„Transit“  – ein kleiner Vergleich des Films mit dem Roman

„Transit“ – der neue Film von Christian Petzold folgt sehr frei dem gleichnamigen Roman Anna Seghers. Ihre spannenden, selbst erfahrenen Flüchtlingsgeschichten aus den 1940er-Jahren hat er in die Gegenwart verlegt.

„Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben.“

So beschreibt die Autorin die Situation der vielen Flüchtlinge in Marseille, die den Nazis entkommen konnten und dort im unsicheren Transit lebten. Seghers nennt sie „Abreisebesessene“, deren „Strom anschwoll“ und die den Ich-Erzähler mit „düsterem Transitgeschwätz“ ansteckten: „Ich fürchtete mich, ich könnte in diesen Strom hineingeraten…“

Im Film flüchtet Georg gemeinsam mit einem schwerverletzten Freund im Güterzug aus Paris, das von deutschen Truppen besetzt wird. Sein verwundeter Begleiter stirbt, der Zug wird von der Wehrmacht durchsucht, doch der aus einem Lager entflohene Georg (Franz Rogowski) kann entkommen. Er schlägt sich nach Marseille durch und entgeht dort mehrmals seiner Festnahme durch die französische Polizei. Ständig finden Razzien statt, Flüchtlinge werden verhaftet: Sie dürfen groteskerweise nur bleiben, wenn sie mit einem Visa und anderen Papieren nachweisen können, dass sie nicht bleiben wollen.

Als Georg in der mexikanischen Botschaft Briefe des in Paris gestorbenen, von den Deutschen verfolgten Schriftstellers Weidel abgeben will, wird er für eben diesen Mann gehalten. Problemlos erhält er zur Ausreise nach Mexiko die notwendigen Papiere und Tickets, nach denen sich in Marseille alle Gestrandeten sehnen. Doch Georg lässt sich dagegen gleichgültig in der Hafenstadt treiben und gibt sich, erst nach langem Zögern, als Weidel aus. Immer wieder fasziniert ihn die schöne Maria (Paula Beer), die verzweifelt jemanden zu suchen scheint. Er verliebt sich in sie, ohne zu ahnen, dass sie die Frau des Schriftstellers ist, dessen Identität er angenommen hat… Weiterlesen

„Fuocoammare“ / „Seefeuer“ – der Gewinnerfilm der Berlinale 2016

Der Gewinner der Berlinale ist mehr als ein Flüchtlingsfilm

„Das Herzstück der Berlinale“ und einen „notwendigen Film“, nannte Jury-Präsidentin Meryl Streep im Frühjahr „Fuocoammare“ („Seefeuer“), den Gewinnerfilm des Berliner Festivals. Zum ersten Mal wurde dort ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Der zwölfjährige Fischerssohn Samuele spielt am Meer, nach einem harten Schnitt rettet die Küstenwache im Wasser treibende Flüchtlinge: Zwei Welten, die fast nichts miteinander zu tun haben, auf der nur wenige Meilen von Afrika entfernten italienischen Insel Lampedusa. Ohne Kommentare fängt die Kamera den Alltag der Italiener ein. Dagegen setzt sie ohne weitere Vermittlung Bilder der Rettung und Unterbringung überlebender Flüchtlinge, den Abtransport von Leichensäcken. Samuels Mutter macht die Betten, kocht Essen, im Radio ist die Rede von 24 geborgenen Toten, sie murmelt: „Arme Teufel.“

Nur die Küstenwache ist in Kontakt mit den meist aus Schwarzafrika Geflüchteten sowie Insel-Arzt Pietro Bartolo, der die an Land kommenden Menschen untersucht. Aufgrund ihrer Unterkühlung sind sie in Gold-Folien gewickelt, was für eine Symbolik! Später untersucht der Doktor in einer Szene lange per Ultraschall eine hochschwangere Flüchtlingsfrau, die Zwillinge erwartet: „Arme und Beine sind verschlungen, so ein Chaos“, meint er fröhlich. In einer langen Einstellung zelebrieren Überlebende einen wilden afrikanischen Gottesdienst, die Menschen tanzen, ein nigerianischer Rapper beschwört die Leiden der wenigen Überlebenden: „…in der Wüste ging das Wasser aus / wir tranken unsere Pisse…“ Weiterlesen