„The Rite of Spring“ als Tanz-Triptychon im Kasseler Staatstheater

In einem Tanz-Triptychon beschäftigen den Choreografen Johannes Wieland ausgegrenzte, um Halt ringende, nach neuen Wegen suchende Menschen.

Wie immer im Kasseler Tanztheater zeigt die Compagnie kein Erzählballett mit Synchrontänzen. Stattdessen werden die Besucher durch ein Gesamtkunstwerk aus Bewegung, Musik, Licht und Bühnenbild zu eigenen Assoziationen herausgefordert. Die Choreografie ist kein Gefühlstheater, sondern lässt Emotionen in kurzen, schnell wechselnden Bildern aufblitzen:

Ein Tänzer stürzt in einen engen Betonschacht, Stahlleitern führen ins Nirgendwo. Er rennt im Kreis, geht (wörtlich) die Wände hoch. Allmählich kommen Männer und Frauen dazu. Paare finden sich in kurzen gemeinsamen Bewegungen. Tänzer wickeln sich Tänzerinnen um den Hals, hängen selbst mal wie Affen an eisernen Sprossen. Immer wieder sind die Akteure einsam. Zwischendurch ist die Solo-Violine mit einer Partita (Nr. 2 d Moll) von Johann Sebastian Bach zu hören.

Im zweiten Tableau des Triptychons sind die Betonwände auseinander gezogen, das Ensemble hat mehr Platz. Breitbeinig, manchmal bis zum Spagat, agieren die Tanzenden oft nur mit Oberkörpern und Armen. Dazu lautlose Schreie, gebremste Bewegungen, zeitlupenhafte Veränderungen. Ineinander verwobene, sirrende Klänge von Györgi Ligeti („Ramifications“) setzen ein, aber es ist, als seien diese Töne längst vorher in die Körper der Tanzenden gefahren.

Nach der Pause folgt Igor Strawinskys „Sacre de Printemps“, im englischen „The Rite of Spring“ (Frühlingsopfer), das dem Tanzabend den Namen gibt. Der Verfasser dieser Zeilen fürchtete, die Kasseler Compagnie könne die Herausforderung nicht bewältigen. Die dissonanten Klänge des „Sacres“ waren, nach Strawinskys Wiederbelebung des Erzählballetts („Feuervogel“ und „Petruschka“, ein riesiger Skandal. Weiterlesen