„The Greatest Show On Earth“ in Frankfurt

Der Frankfurter Mouson-Turm eröffnet seine neue Spielzeit mit einem internationalen Performance-Zirkus, für den acht bekannte junge Künstlerinnen und Künstler Aktionen für die Manege entwickelten.

Im traditionellen Zirkus gibt es für jeden Ungewöhnliches zu erleben, die einen mögen Clowns, andere Säbelschlucker oder gar Tigerdressuren. So ist es auch in der „Greatest Show on Earth“, wie die Veranstalter ironisch vollmundig ihren „Zirkus für das 21. Jahrhundert“ nennen. In der vom Mousonturm ausgelagerten Spielstätte „Frankfurt LAB“, erfreuen sich manche Zuschauer überschwänglich an einer Pantomimin, die imaginäre Tiere dressiert oder einer japanischen Rabatzgruppe, die sich clownesk mit Tomaten beschießt. Auch eine echte, zunächst als Löwin verkleidete Katze, bekommt viel Beifall, als sie ihr eigenes Sterben mit Wiederauferstehung darbietet.

Für andere, wie den Rezensenten, ist das Highlight der makabre Tanz eines Paares mit Motoradhelmen und schweren Stiefeln. Der Mann mit Stelzen schreitet alles überragend kriegerisch umher oder windet sich hilflos auf dem Boden. Mal zieht ihn die kleine Frau im Tüllrock an den hölzernen Beinen, mal verschmilzt sie mit ihm zu einem Riesenwesen. Bei wechselndem Licht und fremdartigen Klängen bedrängen die beiden einander oder vereinigen sich als liebendes Paar. Es sind unglaubliche, selten gesehene, immer neue Bilder, die aufblitzen und wieder verlöschen. Choreografin Meg Stuart („Eigentlich hasse ich Zirkus“) hat den Rahmen für das blutjunge, performende Duo geschaffen, das mit dieser Darbietung an artistische und körperliche Grenzen geht (Foto unten).

An diese Extreme schließen auch Florentina und Vincent mit ihrer obszönen Darbietung an. „I’m always love you“, zerkreischt die Frau Whitney Hustons Song, macht dazu einen Strip und lässt schließlich ihren dunkelhäutigen Partner aus dem Stahl-Käfig. An einem Ring im Trapez simulieren die beiden atemberaubende zirzensische Liebesspiele. Schamlos und doch virtuos zersetzen sie mögliche Erwartungen des Publikums und rassistische Klischees (Foto oben)…

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„Finale“ des 4. Land Art Festivals am Rande der Rhön 3. und 4. September

„Zwischen Zivilisation und Wildnis“

Schwebende Mooskugel, ein farbenfrohes Baumkleid, riesige Fotos von Menschen in Bäumen, verspiegelte Geisterfiguren… Um diese Werke zu selbständig zu betrachten, kommen täglich viele Neugierige zum Heiligenborn in Hutten am Rand der Rhön.

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„Ganz im Glück“ (links) / „Baumkuchen“ (unten)
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Zum „Finale“ am 3. und 4. September präsentiert das KulturWerk ein kleines Festivalprogramm:  Am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 20 Uhr sind dort viele Kreative anwesend und verführen zu Künstlergesprächen oder angeleiteten Kunstaktionen. Hannah Wölfel, Bildhauerin und Kunstpädagogin, macht um 14.30 und 17.30 Uhr Führungen über den Kunst-Parcours.

Manche Skulpturen werden dabei von Tänzerinnen der Compagnie ARTODANCE – Choreografie Monica Opsahl – zum Leben erweckt (Foto oben)

„Mutierte Wegschnecke“ von Norbert Blücher (unten)  Weiterlesen

Kunst in Osthessen: Die 37. „Kunstwoche Kleinsassen“ in der Rhön

 

Lange vor der offiziellen Eröffnung der 37. Kunstwoche Kleinsassen sind die Stände der Künstler und Kunsthandwerker aufgebaut. Viele Besucher strömen bereits Sonntagfrüh in das Malerdorf, unterhalten sich mit den Ausstellern und kaufen ihre Werke.

Farbenfrohe florale Bilder oder abstrakte Kompositionen, organische Holzobjekte oder blecherne Gartenplastiken, putzige Sammlerbären oder grenzwertige Hundekissen – und natürlich jede Menge großartige Goldschmiede- und Keramikarbeiten unterschiedlicher Provenienz: Zwischen Rhöner Bratwurst und Blasmusik ist nicht nur reichlich Raum für qualitativ sehr unterschiedliche Arbeiten, die jeden Geschmack bedienen. Es lassen sich auf dem Markt außerdem überraschende Objekte entdecken, etwa betonte Maserungen flacher Holzscheiben, die dadurch wie grafische Strukturen oder Gesichter wirken. Der direkte Kontakt und die Gespräche mit den Kreativen gehören sowieso zum Kunstfestival. „Wo soll ich denn sonst Urlaub machen als hier?“, meint scherzend eine Goldschmiedin aus Eschwege, die immer wieder gerne im Malerdorf ausstellt.

Auf der Biebertalstraße findet fröhliches Marktreiben statt, jedoch haben die Dorfbewohner auch wie immer Scheunen, Ställe und Garagen ausgeräumt, die Künstler als rustikale provisorische Galerien nutzen. Auf der „Kunstwiese“ werden als Masken zusammengeschweißte Schaufeln, Stahlkugeln auf langen Stangen und zahlreiche weitere Metallobjekte präsentiert. Eine Mode-Designerin zeigt eigenartige Leinwand-Drucke von Tanzenden, die sie mit Nähten betont: „Ich zeichne mit der Nähmaschine“, erklärt sie. Viele Kunsthandwerker warten nicht nur auf Kundschaft, sondern führen täglich kreative Techniken vor und erläutern sie. Überall wird gehämmert, gepinselt, gezeichnet, gedrechselt und geschnitzt.

In diesem Jahr scheinen die Kleinsassener stärker als sonst mit dem Festival verwoben zu sein. Etliche haben behelfsmäßige Raststätten aufgebaut und bieten „Milse-Burger“ oder Käsespätzle an. Auch die Kunststation ist nach vielen Jahren endlich wieder ein wichtiger Teil der Kunstwoche geworden. Hier kocht ein Künstler „Wüstenmocca“, doch statt aus dem Kaffeesatz zu lesen… Weiterlesen

Guildo Horn rockt Osthessen

Beatmusik statt Schlager / als Moderation blödes Gelaber

Guildo Horn schaffte es mit seiner Gesangsdarbietung „Guildo hat euch lieb“, vor gut zwanzig Jahren beim European Song Contest, auf den siebten Platz. Danach wurde es stiller um ihn, doch eine kleine Fangemeinde vergaß ihn nie. Am Wochenende trat er mit seiner Gruppe „Die Orthopädischen Strümpfe“ in Schlüchtern auf.

Tick-tick-tick! Rums! Rums! Schwere Gitarren-Riffs, dröhnende Bässe, hartes Schlagwerk: Die „Orthopädischen Strümpfe“ fetzen los, wie eine frühe Beatband, die Musikanten posieren lustvoll als wilde Rockstars. „We love Rock ‘n Roll“, die harten Klänge Joan Jetts von 1982, übersetzt Guildo singend mit rauer Stimme: „Ich find’ Schla-ger toll!“

„Griechischer Wein“, „Mendocino“ und weitere betagte deutsche Oldies werden ebenso laut und ruppig dargeboten, obwohl der Sänger doch versprach, er wolle seine Besucher in ein sanftes Land entführen, in dem Milch und Honig flössen und mit ihnen ins „Traumboot der Liebe“ steigen. Aber eigentlich entpuppt sich der Mann, trotz Blödelsprüche in der Moderation und unsäglicher Verkleidung, die er nach und nach ablegt, als ziemlich cooler Rocker. Seine eigensinnigen Coverversionen deutscher Schlager sind keine Persiflagen, wie sie in den 1990er-Jahren Mode waren.

Mit dem teilweise bunt verkleideten Publikum ist „der Meister“, wie ihn die Veranstalter ankündigten, schnell im intensiven Kontakt; er hat es fest im Griff. Der Sänger springt in die Menge, spricht einzelne direkt an: „Du da, mit dem Bart, dich wollen wir hüpfen sehen!“ Enthusiastisch tun die meisten, was sich der singende Turnlehrer von ihnen wünscht, auf der Stelle hüpfen, die Arme schwenken oder in den Himmel recken. Die deutschen Schlagertexte singen alle sowieso lauthals und klatschend mit.

Erstaunlicherweise sind viele Besucher noch nicht so alt, um ständig orthopädische Strümpfe tragen zu müssen. Die Party vereint junge und ältere Fans, die jeden Unsinn mitmachen und ausgelassen über alle Späße lachen. Gute einhundert Minuten lang bietet die Combo harte Beatmusik dar – aber Guildo hat ein sensibles Gespür, wann mal etwas anderes kommen muss. Zu den Rockrhythmen klimpert er auch mal mit Kuhglocken die Melodie von Marianne Rosenbergs, „Er gehört zu mir“, oder entpuppt sich an kleinen Trommeln als unbändiger Percussionist. Weiterlesen

„The Ukulele Orchestra of Great Britain“ in Osthessen

 

In der ausverkauften, völlig überfüllten Nieder-Mooser Kirche war am Sonntag „The Ukulele Orchestra of Great Britain“ zu Gast. Im Rahmen der Sommerkonzerte und des 225. Geburtstags der Orgel, wollten die Veranstalter dem Publikum etwas Besonderes bieten.

Erstaunlicherweise klangen die Instrumente der weltberühmten Kapelle überhaupt nicht schrammelig und gar nicht so exotisch wie erwartet, sondern meist eher wie sehr hoch gespielte Gitarren. Dazu wurden großartige Gesänge angestimmt: Eine der Musikerinnen sang zu Ukulele-Klängen „I’m dancing barfoot“ von Patti Smith, berührend interpretierte die zweite Musikerin einen Song Joni Michels. „Kiss“ von Prince wurde ziemlich schräg und näselnd dargeboten und „Pinball Wizard“ von „The Who“ präsentierte die Gruppe sogar a cappella. Alle die im Konzert zu Gehör gebrachten Songs waren eigentlich keine Cover-Versionen, sondern umgeschriebene, oft solo oder vielstimmig gesungene, sehr eigen-artig vorgetragene Interpretationen. Und natürlich fuhren sie alle in die Beine, gerne hätten wohl manche Besucher im Gotteshaus getanzt.

Einige Stücke wurden als Filmmusik angekündigt, wie das Thema des Italo-Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod.“ Der schnell vom Publikum erkannte Titel wurde mit viel Gepfeife, Geschnalze, Gepuste und anderen vokalen Einlagen der Spieler garniert. Gerne wird das Orchester als komödiantische Kapelle angekündigt, aber Musik-Clowns sind die acht britischen Damen und Herren nun wirklich nicht.

Allerdings ist die abwechselnde, ausnahmslos englische Moderation der Instrumentalisten voller Wortspiele und bissigem schwarzen Humor. Gestenreich und doch unterkühlt streiten sie untereinander oder bestaunen theatralisch das Gerede der anderen. Im zweiten Teil des Programms legten sie im Spiel an Komik etwas zu – zeigten pantomimische Einlagen, bei denen sie immer mal „einfroren“ oder mit Tierstimmen quietschten und jaulten. Einer… Weiterlesen

Finanzkabarett – Chin Meyer in Ost-Hessen

Die Vorankündigung des Finanzkabarettisten Chin Meyer in der osthessischen Presse war so verlockend wie amtliche Erläuterungen zur Vergnügungssteuer. Dazu Dauerregen und Kälte – beste Voraussetzungen für einen miesen Abend im KuKi-Zelt in Schlüchtern.

Der begann mit der Suche des Steuerfahnders Siegmund von Treiber im Zuschauerraum nach alten Kunden. „Ich kenne Sie doch alle!“, bellte er zur Begrüßung und ereiferte sich, „mich nervt das Gejammer der Steuerzahler.“ Atemlos ratterte er alle deutschen Abgaben herunter, die doch wirklich so leicht zu verstehen seien. Dann machte er sich über Steuerbetrüger wie Passivraucher her oder pries Kettenraucher, die in ihrem kurzen Leben 17 Kindertagesstätten förderten.

Nach unterhaltsamen zwanzig Minuten trat Treiber ab und machte Platz für Meyer. Der Finanzkabarettist schwadronierte nun über Reichmacher wie Erben oder Zinsen. Doch immerzu schweifte er ab und stellte absonderliche wirtschaftliche und politische Zusammenhänge her. Durch Autos würden in Deutschland mehr Menschen getötet als durch Islamisten, betriebswirtschaftlich sei das für Al-Qaida ein Unding. Die Terroristen sollten das durchrechnen und dem ADAC beitreten („Freie Fahrt für freie Bürger!“), statt mit Äxten durch Züge zu rennen. Für Schönheits-OPs und Viagra würde mehr Geld ausgegeben als für Alzheimerforschung. „Nun hängen die im Altersheim mit Silikonbrüsten und Dauerständern herum und wissen nicht, was sie damit machen sollen.“

Beharrlich forderte Meyer die neoliberale Ökonomisierung und effizientere Gestaltung aller Lebensbereiche. Vehement stritt er sich häufig (nach kurzer Verwandlung im Off) mit dem Steuerfahnder, ließ den amerikanischen Finanzberater Jack zu Wort kommen oder trällerte und verfremdete bekannte Pop Songs wie Tina Turners Private Dancer: „Ich bin Privat Banker, ich verzock’ Deine Kohle im nu, ah-hu, ah-hu…“

Ein Höhepunkt des Abends… Weiterlesen

„Toni Erdmann“  in Cannes gefeiert, doch ohne Goldene Palme

 

„Toni Erdmann“ von Maren Ade, der Film mit dem seltsamen Titel, wurde 2016 auf dem Filmfestival in Cannes von den Kritikern begeistert gefeiert. Eine goldene Palme bekam er jedoch nicht, jetzt kommt der Streifen bundesweit in die Kinos.

Zunächst ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso der Film so bejubelt wurde, denn seine Geschichte wird sehr, sehr langsam mit sehr traditionellen filmischen Mittel erzählt. Doch irgendwann nimmt die Erzählung an Fahrt auf, wird ohne Plattheiten humorvoll und recht spannend:

Winfried (Peter Simonischek), ein leicht verlotterter Musiklehrer und Alt-68er taucht plötzlich im Leben seiner karriereorientierten Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest auf. Die arbeitet dort für eine weltweit agierende Beratungsfirma, ihr Job ist stressig, anspruchsvoll und erfordert großes Engagement. Der nun in ihrer Welt herumtapernde Vater nervt sie fürchterlich mit seinen schrägen Witzen und dem distanzlosen Verhalten gegenüber ihren Kollegen. Denen macht er weis, er habe sich zu Hause eine Ersatztochter gesucht, die Ines nun bezahlen solle.

Als Winfried endlich merkt, dass Ines zwar unglücklich ist, aber um ihre Karriere bangt, verschwindet er einfach – und taucht als Finanzberater Toni Erdmann mit schwarzer Langhaarperücke, im Mund eingeklemmten Hasenzähnen und Leinenbeutel wieder auf. Ines’ Kollegen, die rumänischen Geschäftspartner und vor allem deren Frauen sind von ihm und seinen unkonventionellen Ideen sowie abenteuerlichen Vorschlägen zum Krisenmanagement begeistert. Nach einer Kinostunde hat die spröde Tochter endlich auch mal etwas Sex mit einem Kollegen und nähert sich, erstaunlicherweise, dann ganz langsam dem Alter Ego ihres Vaters an.

Ihren Geburtstag will sie auf eine Anregung ihres Chefs im deutsch-rumänischen Team feiern. Kurz bevor die Gäste kommen, zieht sie sich noch einmal um, weil ihr das hautenge Kleid etwas kühn vorkommt. Doch der Fummel zerreißt beim Ausziehen, während die ersten Besucher schon klingeln – plötzlich und spontan öffnet Ines splitternackt die Tür. Weiterlesen

4. Land Art Festival am Rande der Rhön Zwischen Zivilisation und Wildnis bis Ende August 2016

Am Wochenende vom 1. bis 3. Juli  präsentierten Künstlerinnen und Künstler ihre Kunstwerke in der Landschaft um Hutten-Heiligenborn am Rande der Rhön. Hier, an der „Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis“, können sie nun zwei Monate lang von Interessierten besucht werden.

Auf der Wiese oberhalb des Schwimmbads grüßt die Besucher die große, dort beim ersten Festival vor vier Jahren platzierte Doppelkopf-Skulptur Thomas Kippenbergs. „Damit man die wieder wahrnimmt“ hatte die Choreografin Monica Opsahl sie durch ihre Tänzerinnen erneut sichtbar gemacht. Hunderte von Menschen stromerten am Sonntag, geführt von der KulturWerkerin Hannah Wölfel oder alleine durch die Gegend um das Bergrestaurant.

Tänzerinnen belebten während der Führungen weitere Kunstwerke – etwa die von Gerwin von Monkiewitsch zu eisernen Pflanzen montierten Schaufeln (Schippendehls Traum“) oder schufen mit seltsamen Bewegungen eine fremdartige Atmosphäre im dunklen Gehölz um die fliegende „Schwerelos“ Thomas Kippenbergs. Tränen der kleineren Balletteusen gab es samstags, weil aufgrund des schlechten Wetters, alle Tänze ausfielen.

Sowohl in den Gesprächen mit anwesenden Künstlern als auch durch die geführten Gänge über den Kunst-Parcours wurde deutlich, dass sehr viele Werke durch weiter gestaltete Fundstücke entstanden. „Das Gassi gehen mit Hunden scheint die Kreativität besonders zu fördern“, meinte Werner Obländer augenzwinkernd. Er hatte dabei mal ein verbogenes Sägeblatt und ein halbes Vogelnest gefunden und zur NaturGewalt“ montiert. „Ich sammle alles und habe zwei Räume voll mit gefundenen Dingen“, erzählte Norbert Blücher, der eine Baumwurzel mit einer Riesenmuschel als „Mutierte Wegschnecke“ präsentierte. Birgit Hackbarth erblickte im Bauschutt eine weibliche Figur, „da wurde das Zeugs plötzlich wertvoll.“ Sie gestaltete den Fund weiter und fügte zur Frau noch einen Säugling aus Betonresten hinzu („Mutter mit Kind“). Weiterlesen

„Verräter wie wir“ Unbeteiligte im Fadenkreuz von Russenmafia und Geheimdienst

Prolog: Der Filmkritiker düst unvorbereitet in die Pressevorführung, weiß nichts über den Film oder seinen Titel – doch im Kino ist er schnell fasziniert von einem Streifen, dessen dramatische Struktur ihn an spannende Romane John le Carrés erinnert.

„Verräter wie wir“ IST die Verfilmung von Le Carrés gleichnamigem Buch. Regisseurin Susanna White hat die typische Dramaturgie des britischen Kultautors in großartigen Bildern eingefangen. Mit wenigen Nahaufnahmen entführt der Film in die Welt der russischen Mafia: Tanzbilder aus dem Schwanensee-Ballett. Vertragsabschlüsse. Eine Kamerafahrt über die Schneelandschaft. Schnelle Morde. Blut im Schnee…

Nach dem Vorspann ein harter Schnitt auf ein schmusendes Liebespaar im Bett. „Das wird nichts“, sagt die Frau und steht abrupt auf. Die Rechtsanwältin und der Literaturprofessor aus London sind in einem marokkanischen Edelhotel und wollen ihre Ehe kitten. Doch nun geraten die beiden in eine fremde, unwirkliche Welt. Der russische Geschäftsmann Dima (Stellan Skarsgård) lädt die sie zu teuren Drinks ein, entführt sie auf eine wilde Party und steckt Professor Makepeace (Ewan McGregor) einen USB-Stick zu, den er einfach nur britischen Zollbeamten aushändigen soll. Der Russe will aus der Mafia aussteigen, für die er als Geldwäscher arbeitet, und hat keinen anderen Helfer als den soeben kennengelernten Briten. Seine Frau Gail (Naomie Harris) findet das zwar überhaupt nicht gut, lässt sich aber dennoch in die düstere Geschichte verwickeln.

Die beiden Unbeteiligten werden in eine riesige Verschwörung hineingezogen und möglicherweise zwischen Mafia, Politikern und Geheimdienst zerrieben. Denn die britischen Agenten setzen ohne jede Rücksicht oder Skrupel ihre Interessen durch und erpressen eiskalt den Professor und die Anwältin…

Der Film ist – auch durch seine kühlen Farben, radikale Schnitte und eigenartige Musik – durchgehend sehr, sehr spannend. Die komplizierte Handlung ist durchaus glaubwürdig, seit der NSA-Affäre und der Flucht Edward Snowdens traut man Politikern und Geheimdiensten schließlich jede Schweinerei zu. Eine gelungene Literaturverfilmung und ein sehenswerter Film! Weiterlesen

„Tangerine LA“ Ein cooler und doch bewegender Film aus der Subkultur transsexueller Huren

Heiligabend in Los Angeles. Zwei schrille dunkelhäutige Weiber kreischen herum, fallen sich in die Arme, feiern lautstark ihr Wiedersehen.

Beide sind transsexuelle Prostituierte, die eine, Sin-De (Kitana Kiki Rodriguez) war einen Monat lang im Knast. Ihr Zuhälter Chester (James Ransone) habe sie mit „einer echten weißen Möse“ betrogen, erzählt Freundin und Kollegin Alexandra (Mya Taylor). Die Transsexuelle ist außer sich vor Wut, will Rache nehmen und schreit im coolen Slang: „Ich bin echter als echt, eye, ich hab’ auch ’ne Möse wenn ich mir die Eier wegklemme.“ Parallel erfahren die Zuschauer die Erlebnisse des armenischen Taxifahrers Razmik, dem das Auto vollgekotzt oder sonst wie der Job schwer gemacht wird. Er ist verheiratet, hat eine kleine Tochter, liebt aber den Sex mit den transsexuellen Weibern der 17. Straße. Als er schnelle Liebe in der Waschanlage machen will, entpuppt sich die Transe als „Pussy“ und er ist entsetzt, weil sie nichts in der Hose hat..

Wütend streift Sin-De in glühender Hitze durch die Boulevards in LA, bis sie endlich, zu dramatischer Opernmusik, Chesters Adresse bekommt. Die Musik geht in Hip Hop über, die Rächerin rast mit dem Bus durch die Stadt und erwischt endlich die „weiße Möse“, ein dünnes verhärmtes Ding. Im Donut Shop treffen sie dann irgendwann alle aufeinander, die runden sinnlichen transsexuellen Huren, Chester, der coole Zuhälter, die mickrige Konkurrentin. Schließlich kommt noch der geile Razmik, der es Heiligabend zuhause nicht aushält, seine Schwiegermutter, die ihn zur Rede stellen will – und schließlich auch seine schöne junge Frau mit dem Baby, die längst alles weiß…

Der bekannte Independent Filmer Sean Baker hat den Streifen mit dem I-Phone 6 gedreht, aber natürlich im Studio professionell nachbearbeitet. Dadurch wirkt diese Tragikomödie mit ihren warm-blassen Farben wie ein authentischer 70er-Jahre-Film mit dennoch, manchmal atemberaubenden Bildern: Die Liebe in der Waschstraße wird in voller Länge mit nur einer einzigen Kameraeinstellung auf die Frontscheibe vom Hintersitz aus gezeigt. Sinn-De ruht mal kurz in einem Café aus, während riesige Augen (der Werbung auf einem Bus), sie eine Zeitlang anschauen und verschwinden…

Tangerine LA ist ein durchgehend schräges Subkulturdrama… Weiterlesen