Das Tanztheater „The Dying Swan“ der Choreografin Monica Opsahl

KulturWerk-Festival „Zuckererbsen für jedermann“ (3) – ein weiterer Höhepunkt der Festspiele:

Monica Opsahls Ensemble Artodance und einige jüngere ihrer Schülerinnen tanzen das Schicksal zweier Menschen, die vom Schicksal brutal auseinandergerissen werden. Die Überlebende (Julie Opsahl) will die andere nicht gehen lassen, die Sterbende (Jana Quilitz) mag nicht gehen. Düstere Gestalten (Nina Hack, Miriam Kreß, Tanja Appeldorn, Lena Winhold) verkörpern als Todesboten das unerbittliche Verhängnis. Zu den neoromantischen bis experimentell-zerrissenen Klängen Joby Talbots nutzen die jungen Frauen, von denen einige Tanz studieren, die gesamte Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes – mit expressiven, auch synchronen Bewegungen und akrobatischen Figuren.

face-2273.jpg

FOTO Hanswerner Kruse: Die Trennung /  Kreaturen nicht von dieser Welt (ganz oben) 

Verzweiflung und Schmerz, aber auch Härte und Brutalität werden von den Tänzerinnen nicht gemimt. Die entäußerten Gefühle spüren sie in sich und rufen sie dadurch bei den Zuschauern hervor. Jedoch gegen das Leid setzt die Choreografin immer wieder sanfte und doch unendlich fremde „Kreaturen“, die nicht von dieser Welt sind. Sie kommen leichtfüßig hereingetrappelt, bewegen sich spielerisch und akrobatisch – und nehmen auch irgendwann die Gegangene behutsam in ihrem Kreis auf. Sie symbolisieren keinen „Himmel“, kein „Paradies“, sondern verkörpern das Andere, das Neue, dem die Gestorbene möglicherweise begegnen wird: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
/ Uns neuen Räumen jung entgegen senden…“, heißt es ja in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“.

In einem atemberaubenden, langen Solotanz findet die Gebliebene wieder zu sich selbst. Das Zusammensein der beiden Menschen, ihr Abschied, aber auch ihre dauerhafte Verbundenheit über die Trennung hinaus, werden völlig pathosfrei und kein bisschen kitschig präsentiert. Poetischer Tanz kann authentische Gefühle ausdrücken, die zu formulieren unsere gewohnte Sprache nicht ausreicht – und dadurch unsere Seelen berühren. Die Bühne ist völlig schwarz, die Tanzenden sind auf sich und ihre Körper als Ausdrucksmittel geworfen. Verstärkt werden die eindringlichen Tanzbilder durch die Lichtgestaltung (Manfred Grun) und die Musik des britischen Komponisten.

Monica Opsahl hat im Dying Swan ihre Gefühle zur unheilbaren Krankheit und zum Tod der KulturWerkerin und Freundin Dorle Obländer verarbeitet und ausgedrückt. Doch das Stück löst sich völlig von seinem Anlass, der Trauer Opsahls. Durch die verdichtete Form des Tanzes in der spannenden Choreografie sowie die erstaunliche Präsens und Technik der Tänzerinnen, wird es transformiert und letztlich allgemeingültig. Dazu meint Opsahl: „Das Leben ist oft grotesk und brutal. Ich habe keine Antworten zum Tod oder wie man damit umgehen sollte.“ Weiterlesen