„Kreationen“ – Tanzfrühling in Hessen (3)

Zwei Gastchoreografen haben mit dem Hessischen Staatsballett jeweils ein neues Tanzstück erarbeitet. Unter dem Titel „Kreationen“ werden die beiden hervorragenden Arbeiten in Darmstadt und Wiesbaden präsentiert.

Der Slapstick gleich zu Beginn der ersten Choreografie ist emblematisch für den gesamten Abend: Ein Mann steht vor dem Zwischenvorhang und pfeift ein Lied. Dann folgt ein Spot auf den Gitarrenspieler in einer Badewanne, der nicht nur das Wasser aus seinem Instrument schüttet, sondern sich auch akrobatisch aus der Umklammerung des Zubers zu befreien sucht.

Auch wenn der Abend gelegentlich recht düster wird, scheint der Prolog zu signalisieren: Hey Leute, nehmt uns nicht so ernst. Das gilt besonders für die zweite Tanzarbeit Jeroen Verbruggens „The Great Trust“. In einer riesigen Mauer qualmt es aus einem Loch, durch das wohl gerade eine Rakete gezischt ist. Auf der verqualmten Bühne lagern Krankenschwestern und Clowns, zwischen denen ein hysterischer Zirkusdirektor herumspringt. Nach und nach beginnen diese Figuren mit staksigen Bewegungen närrische Tänze, verrenken sich akrobatisch oder gebärden sich steif wie Puppen.

Die postapokalyptische Gesellschaft wird uns als clowneskes Tanztheater vorgeführt – doch wir sind eher im Kino als im Ballettsaal: Wie in einem surrealen Film lässt die Compagnie teils albtraumartige, teils groteske Bilder aufscheinen, die bedrückende Wirklichkeit wird darin verlacht. Schließlich wird der Weltuntergang poppig zugekleistert, im Mauerloch singen drei Clowninnen „Schubiduba. Again and again!“ Eine Marylin Monroe zelebriert mit einem Furry (einem Mann im Teddykostüm) den Pas de Deux und zuletzt hüpft das Ensemble mit Springseilen über die Bühne.

Auch im ersten Teil des Abends beherrscht eine riesige Mauer die Bühne, das wohl einzig Verbindende zwischen den zwei Stücken. Was bei Verbruggen lustvoll als  apokalyptischer Zirkus präsentiert wird, wirkt vorher in Alejandro Cerrudos „Now and Then“ wesentlich strenger. Der Choreograf arbeitet intensiv mit der Beleuchtung, die androgyn gekleideten Tanzenden wirken oft wie Schattenwesen, die spannende Lichtbilder kreieren.  Auch hier ist die Welt in Unruhe, die Menschen rennen gegen die Mauer an, aus synchronen Bewegungsmustern brechen Einzelne ständig aus. Weiterlesen

„Code“ – Tanzfrühling in Hessen (2)

„Code“ – eine experimentelle Choreografie und eine Kammeroper mit Neuer Musik

Jetzt im Frühjahr kommen etliche neue, teils experimentelle Stücke auf hessische Tanzbühnen. Sie werden vor allem von jungen Choreografen inszeniert, die sich mit der Apokalypse oder den Bedrohungen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzen. Einen Anfang machte der zweiteilige Abend „Code“ in Darmstadt.

Das kleine Darmstädter Kammertheater wirkt durch die Beleuchtung wie eine Verlängerung des unterirdischen Parkhauses gleich nebenan. Zu düsteren Klangcollagen drängen Tänzerinnen und Tänzer mit Luftschläuchen und in Kampfkleidung herein. Sie rotten sich zusammen und nehmen schließlich mit befremdenden Bewegungen die Bühne ein. Gelegentlich werden in ihren bizarren, nennen wir sie ruhig: Tänzen, klassische Ballettfiguren zitiert. Ein Liebespaar, verstrickt in zahllose Gürtel und Bänder mit Schnallen, wird auf einer Rampe präsentiert und versucht sich, bei plötzlich süßlicher Musik, im traditionellen Pas de Deux zu lieben. Bald rebelliert das Paar gegen die bedrohlich herandrängenden Voyeure, befreit sich von seinen Fesseln und kommt in Schlüpfern und Sport-BH erneut zum Liebestanz zusammen. Ein etwas unbeholfener Schluss in Unterwäsche, den jedoch das Darmstädter Publikum heftig bejubelt. Dieses Tanzstück „Love Radioactive“ im zweiten Teil des Abends wurde von Ramon Johns, einem Tänzer des Staatsballetts, für einige seiner Ensemblemitglieder choreografiert.

Wesentlich experimentierfreudiger und überzeugender ist dagegen die Uraufführung der Kammeroper „EvE & Adinn“ von Sivan Cohen Elias: Doktor Green, eine Art digital arbeitender Doktor Frankenstein, schuf das Wesen EvE, eine künstliche Intelligenz, die abgeschirmt hinter Firewalls und Sicherungssystemen in seinem Laboratorium gehalten wird. Sie glaubt, sie sei eine lebende Person, darf jedoch nicht auf die Menschheit losgelassen werden, weil sich ihre Intelligenz ständig dramatisch erhöht. Zu radikalen Klängen Neuer Musik und schrillen Gesangsfetzen entführen Musiker und Vokalisten des Staatstheaters das Publikum quasi in eine elektronische Büchse der Pandora, die man nicht öffnen darf. Dazu bewegt sich Aki Hashimoto, die vielseitige Sängerin und Performerin, als EvE oft wie eine theatralische Tänzerin. Auch wenn die Handlung insgesamt unklar bleibt, präsentiert Regisseurin Corinna Tetzel ein spannendes Gesamtkunstwerk. An dessen Ende bleibt Pandoras Dose zum Glück ungeöffnet… Weiterlesen

Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ als Tanztheater im Hessischen Staatsballett

Ganz im Geiste Shakespeares präsentiert das Hessische Staatsballett mit „Ein Sommernachtstraum“ choreografisch herausforderndes und dennoch unterhaltsames Tanztheater.

Bei den Menschen dürfen Verliebte sich nicht lieben, ein Mädchen soll zwangsverheiratet werden. In der Parallelwelt der Elfen streitet König Oberon mit seiner Frau Titania. Puck, des Herrschers Hofnarr, soll Titania maßregeln und richtet gewaltiges Chaos an. Am Tag nach der rauschhaften Nacht, „in der man den Busch für einen Bären hielt“, sind alle Beteiligten irgendwie verwandelt.

Tim Plegge, Ballettdirektor des fusionierten Balletts Darmstadt/Wiesbaden, hat Shakespeares Erzählung in die Gegenwart verlegt. Die Liebenden sind Teenies, die in ihren Tänzen den ganzen Übermut aber auch die Unsicherheit ihrer Generation zeigen. Da küsst der Junge seine angespannten Muskeln, zeigt stolz seinen Waschbrettbauch, das Mädchen windet sich um seine Beine, an denen er sie cool herabgleiten lässt. Dann fällt er vor seiner Angebeteten auf die Knie. Den durchaus derben Humor des Dichters hat Plegge behutsam auf das Ballett übertragen, ohne ins Läppische abzugleiten… Weiterlesen

Neues Tanztheater im herbstlichen Hessen – ein kleiner Streifzug

„Feuervogel“ und „Petruschka“ – im Gießener Stadttheater sind moderne Interpretationen dieser Ballette von Igor Strawinsky (1882 – 1971) zu sehen. In Wiesbaden und Darmstadt präsentiert das Hessische Staatsballett den Tanzabend „Weltenwanderer“.

In „Petruschka“ bewegen sich weiß gekleidete Figuren mit bizarren Bewegungen zu manchmal süßlich neoromantischen, dann wieder dröhnenden Klängen. Die Tanzenden winden sich an den Wänden, verknäueln sich auf dem Boden, frieren ein, werden lebende Bilder. Auch ein verliebtes Paar begegnet sich mit fremdartigen Bewegungen im Pas de deux. Der mit der „Ballerina“ herumturtelnde „Mohr“ wird eifersüchtig von „Petruschka“ überwacht, der Strawinskys Ballettmusik von 1911 den Namen gab. Doch bei allen, von den Klängen hervorgerufenen dramatischen Gefühlen, bleibt das tanzende Ensemble eigentümlich distanziert. Choreograf Tarek Assam ließ sich nicht dazu hinreißen, die Ballettgeschichte tanz-theatralisch zu illustrieren.

Ähnliches geschieht im „Feuervogel“ (1910), dem zweiten Strawinsky-Ballett des Abends, choreografiert von Pascal Touzeau. Auch bei dieser eher mythischen Geschichte, gleitet die Inszenierung nicht ins banale Nacherzählen ab: „Ich brauche keinen Vogel im Tutu“, meint Touzeau. Der sehr freie Umgang mit der Sagengestalt des „Feuervogels“ wird in düstere und strengere Tänze als in „Petruschka“ umgesetzt.

Gewiss ist das kein Ballett mehr, was da auf der kleinen Bühne dargeboten wird… Weiterlesen