„Marie Curie“ – ein weiterer Film über kämpferische Frauen um 1900 in Paris

„Willst Du?“, stöhnt der Mann. „Ja!“, haucht sie – doch statt im Bett übereinander herzufallen springen beide auf und stürmen des Nachts in ihr kaltes, zugiges Labor, um wissenschaftlich zu arbeiten. Doch ganz so eine Nonne der Wissenschaft ist Marie Curie schließlich nicht, wie sich im Laufe des Films herausstellt.

Aber erzählen wir der Reihe nach: Ende des 19. Jahrhunderts musste die naturwissenschaftlich hochbegabte Polin Marie Curie (Karolina Gruszka) nach Paris gehen, weil sie nur dort studieren kann. Der Film beginnt, wie sie und ihr Mann Pierre Curie (Charles Berling) den Nobelpreis bekommen, den lediglich er entgegen nehmen darf. Die Auszeichnung erhalten die beiden für die leidenschaftliche Weiterentwicklung ihrer Radium-Krebstherapie. Als Pierre überraschend bei einem Unfall ums Leben kommt, widmet sich Marie alleine der Forschung. Um Pierres Lehrauftrag an der Sorbonne zu übernehmen oder gar in die Académie des sciences aufgenommen zu werden, stößt sie auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten in der, von allenfalls durchschnittlich begabten Männern dominierten Wissenschaft.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter) setzt Marie ihre Forschungsarbeiten fort, versucht gleichzeitig aber auch bei Kindern und Studenten Forscherlust zu wecken. Aus der Arbeit mit Langevin entwickelt sich eine lange, leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem verheirateten Kollegen. Während bekannt wird, dass sie als erste Frau den Nobelpreis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten wird, geht Langevins verlassene Frau an die Öffentlichkeit. Die Pariser Gazetten geißeln die Witwe als Hure und Ehebrecherin, obwohl Langevin für seine zahllosen außerehelichen Affären bekannt ist. Das Nobel-Komitee legt Marie nahe, auf den Preis zu verzichten…

Wir hatten vor einiger Zeit  über die Filme „Paula“ und „Die Tänzerin“ berichtet (zum Link), Paula Modersohn-Becker und Luis Fuller mussten ebenfalls um die Jahrhundertwende nach Paris gehen, um als Künstlerinnen anerkannt zu werden. Dabei hatten sie es schon schwer genug – aber eine weibliche Wissenschaftlerin galt selbst im fortschrittlichen Paris als perverses, abartiges Ungeheuer. Übrigens endet der Streifen „Marie Curie“ interessanterweise mit der Rekonstruktion des Tanzes „Radium Dance“ Luis Fullers. Die Tänzerin und die Curies kannten sich und waren geschmeichelt, dass ihnen ein Tanz gewidmet wurde.

Marie wird als moderne Frau ohne Plüsch und in zeitloser Kleidung gezeigt, das historische Umfeld spielt keine große Rolle im Film. „Das soll zur Identifikation herausfordern“, meint Regisseurin Marie Noelle. Doch ist dieser Film als Zeitbild einerseits so authentisch wie „Paula“ oder „Die Tänzerin“, andererseits aber sehr viel näher an der biografischen Realität der Protagonistin. Dennoch ist er kein Biopic, weil er sich, trotz einiger Rückblenden, auf die Zeit zwischen den beiden Nobelpreisen konzentriert. Weiterlesen

Ulrich Barnickels „Todsünden“ – Der Metallbildhauer stellt in Gotha aus

Europas wohl bekanntester Metallbildhauer Ulrich Barnickel (62) eröffnet am Freitag 2. Dezember in Gotha seine umfassende Werkschau mit Stahlplastiken und Objekten aus anderen Metallen. Zum ersten Mal präsentiert er dort seine neuen eisernen Modelle der sieben Todsünden.

Es war ziemlich mühselig, den Künstler in seinem Atelier an der Schlitz zu treffen. Soeben kommt er von einem Vortrag in Finnland zurück, am nächsten Tag will er seine Arbeiten nach Gotha bringen. Am wärmenden Holzfeuer aber lässt er sich Zeit, von seinem Projekt der Todsünden zu erzählen. Gerne schweift der Meister ab, zeigt Fotos vom Empfang beim Papst in Rom, erzählt über seine Luther-Skulptur in Hamburg oder erklärt den neuen, riesigen „Feuermann“ im Hof. „Ihr Journalisten seid ja dazu da, den roten Faden wieder zu knüpfen“, meint er lachend.

Also dann – in den letzten Jahren hat Barnickel sich nach dem „Weg der Hoffnung“ (2009) auf Point Alpha und den, noch nicht in großen Skulpturen realisierten „Zehn Geboten“, mit den Todsünden beschäftigt. „Völlerei, Neid oder auch die anderen Sünden versucht man ja zu vermeiden“, erklärt er, „aber ob das nun immer gelingt? Wir sind ja doch nur Menschen…“ Grundsätzlich arbeitet er jedoch nicht für die Kirche, sondern will zur Besinnung auf deren jahrhundertealten Werte beitragen, um diese wieder zu aktualisieren: „Wir müssen keine neuen Werte suchen!“ Kunst kann auch Politik beeinflussen, davon ist er überzeugt, und er will sich einbringen, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Für den Zyklus Todsünden hat er sieben kleine Plastiken als „Vor-Bilder“ – im Maßstab 1:10 – für die Realisierung in einer großen Figurengruppe geschaffen. Man kann bereits Bronzeabgüsse einzelner Kleinplastiken erwerben. Sie sind eigenständige Kunstwerke, keine Modelle im engeren Sinne, denn wenn der Künstler sie in zehnfacher Größe erschafft, verändern sich nicht nur viele Details durch die Metallbearbeitung sondern auch die Aura der Figuren, die dem Betrachter überlebensgroß entgegentreten.

Die Todsünden sollten erstmals in Fulda gezeigt werden. Das klappte nicht, weil eine geeignete Lokalität fehlte, nun werden sie im KulturForum in Gotha präsentiert. „Hasserfüllt und rasend / Schlägt der böse Zorn“ – stark stilisiert raufen zwei Figuren, eine scheint zum Schlag auszuholen. Ein anderes Paar ringt um einen goldenen Stern: „Immer länger wird der Arm im Neid / Nach den Sternen anderer greifen, umsonst.“ (Prof. Dr. Arlt). Diese neuen, eisernen Figuren sind wieder stark auf ihre Gesten reduziert, die angedeuteten Situationen weniger konkret als in den „Zehn Geboten“. Immer treffen zwei Figuren aufeinander, fast alle Sünden ereignen sich, wohl emblematisch, in der Zweiheit. Die Darstellungen wechseln zwischen Abstraktion und Erzählung, dem Betrachter bleibt Raum für Interpretationen.

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„Ich, Daniel Blake“ – der Gewinnerfilm von Cannes jetzt in einigen Kinos

Beim letzten Filmfestival in Cannes gewann Ken Loach die „Goldene Palme“ für den Film „Ich, Daniel Blake“. Nun startet der Film in Deutschland in ausgewählten Kinos. Das preisgekrönte Werk ist ein sehr traditionell erzählter Film des achtzigjährigen Meisterregisseurs. Doch warum erhielt gerade er den Hauptpreis auf dem wohl wichtigsten Filmfestival der Welt?

Die Story des Films ist schnell erzählt: Der ältere Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) bekam nach dem Tod seiner Frau einen Herzinfarkt und versucht nun, bis zu seiner Genesung, Sozialhilfe zu bekommen. Doch er ist zu gesund für die staatliche Unterstützung, aber noch zu krank, um zu arbeiten. Wie in einer modernisierten Erzählung von Franz Kafka, wird Blake von der gnadenlosen britischen Sozialbürokratie und ihren Mitarbeitern zerrieben. So muss er viele Bewerbungen schreiben, obwohl klar ist, dass er die Jobs (noch) nicht annehmen kann. Bei seiner Odyssee durch die Ämter freundet er sich mit der jungen alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) an, die ebenfalls Opfer des undurchsichtigen Verwaltungsapparats wird. Blake hilft ihr bei Reparaturen im Haus und wird für die zwei kleinen Kinder ein guter Opa. Mit viel schwarzem Humor halten die beiden gedemütigten Menschen ihre Unbilden aus, aber irgendwann reicht deren Kraft nicht mehr. Katie prostituiert sich, Blake rebelliert ungestüm gegen das ihm zugefügte Unrecht.

Loach und sein Team haben intensive Recherchen unter arbeitslosen und von der Fürsorge abhängigen Menschen in Groß-Britannien durchgeführt. Sie waren entsetzt über die systematische Erniedrigung arbeitswilliger Underdogs in undurchschaubaren bürokratische Strukturen:

„Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht“, sagt Loach.

Während die meisten Briten glauben, 30% der Sozialhilfeempfänger seien Betrüger, sind es in Wirklichkeit nur 0,7%. In den zwei Filmfiguren sind viele Geschichten der befragten Menschen aufgehoben und verdichtet. Wie diesen Personen durch Willkür und Ungerechtigkeit ihre Würde genommen wird, ist mittelständischen Bürgern kaum bekannt.

Vor kurzem erhielt die Journalistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In einem ihrer Bücher machte sie darauf aufmerksam, dass nicht nur Folteropfer oder Flüchtlinge durch die ihnen zugefügte Brutalität sprachlos werden, sondern auch die Leidtragenden struktureller Gewalt:

„Verzweiflung und Schmerz legen sich wie eine Schale um die betroffene Person und schließen sie ein.“

„Ich Daniel Blake“ ist also nicht einfach nur ein Politfilm, sondern ein Werk, in dem entwürdigte Menschen – durch die Filmfiguren – Gehör finden und dadurch ihre Würde zurück erhalten. Weiterlesen

Das Tanztheater „The Dying Swan“ der Choreografin Monica Opsahl

KulturWerk-Festival „Zuckererbsen für jedermann“ (3) – ein weiterer Höhepunkt der Festspiele:

Monica Opsahls Ensemble Artodance und einige jüngere ihrer Schülerinnen tanzen das Schicksal zweier Menschen, die vom Schicksal brutal auseinandergerissen werden. Die Überlebende (Julie Opsahl) will die andere nicht gehen lassen, die Sterbende (Jana Quilitz) mag nicht gehen. Düstere Gestalten (Nina Hack, Miriam Kreß, Tanja Appeldorn, Lena Winhold) verkörpern als Todesboten das unerbittliche Verhängnis. Zu den neoromantischen bis experimentell-zerrissenen Klängen Joby Talbots nutzen die jungen Frauen, von denen einige Tanz studieren, die gesamte Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes – mit expressiven, auch synchronen Bewegungen und akrobatischen Figuren.

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FOTO Hanswerner Kruse: Die Trennung /  Kreaturen nicht von dieser Welt (ganz oben) 

Verzweiflung und Schmerz, aber auch Härte und Brutalität werden von den Tänzerinnen nicht gemimt. Die entäußerten Gefühle spüren sie in sich und rufen sie dadurch bei den Zuschauern hervor. Jedoch gegen das Leid setzt die Choreografin immer wieder sanfte und doch unendlich fremde „Kreaturen“, die nicht von dieser Welt sind. Sie kommen leichtfüßig hereingetrappelt, bewegen sich spielerisch und akrobatisch – und nehmen auch irgendwann die Gegangene behutsam in ihrem Kreis auf. Sie symbolisieren keinen „Himmel“, kein „Paradies“, sondern verkörpern das Andere, das Neue, dem die Gestorbene möglicherweise begegnen wird: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
/ Uns neuen Räumen jung entgegen senden…“, heißt es ja in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“.

In einem atemberaubenden, langen Solotanz findet die Gebliebene wieder zu sich selbst. Das Zusammensein der beiden Menschen, ihr Abschied, aber auch ihre dauerhafte Verbundenheit über die Trennung hinaus, werden völlig pathosfrei und kein bisschen kitschig präsentiert. Poetischer Tanz kann authentische Gefühle ausdrücken, die zu formulieren unsere gewohnte Sprache nicht ausreicht – und dadurch unsere Seelen berühren. Die Bühne ist völlig schwarz, die Tanzenden sind auf sich und ihre Körper als Ausdrucksmittel geworfen. Verstärkt werden die eindringlichen Tanzbilder durch die Lichtgestaltung (Manfred Grun) und die Musik des britischen Komponisten.

Monica Opsahl hat im Dying Swan ihre Gefühle zur unheilbaren Krankheit und zum Tod der KulturWerkerin und Freundin Dorle Obländer verarbeitet und ausgedrückt. Doch das Stück löst sich völlig von seinem Anlass, der Trauer Opsahls. Durch die verdichtete Form des Tanzes in der spannenden Choreografie sowie die erstaunliche Präsens und Technik der Tänzerinnen, wird es transformiert und letztlich allgemeingültig. Dazu meint Opsahl: „Das Leben ist oft grotesk und brutal. Ich habe keine Antworten zum Tod oder wie man damit umgehen sollte.“ Weiterlesen

KulturWerk-Festival in Schlüchtern: Multimediales Spektakel „Zuckererbsen für jedermann“ (2)

 

Auf ihrem Festival in Schlüchtern präsentierten KulturWerker aus diversen künstlerischen Bereichen ihre diesjährige Eigenproduktion. Das begeisterte Publikum erlebte eine Theatercollage aus poetischen, düsteren und surrealen Bildern zu Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

„Im traurigen Monat November war’s / Die Tage wurden trüber…“ So beginnt Heines Vers-Epos, so begann auch das KulturWerk-Projekt an dem trüben Novemberabend, das wichtige Stationen der Reise des Dichters in Szene setzte. Als die Zuschauer durch eine Mauer aus großen Kartons gelassen wurden, erlebten sie deutsche Kleinstaaterei, wie einst der Poet nach seiner Rückkehr aus Frankreich: „Kommen sie nach Darmstadt“ oder „In Bayärn, I’ sag’s Oich“, warben die Akteure.

„Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut“, Schauspieler Alex Finkel sprach Heines Lob des deutschen Essens, das hinter der Schattenleinwand aufgetischt wurde. Auch zu den folgenden Szenen rezitierte er längere Textpassagen und spielte oft die Rolle als Dichter. Die Pappkartons, die vorher die Grenze bildeten, wurden umgeräumt zum Bett des „Vater Rheins“, in dem kleine, blau beleuchtete Balletteusen zwischen Plastikplanen das Wasser tanzten: „Da sah ich fließen den Vater Rhein / Im stillen Mondenglanze.“

Doch nach diesen schwärmerischen Szenen brachen böse Feindbilder auf: Ein Franzose (Luc Laignel) und ein Deutscher (Arnold Pfeifer) stritten über den Fluss hinweg: „Ihr Kartoffelfresser.“ „Sie sollen ihn nicht haben / den freien deutschen Rhein!“face-1992.jpg

„Und viele Bücher trag ich im Kopf!“ Die Schattenspielerin (Hannah Wölfel) verleibte sich damals verbotene Bücher ein, während Tänzerinnen (Monica und Julie Opsahl, Jana Quilitz) äußere und innere Zensur ausdrückten. Mit einem derben Stocktanz trieben sie dann den Heine-Darsteller in die Enge, der die legendären Sätze deklamierte: „Ein neues Lied, ein besseres Lied / Oh Freunde, will ich
euch dichten! / Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten.“ Später begegnete der Dichter im deutschen Wald den wilden Wölfen und bekannte, selbst einer der ihren zu sein.

Um das multimediale Stück zu „verstehen“, musste man kein Kenner des „Wintermärchens“ sein. Die mal bedrohlichen, mal verträumten Szenen sprachen für sich und wurden noch klarer durch die Texte. Auch die Absichten der KulturWerker waren deutlich, etwa die damaligen Feindbilder zu zeigen, die sich heute bei Flüchtlingen manifestieren. Eindeutig war die Botschaft des Stücks, nachdem die Spieler von den kleinen, nun weißen Tänzerinnen aus kartonierten Schützengräben befreit wurden: Weiterlesen

Keine Prothese für einen redenden Mund – ein Heinrich-Heine-Abend mit Jan-Markus Dieckmann

Am Donnerstagabend, den 17. November, gibt der Wiesbadener Schauspieler Jan-Markus Dieckmann (38) einen Heine-Abend in der KulturWerk-Halle, der sich wohltuend von traditionellen und langweiligen Lesungen unterscheiden wird.

Der Schauspieler, wenn wir ihn denn überhaupt so nennen wollen, sitzt allein auf der Bühne. Auf dem Tisch vor ihm mehrere Bücherstapel, ein Lichtpult, ein PC, um ihn herum etliche Requisiten. Auch Koffer dürfen natürlich nicht fehlen, denn Heinrich Heine (1797 – 1856) war ja ein ruheloser, ein getriebener Reisender, der seine Erlebnisse aufschrieb. Der Akteur liest deshalb die Texte des Dichters gerade nicht im schwarzen Rollkragenpullover mit einem Wasserglas vor sich, wie er spöttisch anmerkt. Denn schon im Schauspielstudium lernte er, Heine-Gedichte szenisch umzusetzen: Mit Bewegungen im Raum, Musik , stimmlichen Variationen und unterschiedlichem Licht.

Diekmanns Metamorphosen als Heine und dann wiederum in des Dichters Gestalten, gehören zu den Traumreisen, auf die er sein Publikum mitnimmt. Beispielsweise traf Heine bei seiner Harzreise auf den Fluss Ilse, der in der Fantasie des Dichters zur sagenhaften Prinzessin wird. Diese Phantasmagorie macht Dieckmann auf der Bühne lebendig. Eben noch war er der vortragende Dichter, nun verwandelt er sich in das schöne Weib und schäkert mit dem Publikum.

„Natürlich steht die Sprache Heines ganz klar im Vordergrund“, sagt Dieckmann, „doch jeder Text hat seine eigene Stimmung, die man zeigen kann, manche lassen sich auch im Sprechgesang vortragen.“ In der Ein-Mann-Show macht Dieckmann alles selbst, steuert die Technik sogar von seinem Tisch aus: „Die Grenze zwischen vor und hinter der Bühne verschwindet“, meint er dazu.

„Ich habe mich schon als Teenie für Heine interessiert“, erinnert er sich, „und er kam auch in der Schauspielschule vor. Irgendwann habe ich mir die Gesamtausgabe gekauft und war erstaunt, welche Facetten Heines Werk hat. Er war ein streitbarer und widersprüchlicher Geist, rannte gegen jede Mauer an. Das hat mich fasziniert, deshalb wollte ich auch schon früh irgendwann mal einen Heine-Abend machen.“

Dieckmann ist Mitbegründer des Freien Theaters Wiesbaden und Ensemble-Mitglied des Frankfurter Kabaretts „Die Schmiere“. „Ich bin ein großer Schauspieler“, protzt er – und lacht los, „ich bin doch 1,91 Meter groß.“ Der Mann sprüht nicht nur voller Ideen, sondern hat auch viel Humor!

Heinrich-Heine-Abend mit Jan-Markus Dieckmann: Donnerstag, 17. November 20 Uhr in der Schlüchterner KulturWerk-Halle, Gartenstr. 50

Weitere Veranstaltungen

Tanztheater „Dying Swan“, Choreografie von Monica Opsahl für das Ensemble Artodance:
Freitag 18. November 20 Uhr

Cello-Sonaten von Strawinsky, Beethoven und Chopin: Leander Kippenberg (Cello) & Edward Liddel (Klavier): Samstag 19. November 20 Uhr

Finissage mit Leitersprüchen: Sonntag 19. November 16 Uhr / Theater allerArt, Einakter des Satirikers Slawomir Mrozek: Sonntag 19. November 18 Uhr

Foto: Jan-Markus Dieckmann in Aktion (privat)

Ein Wetzstein des Geistes? Jürgen von der Lippe in Fulda

 

Jürgen von der Lippe war zu Gast in der ausverkauften Orangerie und amüsierte sein Publikum glänzend mit einem Feuerwerk von intelligenten Witzen, derbem Klamauk, schrägen Gesängen und fröhlichen Kinderspielen.

Wie schafft dieser dicke Mann es nur, ästhetischer Feingeist und dann unflätiges Ferkel zu sein, einen oberlehrerhaften Schlaumeier und bald darauf den herzlichen Spaßmacher zu geben? Egal was er, gekleidet mit wechselnden Hawaiihemden, auf der Bühne darbietet, das Publikum hängt ihm an den Lippen. Und was für eine freche Lippe riskiert er im katholischen Fulda: „Ich habe ja mit der schützenden Hand der Kirche am Genital pubertiert“, erklärt der einstige Messdiener zu Beginn.

„Lippe ist der Wetzstein des Geistes“, hieß es schon beim Dichter Ernst Moritz Arndt im 18. Jahrhundert. Dieser Einschätzung macht das Multitalent Jürgen Dohrenkamp alle Ehre: Damit die Journalisten mit seinem Künstlernamen Wortspiele bilden könnten, habe er sich von der Lippe genannt. So, das waren die Wortspiele, kommen wir nun zur Show.

Ziemlich schnell beschäftigt sich von der Lippe, scheinbar aus dem Stegreif, mit den aktuellen Ereignissen in Amerika: „Ach der Arme…“ Trump habe doch nur diese unsäglich Pfiffi-Frisur, um Mitleid bei den Frauen zu wecken. „Aber es ist schon ganz gut, nicht noch so eine Regierungspräsidentin im Hosenanzug sehen zu müssen.“

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KulturWerk-Festival in der alten Fabrikhalle in Schlüchtern „Zuckererbsen für jedermann“ (1)

 

„Wish you were here“ – mit dem Pink-Floyd-Song eröffneten die Gibsies, die Haus-Band der Künstlervereinigung, die Festspiele. Wie immer kamen viele Besucher diesem Wunsch nach. „Zuckererbsen für jedermann“ lautet das diesjährige Motto der KulturWerker (wir berichteten). Die poetische Forderung des Dichters Heinrich Heine (1797 – 1857) wurde noch von der im Frühjahr gestorbenen KulturWerkerin Dorle Obländer angeregt. Ihr galt natürlich auch der Eröffnungs-Song: „Wish you were here!“

Der Malerin und Bildhauerin ist die begleitende Kunstausstellung gewidmet, in der ihre letzten Arbeiten, 19 von 30 Märchenbildern, präsentiert werden. Alle haben das gleiche Format von 60 x 60 cm und sind im typischen „Dorle-Stil“ mit kräftigen Acryl-Farben und wenig Hintergrund gestaltet. Sie zeigen bekannte Märchensituationen, etwa die auf einer aufplatzenden Schote sitzende „Prinzessin auf der Erbse“ oder das „Rumpelstilzchen“. Jedoch bei „Schneewittchen“ sieht man nur die unglücklichen Zwerge, bei „Aschenputtel“ bloß die blinden verkrüppelten Schwestern. Obländers Bilder arbeiten also häufig visuell den Kern mancher Märchen heraus. Gerne interpretieren sie jedoch die vorgegebenen Situationen, machen die Betrachter neugierig und werfen Fragen auf:

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Das Projekt „Weiblich“ – ein Besuch im Fuldaer Atelier allerART

 

Entdeckungen wie in einer Frauenhandtasche…   Kunstherbst in Ost-Hessen 7

Das kleine Fuldaer Kunst-Lädchen präsentiert eine Vielzahl von Bildern und Objekten zum Thema „Weiblich“. Zur Vernissage am Freitagabend standen die Besucher bis auf die Straße, auch am Wochenende kam viel Publikum.

„Überall Busen wohin man guckt“, meint ein männlicher Besucher freudig überrascht beim Umherschauen im winzigen Atelier. „Na klar“, kontert keck Annette Hertenberger, „der weibliche Körper gibt einfach mehr her…“ Die fünf Künstlerinnen des kleinen Lädchens am Fuldaer Peterstor zeigen viele dralle, aber auch zarte weibliche Akte sowie Ballerinen aus Draht, Pappmaché und anderen Materialien. Dazwischen schweben Geisterwesen aus Modelliermasse von Lotte Schnath, Eva Amelung-Kakhzar zeigt Collagen. Eine Postkartenserie beschäftigt sich ebenfalls mit Tänzerinnen. „Das sind Träume“, erklärt Hertenberger ihre Bilder, alle Mädchen wollen doch gerne tanzen.“

Viele der Arbeiten wirken einfach nur schön, jedoch zeigt gerade KiMa Wehner auch aufgelöste und abstrahierte weibliche Formen. Tanja Abeln-Bil, die mit der Nähmaschine weibliche Akte „zeichnet“ (stickt), geht am Weitesten bei der Antwort auf die Frage: „Was ist weiblich?“, die sich die Künstlerinnen als Thema stellten: „Weg von der Anerkennung!“ Mutig verbindet Abeln-Bil in einem Künstlerbuch und einigen Wandbildern autobiografische Erfahrungen zur sozialen Zurichtung von Weiblichkeit mit ihren grafischen Elementen – und transformiert dadurch persönliche Erfahrungen zur Kunst. Weiterlesen

Die Zeitlosigkeit einer exzellenten Truppe: Manfred Mann’s Earth Band in Fulda

Das charakteristische, manchmal geradezu heulende Keyboard. Heftige Riffs auf der Gitarre. Lange Instrumentalphasen. Überraschende Breaks. Die Stimme des Sängers zum in die Knie gehen. Der satte, rockige Sound macht bereits im ersten Stück klar, wohin die Reise gehen wird: „Spirit in the night“, der schon früh von Manfred Mann gecoverte Song Bruce Springsteens, wird von der Earth Band unverkennbar interpretiert.

Beim nächsten Stück kommt der Keyboarder, der die Gruppe vor 45 Jahren gründete und ihm seinen Namen gab, mit einem Umhängeklavier (korrekt dem „Mini Moog“) nach vorn. Der coole, hoch aufgeschossene Sechsundsiebzigjährige liefert sich mit dem Gitarristen Mick Rogers, ebenfalls Mitgründer der Band, gnadenlose instrumentale Duelle. Dann wieder verschmelzen die Klänge der Spielgeräte im Duett, so dass sie sich kaum noch unterscheiden lassen.

Ob frühe eigene Songs oder Coverversionen von Springsteen, T-Rex oder Bob Dylan, immer zelebrieren die Spieler sie als geilen Blues Rock mit Jazzelementen. Wenn man will, kann man ihnen auch das Etikett „Progressive Rock“ der 1970er-Jahre verpassen, das allerdings schon lange seine Trennschärfe verloren hat. Die alten, sehr unterschiedlichen Stücke bekommen durch die Interpretation der Gruppe jedenfalls etwas Geschlossenes und Zeitloses. Sie wirken weder nostalgisch noch peinlich, wie die frühen Ausflüge der Combo in die Popmusik.

Manfred Mann’s Earth Band ist eine exzellente Livekapelle, die es durchaus verdient hätte, noch größere Hallen zu bespielen. Doch die von ihnen in der Fuldaer Orangerie geschaffene Club-Atmosphäre mit einigen hundert Besuchern ist natürlich höchst angenehm… Weiterlesen