihr erfahre ich, dass sie auch Interviews betreut. Also hätte ich, selbst mit meinem schlechten Englisch, Regisseur Aki Kaurusmäki interviewen können…

Es ist schon ein großes Privileg, neben den vielen neuen Filmen die ich sehen kann, hier als „Tagespresse“ akkreditiert zu sein. Draußen stehen die Leute in der Kälte am Hinterausgang des Pressecenters oder am roten Teppich, um Blicke auf ihre Stars zu erhaschen. Mir sitzen sie, meist ungeschminkt und in einfachen Klamotten, einige Meter gegenüber und ich kann sie in den Konferenzen zu ihrer Arbeit befragen.

Tja, drei bis vier Filme am Tag, wie schafft man das? „Ich könnte das nicht“, meinen viele Freunde. Manchmal bin ich schon müde, aber ich wähle die Streifen gut aus, so dass die meisten meinen Geschmack treffen und mich begeistern. Im Kino schreibe ich dann mir wichtige Szenen oder Dialoge auf, notiere direkt, was mich ärgert oder fasziniert. Die Konferenzen vertiefen oft meine Eindrücke. Nach einem Kaffee habe ich dann Kopf und Seele halbwegs frei und kann mich auf die nächste Vorführung freuen. Wie jetzt auf den polnischen Wettbewerbsbeitrag „Spoor“.

Neues von der Berlinale (3)

„Schau für uns mit!“, schrieb ein Freund als Widmung in den Berlinale-Roman „10 Tage im Februar“, den er mir zum Abschied schenkte. Die Ich-Erzählerin und „echte“ Filmkritikerin Heike Melba-Fendel, wird für die Zeit der Festspiele von ihrem Mann verlassen. Sie stürzt sich in den Rummel und reflektiert zugleich ihre Beziehung zu ihm – den sie nur „der Mann“ nennt und am Ende verlässt. In ihren Erinnerungen verweben sich Geschichten und Filme der letzten Berlinalen, an die auch ich mich gut erinnere. Es war die Zeit, als Anke Engelke noch selbst in den Pressekonferenzen kluge Fragen stellte oder behauptete, Schlaf werde auf der Berlinale überschätzt.

Schon sehr spät sah auch ich gerade, „Es war einmal in Deutschland“ mit Moritz Bleibtreu. Er spielt in diesem wunderbar melancholischen und zugleich humorvollen Film einen Juden, der durch seine Schlitzohrigkeit, vielleicht aber auch durch Verrat das Lager überlebt hat.

Wie viele andere wird wohl auch dieser Streifen aus der Panorama-Sektion nicht in Osthessen laufen. Es kommen ja nicht einmal alle Wettbewerbsfilme in die deutschen Kinos. Zum Glück hat das ZDF diesen Film mitfinanziert, so dass er bei uns wenigstens im Fernsehen zu sehen sein wird. Sehr viele Kino-Filme werden neben der Länder- und Bundesfinanzierung mit fast 400 Millionen Euro im Jahr vom öffentlich-rechtlichen TV mitfinanziert und wenigstens irgendwann von ihnen ausgestrahlt.

Neulich las ich, die deutsche Filmwirtschaft habe nicht nur diese kulturelle, sondern auch große wirtschaftliche Bedeutung: In der Branche werden von 160.000 Beschäftigten jährlich fast 25 Milliarden Euro erwirtschaftet, die Hälfte vom Fernsehen.

Doch allein 260 deutsche Filme im letzten Jahr, wer soll die alle sehen, fünf Streifen pro Woche? Wir machen mit unserer Auswahl bei der Berlinale „quasi kulturelles Marketing“, meinte Festivaldirektor Dieter Kosslick.

Quelle Zahlen:
Bundeswirtschaftsministerium nach FR 3.2.17

Foto: Abends bei Vollmond nach Hause kommen…