„Knives Out“ – radikal aufgefrischtes Agatha-Christie-Kino

„Knives Out – Mord ist Familiensache“ war auf dem Weg ein erfolgreicher Blockbuster mit zahlreichen Hollywood-Stars zu werden – doch dann kam das Corona-Virus, die Kinos wurden geschlossen. Ab sofort ist er als DVD usw. erhältlich.

Morgens nach seinem 85. Geburtstag wird der erfolgreiche Schriftsteller und Verleger Harlan Thrombey (Christopher Plummer) mit durchschnittener Kehle gefunden. Vieles deutet auf einen abstrusen Selbstmord hin, doch der berühmte und stets erfolgreiche Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) glaubt nicht an einen Suizid. Gemeinsam mit der Polizei versucht er ein Motiv für das Verbrechen zu finden und die Identität des Opfers zu erkunden. Das Publikum begleitet die Ermittler bei dieser „Familienaufstellung“ und stößt in der großen, angeblich harmonischen Sippe auf üble Probleme. Kaum sitzen die möglichen Verdächtigen einzeln im Verhör, gehen sie hasserfüllt mit – imaginären – Messern aufeinander los: Ein Verheirateter hat eine wilde erotische Affäre. Eine veruntreut das reichhaltige Collegegeld für die Tochter. Jemand soll den Verlag nicht mehr leiten dürfen. Ein anderer wurde enterbt. Aber alle Motive in diesem Sündenpfuhl reichen nicht für einen tückischen Mord oder die möglichen Beschuldigten haben ein Alibi. In der Mitte des Films glaubt man als Zuschauer die Lösung zu begreifen: vielleicht war es doch ein Selbstmord? – doch das bleibt wirklich bis zum Ende offen.

Von der Kritik wurde der Streifen als großartiger, klassischer „Whodunit“ gefeiert, dieser englische Begriff steht für Who done it?  (Wer hat es getan?): Drei bedeutsame Aspekte des Film machen ihn zu diesem Genre: Die Handlung spielt überwiegend im weiträumigen Anwesen, in dem der mögliche Mord verübt wurde. Die Zahl der Verdächtigen ist überschaubar, trotz gegenteiliger Annahme der störrischen Familienmitglieder kann kein Fremder die Tat begangen haben: Mord ist Familiensache. Der Täter bzw. die Täterin wird nach zahlreichen Wandlungen und Umwegen am Ende vor allen Beteiligten überführt. Dabei spielen Messer noch einmal eine große Rolle. Weiterlesen

Bombenanschläge an der Algarve – Lost in Fuseta Band 4

Soeben erschien „Schwarzer August“, der vierte Band der Reihe „Lost in Fuseta“, in der Autor Gil Reibeiro von den Erlebnissen eines deutschen Kriminalisten mit Autismus in Portugal erzählt.

Nach der Liebe kuschelt sich das Paar wohlig aneinander: „Das sind die Pheromone“ erklärt der Mann, „unsere Zuneigung ist das Produkt eines chemischen Prozesses.“ Die Frau küsst ihn und flüstert leise: „Mein Romantiker.“ Dieser Beginn der Geschichte mag neuen Lesern normal vorkommen, für Kenner der Buchreihe ist sie eine Sensation. Denn drei Bücher lang waren Leander Lost, dem seltsamen Kommissar aus Hamburg, körperliche Berührungen ein Gräuel. Die Verliebtheit Soraias und seine eigenen Gefühle konnte er lange Zeit nicht erkennen – nun haben die beiden endlich zueinander gefunden.

In der Hitze der Algarve stieg der Austauschpolizist ein Jahr vorher steif in seinem schwarzen Anzug aus dem Flugzeug und verwirrte die portugiesischen Kollegen in dem kleinen Städtchen Fuseta mit seltsamen Verhaltensweisen. Er lernte zwar blitzschnell die Sprache und zog hervorragende Schlüsse in der Ermittlungsarbeit, produzierte aber zahlreiche Missverständnisse. Er kapierte keine Redensarten oder Metaphern und eckte brutal in der Polícia Judiciária an, weil er nicht lügen kann. Als er dem Kommissar Carlos bei einer Geiselnahme bewusst ins Bein schoss, fiel es seinem Team zunächst schwer, die Genialität dieser Rettungsaktion zu verstehen. Die Bücher der Fuseta-Reihe erweitern nicht beliebig die zahlreichen Regionalkrimis von Ostfriesland bis Thailand. Weiterlesen

Christo – viel, viel mehr als ein Verpackungskünstler (2)

Im Berliner Palais Populaire begann die Ausstellung der von Christo & Jeanne-Claude realisierten „Projekte 1963 – 2020“. Die Schau gibt mit Skizzen und Collagen einen umfassenden Überblick zum Gesamtwerk des Künstlerduos.

Nach dem Reichstagsprojekt erklärten Christo & Jeanne-Claude, sie wollten zukünftig nichts mehr verhüllen. Das hielten sie zwar nicht durch, ohne die 2009 verstorbene Jeanne-Claude plante und verschob Christo in diesem Jahr die Verhüllung des L’Arc de Triomphe in Paris auf 2021. Aber die kümmerliche Reduzierung der beiden auf „Verpackungskünstler“ ist unsinnig, weil sie die von ihnen ausgewählten Objekte – seien es nun Bauwerke, Felsküsten oder Bäume – nicht verhüllten um sie unsichtbar zu machen, sondern um dadurch zeitweilige Riesen-Skulpturen zu erschaffen.

Zugleich verwirklichten die beiden auch andere beeindruckende Großprojekte durch Eingriffe in die Natur ohne sie zu verpacken. Etwa die Installation eines riesigen Vorhangs in einer amerikanischen Landschaft („Valley Curtain 1970/72“), die Umrandung einer Insel bei Florida („Surrounded Islands 1980/83“) oder das Projekt von über 4000 zeitgleich aufgestellten Schirmen in Japan und Kalifornien („The Umbrellas 1984/91“). Bei diesen Gestaltungen der Landschaften gingen Natur und Kunst immer eine vorübergehende Liaison ein:

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Valley Curtain 1970/72“ 

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Christo – viel, viel mehr als ein Verpackungskünstler (1)

Zum Tod des Künstlers Christo (1935 – 2020) Teil 1

New York / Frankfurt (Weltexpresso) – Beim Schreiben über das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, sowie mitten in der Recherche ihrer Projekte, erreichte mich die Nachricht vom plötzlichen Tod des Künstlers. Im Juni vor 25 Jahren hatten die beiden den Berliner Reichstag verpackt. Nach dem Ende des Corona-Lockdowns begann neulich im Berliner Palais Populaire die umfangreiche Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude. Projects 1963-2020“.

Die beiden wurden am gleichen Tag im gleichen Jahr geboren und trafen sich in den frühen 1960er-Jahren als Seelenverwandte in Paris. Christo flüchtete über Wien und Genf aus Bulgarien hierher, Jeanne-Claude lebte mit ihrer Familie zeitweilig in Nordafrika. Von Anfang an entwickelte das Duo sämtliche Projekte gemeinsam. Doch aus taktischen Gründen firmierte Christo als der Künstler und Jeanne-Claude als seine Organisatorin in der von Machos beherrschten Kunstwelt. Erst Jahrzehnte später nach dem internationalen Erfolg lüfteten sie das Geheimnis ihrer symbiotischen künstlerischen Tätigkeit. Jeanne-Claude starb bereits 2009, doch Christo machte immer wieder deutlich, dass auch die neuen Projekte – wie der im nächsten Jahr verhüllte „Arc de Triomphe“ in Paris oder das einzig dauerhafte, gigantische Werk „The Mastaba in Abu Dhabi“ – auf gemeinsamen Fantasien und Planungen beruht.

Das Künstlerpaar erweiterte den modernen Kunstbegriff beträchtlich und verschob die Grenzen der zeitgenössischen Kunst auf nie geahnte Weise: Ihre riesigen ästhetischen Landschaftsgestaltungen oder durch Verhüllung entstandenen Skulpturen faszinierten und verzauberten Millionen von Menschen. Teil dieser nicht-elitären Gesamtkunstwerke, die immer nur kurze Zeit existierten, waren die jahrelangen Vorplanungen, die öffentlichen Auseinandersetzungen um die Realisierung, das Durchhaltevermögen des Paares, die Einbindung des Publikums, das mediale Echo und die Finanzierung ohne öffentliche Mittel oder Aufträge. Weiterlesen

Gesamtkunstwerker oder Salatmacher?

Ein Besuch beim Berliner Künstler Volker März.
Kurz nach Eröffnung der Frühjahrsausstellung in der Kunststation begann der Lockdown, Jetzt ist sie wieder geöffnet, erneut kann man auch vielfältige Arbeiten von Volker März (62) erleben. Am 7. Juni liest er in der Station „Ich bin ein Stern und suche Liebe.“ Wir besuchten ihn in seinem Berliner Atelier.

„Das ist oft die pure Lust“, meint März über das Kneten seiner kleinen Tonfiguren, die zum Leben erwachen, wenn er sie nach dem Brennen bemalt. Dann sagt er einer auch schon mal: „Du bist aber ein Schöner!“ Er braucht viele dieser Gebilde, um sie in Gruppen auszustellen, mit ihnen Geschichten zu erzählen oder sie auf Reisen mitzunehmen. Manchmal illustrieren sie bereits aufgeschriebene Erzählungen, oft tauchen sie seltsam verfremdet – wie lebensgroß – in seinen Reisefotos oder Videoclips auf.

Aus dem Interview wird ein „wildes Gespräch“ mit zahlreichen Abschweifungen, in dem auch der Befrager befragt wird. Assoziativ grasen der Künstler und der Journalist die Welt ab! Jedoch ein Künstler will dieser Maler, Bildhauer, Schreiber, Reisender, Fotograf, Performer und Philosoph nicht sein. Auch kein Regisseur der Gesamtkunstwerke schafft: „Das klingt so nach Leni Riefenstahl.“ Auch über die wurde gestritten, darf man zwischen Kunstwerk und Mensch unterscheiden? Allen Ernstes will März als jemand gesehen werden, der einen guten Salat macht! Da kämen ja auch weitere gute Zutaten wie Öl, Nüsse, Käse und anderes hinein…

Er kann zuweilen selbst nicht fassen, was er schafft: Die Figuren beginnen in seinen Händen zu leben; von ihm arrangierte Installationen und Ausstellungen gelingen ohne große Pläne. Aber er betont, das habe nichts mit dem automatischen Tun der Surrealisten zu tun oder „von höheren Wesen“ erzeugte Inspirationen.

Was immer März ist – ein braver Salatmacher ist er jedenfalls nicht… Weiterlesen

Erneuerung der Artothek in der Kunststation Kleinsassen

Die „Corona-Pause“ nutzte die Kleinsassener Kunststation, um ihre in die Jahre gekommene Artothek zu erneuern und zeitgemäß zu organisieren. Bereits kurz vor der vorübergehenden Schließung bewilligte das Land Hessen dafür eine beträchtliche finanzielle Zuwendung.

Eine Zeitlang wurde das Café des Ausstellungshauses zu einem provisorischen Studio umfunktioniert, in dem Fotograf Dr. Arnulf Müller sämtliche Kunstwerke der Artothek ablichtet. Über 1300 Gemälde und allerlei Skulpturen waren zu fotografierten. Bei den Vorbereitungen wurden auch ältere Arbeiten von Johannes Grützke und Willi Sitte „ausgegraben“, erzählt Kuratorin Elisabeth Heil lächelnd, „sogar ein Dalí ist dabei.“ Aber es werden ebenfalls aktuelle Arbeiten verliehen, etwa kritische Fotokunst von Mojgan Razzaghi, der flatternde Holzvogel von Thomas Putze oder das riesige Schattenbild Susanne Bockelmanns.

Die Station versteht sich seit jeher als Förderin der Kunstschaffenden, die für ihre Expositionen kein Honorar bekommen. Stattdessen werden Artefakte angekauft, manchmal auch in Kommission genommen. „Die gezeigten Arbeiten sind meist verkäuflich, aber dieser kommerzielle Aspekt steht nicht im Vordergrund“, erklärt die Leiterin der Station Monika Ebertowski: „Wir sind den staatlichen Museen gleichgestellt, auch wenn wir keine Kunstwerke sammeln. Alle Objekte der Artothek sind von Künstlerinnen und Künstlern, die hier ausgestellt haben, sie spiegeln die Geschichte des Hauses.“ Bis zu drei Jahren kann man sie ausleihen, die jährlichen Kosten betragen 5% des Kaupreises, mindestens 36 Euro, für Kommissionsarbeiten 10%. Bei einem eventuellen späteren Kauf wird die Leihgebühr angerechnet, doch die Artefakte sind auch sofort käuflich. Größere Stücke sind manchmal zu teuer für den Erwerb durch die Station, dann wird mit den Kunstschaffenden über kleinere Werke verhandelt.

Die Fotoarbeiten sind Teil der Erneuerung der 1997 gegründeten Artothek, bisher konnte man lediglich eine unvollständige, bilderlose Übersicht der in Schieberegalen untergebrachten Bilder an der Kasse in einem PC sehen. In Zukunft kann das Publikum in einem PC auf einem Stehpult in den modernisierten Räumen sämtliche Arbeiten vorab betrachten. „Eine Präsentation im Internet stößt derweil noch auf riesige Schwierigkeiten“, erklärt Ebertowski, „denn wenn man ein Kunstwerk erworben hat, besitzt man noch lange nicht dessen Bildrechte.Weiterlesen

Woody Allens Biografie: „Ganz nebenbei“

Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ beginnt so, wie er manchmal im „Stadtneurotiker“ aus dem Film tritt, sich direkt an das Publikum wendet und munter draufloswitzelt: Schnodderig, assoziativ und bildhaft wie im Kino lässt er uns an seinem Leben teilnehmen. Seine Eltern „passten zusammen wie Hannah Arendt und ein Gangsterboss“, schreibt er. „Sie waren uneins über alles außer Hitler und meine Schulzeugnisse. Aber trotz aller Wortgemetzel blieben sie siebzig Jahre verheiratet – um den anderen zu ärgern vermute ich.“

In seiner „Autobiografie eines misanthropischen, ungebildeten Gangster-Fans, eines kulturlosen Eigenbrötlers“ erzählt er, wie seine ältere Cousine Rita ihn bereits mit fünf Jahren ins Kino schleppte und er alles sah, was Hollywood hervorbrachte: „Man kauft eine Karte, tritt ein, und plötzlich sind Sonne und Hitze verschwunden, man befindet sich in einer Parallelwelt.“ Später changieren viele seiner Filme ebenfalls zwischen Traum und Realität („den Klauen meiner Erzfeindin der Wirklichkeit“). Weitere Träume weckte auch ein Ausflug mit dem Vater rüber nach Manhattan. Oft schwänzte er danach die Schule, um seinen „antisemitischen Lehrerinnen“ zu entkommen. Er trieb sich am Broadway herum, sah „Champagner-Komödien“ im Kino oder erlebte Zauberer und Comedians: „Zurück in Brooklyn, träumte ich von einem Leben in der Stadt jenseits des Flusses.“

Diese Fantasie erfüllte er sich, als er mit dem Schreiben von Gags und Witzen für bekannte Komiker im Laufe der Zeit richtig viel Geld verdiente. Wir lesen von seinen folgenden, zunächst nicht so berauschenden Bühnenauftritten, dann wie sein erstes Drehbuch für „Was gibt’s Neues, Pussy“ vermasselt wurde. Später verfolgen wir seine aufregende Entwicklung zum erfolgreichen Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler, die keineswegs immer gradlinig verlief und von ihm mit zahlreichen Abschweifungen erzählt wird: Komisch, selbstkritisch und fast immer sehr unterhaltsam. Weiterlesen

Woody Allen: Der angebliche Skandal…

Woody Allen und Mia Farrow waren lange ein Paar, bis der Filmemacher 1992 eine Affäre mit Soon-Yi (22), der erwachsenen Adoptivtochter Farrows begann. Nach der dadurch provozierten Trennung, beschuldigte ihn seine Lebensgefährtin, die gemeinsame Adoptivtochter Dylan (7) sexuell missbraucht zu haben. Der von ihr angestrebte Prozess wurde eingestellt, weil diverse Gutachter, eine Kinderklinik, das Jugendamt und die Polizei die Verdächtigungen für unbegründet hielten.

Der skeptische Staatsanwalt beendete dennoch das Verfahren, um die kleine Dylan nicht öffentlich befragen zu müssen. Ein Familiengericht stellte Allens elterliche Eignung infrage und sprach Farrow das Sorgerecht für alle acht Kinder zu.

Soon-Yi und Allen heirateten bald: „Ich möchte einmal für jemanden wichtig sein“, sagte das einstige koreanische Findelkind bei der Hochzeit. Seitdem lebt das Paar zusammen, sie adoptierten zwei Kinder und bekamen zwei eigene. 24 Jahre später, 2014, griff Dylan selbst den Adoptivvater öffentlich an. Ihr Bruder Ronan, der später half Harvey Weinstein zur Strecke zu bringen, unterstützte sie. Ihr anderer Bruder Moses wies dagegen die Anschuldigungen der Schwester detailliert zurück.

Im Schatten von MeToo begann dann abermals eine Debatte um Allens angeblichen Missbrauch, obwohl ihn kein Gericht dafür verurteilt hatte. Der Amazon-Konzern wollte nun den von ihm produzierten Film „A Rainy Day in New York“ weder veröffentlichen noch an den Regisseur herausgeben. Mutig klagte der Filmemacher erfolgreich gegen das Unternehmen. Der US-amerikanische Hachette-Verlag weigerte sich, seine Memoiren zu drucken.

Was immer zwischen dem Adoptivvater und Dylan passierte, wird wohl niemals geklärt werden. In der Autobiografie macht der Autor aber seine Leser quasi zu Geschworenen und fordert sie zur Parteinahme heraus. Der öffentliche Schutz des von Allen sehr geliebten Kindes Dylan war jedoch damals sicher berechtigt. Unverständlich bleibt, dass das vermeintliche Opfer nie eine Klage gegen ihn anstrengte. Eine juristisch korrekte „Verdachtsberichterstattung“ gegen Allen, mit dem Recht zur Gegenrede, gab es nicht. Natürlich muss für ihn die auch in den USA bestehende „Unschuldsvermutung“ gelten. Selbst ernannte Ermittler, Ankläger, Richter und Vollstrecker in einem stellen ihn jedoch weiterhin unverdrossen an den Pranger. Weiterlesen

Woody Allen:A Rainy Day in New York

Woody Allens Film „A Rainy Day in New York“, der im letzten Herbst in die Kinos kam, erschien vor einiger Zeit auf DVD und als Download. Kürzlich wurde auch Allens Autobiografie unter dem Titel „Ganz nebenbei“ veröffentlicht.

Beinahe das ganze Leben lang wohnte er in seinem geliebten New York, etliche seiner Filme spielen in dieser Metropole, die er bewunderte und verklärte. In seinem 50. Film, fasst der Regisseur diese Liebe noch einmal in wunderbar ausgeleuchtete, elegische Bilder: Gatsby (Timothée Chalamet) reist vom Provinz-College, in das ihn seine leistungsorientierte Mutter verbannte, nach Manhattan zurück. Weil seine Freundin Ashleigh (Elle Fanning) dort einen berühmten Filmemacher für die College-Zeitung interviewen kann, will Gatsby ihr seine Heimatstadt zeigen.

Doch schnell wird die staunende Ashleigh vom Regisseur, seinem Drehbuchschreiber und später von einem schmierigen Star vereinnahmt. Die alten weißen Männer sind bezaubert von dem sehr blonden und – scheinbar – naiven Country Girl aus Arizona. Gatsby begegnet unterdessen ehemaligen Mitschülern, die gerade einen Film drehen. Dabei trifft er auf Chan (Selena Gomez), die kleine Schwester einer früheren Liebe, die ein New Yorker Biest geworden. Mit ihr liefert er sich bissige Dialoge wie in einer alten Screwball-Komödie. Da Ashleigh verschwunden bleibt, geht er mit einer Prostituierten zur Soiree seiner ungeliebten Mutter – und macht eine erstaunliche Entdeckung…

Gatsby ist ein altmodischer Junge, der lieber riskant aber erfolgreich Poker spielt und Songs von Cole Porter darbietet, als ordentlich zu studieren: Der Träumer könnte ein Enkel Woody Allens sein, der geht auch gerne im Regen spazieren und sehnt sich nach dem Manhattan der 1940er-Jahre. Regisseur Allen spielt mit Klischees, Ashleigh beispielsweise wirkt derartig persifliert als blondes Dummchen, dass sie dadurch die aufgeblasenen Filmgockel letztlich entlarvt.

„A Rainy Day in New York“ ist wie eine Screwball-Komödie aus den 1940er-Jahren und zugleich ein melancholischer Liebesfilm. Das verträumte Ende jedoch bringt uns, ganz ohne Nostalgie, in eine romantische Gegenwart zurück.

„A Rainy Day in New York“ USA 2016 (Drehzeit), 2019 (veröffentlicht). 95 Minuten
Regie: Woody Allen mit Timothée Chalamet, Selena Gomez, Elle Fanning u.a.

Zur Biografie
Kommentar Hexenjagd auf Woody Allen

„Saudi Runaway“ und „Die Kandidatin“ – Frauen in Saudi-Arabien

Die völlig zugehängte Muna ist nicht nur (männer-) gesellschaftlich ausgeschlossen, sondern aus ihrer Perspektive kann sie die Umwelt lediglich schemenhaft wahrnehmen. Fotos vom wackeligen iPhone zeigen ihre Isolation in der Öffentlichkeit. Ansonsten wird der jungen Frau und der übrigen Familie vom absolut herrschenden Vater alles verboten. Legitimiert durch das politische System kann sie nicht alleine rausgehen, nicht einkaufen, nichts selber entscheiden. Ihr kleiner Bruder wird ständig verprügelt, sie soll bald zwangsverheiratet werden.

Immer wieder erzählt die Sechsundzwanzigjährige ihre Demütigungen, ihre Verzweiflung, ihre Wut in beklemmenden iPhone-Videos: „Ich muss in einem Steinzeitland leben!“ Aber sie hält auch aus sehr eigenartigen Kameraperspektiven positive Ereignisse fest, wie die Unbekümmertheit der nicht verschleierten Frauen untereinander oder Naturereignisse wie einen in Saudia-Arabien seltenen Dauerregen. Seltsame Blickwinkel der häufig bewegten oder fest aufgestellten Kamera. Der Wechsel vom Gewackel beim Laufen mit starren Einstellungen. Oft unscharfe oder verwaschene Bilder. Das alles suggeriert eine unglaubliche Authentizität, die einen sehr stark in den Film hineinzieht und bewegt.

Der Film lief auf der Berlinale in der Sektion „Panorama Dokumente“. Jedoch erst nach der Vorführung erfuhr ich, dass das Bildmaterial zwar von der professionellen Regisseurin Susanne Regina Meures zusammengestellt und geschnitten wurde. Doch die Aufnahmen waren alle echt und wurden von Muna selbst oder von nicht in ihr Projekt eingeweihten Verwandten aufgenommen: Mit geheimer Unterstützung einer saudischen Selbsthilfegruppe in Europa dokumentierte sie nicht nur ihre unterdrücktes Leben in dem muslimischen Land, sondern auch die Planung und Durchführung ihrer listigen Flucht in der Hochzeitsnacht. Ein für sie lebensgefährliches Unterfangen! Erst auf der Berlinale 2020 zeigte sich Muna zum ersten Mal mit der Regisseurin in der Öffentlichkeit bei der Vorstellung des Streifens, der hoffentlich bald in die Kinos kommt.

In die Kinos kommt in der nächsten Woche dagegen ein Spielfilm, der sich ebenfalls mit dem Thema der Unterdrückung saudischer Frauen beschäftigt: „Die perfekte Kandidatin“. Weiterlesen