Ein tanzbarer Alptraum – Hell-O-Matic im Fuldaer Kulturkeller

Zur einer öffentlichen Probe lud Hell-O-Matic in den dunklen Fuldaer Kulturkeller, während oben Mark Forster in der Abendsonne fröhlich den Uniplatz rockte. Es ist so, als käme man zum unterirdischen Konzert geradewegs in die Hölle:

Mit wilder Kriegsbemalung inszeniert die Fuldaer Gruppe Hell-O-Matic im künstlichen Dauernebel, farbigen Licht und dröhnenden Stakkatoklängen einen tanzbaren Albtraum. „Ladies and Gentlemen I give you famous creatures“, röhrt  Sänger Thomas van der Scheck (TvdS) und lässt in seinen grimmigen, durchweg englischen Texten Dämonen, Kannibalen oder Amokläufer erscheinen. Die Schau wirkt so, als zerrte die Band „das Schicksal der im Zivilisationprozess verdrängten und entstellten menschlichen Instinkte und Leidenschaften“ (wie es in Horkheimer/Adoprnos „Dialektik der Aufklärung“ heißt) ins Licht.

wpo-hellomatic-2120.jpgAuch wenn sich der Frontmann und die Sängerin SINtana einmal poppig aufbrezeln und den alten Song „Pop Muzik“ darbieten, ist das mitnichten Populärmusik: „Wir machen keine massenkompatible Feuerzeugmusik“, erklärt uns TvdS, „aber in jedem Konzert bringen wir ein, zwei Stücke, die uns früher stark beeinflussten.“

Die vor fünf Jahren von ihm kreierte Band ist erheblich professioneller, der Sound voluminöser geworden, nachdem alle Instrumentalisten wechselten. Im Zwiegesang oder musikalischem Gefecht mit TvdS bringt die neu dazu gekommene SINtana stark aggressiv-erotische Affekte ins Spiel.

Ja, das Spiel: die Musiker sind eigentlich freundliche Menschen. Wenn sie sich für den Auftritt lange schminken und verkleiden (lassen), macht das den theatralischen Charakter ihrer Darbietungen deutlich: Sie nehmen sich nicht so ernst wie andere Gruppen und zelebrieren das Böse augenzwinkernd. Jedoch verwandeln sie sich auch wirklich durch ihre Maskeraden, erkunden im Spiel zwischen Realität und Wahn eigene Abgründe. Weiterlesen

„It Dansa“ – Tanzfrühling in Hessen (1)

Im Fuldaer Schlosstheater war die Compagnie „It Dansa“ aus Barcelona mit einem abwechslungsreichen Tanzabend zu Gast.

Rau bellt ein Mann spanische Befehle, eine Frau reagiert mit anmutigen Bewegungen, nähert sich zögernd. Zarte Berührungen, gemeinsame Figuren, dann unaufhörliches Ringen: Kampf. Loslassen. Annäherung. Kampf. Loslassen… Schon vorher kreieren drei Paare auf der leeren Bühne kraftvoll-dynamische Bewegungsbilder, später schaffen sie in diversen Konstellationen kunstvolle akrobatische Tänze. „Naked Thoughts“ ist vor allem eine sehr energiegeladene aber letztlich ziemlich ausdruckslose Choreografie: Purer Tanz.

Das ändert sich in den „Sechs Tänzen“ Jirí Kyliáns nach der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Mit angedeuteten klassischen Figuren (Ballett kann man es wirklich nicht nennen) und Hüpfen, Hinfallen, Pantomimen, kleinen Gags reagieren die Tanzenden fröhlich auf die Mozartische Musik. Bereits das erste Stück ist von großer Leichtigkeit, gleitet jedoch nie ins Burleske ab. Die folgenden Tänze werden komplexer, ein Mann zankt sich mit zwei Frauen, liegende Tänzerinnen werden herausgezogen, eine ist auf zwei turtelnde Männer eifersüchtig. Immer wieder halten die Männer die Frauen an den Kleidern fest, ziehen sie daran hoch oder scheinen sie damit zu erwürgen. Zum Schluss rieseln Unmengen Seifenblasen auf das Ensemble. Mozart hätte seine Freude an diesen leicht getanzten Stücken gehabt, die bereits ein Klassiker des zeitgenössischen Tanztheaters sind.

„Whim“, unaufhörlich „Whim“, schreit ein Tänzer im Lichtkegel. Neben ihm ein Riesenhaufen von Stühlen und Menschen, aus dem sich vierzehn Tanzende jeweils mit einem Stuhl herauslösen: Synchron recken sie sich, strecken sich, knuddeln sich zusammen oder gleiten auf den Boden. Manchmal fällt jemand kichernd aus der Rolle, steckt die anderen an, auch das Publikum macht mit: Lach-Yoga für alle. Irgendwann entsteht ein Chaos von Stühlen und Menschen, in das Vivaldis Musik dann geradezu hineinfährt. Gruppen bilden sich, im Vordergrund Kusstänze, im Hintergrund Kontakttänze mit Stühlen. Weitere zwanzig Minuten lang tanzt und spielt das Ensemble unaufhörlich mit den Sitzgelegenheiten, ohne dass es je langweilig wird. Zu Maurice Ravels „Bolero“, dann zu „My baby don’t care“ Nina Simones entstehen ständig neue, abwechslungsreiche Mensch-mit-Stuhl-Bilder. Zum Schluss rotten sich alle erneut zusammen, der einzelne Tänzer brüllt „Whim!“, den Titel dieser theatralischen Choreografie von Alexander Ekman. Weiterlesen

Das Projekt „Weiblich“ – ein Besuch im Fuldaer Atelier allerART

 

Entdeckungen wie in einer Frauenhandtasche…   Kunstherbst in Ost-Hessen 7

Das kleine Fuldaer Kunst-Lädchen präsentiert eine Vielzahl von Bildern und Objekten zum Thema „Weiblich“. Zur Vernissage am Freitagabend standen die Besucher bis auf die Straße, auch am Wochenende kam viel Publikum.

„Überall Busen wohin man guckt“, meint ein männlicher Besucher freudig überrascht beim Umherschauen im winzigen Atelier. „Na klar“, kontert keck Annette Hertenberger, „der weibliche Körper gibt einfach mehr her…“ Die fünf Künstlerinnen des kleinen Lädchens am Fuldaer Peterstor zeigen viele dralle, aber auch zarte weibliche Akte sowie Ballerinen aus Draht, Pappmaché und anderen Materialien. Dazwischen schweben Geisterwesen aus Modelliermasse von Lotte Schnath, Eva Amelung-Kakhzar zeigt Collagen. Eine Postkartenserie beschäftigt sich ebenfalls mit Tänzerinnen. „Das sind Träume“, erklärt Hertenberger ihre Bilder, alle Mädchen wollen doch gerne tanzen.“

Viele der Arbeiten wirken einfach nur schön, jedoch zeigt gerade KiMa Wehner auch aufgelöste und abstrahierte weibliche Formen. Tanja Abeln-Bil, die mit der Nähmaschine weibliche Akte „zeichnet“ (stickt), geht am Weitesten bei der Antwort auf die Frage: „Was ist weiblich?“, die sich die Künstlerinnen als Thema stellten: „Weg von der Anerkennung!“ Mutig verbindet Abeln-Bil in einem Künstlerbuch und einigen Wandbildern autobiografische Erfahrungen zur sozialen Zurichtung von Weiblichkeit mit ihren grafischen Elementen – und transformiert dadurch persönliche Erfahrungen zur Kunst. Weiterlesen

Die Zeitlosigkeit einer exzellenten Truppe: Manfred Mann’s Earth Band in Fulda

Das charakteristische, manchmal geradezu heulende Keyboard. Heftige Riffs auf der Gitarre. Lange Instrumentalphasen. Überraschende Breaks. Die Stimme des Sängers zum in die Knie gehen. Der satte, rockige Sound macht bereits im ersten Stück klar, wohin die Reise gehen wird: „Spirit in the night“, der schon früh von Manfred Mann gecoverte Song Bruce Springsteens, wird von der Earth Band unverkennbar interpretiert.

Beim nächsten Stück kommt der Keyboarder, der die Gruppe vor 45 Jahren gründete und ihm seinen Namen gab, mit einem Umhängeklavier (korrekt dem „Mini Moog“) nach vorn. Der coole, hoch aufgeschossene Sechsundsiebzigjährige liefert sich mit dem Gitarristen Mick Rogers, ebenfalls Mitgründer der Band, gnadenlose instrumentale Duelle. Dann wieder verschmelzen die Klänge der Spielgeräte im Duett, so dass sie sich kaum noch unterscheiden lassen.

Ob frühe eigene Songs oder Coverversionen von Springsteen, T-Rex oder Bob Dylan, immer zelebrieren die Spieler sie als geilen Blues Rock mit Jazzelementen. Wenn man will, kann man ihnen auch das Etikett „Progressive Rock“ der 1970er-Jahre verpassen, das allerdings schon lange seine Trennschärfe verloren hat. Die alten, sehr unterschiedlichen Stücke bekommen durch die Interpretation der Gruppe jedenfalls etwas Geschlossenes und Zeitloses. Sie wirken weder nostalgisch noch peinlich, wie die frühen Ausflüge der Combo in die Popmusik.

Manfred Mann’s Earth Band ist eine exzellente Livekapelle, die es durchaus verdient hätte, noch größere Hallen zu bespielen. Doch die von ihnen in der Fuldaer Orangerie geschaffene Club-Atmosphäre mit einigen hundert Besuchern ist natürlich höchst angenehm… Weiterlesen