Geisteskranke Frauen? Über den einfühlsamen Roman „Die Tanzenden“

„Die Tanzenden“ – der Debütroman von Victoria Mas war in Frankreich ein viel gelobter Bestseller  und erschien vor einiger Zeit auch bei uns. Das Buch über „verrückte Frauen“ entführt seine Leser in die berühmte Pariser Irrenanstalt Salpêtrière im späten 19. Jahrhundert. Es lässt sie am Alltag der Eingesperrten und ihre freudige Vorbereitung für das alljährliche Karnevalsfest in der Anstalt teilnehmen.

Auf dieser karnevalistischen Lustbarkeit in der Salpêtrière drängelt und schubst sich die Pariser Hautevolee, um die „exotischen Tiere besser betrachten zu können.“ Die feinen Leute sind fasziniert von den exzentrischen weiblichen Pierrots, Musketieren und Kolumbinen, Reiterinnen und Zauberrinnen, Troubadouren und Matrosen, Bäuerinnen und Königinnen. Doch zugleich gruseln sie sich vor der Fremdartigkeit der tanzenden Wesen und lauern begierig auf das Schauspiel eines hysterischen Anfalls. 

Mit solch einer hysterischen Darbietung beginnt der Roman: der berühmte Nervenarzt Jean-Martin Charcot führt Medizinern, Schriftstellern, Journalisten und Studenten regelmäßig die junge Louise und andere Frauen vor. Unter seiner Hypnose werden ihre Anfälle künstlich erzeugt, „um deren Symptome genauer zu untersuchen.“ Doch die Besucher „haben weniger den Eindruck einer psychischen Störung beizuwohnen als einem verzweifelten erotischen Tanz. Die verrückten Frauen waren nicht mehr angsteinflößend, sie faszinierten.“ In den sogenannten Lehrveranstaltungen stahlen sie den Stars an den Boulevardtheatern die Show. Louise selbst erlebt die demütigenden Aufführungen vor gierigen Männeraugen als ihren „Moment des Ruhms und der Anerkennung“ und fühlt sich als Schauspielerin.

Seit drei Jahren lebt die Sechzehnjährige aus der Unterschicht in der Anstalt, nachdem sie gedemütigt, vergewaltigt und misshandelt wurde. Beaufsichtigt wird sie neben Hunderten anderer, angeblich geisteskranker Frauen von der strengen wissenschaftsgläubigen Oberaufseherin Geneviève. Seitdem die aus der Auvergne nach Paris kam, hütet sie ein Geheimnis, das sich im Laufe der Lektüre erschließt.

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„Unsane – Ausgeliefert“ – Zum neuen Film von Steven Soderbergh

Man kann sich den Horror kaum vorstellen, als normaler Mensch zwangsweise in die Psychiatrie zu geraten. Das passiert einer jungen Frau in dem Psychothriller „Unsane – Ausgeliefert“, der jetzt in die Kinos kommt.

Die ehrgeizige Bankerin Sawyer Valentini beginnt in einer fremden Stadt einen neuen Job. Rasch wird sie von ihrem Chef gelobt, aber auch sexuell bedrängt. Des Abends schmeißt sie einen Mann aus ihrer Wohnung, mit dem sie eigentlich zum One-Night-Stand verabredet war. Bald wird deutlich, dass Valentini (Claire Foy) zwei Jahre lang von einem irren Stalker verfolgt und dadurch stark traumatisiert wurde. Sie wechselt zwar häufig ihre Wohnorte und Jobs, um dem Verfolger zu entkommen, aber ein normales Leben gelingt ihr nicht.

Nach einer kurzen Sitzung mit einer Psychologin unterschreibt sie achtlos mehrere Papiere. Weil sie dadurch ihrer eigenen geschlossenen Unterbringung zugestimmt hat, landet sie in einer Anstalt. Als sie sich wehrt, wird sie gegen ihren Willen festgehalten, in Anstaltskleidung gesteckt und mit Medikamenten ruhig gestellt. Ihr gesunder Widerstand gegen alle weiteren Zwangsmaßnahmen wird von Pflegern und Medizinern als Beweis ihrer Gefährdung für sich selbst und andere gemaßregelt.

Ein Mitgefangener empfiehlt ihr, sich ruhig zu verhalten, die Klinik sei unterbelegt und würde krankenversicherte Patienten einige Wochen zwangsbehandeln. Danach kämen sie wieder frei, denn das Spital wolle nur vorübergehend alle Betten belegen. Doch Valentini gibt keine Ruhe, fordert energisch die Polizei an, die nichts unternimmt, und telefoniert heimlich mit ihrer Mutter, die von der Klinik abgewimmelt wird. Als sie in einem Pfleger ihren Verfolger (Joshua Leonhardt) wiederzuerkennen scheint, fühlt sie sich ihm hilflos ausgeliefert, flippt völlig aus und wird im Keller in Einzelhaft gesperrt.

Mehr wollen wir von der spannenden weiteren Handlung nicht erzählen, denn Valentinis beklemmenden Albtraum geht unaufhaltsam weiter. Weiterlesen