Liebe zu dritt und Streit in den Bergen – Neues Kino aus Frankreich

In Berlin ging soeben das Französische Filmfest 2014 zu Ende, auf dem es alljährlich viele deutsche Premieren französischer Filme gibt. Die Côte d’Azur lässt grüßen, einige der vorgestellten Werke wurden im Sommer auf dem Festival de Cannes prämiert.

Viele Stars unseres filmverrückten Nachbarlandes sind in den Filmen dabei, in denen es gerne um die Liebe zu dritt geht: Isabelle Huppert als Kuhhirtin aus der Normandie mit ihrer Sehnsucht nach einem Mann in Paris („La Ritournelle“) oder Charlotte Gainsbourg, die leidenschaftlich einen drögen Steuerbeamten liebt („3 Cœurs“), ihre Mutter spielt Catherine Deneuve. Einer der interessantesten Filme des Festivals, „Die Wolken von Sils Maria“, wurde auch in Cannes ausgezeichnet und kommt jetzt in die deutschen Kinos.

Juliette Binoche gibt die alternde Schauspielerin Maria Enders, die von dem bekannten Theaterregisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger) gedrängt wird, noch einmal in einem Stück mitzuspielen, in dem sie einst debütierte und dadurch weltberühmt wurde. Weiterlesen

„Die Freiheit nehme ich mir“ – im Gespräch mit Lars Eidinger

Eigentlich hat Lars Eidinger (38) als Klaus nur eine kleine Rolle als Regisseur in „Die Wolken von Sils Maria“. Doch er treibt Juliette Binoche (50) als Maria in die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.

Viele Menschen außerhalb Berlins kennen Eidinger nur als Tatort- und Filmschauspieler („Was bleibt“, „Alle Anderen“), in Berlin ist er jedoch seit 2000 das bejubelte enfant terrible der „Schaubühne“. William Shakespeares Hamlet spielt er mit Tourette-Syndrom, einer Störung, in der Tics die Kontrolle des Verstandes ausschalten und die Betroffenen zwanghaft boshafte Wahrheiten aussprechen (müssen).

In „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“, fragt er mich mitten im Stück: „Ey, schreibst Du alles mit? Lass Dir doch von der Souffleuse den Text geben.“ Einem Eingeschlafenen in der ersten Reihe will er, ganz ernsthaft, einen Kaffee holen. Seine Wechsel ins Private, auch in anderen Aufführungen, sind legendär – und überhaupt nicht peinlich, denn er integriert sie in das Stück.

Spielst Du jedes Mal anders? Weiterlesen

„Der Koch“ – eine sinnliche und spannende Literaturverfilmung

Martin Suters überaus erfolgreicher Roman „Der Koch“ von 2010 wurde verfilmt und kommt jetzt in die Kinos. „Wonach schmeckt das denn?“, fragt die von der Mahlzeit hingerissene Andrea. „Nach meiner Heimat“, antwortet der tamilische Koch Maravan. Doch um es gleich vorwegzunehmen – das neue Werk des Regisseurs Rolf Huettner („Vincent will Meer“) ist kein Film über das Kochen.

Er beginnt mit einem Vorspiel im Kampf um die Unabhängigkeit der Tamilen in Sri Lanka, bei dem Maravans Eltern sterben. Dann versetzt ein harter Schnitt die Zuschauer Jahrzehnte später nach Zürich, wo Asylbewerber Maravan (Hamza Jeetooa) in einem edlen Restaurant als mies behandelte Küchenhilfe schuftet. Nach dem Tod der Eltern wuchs er bei der Oma auf, die ihn in die Kunst der ayurvedischen Küche einweihte. Deshalb gerät er mit dem arroganten Chefkoch in Konflikt, der die Speisen oft verhunzt. Die attraktive Serviererin Andrea (Jessica Schwarz) unterstützt ihn in einem Streit, Maravan lädt sie daraufhin zu einem Curry bei sich ein. Weiterlesen

„Phoenix“ – der neue Film von Christian Petzold

Eine Frau auf der Suche nach sich selbst

Nach seinem DDR-Drama „Barbara“ aus dem Jahr 2013 hat Regisseur Christian Petzold wieder einen bewegenden Film mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld gedreht: „Phoenix“ ist ein Film über die deutsche Nachkriegszeit – und großes Kino.

Die Jüdin Nelly (Nina Hoss) hat das KZ Auschwitz schwer verletzt überlebt. Nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands kehrt sie in ihre Heimatstadt Berlin zurück, lange bleibt ihr Gesicht hinter dicken Kopfverbänden verborgen. „Wie wollen Sie aussehen?“, fragt der plastische Chirurg. „So wie früher“, antwortet ihre dumpfe Stimme unter den Verbänden. „Das wird schwer möglich sein“, meint der Arzt, „aber draußen laufen noch so viele Nazis herum, die gerne ein neues Gesicht hätten.“ Als Nelly später ihr fremdes Antlitz im Spiegel sieht, ist sie entsetzt: „Mich gibt es ja gar nicht mehr.“ Weiterlesen

Nina Hoss und Christian Petzold zum Film „Phoenix“

„Wenn Nina kam, verstummten alle Gespräche“ – Darstellerin Hoss und Regisseur Petzold zu den schwierigen Dreharbeiten

Für Nina Hoss war es eine große Verantwortung, eine Holocaust-Überlebende zu spielen. Und Regisseur Christian Petzold bewunderte, wie seine Hauptdarstellerin beim Drehen schwierige Situationen gemeistert hat, wie die beiden im Gespräch mit mir erzählen.

Liebe, Verrat, Schuld, Identität: „Phoenix“ behandelt die großen Themen des Kinos. „Ja, da trifft eine Figur, die Nelly, auf das Berlin in der Nachkriegszeit, auf das Deutschland, das nichts von ihr wissen will“, meint Nina Hoss. „Es ist ein ganz kleiner Kosmos in diesem großen Ganzen, der wie in einer Druckkammer untersucht wird. Diese für sich allein komplizierte Geschichte in so ein Setting zu setzen, das ist besonders und darin liegt auch einer der Unterschiede zu manch anderen Filmen über die Nachkriegszeit.“ Weiterlesen

„Schoßgebete“ – eine richtig miese Literaturverfilmung

Die Verfilmung der „Schoßgebete“ von Charlotte Roche ist, anders als die ihres ersten Buches „Feuchtgebiete“, nicht besonders sehenswert. Zu sehr schleppt sich die Handlung dahin, vom Geist der Romanvorlage ist wenig zu spüren.

Bei Autoren, denen auf Anhieb ein Erfolgsroman gelingt, ist das zweite Buch oft mit hohen Erwartungen überfrachtet. Das Problem hatte Charlotte Roche nach ihrem ersten Bestseller „Feuchtgebiete“ überhaupt nicht. Die neue Geschichte ist gleichsam im fortgeschrittenen Geist der ersten geschrieben: „Schoßgebete“ ist reifer geworden, so wie die neue Heldin selbst. War Helen noch jung, naiv und voller schräger Einfälle, so ist Elisabeth „spießig, ängstlich und analfixiert“, dabei aber auch nicht schlecht mit ihren gedanklichen Eskapaden: Ihre Therapeutin lüftet vor jeder Sitzung, „damit es nicht nach Patient riecht.“ Oder es macht Elisabeth „wirklich aggressiv“, dass ihr Ex-Freund weiß, „wie ich nackt aussehe. Ich würde gerne seine Erinnerung löschen.“ Weiterlesen