Keine Ostalgie – der Roman „Stern 111“ von Lutz Seiler

Trotz des Ausfalls der Leipziger Buchmesse in der Corona-Pause, erhielt Lutz Seiler den Buchpreis 2020 für den Roman „Stern 111“. Der spielt zwar in der Wendezeit, doch das Buch ist beileibe keine anklagende politische Kritik oder eine sehnsuchtsvolle Verklärung der DDR.

Stattdessen erzählt Seiler die Geschichte des jungen Carl Bischoffs inmitten des Zeiten- und Machtwechsels gleichsam von ganz unten: Die durchaus arrivierten Eltern rufen den Sohn kurz vor dem Mauerfall nach Gera, um ihn mit ihren Fluchtplänen in den Westen zu verwirren. Dazu auserkoren „die Stellung zu halten“, bekommt er die große Wohnung, eine umfangreiche Sammlung wertvoller Werkzeuge sowie das russische Auto Shiguli. Carl schlägt sich eine Zeitlang in der Provinzstadt herum, geht dann aber im Winter 1989 nach Ost-Berlin. Dort übernachtet er am Prenzlauer Berg bei strengem Frost im Auto und erkrankt schwer an einer fieberhaften Erkältung. Anarchistische Hausbesetzer, unentdeckte Künstler und sonstige Außenseiter wohnen als das „kluge Rudel“ in Kellern oder verfallenen Wohnungen am Käthe-Kollwitz-Platz: Sie retten Carl und päppeln ihn auf. Mit dem Werkzeug des Vaters und seinen Kenntnissen als Maurer hat der „Shigulimann“ einen guten Start in der illustren Truppe. Er renoviert besetzte Wohnungen und gründet mit dem Rudel in einem Keller die spätere Szene-Kneipe Assel. Einerseits versucht sich Carl an die Clique anzupassen, ohne an ihren dunklen Geschäften teilzunehmen, andererseits beginnt er Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen. Er trifft sogar Effi wieder, „die einzige Frau in die er je verliebt war“ und beginnt mit ihr eine anstrengende Affäre. Weiterlesen