„Marie Curie“ – ein weiterer Film über kämpferische Frauen um 1900 in Paris

„Willst Du?“, stöhnt der Mann. „Ja!“, haucht sie – doch statt im Bett übereinander herzufallen springen beide auf und stürmen des Nachts in ihr kaltes, zugiges Labor, um wissenschaftlich zu arbeiten. Doch ganz so eine Nonne der Wissenschaft ist Marie Curie schließlich nicht, wie sich im Laufe des Films herausstellt.

Aber erzählen wir der Reihe nach: Ende des 19. Jahrhunderts musste die naturwissenschaftlich hochbegabte Polin Marie Curie (Karolina Gruszka) nach Paris gehen, weil sie nur dort studieren kann. Der Film beginnt, wie sie und ihr Mann Pierre Curie (Charles Berling) den Nobelpreis bekommen, den lediglich er entgegen nehmen darf. Die Auszeichnung erhalten die beiden für die leidenschaftliche Weiterentwicklung ihrer Radium-Krebstherapie. Als Pierre überraschend bei einem Unfall ums Leben kommt, widmet sich Marie alleine der Forschung. Um Pierres Lehrauftrag an der Sorbonne zu übernehmen oder gar in die Académie des sciences aufgenommen zu werden, stößt sie auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten in der, von allenfalls durchschnittlich begabten Männern dominierten Wissenschaft.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter) setzt Marie ihre Forschungsarbeiten fort, versucht gleichzeitig aber auch bei Kindern und Studenten Forscherlust zu wecken. Aus der Arbeit mit Langevin entwickelt sich eine lange, leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem verheirateten Kollegen. Während bekannt wird, dass sie als erste Frau den Nobelpreis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten wird, geht Langevins verlassene Frau an die Öffentlichkeit. Die Pariser Gazetten geißeln die Witwe als Hure und Ehebrecherin, obwohl Langevin für seine zahllosen außerehelichen Affären bekannt ist. Das Nobel-Komitee legt Marie nahe, auf den Preis zu verzichten…

Wir hatten vor einiger Zeit  über die Filme „Paula“ und „Die Tänzerin“ berichtet (zum Link), Paula Modersohn-Becker und Luis Fuller mussten ebenfalls um die Jahrhundertwende nach Paris gehen, um als Künstlerinnen anerkannt zu werden. Dabei hatten sie es schon schwer genug – aber eine weibliche Wissenschaftlerin galt selbst im fortschrittlichen Paris als perverses, abartiges Ungeheuer. Übrigens endet der Streifen „Marie Curie“ interessanterweise mit der Rekonstruktion des Tanzes „Radium Dance“ Luis Fullers. Die Tänzerin und die Curies kannten sich und waren geschmeichelt, dass ihnen ein Tanz gewidmet wurde.

Marie wird als moderne Frau ohne Plüsch und in zeitloser Kleidung gezeigt, das historische Umfeld spielt keine große Rolle im Film. „Das soll zur Identifikation herausfordern“, meint Regisseurin Marie Noelle. Doch ist dieser Film als Zeitbild einerseits so authentisch wie „Paula“ oder „Die Tänzerin“, andererseits aber sehr viel näher an der biografischen Realität der Protagonistin. Dennoch ist er kein Biopic, weil er sich, trotz einiger Rückblenden, auf die Zeit zwischen den beiden Nobelpreisen konzentriert. Weiterlesen

Starke Frauen – der Film „Die Tänzerin“

Heute und in den nächsten Wochen laufen Filme an, die sich starken Frauen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts widmen. Alle mussten sie nach Paris gehen, um ihre Talente und Kräfte zu entfalten:

Paula Modersohn-Becker konnte erst in der Seine-Stadt an der Akademie studieren und zur Künstlerin reifen („Paula“ Filmstart 15. 12.). Die naturwissenschaftlich hoch begabte Marie Curie musste in Paris, im Schatten ihres Mannes, studieren und als Forscherin arbeiten („Marie Curie“, Filmstart 1. 12.). .). Loïe Fuller, „Die Tänzerin“, Filmstart 3. 11., von der heute hier die Rede sein soll, fand erst in der französischen Hauptstadt Anerkennung für die Erneuerung des Tanzes.

Alle drei Filme sind keine Biopics, die zwei Regisseurinnen und der Regisseur unterschiedlicher Provenienz gehen recht freizügig mit den Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen um. Miloš Forman verteidigte vor langer Zeit seine Mozart- und Goya-Streifen, es ginge ihm nicht um historische Details und biografische Wahrheit. Vielmehr wolle er jeweils die gesellschaftliche Atmosphäre und die Lebensbedingungen der Menschen in ihrer Zeit deutlich machen.

Die drei Filme machen das ganz hervorragend und entfalten die Pariser Belle Époque, die für alles Kreative und Innovative offen war. An Authentizität und „Wahrheit“ Klebende sollten diese Frauenfilme tunlichst meiden und besser in Wikipedia-Einträgen oder den Biografien der Damen schmökern. Das könnte ihnen viel Ärger ersparen. Für Cineasten dagegen sind alle drei Filme ein großartiges visuelles Vergnügen – vor allem „Die Tänzerin“.

Die Geschichte der Tänzerin:

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