Licht auf Papier…

In der neuen Studioausstellung „Licht auf Papier“ der Kunststation Kleinsassen, zeigt Susanne Casper-Zielonka ihre eigenartigen Fotografien. Sie entstanden durch Direktbelichtungen mit einer riesigen Reprokamera.

Bei einem flüchtigen Blick, den man in der Kunstbetrachtung ja nicht haben sollte, möchte man die ausgestellten Werke der Künstlerin schnell als Abbilder der Natur einordnen. Doch je länger man ihre Arbeiten anschaut, um so stärker löst man sich vom ersten Eindruck: Man nimmt weiche florale Gebilde wahr, die von innen heraus zu leuchten scheinen. Zarte, abstrakt wirkende Dinge schwimmen in Helligkeit. Erkennbare Pusteblumen oder Schachtelhalme lösen sich in Dunst auf oder wandeln ihre Formen. Diese optische Wirkung wird durch eine Vielzahl von Grautönen sowie schattige und helle Effekte erreicht.

Es ist, als würde man in einer traumartigen Welt geheimnisvollen Pflanzen begegnen. Diese Bilder, die einen so verzaubern, sind jedoch keine Zeichnungen oder Malereien, keine Lithografien oder andere Drucke – sondern Fotografien. Das Synonym für Fotografie ist Lichtbildkunst oder Lichtbildnerei – und genau die kreiert Casper-Zielonka mit ihren Kreationen. Obwohl sie mit darstellenden Mitteln arbeitet, durchdringt und verfremdet sie die eigentlich reproduzierte Wirklichkeit.

Vor vielen Jahren entdeckte und erwarb die gelernte Fotografin zufällig eine gigantische alte Reprokamera, die in einer Druckerei verwendet wurde. Mit diesem schweren Gerät von etwa einer halben Tonne kann sie Aufnahmen von 70 x 50 Zentimeter herstellen. Obwohl sie bis dahin alle digitalen Techniken nutzte, war sie begeistert von der Idee, mit diesem Fundstück „neue alte Wege zu gehen.“ Denn sie lernte in Frankfurt einst die Schwarz-Weiß-Fotografie und widmete sich ihr lange Zeit intensiv. 

Casper-Zielonka arrangiert ihre floralen Objekte direkt auf dem großen matten Fotokarton, stellt die Reprokamera scharf und belichtet den Bogen mit wenigen oder vielfachen Blitzen. Dann entwickelt sie die Aufnahme durch wässern, fixieren, wässern, trocknen: wie es in der analogen Fotografie üblich ist. Das so entstandene Werk ist eigentlich „nur“ ein Negativ, aber durch die verschiedenen technischen Eingriffe, durch ihre Lichtmalerei, entstehen zauberhafte, scheinbar „positive“ Wirkungen. Die Künstlerin kreiert maximal drei gleiche Unikate mit dieser einzigartigen Technik, um die Wertigkeit ihrer Werke zu erhalten.

„Ich bin eine Hinguckerin“, meint sie im Gespräch –  also keine Zauberin, und mit der Zeit lernte sie genau, wo sie was nachbelichten oder abdunkeln muss. In der Kunststation präsentiert sie große Bilder aus der Serie „Rhönschönheiten“ mit dem etwas ironischen Untertitel „Belanglose Pflanzen am Wegesrand.“ Dazu gibt es eine Auswahl detaillierterer Arbeiten im Format 20 x 20 Zentimeter aus dem Projekt „100 x Wald“.

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Humor kommt nicht zu kurz…

Die Kleinsassener Kunstwoche in der Rhön findet aufgrund der Unwägbarkeiten durch Corona auch in diesem Jahr nicht statt. Deshalb wurde das Projekt der Kunstgärten wieder aufgegriffen, mit 37 Skulpturen ist es – im Rahmen des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda – eine große Attraktion für das Malerdorf.

Viele der Kunstwerke schmiegen sich in die Gärten oder an die Ränder der Rhöner Wildnis, als wären sie hier schon immer gewesen: Über dem murmelnden Bach in der Ortsmitte schwankt „Der Veränderer“ im Wind, ein von einem Baum hängender Stahlstern mit bunten Kugeln. Das Paar aus Bronze umklammert sich vor einem Hauseingang und fühlt sich „Geborgen“. Am Dorfrand blöken echte Rhönschafe den Besucher eines lebensgroßen „Weiblichen Torsos“ aus Beton an. Dagegen lagern auf einer kleinen Wiese mehrere große Felsbrocken, aus denen steinerne Schafsköpfe herausgucken. Große rostige Stahlbänder verschlingen sich zu einem „Tanz 1“. Ein mit Sägen und weiteren Werkzeugen gespickter Baumstumpf verweist als „RauB-Bau“ auf den Klimawandel.

Sonja Reith hat in dem von ihr organisierten Projekt sehr unterschiedliche plastische Arbeiten zusammengetragen und viele dazu passende Orte gefunden. Bei den realistischen, abstrahierten oder konkreten Skulpturen kommt auch der Humor nicht zu kurz: In einem Vorgarten vergnügen sich kleine, grell bemalte „Gute Laune Mädels“ aus Beton. „Der Sternengrabscher“, ein schwarzes zweidimensionales Eisenmännchen, greift nach den Gestirnen. „Der Rhönschäfer mit Herde“, eine grobe, mit der Kettensäge zugerichtete hölzerne Werkgruppe, steht unter einem Baum. Bildhauer Elmar Baumgarten reimte dazu: „Der Schäfer steht im Zwetschgenbaum. Man sieht ihn vor lauter Zwetschgen kaum. Die Herde ist ihm einerlei.
Von den Zwetschgen gibt’s die Scheißerei!“

Zu den ständigen Austellern und Ausstellerinnen der Kunstwoche, lud Organisatorin Reith auch Gäste wie Baumgarten ein, der noch zwei weitere Holzplastiken mit passenden Versen beisteuerte. Alexander Litwinow intallierte mehrere Recycling-Figuren aus Metall, etwa den „Begeisterten Lauf“ am Ortsende von Kleinsassen. Oder Sabine Lehrich platzierte ihre luftigen Drahtgebilde, „Die Sitzende und die Tänzerin“, in der Nahe der Kunststation. Die Eingeladenen erweitern die Vielfalt und Qualität dieses Projekts beträchtlich. 

Auf den Wegen im Dorf warten auch drei afrikanisch wirkende Skulpturen von einem Gast, etwa die Frauenfigur „Still waiting“ aus weichem Serpentingestein. Bevor sich Proteste gegen die „kulturelle Aneignung“ aus der identitären Ecke erheben: der Bildhauer ist Afrikaner. Und um Kritik aus der anderen Richtung zu vermeiden: Wimbai Ngoma ist kein Flüchtling, sondern ein international arbeitender Künstler aus Simbabwe.

Auch der Skulpturengarten um die Kunststation – mit dem neuen Werk „Kosmisches Wurmloch“ aus Steinen – ist Teil des Parcours.

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Wie kamen die Olchis in ihre Heimat Schmuddelfing?

Filmstart am 22. Juli
Vor drei Jahrzehnten begannen kleine eigenartige grüne Wesen, die Olchis, deutsche Kinderzimmer zu erobern. Die in mittlerweile 35 Bilderbüchern dargestellten Wesen essen gerne Müll, trinken Altöl, waschen sich nie und riechen streng. Kinder lieben diese Olchis, weil sie all das machen, was sie selbst nicht dürfen oder sich nicht trauen.

Trotz der Beliebtheit der Grünlinge sind ihre Abenteuer erstaunlicherweise erst jetzt verfilmt worden. Der Film berichtet von der übelriechenden Stadt Schmuddelfing, in der die Olchis heute wohnen. Ein letzter Müllmann hat gekündigt und nun sind der Gestank und die Abfallberge in der Stadt so gewaltig geworden, dass kein Tourist mehr hierher reisen mag. Doch dafür kommt eines Tages die Olchifamilie auf ihrem Drachen „Feuerstuhl“ an und glaubt sie sei im Paradies: „Der Platz ist oberolchig“, schwärmen alle.

Gleichzeitig versucht Max, der Sohn der Bürgermeisterin, mit seiner Freundin Lotta und einem verrückten Professor, einen Stinkomat gegen den Gestank zu entwickeln. Doch unverdrossen halten die Bürgermeisterin und ein geldgieriger Baulöwe an dem Projekt fest, auf dem Müllplatz einen Wellness-Tempel zu bauen. Aber dazu müssen die kleinen Grünen vertrieben werden.

„Niemand mag uns, wir riechen schlecht und sehen grün aus“, klagen die bekümmerten Olchikinder und wollen Abschied von ihren Menschenfreunden nehmen. Doch Max und Lotta lassen deren Vertreibung nicht zu und kämpfen für ihr Bleiberecht: „Schließlich sind sie doch die besten Recycler der Welt.“ 

Dieser klassische  Animationsfilm im Disney-Stil erweckt die Olchis zum Leben. Sie agieren so, als kämen sie direkt aus den Bilderbüchern und sind dabei keine süßlichen Kitschwesen. Auch die menschlichen Figuren sind animiert, dennoch wirkt der gesamte Film real und glaubhaft. Die „Bösen“, wie der Baulöwe und seine Arbeiter oder die Bürgermeisterin, sind nicht besonders bedrohlich, sondern werden durch Komik und Slapsticks gleichsam entschärft. Auch die abscheulichen Speisen der Olchis rufen keinen Ekel hervor, weil sie so genießerisch weggeschlabbert werden. Aus Versehen trinkt die Bürgermeisterin einen Zaubersaft statt ihr Beruhigungsmittel und wird nun eine Zeitlang grün und olchig. Hinterher kann sie die Welt mit den Augen der grünen Wesen sehen und sie verstehen.

Mit großer Leichtigkeit und ohne erhobenem Zeigefinger, spricht der Film viele verschiedene Themen an: Vertrieben werden oder bleiben dürfen, verlorene Heimat, Recycling oder sich in andere einfühlen. Vor allem aber ist es ein Streifen über Freundschaft und das miteinander Klarkommen, selbst wenn man sehr unterschiedlich ist. 

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Ich Kusama, bin die moderne Alice im Wunderland

Im Garten des Berliner Gropius-Baus sind Stämme und dicke Äste einiger Bäume in rote Stoffe mit weißen Punkten gewickelt. Zwischen duftenden roten Rosen locken bereits hier, die zu Kunstobjekten gewordenen Bäumen in die Ausstellung der Japanerin Yayoi Kusama.

Der gigantische Lichthof des Gebäudes ist ein Wald aus wabernden pinkfarbenen Tentakeln mit schwarzen Punkten. Man taucht zwischen den aufgeblasenen, bis zu elf Meter hohen Fangarmen aus Kunststoff, in Kusamas fröhlich-poppiges Universum ein. Jedoch durch die immense Größe dieser Skulpturen wird einem auch unheimlich zumute. In der folgenden Ausstellung ziehen einige Installationen das Publikum geradezu in sich hinein. 

Ohne auf Wartende zu achten streben viele faszinierte Leute in einen hell-weißen Spiegelraum, dessen Boden von zahlreichen weißen Stoffbeuteln mit roten Punkten bedeckt ist. Die Spiegelungen der Säckchen suggerieren endlose Weiten, in denen man sich auflöst: Ein fröhliches aber auch beklemmendes Erlebnis im ersten „Infinity Mirror Room“. Als Performerin legte Kusama sich häufig in ihre Arbeiten, um in die Unendlichkeit einzutauchen. Sogar das Publikum durfte früher diese Installationen betreten: „Skulptur und Betrachter wurden eins“ (Kusama). Ambivalente Gefühle ruft ein weiterer „Infinity Mirror Room“ hervor, ein äußerst dunkler Raum vollgehängt mit bunten spiegelnden Kugeln. Beim Betreten des glänzenden Bodens fürchtet man sich, in die scheinbar schwarze Tiefe zu stürzen.

Wie diese beiden Kunstwerke sind insgesamt acht Räume im Gropius-Bau Nachbauten von Kusamas Environments der Jahre 1952 bis 1983. Neben buntgetüpfelten Schaufensterpuppen oder einem Boot voller Gipsphalli hängen riesige verblasste Erinnerungsbilder an diese Inszenierungen. Ihre Gestaltungen mit Polka Dots (engl. Punktmuster) auf vielen Objekten ziehen sich durch die Ausstellung. Bereits vor zwei Jahren war hier im „Garten der Lüste“ ein gewaltiger, begehbarer Kunststoffgarten der Künstlerin aus weißem Plastik mit farbigen Tupfen zu erleben. 

Dieses Betupfen ihrer Werke ist keine modische Marotte, sondern eine lang andauernde meditative Arbeitsweise, die ein ästhetisch-philosophisches Konzept verfolgt: „Wenn ich meinen gesamten Körper mit Punkten bemale und auch den Hintergrund mit Punkten versehe, ist das ein Akt der Selbstauslöschung.“ Vom Publikum forderte Kusama: „Werden Sie eins mit der Ewigkeit. Löschen Sie ihre Persönlichkeit aus. Werden Sie Teil Ihrer Umgebung. Vergessen Sie sich selbst.“

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Widersprüche nicht mit Kitsch zukleistern

„Schneeweisschen und Rosenrot“ ist das zweite Märchen der diesjährigen Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau. Die Erzählung von den ungleichen Mädchen gilt als besonders klischeehaft. Doch abermals wird in dieser Inszenierung die traditionelle Geschichte zerlegt und neu erzählt.

Statt vor Kitsch triefender Harmonie betont das Musical – zunächst – die verborgenen Konflikte im Märchen und bringt sie auf die Bühne: Die zarte Schneeweisschen (Kristina Willmaser) ist vorsichtig und häuslich, während die deftige Rosenrot (Annalisa Stephan) mutig Eskapaden erleben möchte: „Ich muss hier raus, nur einmal. Das Abenteuer ruft“, singt sie. Durch einen unüberwindbaren Fluss ist die Welt geteilt, hier leben rationale Menschen, im Gehölz gegenüber magische Geister und Zwerge. Eines Tages können die Mädchen die Banngrenze überwinden. Auf der anderen Seite begegnen sie unwirklichen Wesen und dem bösen Zwerg, dessen Bart in eine Baumspalte eingeklemmt wurde. 

Das haben ihm zwei, auch charakterlich sehr verschiedene Königssöhne angetan, die ebenfalls in den Zauberhain gelangt sind. Dort suchen der „Bücherwurm“ und der „Abenteurer“ nach dem verlorenen Teil der Krone ihres Vaters. Denn einst wurden die rationale und die magische Welt von der „Krone der Eintracht“ zusammengehalten bis sie zerbrach und die Welt spaltete. Die Waldbewohner in ihren fantastischen Kostümen beschimpfen die menschlichen Eindringlinge als „dumme Glattgesichter“ und protestieren: „Wir sind der Wald!“ Aber einige Geschöpfe des Gehölzes wollen die Begegnung mit den Fremden statt sie zu vertreiben.

Natürlich verlieben sich die Königssöhne und die Mädchen, doch Prinz Tristan wird zwischendurch als Bär verzaubert, was die folgende Handlung noch aufregender macht. Ein Waldwesen kann „bärisch“ sprechen und des Tieres Anliegen vermitteln, wieder ein Mensch zu sein. Am Ende werden Gegensätze und Fremdheit versöhnt, ohne Unterschiede zuzukleistern. Zum ersten Mal in ihrem Leben trennen sich die Geschwister. „Viel zu lange war ich in deinem Schatten“, singt Schneeweisschen, dann beide im Chor: „Ich schaffe das alleine!“ 

Jan Radermacher, der das Märchen umschrieb, will die Diversität und Gemeinsamkeiten – nicht nur der Mädchen – beleuchten. Er wirft die Frage auf, „wie kann es ein Miteinander trotz größter Unterschiede geben? Warum macht uns der Gegensatz zu unserem Altbekannten oftmals Angst?“ 

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Ein moderner Illusionist in der Kunststation

Tobias Dostal gehört zu den jüngeren Künstlern in der aktuellen Ausstellung „Licht!“ der Kunststation Kleinsassen (Rhön). Erstaunlicherweise arbeitet er ganz bewusst mit ziemlich „altmodischen“, also analogen und mechanischen Techniken.

In beleuchteten Wandkästen gleiten scheinbar, bedingt durch das wechselnde Licht, flache Figuren aus Acrylglas umher. Mit wenigen unterschiedlichen Bildern suggerieren sie Bewegung. Drei dieser Lichtkästen, nebeneinander als Triptychon aufgehängt, entfalten eine erstaunliche magisch-kontemplative Wirkung. 

Als Skulpturen drehen sich einige Gebilde aus Acryl und Blech mit hoher Geschwindigkeit um sich selbst, im Auge der Betrachter entstehen durch das Tempo der Umläufe diverse Silhouetten. Sie verdichten sich zu winzigen bewegten Geschichten, die an „Daumenkinos“ oder frühe Kinofilme – als die Bilder laufen lernten – erinnern.

Eine dieser „Illusionsmaschinen“ (so Kuratorin Dr. Elisabeth Heil) destilliert aus den schnellen Drehungen Tobias Dostals eigenes Profil. Das begegnet der Silhouette von Georges Méliès, dem französischen Illusionisten und Filmpionier des 19. Jahrhunderts. Denn hier sieht Dostal seine Wurzeln, der übrigens auch als moderner Zauberkünstler für Jugendliche und Erwachsene arbeitet. Die ungeheure digitale Bilderflut unserer Zeit will er mit seinen Arbeiten sowohl bewusst reduzieren als auch verdeutlichen.

Das Spannende in seinen Werken ist die fast immer erkennbare Antriebs- und Wirkungsweise der Kunstgeräte, die dennoch verzaubern und Illusionen schaffen. Dostal wuchs in Bad Hersfeld auf und ist auch ein hervorragender Zeichner, der 2017 in Oldenburg den gut dotierten Horst-Janssen-Grafikpreis erhielt: „Er verbindet in seinen Arbeiten die Elemente Zeichnung, Film und Installation auf einzigartige Weise“, meinte die Jury. Das ist auch in der Kleinsassener Ausstellung „Licht!“ nachzuvollziehen, die durch seine Beiträge originell und spielerisch erweitert wird.

Info:

Ausstellung „Licht!“ von zehn internationalen Kunstschaffenden noch bis zum 29. August.

Keine Anmeldung und Testpflicht. Da sich die Corona-Maßnahmen ständig ändern, wird ein Anruf oder Besuch der Webseite empfohlen

www.kunststation-kleinsassen.de

Foto:
„Tobias Dostal vor einer Illusionsmaschine“ Hanswerner Kruse

Die hocherotische Wildsau…

Mit einer modernen Musical-Version des Märchens „Das tapfere Schneiderlein“ begannen die 37. Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau. Nachdem der Handwerker sieben Fliegen erschlug („sieben auf einen Streich“), erkämpfte er sich listig ein halbes Königreich und die Prinzessin.

Die Königstochter spielt in den diversen alten Fassungen des Märchens keine Rolle und wird nur verheiratet, hier ist sie eine kritische und nachdenkliche junge Frau. Ständig hat sie ein Buch in der Hand, kocht gerne und wehrt sich gegen das Korsett, in das sie gezwängt wird: „Mich fragt keiner. Ich werde zu allem nicht schweigen, ihr werdet mich hören“, singt sie. Das Schneiderlein ist kein aufgeblasener Angeber, sondern will sich nicht länger schurigeln lassen und aus der Enge seines Dorfes heraus. Dem Helden hilft ein blauer Vogel die Riesen zu besiegen und geschickt andere Prüfungen zu bestehen. 

„Das Volk“ – meistens Frauen – tanzt, singt, kommentiert die Handlung und treibt sie dadurch voran. Durch diese Erneuerungen sowie musikalische Einlagen der Live-Band und Gesänge der Akteure, wird das aktualisierte Märchen sehr abwechslungsreich. Fantastisch das sich ständig verändernde Bühnenbild auf mehreren, sich drehenden Ebenen, dadurch fließen viele Szenen ineinander oder geschehen parallel. 

Das Stück beginnt etwas behäbig, doch schnell bekommt es durch die Tänze der Fliegen, später die choreografierten Kämpfe des Schneiders weitere traumartige Dimensionen: Die vom Helden zu fangende Wildsau ist hocherotisch und tanzt mit Maissträuchern. Der Kampf und schließlich das Arrangement mit dem Einhorn ist eine surreale Choreografie. Die tölpelhaften Riesen sind ein skurriles, wirklich riesiges Paar. Wechselnde farbige Lichtspiele sorgen immer wieder für unterschiedliche Stimmungen.

Die Frauen spielen eine große Rolle in dem Stück, selbstbewusst und kämpferisch wie in unserer Zeit, sind sie nicht länger Objekte männlicher Dominanz. Nicht nur die Prinzessin wehrt sich gegen die höfischen Konventionen, auch dem König wird „das Hierarchische“ manchmal zu viel. Der Schneider kämpft tapfer gegen die korrupte Welt des Adels und fordert seine Rechte, er siegt als Schwacher gegen die Starken oder Überlegenen: sei es gegen die Riesen oder den selbstgefälligen Baron, der mit Betrug versucht die Königstochter für sich zu gewinnen.  Doch am Ende erkennt auch der Handwerker, dass er durch sein Auftreten nicht er selbst werden konnte.

Zwei Aspekte sind wieder einmal bedeutsam: Märchen sind nicht nur etwas für Kinder, das tapfere Schneiderlein wird durchaus zum Erwachsenenstück. Und sie sollten sich erneuern, die Weiterentwicklung der in der Romantik eingefrorenen Erzählungen ist stimmig. Die Inszenierung ist manchmal auch humorvoll und derb – allerdings ohne peinliche Possen.

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Komm ins Freie nach Darmstadt…

„Komm ins Freie!“ Mit diesem Appell lockt das Darmstädter Staatstheater zu Open-Air-Veranstaltungen. Auch die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts machen sich in dieser Woche mit eigenwilligen Darbietungen auf zu einem einstündigen Parcours quer durch die City.

Bereits auf dem Theaterplatz liegen einige bunt bekleidete Figuren stocksteif herum, andere bunt Angezogene hasten am Publikum vorbei, das ihnen in die Stadt folgt. Dort verklumpen sich die Tanzenden zu kleinen Gruppen in freien Körperskulpturen, kauern unter Briefkästen, erobern Balkone oder Vordächer, wickeln sich um Laternenpfähle, hängen an Stangen oder sind in Fahrradständer eingeklemmt. Besonders ulkig ist die Wirkung, wenn sie ihre Hintern in die Luft recken.

Man muss oft lachen auf dieser eigenwilligen Schnitzeljagd, bei der das etwa fünfzigköpfige Publikum untereinander oder mit unbeteiligten Passanten ins Gespräch kommt. Doch manchmal sind die lebenden Bilder im öffentlichen Raum auch verwirrend und beklemmend. Meist findet man sie an abgelegenen oder unauffälligen Orten, es ist erstaunlich, wie viele Lücken, Stangen und eigenartige Plätze es in der City gibt. Natürlich entstehen große Irritationen, wenn Menschen dort in überraschenden akrobatischen Arrangements einfrieren. 

Die ganze Aktion „Bodies in urban space“ (Körper im öffentlichen Raum) ist nicht zufällig und beliebig, sondern wurde vom Choreografen Willi Dorner mit den dreizehn Tänzerinnen und Tänzern erarbeitet. „Alles kann Tanz sein“, proklamierte einst Pina Bausch, die Pionierin des Tanztheaters. Auch hier in Darmstadt sind die körperlichen Eingriffe des Ensembles in den urbanen Raum eine radikale Form des Tanzes – und genauso vergänglich.

Seit 2007 hat Dorner seine Performances in 90 Städten verwirklicht: „Es war in dem Projekt immer mein Anliegen, den Menschen ihre Stadt zu zeigen und Nachdenken über ihre Stadt auszulösen.“

Info:
Nächste und letzte Vorstellung am Freitag 2. Juli 19 Uhr

Fotos:
Hanswerner Kruse

Aber regnen darf es nicht – Die 71. Berlinale ist Open Air

Langsam dämmert der Himmel über Berlin, milde hüllt die warme Sommerluft am Freitagabend einige Hundert Filmfans und mich ein. Der Fernsehturm blinkt von weitem, es riecht nach Wasser der nahen Spree. Vor uns leuchtet bereits die riesige Leinwand des provisorischen Open-Air-Kinos auf der Museumsinsel. Neben der Alten Nationalgalerie, zwischen Reiterinnenskulpturen und Säulengängen, hockt man auf unbequemen Klappstühlen. 

Eine  „Camping-Version“ nannte die Berliner Zeitung spöttisch die Eröffnung des Festivals hier am Vorabend. Doch Kulturstaatsministerin Monika Grütters konnte dieser charmanten Notlösung immerhin die Ansicht abgewinnen: „Filmkunst trifft Kulturerbe.“ 16 improvisierte oder etablierte Spielstätten zeigen im Freien die 120 Filme der arg geschrumpften Berlinale und stellen bei den Premieren die Filmschaffenden vor. Bisher gab es immer um die 400 Streifen in den diversen Sektionen. Im Februar wurde der erste Teil der Festspiele als „Industry Event“ mit dem Europäischen Filmmarkt und weiteren Veranstaltungen fast ausschließlich digital für Professionelle und die Presse veranstaltet.

Da jedoch die Berlinale das größte Publikumsfestival der Welt ist, sollten auch die normalen Leute nicht zur kurz kommen. Die neue Leitung der Festspiele engagierte sich mächtig für ihr „Summer Event“. Ich konnte als freier Journalist und eifriger Festivalschreiber – sowohl im Februar als auch im Mai – sämtliche Berlinale-Filme im Cinema Home Office ansehen: Auf der großen Leinwand im Dachbodenkino meiner WG, dort durfte auch meine Frau mitgucken. Neugierig habe ich jetzt einige der wenigen Pressekarten ergattert, um mir bekannte Streifen im Freien zu schauen und das Open-Air-Feeling zu erleben. 

Samstag in der Hasenheide, im Waldkino mit gerade mal vierzig Plätzen, sehe ich am späten Nachmittag den Kinderfilm „Ensulimi“ in der Sektion Generation. Beim Start des Streifens schaut die Sonne wieder hervor, bis dahin regnete es heftig. Dramatisch rauscht zu manchen Szenen der starke Wind in den Bäumen. Es gibt sogar Popcorn, das war auf der Berlinale immer verpönt: Doch gegenwärtig ist ja vieles anders! Die Sektion besuchen alljährlich etwa 60.000 Kinder und Jugendliche, also gut zwanzig Prozent des Festivalpublikums. Diesmal wird es insgesamt nur 60.000 Zuschauende geben. Ich halte viele der in Generation gezeigten Filme für die interessantesten der Festspiele – und sie sind auch so wichtig, weil sie den Kids ermöglichen, großes Kino zu erleben. 

Stark beeindruckt haben mich Filme über starke Mädchen: Ulja, die den Leichenwagen ihrer wissenschaftsfeindlichen Kirchengemeinde klaut, um dem von ihr berechneten Meteoreinschlag beizuwohnen („Mission Ulja“). Die Comic-Zeichnerin Rakel, die unbemerkt schwanger ist und deren ungeborenes Kind als Zeichentrickfigur mit ihr diskutiert („Ninjababy“). Oder die indigene Tekahentahkhwa, die im einst rassistischen Kanada für ihre Rechte kämpft („Beans“).

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Ein Rundgang im „Licht!“

„Es werde Licht! Und es ward Licht!“ Zehn bekannte Kunstschaffende die auf unterschiedliche Art und Weise mit Licht arbeiten, lassen ihre Werke in der Kleinsassener Kunststation (Rhön) aufscheinen. Diese Exponate sind ein Querschnitt durch die zeitgenössische autonome Lichtkunst und unterscheiden sich gravierend von angestrahlten Bauwerken im Freien.

Eine zunächst brutal wirkende Installation montierter Stahlrohre mit blauen Leuchtstoffröhren verbindet das Café der Station mit der Ausstellung. Danach lagern in der Finsternis auf großen Spiegeln chaotisch verstreute Blauröhren; ebenfalls von Christoph Dahlhausen. Was zunächst irritiert, entfaltet bei längerem Betrachten doch eine harsche Poesie. Ähnlich fühlt man sich im kleinen Nebensaal, in dem gebündelte Laserstrahlen von Rainer Plum mehrfach abgeknickte grüne Linien ins Halbdunkel werfen.

Beim weiteren Rundgang stößt man auf Hans Kotters digitale Malereien in Leuchtkästen, die zwischen wechselnden räumlichen Mustern und elektronischen Modellen changieren. Ist das die ästhetische Sichtbarmachung lichttheoretischer Formeln? Auf jeden Fall eine Gradwanderung zwischen digitaler Technik und spielerischer Magie. Seine in die Wand gedrungenen Lichtpfeile berühren und schaffen eine Verbindung zu den begehbaren Installationen im nächsten Saal.

Hier drehen sich behutsam Betty Rieckmanns übermenschengroße dreieckige Spiegelsäulen, teilweise mit Folien von Birkenrinde bedeckt, um sich selbst. Beim Umhergehen in diesem „Wald“ werden ganz kurz, sowohl von ferne scheinende Objekte als auch die Betrachtenden selber reflektiert. Die so erlebten Traumbilder möchte man erhaschen, doch sie winden sich immer wieder fort und verschwinden.

Am anderen Ende des Saales, zwischen gebogenen farbenfrohen LED-Leuchtkörpern, fühlt man sich wie in einem elektronischen Garten. Aber ein Exponat heißt „Pas de Deux“ – sind die Gebilde in bizarren Bewegungen erstarrt? Eher eingefrorene Ballerinen auf der Bühne als florale Objekte? Mit ihren Arbeiten hat Susanne Rottenbacher bereits das Amt der deutschen Bundeskanzlerin geschmückt.

Neben der Artothek, nach dem zweiten Eingang in die Schau, bestrahlt das Feuer einer im TV entstehenden Sonne den aufgehängten Mond an der Decke. Diese schlichte Installation von Felix Contzen ist – wie andere Werke auch – eigens für die Kunststation hergestellt.

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