„Lara“ mit Corinna Harfouch – ein schöner melancholischer Herbstfilm

Eine Frau erwacht langsam in der Morgendämmerung, steht kraftlos auf, öffnet weit das Fenster, krabbelt auf einen Stuhl, stellt sich mit ausgebreiten Armen vor die Öffnung. Als man denkt, „gleich springt sie“, klingelt es an der Tür. Polizisten bitten sie, einer Durchsuchung im Haus als Zeugin beizuwohnen, später gratulieren sie zum 60. Geburtstag, als sie ihren Ausweis zeigt. Ein seltsamer Beginn für diesen melancholischen Herbstfilm, der ohne Rückblenden nur einen Tag im Leben Laras (Corinna Harfouch) zeigt.

Wie in seinem Debütwerk „Oh Boy“, präsentiert Regisseur Jan-Ole Gerster sieben Jahre später in seinem erst zweiten Werk, ebenfalls nur einen Tag in Berlin im Leben seiner Protagonistin. Laras Sohn Victor ist Tom Schilling, der im Erstling des Filmemachers den „Boy“ darstellte. Am Geburtstag seiner Mutter wird er sein erstes großes Konzert als Pianist und Komponist geben. Die allein lebende, vor kurzem in Pension gegangene Lara, hebt alle Ersparnisse von der Bank ab und kauft die Restkarten für die Musikaufführung. Beim Verteilen der Karten an Freunde, Bekannte oder Ex-Kollegen tauchen wir in ihr Universum ein und spüren ihre Verletzung, ihren Neid. Gerne wäre die offenbar hochbegabte Frau selbst eine große Pianistin geworden, stattdessen wurde sie Verwaltungsbeamtin und trieb den Sohn zur Erfüllung ihrer eigenen Lebensträume.

Corinna Harfouch spielt die Mutter ganz undramatisch, gleichsam mit zurückgehaltener Energie, aber beträchtlicher Glaubwürdigkeit: Sie ist bösartig und doch fürsorglich, sarkastisch und doch einfühlsam, arrogant aber verunsichert. Ihre mit langen Einstellungen erzählte, melancholische Geschichte ist spannend, oft weiß man nicht, wie entscheidet Lara sich gleich, was passiert als nächstes?

Wie unter einem Mikroskop werden ihre Beziehungen in der zerfallenen Familie, bei der Arbeit und in ihrem Umfeld bloßgelegt. Man fragt sich, ist sie in einem falsch gelebten Leben gefangen? Weiterlesen