„Morgendämmerung“ – Tanzfrühling in Hessen (4)

Künstliche Intelligenz, Androiden und Endzeitstimmung – auch der Tanzfrühling im Kasseler Staatstheater widmet sich diesen aktuellen Themen.

Unter dem vagen Titel „Morgendämmerung“ beginnt der zweiteilige Tanzabend, während das Publikum hereinströmt. Zu düsterer, elektronischer Musik winden sich bereits halbnackte Tänzerinnen und Tänzer auf dem Boden der leeren Bühne. Ein Mann hängt kopfunter von der Decke und ruft: „Do I exist?“ (Lebe ich?). Zwei aufrechte Wesen mit zuckenden, roboterhaften Bewegungen begegnen einander zwischen den Liegenden und versuchen unbeholfen, sich zu verständigen und gemeinsam zu bewegen.

Andere Mitglieder des Ensembles schleppen große spiegelnde, halbtransparente Plexiglastafeln auf die Bühne, mit denen sie eigenartige individuelle Tänze oder gemeinsame serielle Polonaisen aufführen. Einmal drapieren sie die Platten zu kleinen Hütten, in die sie die Herumliegenden hineinzerren, die dort drinnen zunächst das Tanzen zu üben scheinen. Durch die spiegelnden Rahmen vervielfachen sich unaufhörlich die Aktionen der Tanzenden. Zunächst wirken Ihre Bewegungen eckig und roboterhaft – im Laufe des Stücks werden sie jedoch zunehmend geschmeidig und menschlicher. Irgendwann geraten die Wesen völlig außer sich, scheinen auszubrechen aus ihrer Programmierung oder Bestimmung, zelebrieren wilde dionysische Tänze.

Es sind spannende, oft auch sehr schöne Tanzbilder, die der Gastchoreograf Helder Seabra mit dem Kasseler Ensemble (verstärkt durch weitere Tänzerinnen, darunter die furiose kahle Performerin Stephanie Crouissilat  aus New York) erarbeitet hat. In „Röntgen“, diesem ersten Stück des Abends, bleibt offen, ob Roboter außer Kontrolle geraten sind. Oder ob die Menschen sich endlich aus der Normierung befreit haben und zu ihrer Individualität finden können.

Für die zweite, titellose Choregografie des Intendanten Johannes Wieland, wurde in der Pause die Bühne in ein Trümmerfeld verwandelt. Zwischen Backsteinhaufen tobt das schmuddelig wirkende, eingestaubte Ensemble mit wilden akrobatischen Tänzen, eine Frau schleppt optimistisch einen riesigen verdorrten Baum herein. Es herrscht Chaos, doch immer wieder nehmen die Akteure Ziegel zur Hand, beginnen irgendwo irgendetwas aufzubauen. Weiterlesen

„The Rite of Spring“ als Tanz-Triptychon im Kasseler Staatstheater

In einem Tanz-Triptychon beschäftigen den Choreografen Johannes Wieland ausgegrenzte, um Halt ringende, nach neuen Wegen suchende Menschen.

Wie immer im Kasseler Tanztheater zeigt die Compagnie kein Erzählballett mit Synchrontänzen. Stattdessen werden die Besucher durch ein Gesamtkunstwerk aus Bewegung, Musik, Licht und Bühnenbild zu eigenen Assoziationen herausgefordert. Die Choreografie ist kein Gefühlstheater, sondern lässt Emotionen in kurzen, schnell wechselnden Bildern aufblitzen:

Ein Tänzer stürzt in einen engen Betonschacht, Stahlleitern führen ins Nirgendwo. Er rennt im Kreis, geht (wörtlich) die Wände hoch. Allmählich kommen Männer und Frauen dazu. Paare finden sich in kurzen gemeinsamen Bewegungen. Tänzer wickeln sich Tänzerinnen um den Hals, hängen selbst mal wie Affen an eisernen Sprossen. Immer wieder sind die Akteure einsam. Zwischendurch ist die Solo-Violine mit einer Partita (Nr. 2 d Moll) von Johann Sebastian Bach zu hören.

Im zweiten Tableau des Triptychons sind die Betonwände auseinander gezogen, das Ensemble hat mehr Platz. Breitbeinig, manchmal bis zum Spagat, agieren die Tanzenden oft nur mit Oberkörpern und Armen. Dazu lautlose Schreie, gebremste Bewegungen, zeitlupenhafte Veränderungen. Ineinander verwobene, sirrende Klänge von Györgi Ligeti („Ramifications“) setzen ein, aber es ist, als seien diese Töne längst vorher in die Körper der Tanzenden gefahren.

Nach der Pause folgt Igor Strawinskys „Sacre de Printemps“, im englischen „The Rite of Spring“ (Frühlingsopfer), das dem Tanzabend den Namen gibt. Der Verfasser dieser Zeilen fürchtete, die Kasseler Compagnie könne die Herausforderung nicht bewältigen. Die dissonanten Klänge des „Sacres“ waren, nach Strawinskys Wiederbelebung des Erzählballetts („Feuervogel“ und „Petruschka“, ein riesiger Skandal. Weiterlesen