„Die Ironie des Lebens“

„Es sind gute Monate geworden“, sagt Corinna Harfouch am Ende des Films, in ihrer Rolle als sterbende Eva. Ja, auch „Die Ironie des Lebens“ ist ein guter deutscher Film geworden, ein mutiger Seiltanz zwischen Comedy, Sex im Alter, Sterben und Beziehungsdramen. 

Auf der Bühne macht der sehr erfolgreiche ältere Comedian Edgar (Uwe Ochsenknecht) üble Witze auf Kosten seiner Exfrau, die er vor vielen Jahren mit zwei kleinen Kindern verlassen hat. „Was ist das Schönste an der Ehe?“, fragt er ins Publikum. „Die Scheidung“ schallt es aus dem Saal. Doch in der Pause steht plötzlich, nach 25 Jahren, die von ihm geschiedene Frau Eva in seiner Garderobe und berichtet, dass sie schwer an Krebs erkrankt sei und keine Chemo, keine Bestrahlung wolle: „Ich möchte noch ein paar gute Monate haben“, sagt sie und verschwindet schnell, weil sie meint, der Besuch sei wohl doch keine so gute Idee gewesen. 

Im Bademantel und Schlappen folgt Edgar ihr bis in den Bus, versucht Eva dort weis zu machen, dass man gegen ihre Krankheit bestimmt was tun könne, er hätte gute Beziehungen und viel Geld um ihr zu helfen. Doch sie will keine Hilfe annehmen, weißt empört seine Unterstützung als Narzissmus zurück. Der Comedian ist trotz seiner Erfolge eigentlich ein einsamer Mensch, trinkt zu viel, hat gelegentlich Sex mit Groupies, liebt aber nur seinen Hund. Deshalb überrascht es nicht, dass er sich als Retter wieder seiner Frau annähern will – und auch zum ersten Mal seine Tochter trifft, die selber Comedy bei YouTube macht. 

Überraschend (auch für uns) lädt der Komiker die Exfrau zum legendären Comedy-Ball in München ein – die beiden tanzen miteinander, vergnügen sich, trinken reichlich Alkohol und singen nachts im leeren Tanzsaal den alten Song der „Ton-Steine-Scherben“: „Halt Dich an Deiner Liebe fest“. Und natürlich landen die beiden, fast 70-jährigen im Bett und probieren lachend Sex im Alter. Edgar sagt alle Konzerte und Interviews ab, widmet sich ganz Eva, beide haben wunderbare Tage – doch sie will immer noch keine Behandlung.

Als sie sich eines nachts stundenlang vor Schmerzen windet, aber keinen Arzt empfangen will, brüllt Edgar: „Dann stirb doch. Aber ohne mich!“ und verschwindet.

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„Cuckoo“ – rufst aus dem Wald

Auf der letzten Berlinale im Frühjahr hatte der Film „Cuckoo“ seine Weltpremiere in der Sektion Special Gala und wurde dort als eher düsterer Beziehungsfilm abgekündigt. Die Geschichte der Protagonistin Gretchen beginnt im Ressort „Alpschatten“, jedoch im Schatten eines Alptraums wird „Cuckoo“ völlig unerwartet ein echter Horrorfilm. 

Zwar werden keine Bäuche mit herausquellenden Gedärmen aufgeschlitzt oder blutspritzend Arme durch Kettensägen abgetrennt. Doch mit Licht und Schatten, ja gelegentlich tiefer Schwärze, grellen Schreien, krassen Schnitten, manchmal einer erdbebenartigen Kamera, Loops der bizarren Handlung, in der sich zu schriller Neuer Musik Ereignisse rasch wiederholen, treibt uns der junge Regisseur Tilman Singer in einen tiefen Abgrund. Neben der oft Gänsehaut bereitenden Filmsprache, die man aushalten muss, werden wir Zuschauer auch noch einer abstrusen Handlung ausgesetzt. 

Ungerne kommt die 17-jährige Gretchen (Hunter Schafer) aus den USA in die Bayrischen Alpen, um dort mit ihrem Vater, seiner neuen Frau und ihrer Halbschwester zu leben. Warum bleibt lange offen, denn sie ruft ihre Mutter immer wieder auf dem Anrufbeantworter an und fleht, nach Hause kommen zu dürfen. Erst spät erfährt man vom Tod der Mutter. Ihr Vater soll das Ressort umbauen, dessen etwas schmieriger Besitzer Herr König (Dan Stevens) bietet dem jungen Mädchen gegen den Willen des Vaters an, in der Rezeption zu arbeiten. 

Bald versetzt uns der Streifen in eine bizarre Zwischenwelt von Realität und Alptraum: eine irre wirkenden blonde Frau erschreckt die Filmfiguren (und uns) mit grellen Schreien, dabei bebt die Erde. Doch die Schreckensgestalt verschwindet immer wieder schnell und lässt die Akteure (und uns) verwirrt zurück. Ein neuer weiblicher Gast versucht Gretchen mit heißen Küssen zu verführen. Als sie nach dem ersten Arbeitstag mit dem Fahrrad in der Dunkelheit in ihr neues Zuhause fahren will, wird sie von der blonden Frau attackiert.

Man weiß nicht, neigt sie zum Wahnsinn oder wird sie wirklich verfolgt? Verletzt flüchtet sie in eine Klinik, in der auch bald ihr Vater mit Frau und Kind erscheint. Denn die gehörlose Halbschwester Bela (Mila Lieu) leidet an Krampfanfällen und muss hier zeitgleich behandelt werden.

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„Teaches of Peaches“

Eine Dokumentarcollage über die Punk-Performerin kommt jetzt ins Kino

Der rote Teppich auf der Berlinale im Februar dieses Jahres. Grimmig blickend öffnet Peaches ihren langen Ledermantel vor der internationalen Presse. Darunter ist sie fast nackt, auf ihrem winzigen Slip steht „FCK AFD“. Also fickt die AfD. Die 57-jährige Kanadierin, die seit 20 Jahren in Berlin lebt, ist immer für derbe provozierende Herausforderungen zu haben. Gleich wird sie ihren Film „Teaches Of Peaches“ vorstellen, der hier bei den Filmfestspielen uraufgeführt wird.

Dieser Streifen ist eine Dokumentarcollage, der ihre Entwicklung von einer YMCA-Kindergärtnerin, die mit den Kids lustige Musik machte, bis zu ihrer krassen Konzerttournee im Jahr 2022 nacherzählt. Die Bilder springen zwischen alten Zeiten, ihren diversen Banderfahrungen, dem Durchbruch in Berlin und den Vorbereitungen für die aktuelle Tournee. Wollte sie damals noch mit einem winzigen Köfferchen auf Tour gehen, „mehr nicht“, hat sie jetzt eine Helferin, die ihre zahllosen Koffer mit Verkleidungen, Instrumenten, Sexspielzeugen und anderen Bühnenrequisiten vollpackt.

Wir erleben, wie der Coiffeur für sie und die anderen Musikerinnen abenteuerliche Frisuren kreiert. Bei den musikalischen Proben sind wir dabei. „Du musst gar nichts tun“, klärt sie ihre neue Gitarristin auf. „Geh nur über die Bühne, zeig‘ ihnen deinen Arsch. Sie sollen merken, du musst nicht mal spielen, sooo gut bist du…“ Halbnackt, grell bemalt und nur im Schlüpfer tritt sie dann selbst, die älter gewordene Punk-Performerin, vor ihr Publikum. „Seid ihr okay, motherfuckers? Dann lasst uns zusammenkommen“, brüllt sie in den Saal. 

Die Gitarren kreischen, Peaches singt „Fuck the Pain away!“ und bedient ihr altmodisches Keyboard. Die ad-hof-Band zelebriert diesen und andere alte Songs. Aber nicht aus Nostalgie, sondern um herauszufinden, ob sie immer noch aktuell sind und die Leute sich anstiften lassen, ihr Leben zu ändern. Denn Ihre Botschaft ist weiterhin mit wilder, harter, verrückter Musik und der skurrilen, sexuell aufgeladenen Bühnenschau: Frei sein, keine Kompromisse eingehen, mach was du willst und sei du selbst! Bereits in einem VIVA-Interview verkündete sie um 2000 herum: „Wir wollen Sex und wir wollen darüber reden. WIR! Nicht weil die Männer es hören wollen!“ Peaches ist alt und etwas runder geworden, sie ist kein Zuckermädchen mehr, turnt aber mutig und lustvoll – weiterhin – halbnackt auf der Bühne herum.

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„Sieger sein“ – ein Märchenfilm aus dem Berliner Wedding

„Ja, ich trage Klamotten, die keiner mehr trägt. Ja, ich bin ein Scheißflüchtling“, beschimpft die aus Kurdistan in Syrien geflüchtete Mona ihre Mitschüler. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Herzlich willkommen in Deutschland!“ Die multikulturellen Kids mobben die Elfjährige, doch der freundlich-konsequente Lehrer Herr „Che“ Chepovsky nimmt sich ihrer an: „Willkommen in der 7. Weddinger Schule.“ 

In Rückblenden wird deutlich, Mona (Dileyla Agirman) wollte nicht flüchten, „aber niemand hat mich gefragt!“ Sie möchte wieder in ihr Land zurück und ist eine gute Fußballspielerin. Natürlich ist weder an eine Rückkehr zu denken noch daran, dass sie in der Mädchenmannschaft dieser Schule mitspielen darf. Denn hier Schule kämpft jeder gegen jeden: die Jungen gegen die Mädchen, die alten Migrantenkinder gegen die neuen, alle Schüler gegen die Lehrer, die Lehrer untereinander… Die Jungen gießen den Mädchen Gips in die Turnschuhe und zerschneiden ihre Trikots.

Die Kids in ihrer Klasse grenzen Mona aus, weil sie Respekt für die Lehrer fordert und Lust zum Lernen hat. „Wir wurden mit dem Lineal verhauen“, erzählt sie, „als die anderen sie als Streberin attackieren.“ Und sie macht ihnen klar, was Diktatur, gerade für Kinder in Syrien bedeutet. Manchmal wendet sie sich an das Publikum und spricht direkt in die Kamera: „Demokratie ist kein Spaß, dafür sterben Menschen bei uns.“ 

Lehrer und Trainer „Che“ (Andreas Döhler) will, dass sie bei den Mädchen mitspielt. Da sie keine Fußballschuhe hat, beschließt er kurzerhand: „Heute wird barfuß gekickt, damit ihr ein besseres Verhältnis zum Ball bekommt.“ Das Training ist eine Katastrophe, jede kämpft für sich, keine achtet auf die andere, sie sind kein Team. Später spalten sich sogar einige zickige Spielerinnen ab.

Dann beginnt jedoch das Weddinger Märchen!

Mona integriert sich und wird wichtig für die Mannschaft. Einer Schülerin soll von der Schulleitung das Mitspielen verboten werden, die anderen solidarisieren sich. Die Mannschaft wird besser und beteiligt sich, mit abenteuerlich zusammengenähten Shirts, an den Berliner Meisterschaften.

Der Film ist kein „Sommermärchen“ des Fußballs, das Spiel ist nur ein Medium für die Darstellung der Probleme in der Schule und bietet Konfliktlösungen an. Wir erleben die Migrantenfamilie, die nicht nach Deutschland wollte, aber deren Leben in der Heimat bedroht wurde. Monas Tante Heli kämpft im kurdischen Widerstand und schenkte ihr zum Abschied einen richtigen Fußball. In schwierigen Momenten erinnert sich Mona an sie und bekommt neue Kräfte. By the way erfährt gerade das junge Publikum die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur oder was in Syrien los ist.

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„Andrea lässt sich scheiden…“

Dies ist der zweite Film des österreichischen Kabarettisten, Schauspielers und Drehbuchautors Josef Hader („Wilde Maus“). „Andrea lässt sich scheiden“ wurde auf der Berlinale uraufgeführt und ist ein eher tristes Werk, mit allenfalls sehr verhaltenem Humor. Stilistisch und durch seine Melancholie erinnert der Film an die Werke des Österreichers Ulrich Seidl. Jedoch wenn man vorher weiß, was im Kino auf einen zukommt und keine Burleske erwartet, kann man sich diesem Film gut ansehen.

Birgit Minichmayr spielt eine undurchschaubare Polizistin auf dem Land, im tiefsten Niederösterreich, die sich in eine größere Stadt versetzen lassen und von ihrem Mann geschieden werden möchte. Unabsichtlich überfährt sie jedoch ihren Ehemann, der dadurch – wahrscheinlich – zu Tode kommt. Sie begeht Fahrerflucht, versucht den Unfall zu verschleiern und hat ein großes Problem. Hader selbst gibt einen leicht deppert wirkenden Religionslehrer, ist der Outsider im Dorf und wird beschuldigt, Andreas Mann getötet zu haben. Mehr wird hier von der Geschichte nicht verraten, denn, obwohl kein Krimi, birgt sie doch einige überraschende Wendungen.

Der Film beginnt mit der endlos langen Aufnahme einer schnurgraden Straße in einer flachen österreichischen Landschaft. Ein Polizeiauto kommt, hält an und die Insassen, ein Polizist und eine Polizistin, machen sich umständlich bereit, zu schnell fahrende Autos zu erwischen. Das alles wird altmodisch und sehr, sehr langsam mit lediglich wenigen Schnitten in hellem Licht ohne Schatten gezeigt. Diese Erzählweise ohne Kameraschwenks, Nahaufnahmen, Lichtveränderungen oder schnelle Bilder ist typisch für den ganzen Film. Immer wieder tauchen Menschen in diesen öden, einsamen, nicht bergigen Landschaften und Dörfern auf der Leinwand auf: Man fühlt sich oft in die trostlosen Gemälde des amerikanischen Malers Edward Hopper versetzt. 

Und Regisseur Hader breitet darin die ganze Tristesse des Landlebens vor uns aus, geißelt die rüde Verlogenheit und Sprachlosigkeit der dort lebenden Menschen. Jedoch macht der Regisseur im Interview auch deutlich, dass die Menschen hier nicht verrückter oder böser sind, als die Leute aus der Stadt. Aber Frauen wie Andrea wollen hier weg, übrig bleiben viele halsstarrige oder demente Männer, aggressive oder stille Säufer…

Hader sagte dazu: „Das zieht sich mindestens von Brandenburg bis Nordfrankreich. Die Provinz ist nichts Österreichische, das ist etwas sehr Europäisches.“

„Andrea lässt sich scheiden…“ 
Regie/Buch Josef Hader, Österreich 2024, 93 Minuten, Filmstart 4. April 2024 
mit Birgit Minichmayr (Andrea), Josef Hader (Franz) u.a.

Foto:
Josef Hader, Birgit Minichmayr © wega film

Monster oder Menschen wie wir? 

Der Spielfilm „The Zone of Interest“ beschreibt einen Lebensabschnitt des Lagerkommandanten Rudolf Höß. Mit seiner Frau und den fünf Kindern, wohnt er im Schatten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Der englische Titel ist die Übersetzung der euphemistischen nazi-deutschen Umschreibung „Interessengebiet“ für das Gebiet um das KZ.

Lange ist die Leinwand grau, dann taucht der Titel auf: „The Zone of Interest“. Langsam wird er ausgeblendet, dennoch bleibt die Leinwand weiterhin (gefühlt) endlos lange grau. Dazu beunruhigende Neue Musik. Dieser Einstieg verunsichert: Trauen uns die Filmemacher ihre schrecklichen Bilder nicht zu? Wollen sie uns auf unsere Fantasien zurückwerfen? Immerhin wissen wir, es geht um die Gräuel im Todeslager.

Irgendwann dann der Schnitt und lange farbige Kinobilder: Leute picknicken im Wald. Männer baden im Fluss. Frauen suchen mit Kindern nach Beeren. Später die Heimfahrt, Ankunft zu Hause. Morgens gehen die Kinder zur Schule, der Mann zur Arbeit. Es sind banale Ereignisse, etwa wenn der Mann, es ist der Kommandant Höß (Christian Friedel) Geburtstag hat und vor dem Haus einen Schnaps mit seinen SS-Gratulanten herunterkippt. Seine Frau Hedwig Höß (Sandra Hüller), läuft mit dem Baby im Arm zwischen aufgehängter weißer Bettwäsche umher. Zum ersten Mal sieht man jetzt einen Wachturm hinter einer hohen Mauer – das ist das Einzige, was im gesamten Film vom Lager zu sehen sein wird.

Einige jüdische Menschen sind „Bedienstete“ der Familie, furchtsam liefern sie Lebensmittel, putzen im Haus oder servieren Essen. Stolz präsentiert Hedwig ihren Freundinnen einen „beschlagnahmten“ schwarzen Pelzmantel, in dem sie einen grellen Lippenstift fand. Zur gleichen Zeit sitzt Höß mit Ingenieuren zusammen und plant mit sachlich technokratischer Sprache zukünftige Massenmorde: „Der Transport wird entladen“ und „später wird die Brennladung in den Öfen gewechselt“.

Die Kamera ist kalt und distanziert, ihre aufgenommenen Bilder sind nicht ästhetisiert und ohne Effekte, emotionslos halten sie die scheinbar banalen Ereignisse in der Familie unweit des Entsetzens fest. Es gibt keinen Blick in das KZ, man sieht niemals Opfer – außer den ängstlichen „Bediensteten“ der Höß-Familie.

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Der Film „Wo die Lüge hinfällt“

Die junge Frau hastet durch die City, rempelt Leute an, stürzt in ein Café, weil sie dringend pinkeln muss. Aber das ist nur Gästen erlaubt und die Warteschlange vor dem Bestelltresen ist endlos lang. „Liebling, was willst Du trinken?“, ruft ihr ein attraktiver Fremder zu, der ganz vorne steht. Nun bekommt sie, als angebliche Ehefrau, tatsächlich den Kloschlüssel von der knurrigen Kellnerin.

So lernen sich Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell) kennen. Sie verbringen eine Nacht ohne Sex miteinander, doch durch ein blödes Missverständnis am nächsten Morgen, sind sich beide spinnefeind und sehen sich nicht wieder.

Nach diesem langen Teaser sehen wir der Heirat zweier Frauen zu. Als die Frage kommt, ob jemand Einwände vorbringen will, springt der Vater einer Braut auf. Überraschend folgt jetzt keine queerfeindliche Tirade, sondern er lädt – wir schauen ein Video – Verwandte und Freunde aus den USA nach Australien ein. Hier treffen nun also nach einigen Jahren Ben und Bea, die Schwester einer Braut, aufeinander und beginnen sogleich sich anzugiften. Bens Ex ist mit einem dumpfen, kraftprotzigen Surfer liiert: „Nur zum Vögeln“, wie sie ihrem Ex gegenüber betont und ihn anhimmelt. Beas Verflossener wird von den Eltern auch eingeladen, damit sie „endlich in die richtige Richtung geht.“

Die Bräute grämen sich, „sie werden unsere Hochzeit ruinieren“, und stiften die übrigen Gäste an, Bea und Ben zusammenzubringen. „Sie müssen sich ja nicht lieben“, heißt es, „wir müssen es nur hinkriegen, dass sie endlich miteinander vögeln.“ Doch beide durchschauen den plumpen Plan, beschließen dennoch mitzuspielen. Denn die zwei wollen auf keinen Fall wieder etwas mit ihren alten Lieben zu tun haben. Sie befummeln sich, wenn alle gucken, dabei findet Bea auch schon mal eine Vogelspinne in Bens Unterhose. Als die ganze Hochzeitsgesellschaft auf einem Schiff fährt, spielen sie Szenen aus dem Film „Titanic“ nach – was aber gründlich in die Hose bzw. in diesem Fall ins Wasser geht. 

Nach vielen guten Gags und gelungenen Slapsticks kommen sich die beiden einander tatsächlich erotisch näher. Während sich beim ersten Mal Bea aus Bens Wohnung morgens davonschlich, was ihn sehr kränkte, schleicht er sich früh nach der Liebesnacht fort, was sie nun mächtig kränkt. Und wieder beginnt das ganze chaotische Spiel von vorne…

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„The Palace“ – Roman Polanskis Film im Kino

Peinlich berührt verdammt die Filmkritik unisono Roman Polanskis letzten Film, seine groteske Burleske „The Palace“ (2023), die nun auch hier in die Kinos kommt. Dabei wird von einigen Kritikastern „Altherrenhumor“ als neues cineastisches K.-o.-Kriterium eingeführt. Wir wissen zwar nicht, was bei TicToc und Instagram als jugendfrischer oder feministischer Humor daherkommt. Aber so schlimm ist diese Komödie wirklich nicht, denn unverfroren haut der neunzigjährige Regisseur der älteren Hautevolee im Film, lustvoll deren Dekadenz und Protzerei um die Ohren.

In der Millennium-Silvesternacht 2000 versammeln sich Superreiche, Pornostars, zwielichtige Russen und anderes aufgeblasenes Volk im schweizerischen Nobelhotel Palace. „12 Stunden bleiben uns“, verkündet morgens der Hotelchef (Oliver Masucci) seinem Personal und wird fortan selbst durch den Film gejagt, um zahlreiche Schwierigkeiten mit absonderlichen Gästen zu lösen. Etwa einen, als Geschenk angelieferten Pinguin seiner Empfängerin anzuvertrauen.

Champagner fließt in Strömen, unaufhörlich wird Kaviar gereicht. Eine französische Diva (Fanny Ardant) füttert mit dem Fischrogen ihren Hund, der daraufhin das Bett vollkackt. Der nun hinzugezogene Schönheitschirurg, eigentlich mit seiner Geliebten inkognito im Hotel, muss jetzt den Hund und dessen Frauchen behandeln. Zahlreiche von ihm verschönerte Damen erkennen und umschwärmen ihn.

Überaus dominant ist Bill Crush (Mickey Rourke), er hat zwar vergessen zu reservieren, doch sein Kampf ums Zimmer, einen Restauranttisch oder Bewunderung zieht sich als Running Gag durch die Silvesternacht. Eine arme tschechische Familie taucht im Palace auf und behauptet mit ihm verwandt zu sein. Der vermutliche Vater flippt aus, doch der Hotelchef kümmert sich rührend um die Angereisten. Mit einem braven Bankangestellten (Milan Peschel) bereitet Crush einen internationalen Millenniumsbetrug vor, doch sein Helfer wird zunehmend betrunkener und von jungen russischen Damen verführt, die ihn „niedlich“ finden.

Die wiederum gehören zu einer obskuren Delegation von Halunken, die mehrere Geldkoffer im alten Hotel-Safe verstecken…

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„Perfect Days“ von Wim Wenders im Kino

Die Feuilletons triefen vor Lob über das neue Werk von Wim-Wenders, wann gibt es denn schon mal solchen Einklang? „All diese typischen Wenders-Eigenschaften hat man seit seinen Filmen der siebziger Jahre nicht schöner gesehen“, beendet Daniel Kothenschulte seine Eloge in der Frankfurter Rundschau. Nun, erinnern wir uns an die siebziger Jahre – es gab die verrückten Italo-Western oder die spannenden Krimis des französischen Film Noir. Und viele Kinogänger fanden damals Wenders-Filme einfach nur langweilig. Möglicherweise hat sich diese Einschätzung nach einem halben Jahrhundert geändert, aber schauen wir doch mal in diese so gepriesenen „Perfect Days“.

Ein Mann steht auf, rasiert sich, trinkt einen Kaffee, strahlt in den Morgenhimmel und kriecht in seinen Overall mit der Aufschrift „The Tokio Toilet“. Zu Eric Burdons „House oft he rising sun“ düst er fröhlich mit einem Firmenwagen durch die japanische Metropole und putzt gründlich verschiedene Toiletten im Tokioter Stadtteil Shibuya. Doch das sind keine versifften heruntergekommenen Klos wie wir sie kennen, sondern sehr unterschiedliche, aber immer luxuriöse Design-Gebilde. Sein jüngerer Kollege ist faul und ziemlich dumm, Hirayama (Kôji Yakusho) selbst jedoch lebensfroh und gewissenhaft. Im Beuyschen Sinne ist er tatsächlich ein Künstler, der an seinem Ort mit seiner Arbeit, an einer sinnvollen Welt mitarbeitet. Liebevoll tröstet er einen verirrten Jungen, buddelt einen winzigen Baumableger aus, fotografiert das durch einen Baum fallende Licht mit einer altmodischen Kamera. Solche Bilder tauchen auch immer in seinen kurz angedeuteten nächtlichen Träumen auf, die die Tage zäsieren.

Auch die nächsten Morgende beginnen mit Hirayamas Routinen, doch kleine Überraschungen oder Unbilden geschehen. Er findet im Damenklo einen geheimnisvollen Brief. Sein Helfer will die wertvollen Audiokassetten seines Chefs verkaufen, um ein cooles Mädchen für sich zu gewinnen. Einmal hat das Firmenauto kein Benzin mehr. Nach einer Woche taucht bei ihm eine junge Frau auf, seine Nichte, die von zu Hause abgehauen ist. Flüchtig erfahren wir so von Hirayamas Familiengeschichte und erleben ihn kurzzeitig sehr traurig.

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„791 km“ – das mobile Kammerspiel im Kino


Julian Nagelsmann konnte in diesen Tagen für seine Teilnahme an der Auslosung der EM-Spiele in Hamburg weder Flieger noch Bahn benutzen. Weil die Schneemengen in München so gigantisch waren, setzte sich der kränkelnde Bundestrainer selbst ins Auto und düste acht Stunden lang einmal durchs ganze Land: 791 Kilometer. 791 Kilometer. „791 km“, das ist auch der Titel des mobilen Kammerspiels im Taxi, das in dieser Woche in die Kinos kommt.

In München sind die Stürme so gewaltig, dass weder Züge noch Flieger zum 791 km entfernten Hamburg starten können. Zufällig findet sich eine illustre Gesellschaft beim brummeligen, genervten Taxifahrer Josef (Joachim Król) ein, die aus unterschiedlichen Gründen am nächsten Morgen in der Hansestadt sein muss: 

Die überambitionierte Tiana (Nilam Farooq) will ihre „Start-up-Präsentation,“ von der sie ständig redet, persönlich vorstellen. Althippie und Ökostreiterin Marianne (Iris Berben) hat einen wichtigen Untersuchungs-Termin, dazwischen hockt die unermüdlich plappernde, scheinbar geistig etwas behinderte Susi (Lena Urzendowsky) und Tianas Freund Philipp (Ben Münchow), ein Physiotherapeut, den nichts aus der Ruhe bringt. 

Zunächst zieht sich der Film genauso wie die endlos lange Autobahnfahrt durch die Nacht. Das Paar streitet, Marianne gibt Öko-Weisheiten von sich, denen Josef mächtig widerspricht: „Ihr wisst nicht was es heißt, arbeitslos zu werden“ und Susi kommentiert oder hinterfragt alles offenherzig und distanzlos. Schließlich plappert sie sogar noch Tianas Schwangerschaft aus, von der sie zufällig auf dem Klo hörte: „Tampons brauche ich ja jetzt nicht mehr.“

Als alle im Auto pennen und man hofft, dass Josef oder wir Zuschauer nicht auch noch einschlafen, werden die nächtlichen Ereignisse aufregender und komischer. Das Taxi gerät in eine Polizeikontrolle und Susi wird mit einem Luftballon als schwanger ausgegeben. Warum verraten wir hier nicht, jedenfalls wird das Taxi vom Polizeiwagen zur Klinik eskortiert, in dem traumartige Dinge passieren. Beispielsweise assistiert Susi als Krankenschwester bei einer Herz-OP – oder hat sie das nur fantasiert?

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