„Phoenix“ – der neue Film von Christian Petzold

Eine Frau auf der Suche nach sich selbst

Nach seinem DDR-Drama „Barbara“ aus dem Jahr 2013 hat Regisseur Christian Petzold wieder einen bewegenden Film mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld gedreht: „Phoenix“ ist ein Film über die deutsche Nachkriegszeit – und großes Kino.

Die Jüdin Nelly (Nina Hoss) hat das KZ Auschwitz schwer verletzt überlebt. Nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands kehrt sie in ihre Heimatstadt Berlin zurück, lange bleibt ihr Gesicht hinter dicken Kopfverbänden verborgen. „Wie wollen Sie aussehen?“, fragt der plastische Chirurg. „So wie früher“, antwortet ihre dumpfe Stimme unter den Verbänden. „Das wird schwer möglich sein“, meint der Arzt, „aber draußen laufen noch so viele Nazis herum, die gerne ein neues Gesicht hätten.“ Als Nelly später ihr fremdes Antlitz im Spiegel sieht, ist sie entsetzt: „Mich gibt es ja gar nicht mehr.“ Weiterlesen →

Nina Hoss und Christian Petzold zum Film „Phoenix“

„Wenn Nina kam, verstummten alle Gespräche“ – Darstellerin Hoss und Regisseur Petzold zu den schwierigen Dreharbeiten

Für Nina Hoss war es eine große Verantwortung, eine Holocaust-Überlebende zu spielen. Und Regisseur Christian Petzold bewunderte, wie seine Hauptdarstellerin beim Drehen schwierige Situationen gemeistert hat, wie die beiden im Gespräch mit mir erzählen.

Liebe, Verrat, Schuld, Identität: „Phoenix“ behandelt die großen Themen des Kinos. „Ja, da trifft eine Figur, die Nelly, auf das Berlin in der Nachkriegszeit, auf das Deutschland, das nichts von ihr wissen will“, meint Nina Hoss. „Es ist ein ganz kleiner Kosmos in diesem großen Ganzen, der wie in einer Druckkammer untersucht wird. Diese für sich allein komplizierte Geschichte in so ein Setting zu setzen, das ist besonders und darin liegt auch einer der Unterschiede zu manch anderen Filmen über die Nachkriegszeit.“ Weiterlesen →

Der Literatur-Comedian Tim Boltz in Fulda

Lachen – bis die Stühle krachen

Tim Boltz alias Zeno Diegelmann ist ein Krimischreiber und Literatur-Comedian. Mit seiner Lesung „Rüden haben kurze Beine“ entpuppte er sich im Fuldaer Kulturkeller auch als genialer Schauspieler. Es ist der Höhepunkt der ersten Erzählung, das Publikum kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus: Gerade hat Robert auf dem Tanzboden Jana kennengelernt, Pirouetten gedreht und schmerzhaft einen Spagat versucht. „I will survive“ (Ich werde überleben) paraphrasiert leise die Pianistin Corinna Fuhrmann die Geschichte. Dieser Abend soll die „Nacht der Nächte“ werden, freut sich Robert bereits, doch sein Deo versagt beim Tanzen. Verzweifelt reibt er sich nach Waldmoos riechende Urinsteine aus der Herrentoilette unter die Achseln. Da bricht der Stuhl eines lachenden Besuchers in der ersten Reihe zusammen. Weiterlesen →

„Schoßgebete“ – eine richtig miese Literaturverfilmung

Die Verfilmung der „Schoßgebete“ von Charlotte Roche ist, anders als die ihres ersten Buches „Feuchtgebiete“, nicht besonders sehenswert. Zu sehr schleppt sich die Handlung dahin, vom Geist der Romanvorlage ist wenig zu spüren.

Bei Autoren, denen auf Anhieb ein Erfolgsroman gelingt, ist das zweite Buch oft mit hohen Erwartungen überfrachtet. Das Problem hatte Charlotte Roche nach ihrem ersten Bestseller „Feuchtgebiete“ überhaupt nicht. Die neue Geschichte ist gleichsam im fortgeschrittenen Geist der ersten geschrieben: „Schoßgebete“ ist reifer geworden, so wie die neue Heldin selbst. War Helen noch jung, naiv und voller schräger Einfälle, so ist Elisabeth „spießig, ängstlich und analfixiert“, dabei aber auch nicht schlecht mit ihren gedanklichen Eskapaden: Ihre Therapeutin lüftet vor jeder Sitzung, „damit es nicht nach Patient riecht.“ Oder es macht Elisabeth „wirklich aggressiv“, dass ihr Ex-Freund weiß, „wie ich nackt aussehe. Ich würde gerne seine Erinnerung löschen.“ Weiterlesen →