„Ich, Daniel Blake“ – der Gewinnerfilm von Cannes jetzt in einigen Kinos

Beim letzten Filmfestival in Cannes gewann Ken Loach die „Goldene Palme“ für den Film „Ich, Daniel Blake“. Nun startet der Film in Deutschland in ausgewählten Kinos. Das preisgekrönte Werk ist ein sehr traditionell erzählter Film des achtzigjährigen Meisterregisseurs. Doch warum erhielt gerade er den Hauptpreis auf dem wohl wichtigsten Filmfestival der Welt?

Die Story des Films ist schnell erzählt: Der ältere Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) bekam nach dem Tod seiner Frau einen Herzinfarkt und versucht nun, bis zu seiner Genesung, Sozialhilfe zu bekommen. Doch er ist zu gesund für die staatliche Unterstützung, aber noch zu krank, um zu arbeiten. Wie in einer modernisierten Erzählung von Franz Kafka, wird Blake von der gnadenlosen britischen Sozialbürokratie und ihren Mitarbeitern zerrieben. So muss er viele Bewerbungen schreiben, obwohl klar ist, dass er die Jobs (noch) nicht annehmen kann. Bei seiner Odyssee durch die Ämter freundet er sich mit der jungen alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) an, die ebenfalls Opfer des undurchsichtigen Verwaltungsapparats wird. Blake hilft ihr bei Reparaturen im Haus und wird für die zwei kleinen Kinder ein guter Opa. Mit viel schwarzem Humor halten die beiden gedemütigten Menschen ihre Unbilden aus, aber irgendwann reicht deren Kraft nicht mehr. Katie prostituiert sich, Blake rebelliert ungestüm gegen das ihm zugefügte Unrecht.

Loach und sein Team haben intensive Recherchen unter arbeitslosen und von der Fürsorge abhängigen Menschen in Groß-Britannien durchgeführt. Sie waren entsetzt über die systematische Erniedrigung arbeitswilliger Underdogs in undurchschaubaren bürokratische Strukturen:

„Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht“, sagt Loach.

Während die meisten Briten glauben, 30% der Sozialhilfeempfänger seien Betrüger, sind es in Wirklichkeit nur 0,7%. In den zwei Filmfiguren sind viele Geschichten der befragten Menschen aufgehoben und verdichtet. Wie diesen Personen durch Willkür und Ungerechtigkeit ihre Würde genommen wird, ist mittelständischen Bürgern kaum bekannt.

Vor kurzem erhielt die Journalistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In einem ihrer Bücher machte sie darauf aufmerksam, dass nicht nur Folteropfer oder Flüchtlinge durch die ihnen zugefügte Brutalität sprachlos werden, sondern auch die Leidtragenden struktureller Gewalt:

„Verzweiflung und Schmerz legen sich wie eine Schale um die betroffene Person und schließen sie ein.“

„Ich Daniel Blake“ ist also nicht einfach nur ein Politfilm, sondern ein Werk, in dem entwürdigte Menschen – durch die Filmfiguren – Gehör finden und dadurch ihre Würde zurück erhalten. Weiterlesen