„Die Heilige Johanna auf dem Scheiterhaufen“ – eine außerordentliche Inszenierung in Frankfurt

Die Frankfurter Oper beendet ihre Spielzeit mit einer außerordentlichen Inszenierung des szenischen Oratoriums „Die Heilige Johanna auf dem Scheiterhaufen“ (Jeanne d’Arc au Bûcher)

Zunächst träumt eine Frau im Himmel, zu den spätromantischen Klängen Claude Debussys („Die Auserwählte“), hoffnungsvoll von ihrem irdischen Geliebten. Sie sehnt sich, hier bald mit ihm vereint zu werden: „All das wird sein, wenn er kommen wird.“

Übergangslos erklingt nun die sphärische Musik des Oratoriums. „Finsternis lag über dem Land“ intoniert der stark erweiterte Chor der Oper, „es war ein Mädchen namens Jeanne.“ In einem Lift schwebt sie aus dem Himmel, der durch eine zweite, gläserne Bühnenebene gebildet wird. Bald schreit und singt der Riesenchor, der sie eben noch hochleben ließ, als aufgehetzter und ihren Tod fordernder Mob: „Hexe“ und „Ketzerin“. „Bin ich das?“, fragt fassungslos Jeanne, verkörpert durch Schauspielerin Johanna Wokalek. In zehn Bildern erinnert sie sich dann an Szenen aus ihrem Leben.

Die großartigen üppigen Tableaus, die fast immer vom gesamten Chor dargestellt und besungen werden, zeigen das Glücksspiel dekadenter Herrscher um Jeannes Leben, wilde heidnische Freudenfeste oder den Empfang ihres siegbringenden Schwertes durch Erzengel Michael. Schauerlich das Tribunal und die angedeuteten Folterszenen auf einem Schrottplatz. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein ordinäres Schwein, die vulgären Beisitzenden blöken als Schafe „mäh, mäh.“ Zum Schluss findet die Totgeweihte zu sich und verliert ihre Angst, „Du bist nicht alleine“, ruft eine Stimme vom Firmament.

„Jeanne d’Arc au Bûcher“ ist keine Oper… Weiterlesen

„Baby was a black sheep“ – Performance in Steinau am 11. Juni

Performance „baby was a black sheep…“ am Sonntag 11. Juni im Garten des Museums Brüder Grimm-Haus um 15, 16 und 17 Uhr. Eintritt frei!

Mit zwölf weißen Kunstschafen und einem schwarzen Schaf zeigt die Gruppe Prompte Rührung ( Hannah Wölfel / Hanswerner Kruse) einige kleine Performances im Garten des Museums Brüder Grimm-Haus. Mal gruppieren sie die weißen Tiere bedrohlich um das schwarze, mal führt das schwarze Schaf mutig die weißen an. Durch kleine Veränderung in den Beziehungen der Geschöpfe zueinander können sich auch die Gefühle der Zuschauer verändern – die können schwanken zwischen Mitleid, Empörung oder fröhlicher Überraschung.

Wie verändern sich diese Tableaus wenn die beiden Performer sogar selbst als Kunstfiguren zwischen den Schafe agieren, sich daneben legen oder dazu stellen? Wölfel und Kruse wollen das Entstehen neuer lebender Bilder ausprobieren und zeigen.

Einige Schlüchterner werden sich bestimmt freuen, wenn die Schafe wieder da sind. Wochenlang standen die Kunst-Tiere in unterschiedlichen Situationen auf der Schlüchterner Brache zwischen Fuldaer und Breitenbacher Straße. Alle vorbeikommenden Kinder mussten unbedingt die Schafe streicheln, viele Spaziergänger nahmen Anteil, als das schwarze Schaf geklaut wurde. Aber schnell wurde von den weißen Schafen, wie im wirklichen Leben, ein neues schwarzes Schaf ausgeguckt.

Die beiden Performer Wölfel und Kruse arbeiten als „Gruppe Prompte Rührung“ mal intensiver, mal sporadisch als Aktionskünstler zusammen. Ihre erste Performance inszenierten sie 1987 auf dem Frankfurter Römer.

„Berlin Syndrom“ – ein düsterer Hauptstadtfilm

Der Autor dieser Filmkritik hat ein Wochenende in der Nähe der Berliner U-Bahn-Station Kottbusser Tor („Kotti“) in einer Fortbildung verbracht. Obwohl das, stark sanierte Kreuzberg in der Nähe beginnt, gilt die Gegend immer noch als gefährlich. Durch die massiven Polizeieinsätze in der letzten Zeit sind aber die Raubüberfälle und Körperverletzungen zurückgegangen, berichtete die Berliner Zeitung.

Freitagabend bahnt sich der Filmkritiker seinen Weg durch aggressive jugendliche Drogendealer am U-Bahn-Ausgang. Samstagfrüh watet er unten in der U-Bahn durch Erbrochenes und frische Blutlachen, mittags sitzt er direkt auf dem Platz beim Vietnamesen, blinzelt in die Frühlingssonne. Auf einem ehemaligen Telefonhäuschen hockt ein attraktiver Mann und trinkt Bier, irgendwo schläft ein anderer auf einem herumstehenden Sessel. Zwischen den vielen Türken, asomäßigen „Weißen“ und dealenden Jugendlichen drängen sich mit großen neugierigen Augen zahllose Backpackerinnen.

Im Film „Berlin Syndrom“ begegnet hier eine von ihnen, die junge australische Rucksackreisende Clare (Teresa Palmer), dem gepflegten deutschen Mann Andi (Max Riemelt). Von dem Englischlehrer lässt sie sich Kreuzberg zeigen und verbringt mit ihm eine wilde Liebesnacht in seiner nahe am Kotti gelegenen Wohnung. Morgens ist er bereits zur Arbeit verschwunden – und sie merkt, dass sie nicht aus seiner verschlossenen Wohnung herauskommt… Als Andi nach Hause zurückkehrt, empfindet sie ihren Einschluss noch als Versehen. Doch bald wird ihr klar, dass sie in dem ansonsten menschenleeren Kreuzberger Haus seine Gefangene ist und aufgrund seiner Sicherungsmaßnahmen keine Chance hat, zu entkommen. Weiterlesen

Der Traum des Künstlers Both-Asmus über Bäume zu laufen…

Der in der Region Fulda aufgewachsene, nun in Berlin lebende Künstler Christoph Both-Asmus (32) versucht, Kunst und Ökologie zu verknüpfen.

Ein Mann liegt am Strand. Sein ganzer Körper ist dick mit Sand bedeckt. Der schützt ihn vor den glühenden Kohlen auf seinem Bauch. Darauf sind frische Blumen gesteckt. Im Hintergrund Felsen, Meer und Wolken. Both-Asmus zeigt dem Besucher kleine Fotos seiner Performance „Requiem“, von der er soeben aus Portugal zurückgekehrt ist. Nur mit dem Filmteam und anderen professionellen Helfern hat er die einstündige, präzise geplante Aktion realisiert, in der er Teil des Kunstwerks wurde. „Das war eine unglaublich starke Erfahrung“, erzählt der Performer, „ich war quasi ‚gesandwiched’, unter mir habe ich die Kälte des Atlantiks gespürt, über mir die Hitze des Feuers.“

Monate später, beim zweiten Besuch, zeigt er den Film mit diesem Ritual, das selbst auf dem Notebook eine stark meditative Wirkung hat. Durch die Hitze fallen Blütenblätter herab, nur durch sie und die fast unmerkliche Dämmerung wird vergehende Zeit deutlich. Ständig wird der Blick des Betrachters von dem bewegten Ozean angezogen. Statt im Hintergrund zu rauschen spürt man die ungeheure Kraft und Energie des Meeres. Die schnell durch die Kohlenglut herabfallenden Blumen verweisen poetisch auf die von Menschen geschaffenen Folgen der Erderwärmung.

Dann packt Both-Asmus die großen Bilder der Aktion aus, die heute geliefert wurden. „Proofs“ (Drucke) nennt er die auf verschiedenen Papieren abgezogenen Fotos. Weiterlesen

Bilder Francis Bacons in Heidelberg als „armes“ Tanztheater

In einem Kammerspiel mit nur sieben Tanzenden inszeniert die Choreografin Nanine Linning ihre berührende Auseinandersetzung mit Francis Bacon (1909 – 1992), der in seinen Malereien meist kraftvolle aber zugleich deformierte Menschen zeigte.

In dem kleinen Saal des Heidelberger Zwingers schwebt eine an den Füßen aufgehängter Tänzerin direkt vor den Köpfen der Zuschauer. Eine weitere baumelt im hinteren Teil der winzigen Bühne. Tänzer liegen zusammengekrümmt am Boden. Zu schrillen elektronischen Klängen bilden sich Paare, die einander mit wilden Bewegungen anziehen und wegstoßen, sich verklammern und winden, quälen und doch immer wieder zu lieben versuchen. Bis zur Erschöpfung tobt und rast ein junger Tänzer, rollt keuchend vor die Füße der Zuschauer. Eine nass geschwitzte Tänzerin greift zwei Akteure an und wird von ihnen ins Publikum geschleppt.

Alle Performer geben physisch und psychisch in diesen Kampftänzen alles, machen sich verwundbar und nackt. Das Stück ist kein Tanztheater, an dem man sich distanziert erfreut, sondern ein intensives Abenteuer. Linnings Compagnie führt kein Drama auf, sondern zieht das Publikum in ihren engen Raum hinein und lässt es die dort entstehenden Triptychons oder Einzelbilder Bacons erleben.

Bisher hat erstaunlicherweise kaum ein Choreograf oder Regisseur die Bilder des Malers auf die Bühne gebracht. Der schuf, ungeachtet aller künstlerischen Strömungen in der Mitte und zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, figurative Bilder mit meist mächtigen düsteren Gestalten. Weiterlesen

„Amazing Shadows“ – Brillantes Menschen-Schattenspiel mit vielen Facetten

Am Ende des Menschen-Schattenspiels „Amazing Shadows“ in der Fuldaer Orangerie feierte das Publikum das achtköpfige Ensemble mit stehenden Ovationen, während die Tänzerinnen und Tänzer abermals mehrere kurze Höhepunkte aus ihren vorherigen Darbietungen zeigten:

Als schwarze Silhouetten tanzten sie noch einmal, leicht klassisch, hinter der Projektionswand, formierten sich zu einem riesigen Tier, verharrten kurz, lösten sich auf und bewegten sich weiter. Mit unglaublicher Leichtigkeit, großer Präzision und atemraubender Akrobatik schuf die Compagnie zwischen den Tänzen Felslandschaften oder vielarmige Figuren, amorphe Ungeheuer oder Wälder aus Körperteilen.

Auf der Bühne agierten die Akteure vor einer Projektionslampe und waren durch die riesige Leinwand vom Publikum getrennt. Mit ihren Aktionen in der Tiefe des Bühnenraums veränderten sie ihre Größe, je näher sie vor die Bildwand kamen, desto kleiner wurden sie. Links und rechts am Bühnenrand (eigentlich an der Lichtquelle) schnappten riesige Köpfe im Profil mit gierigen Mündern bedrohlich nach kleinen Ballerinen (dicht vor der Leinwand).

Das Ensemble präsentierte kein durchgehend dramatisches Stück, sondern performte eine Revue unterschiedlicher Minidramen und lebender Bilder. Zunächst zeigte es noch Kamelreiten zwischen Pyramiden in Ägypten oder Kung-Fu-Kämpfe in China, dann sogar den Fall der Berliner Mauer… Weiterlesen

Der Film „Tiger Girl“ – eine grottenschlechte Zumutung

 

„Über Kunst reden kann jeder. Aber DU machst Selfies mit Mona und Lisa.“ In Abwandlung dieser aktuellen, ziemlich dusseligen Werbung für ein Deodorant, könnte man zum Film „Tiger Girl“ spöttisch sagen: „Alle reden über Achselschweiß, aber WIR drehen Filme mit Tiger und Vanilla.“

Regisseur Jacob Lass („Love Steaks“) hat seinen neuen Film „Tiger Girl“ auf der Berlinale, man muss es schon so sagen, rausgehauen. Die dürftige Handlung ist schnell erzählt: Maggie (Maria Dragus) möchte gerne Polizistin werden, doch als das nicht klappt, macht sie eine Ausbildung in einer Sicherheitsfirma. Warum sie so gerne andere schützen will bleibt offen. Irgendwann rettet das Mädchen Tiger Girl (Ella Rumpf) sie vor einer aggressiven Meute junger Männer, verhindert aber ebenfalls den Beischlaf mit einem Polizisten, den Maggie seit ihrer nicht bestandenen Polizeiprüfung kennt.

Fortan tun sich die beiden Frauen zusammen und wohnen abwechselnd in einem alten Bus oder auf dem Dachboden eines großen Mietshauses. Maggie wird jetzt vom Tiger Girl „Vanilla the Killer“ genannt und versucht noch eine Zeitlang ein Security Girl zu werden. Was das Tiger Girl antreibt erfahren wir nicht. Freiheitsdurst? Abenteuerlust? Schlechte Kindheit? Gemeinsam beklauen, demütigen oder verprügeln die beiden andere Menschen, gerne auch hübsche Jungs. Aus solchen Bosheiten und Gewalttaten besteht der größte Teil des Films. Es wird zwar nicht deutlich, was die beiden Furien eigentlich antreibt, aber in der Uraufführung auf der Berlinale grölten Freunde und Fans der Film-Gang aus Berlin-Neukölln lautstark vor Begeisterung. Weiterlesen

„Es war einmal in Deutschland“ – ein bewegender und zugleich humorvoller Film

„Es war einmal in Deutschland“, heißt der hier besprochene Film und er beginnt nicht nur wie ein Märchen, sondern ist letztlich eine märchenhafte Geschichte. Also:

Es war einmal in Frankfurt eine Mischpoke überlebender Juden, die alle schnell Kies machen wollten, um in die USA auszuwandern. David Beermann (Moritz Bleibtreu), schlitzohriger Sohn ermordeter jüdischer Warenhausbesitzer, verkündet: „Hitler ist tot, aber wir leben noch!“ Weil er weiß, dass die Deutschen vor allem Wäsche brauchen, stellt eine obskure Händlertruppe zusammen, um dieses Bedürfnis zu bedienen.

Da bewirbt sich ein Schauspieler mit einer Herzattacke bei Beermann als Verkäufer. „Ich kann aber auch Hirnschlag“, meint er, „um Mitleid oder Hilfe zu provozieren, wenn’s nötig ist.“ Auch die anderen Verkäufer sind allesamt schräge Vögel. Die Bande wickelt die Schicksen im Rhein-Main-Gebiet mit hinreißender Chuzpe um den Finger und macht großartigen Reibach.

Gleichzeitig bekommt Beermann jedoch mächtig Zoff mit der US-Besatzungsarmee, verschweigt den Schlamassel aber seinen Kollegen. Ihn bedrängt die intelligente und attraktive Offizierin Sara Simon (Antje Traue), die ihn gnadenlos als Nazi-Kollaborateur überführen will. Ständig wird Beermann von der rechtzeitig aus Deutschland emigrierten Jüdin zu Verhören einbestellt und tischt ihr nach und nach eine unglaubliche Geschichte auf. Die wird in Rückblenden parallel zu den Erfolgen der Wäschehändler erzählt:

Beermann überlebte das KZ als Schlemihl, weil er gute Witze erzählen kann. Bei SS-Feiern gab er erfolgreich den Witzbold, „denn die SS hatte ja nicht so viel zu lachen.“ Weiterlesen

Die Malerin & Bildhauerin Dorle Obländer im Steinauer Grimm-Haus

Vor gut einem Jahr starb Dorle Obländer (1947 – 2016), die weit über Osthessen hinaus bekannte Künstlerin. Nun widmet ihr das Grimm-Haus in Steinau eine kleine Retrospektive, zu deren Eröffnung sehr viele Besucher kamen.

Eigentlich plante Museumsleiter Burkhard Kling schon lange, alle Grimm’schen Märchenbilder der Malerin und Bildhauerin auszustellen. Denn daran arbeitete die Künstlerin bis zu ihrer schweren Krankheit, deshalb blieb die nun präsentierte Märchenserie unvollendet. Zusätzlich werden jedoch allerlei weitere Malereien und Skulpturen Obländers gezeigt.

Bereits beim Eintritt in die Ausstellung wird erkennbar, eigentlich sind fast alle ihre Werke surreale oder traumhafte Märchen. Gleich rechts hängen Bilder, die Männer zeigen, die von Frauen wie Kleinkinder getröstet werden oder auf deren Köpfen Schleimschnecken krabbeln. Gegenüber, neben der Treppe zur weiteren Ausstellung, ist ein Ensemble installiert, dass geradezu programmatisch für die malerische und bildhauerische Arbeit der Malerin ist:

Auf einem Gemälde sind „Gerlinde und Sofia“ zu sehen, zwei hochmütige, kaum die Besucher anblickende Weiber. Wie selbstverständlich verschließen sie mit einem Messer oder einem Dolch ihre Handtaschen. Vor dem Bild hockt links ein Engel, rechts ein Teufel. Die beiden Betonskulpturen scheinen fröhlich darauf zu lauern, was wohl gleich passieren wird… Weiterlesen

Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Tanztheater im Hessischen Staatsballett

Ganz im Geiste Shakespeares präsentiert das Hessische Staatsballett mit „Ein Sommernachtstraum“ choreografisch herausforderndes und dennoch unterhaltsames Tanztheater.

Bei den Menschen dürfen Verliebte sich nicht lieben, ein Mädchen soll zwangsverheiratet werden. In der Parallelwelt der Elfen streitet König Oberon mit seiner Frau Titania. Puck, des Herrschers Hofnarr, soll Titania maßregeln und richtet gewaltiges Chaos an. Am Tag nach der rauschhaften Nacht, „in der man den Busch für einen Bären hielt“, sind alle Beteiligten irgendwie verwandelt.

Tim Plegge, Ballettdirektor des fusionierten Balletts Darmstadt/Wiesbaden, hat Shakespeares Erzählung in die Gegenwart verlegt. Die Liebenden sind Teenies, die in ihren Tänzen den ganzen Übermut aber auch die Unsicherheit ihrer Generation zeigen. Da küsst der Junge seine angespannten Muskeln, zeigt stolz seinen Waschbrettbauch, das Mädchen windet sich um seine Beine, an denen er sie cool herabgleiten lässt. Dann fällt er vor seiner Angebeteten auf die Knie. Den durchaus derben Humor des Dichters hat Plegge behutsam auf das Ballett übertragen, ohne ins Läppische abzugleiten… Weiterlesen