„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ – zur 58. Biennale in Venedig

Vor einer Woche begann im Westen Venedigs, abseits der Touristenströme, die 58. Biennale, eines der größten Festivals der zeitgenössischen Kunst. Diese fast unübersehbare Kunstschau besteht aus drei unabhängigen Teilen:

Die kuratierte Ausstellung mit eingeladenen Kunstschaffenden ist der eigentliche Kern der Biennale. Dazu kommen 90 Länder-Pavillons, die von den jeweiligen Nationen künstlerisch ausgestattet werden, sowie die “Collaterali“, verstreute Kunst in vielen Palästen Venedigs.

Im Arsenale, dem riesigen Industriekomplex des 19. Jahrhunderts mit krassen Spuren seiner Nutzung, beginnt die Biennale-Ausstellung mit einem großen Wandgemälde zweier zechender Figuren. Fotoserien zeigen ängstliche Outsider in Kalkutta oder schräge Frauenbilder aus den 1950er-Jahren. Bald folgen große verrätselte Rauminstallationen, durch die man hindurchgehen oder hineinkriechen kann. Dazwischen lustige oder makabre Videos. Klanginstallationen. Eindringliche Selfies einer beinamputierten Japanerin. In Glaskästen Traumwelten aus gestrickten und gehäkelten Teilen.

„Mögest du in interessanten Zeiten leben!“, lautet die Aufforderung des britischen Kurators Ralf Rugoff (62) an das Publikum. Diese Losung, „May You Live in Interesting Times“, ist kein starres Konzept, dem die Kunstwerke folgen. Sondern umgekehrt, sie selbst ermöglichen unterschiedliche Blicke, auch positive, auf den Zustand unserer Welt. Nicht die Wandtexte und abstrakten politischen Ideen, wie bei der letzten Documenta, quälen das Publikum. Stattdessen fordern es interessante künstlerische Arbeiten zur aktiven Teilnahme heraus.

Rugoff hat etwa 80 Kunstschaffende eingeladen, vor zwei Jahren waren es 120, doch dafür stellen alle zweifach aus:  Sie zeigen ihre unterschiedlichen Kunstwerke im Arsenale und in den Giardini (den Gärten) im „White Cube“, einem nur für die Kunstausstellung geschaffenen Gebäude. Der Kurator hat Wert darauf gelegt, dass die Künstler diverse Arbeiten kreieren. Diese Idee soll verdeutlichen, Kunst kann unterschiedliche, sich sogar widersprechende Fragen aufwerfen.

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Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985)

Der Berliner Gropius-Bau zeigt frühe avantgardistische Fotografien von Germaine Krull (1897 – 1985), die nach dem 1. Weltkrieg das „Neue Sehen“ stark beeinflusste.

Weiche entblößte Frauenkörper oder harte Maschinenteile, Clochards oder Can-Can-Tänzerinnen. Überraschende Vogelperspektiven oder verfremdende Details. Porträts mit viel Licht und Schatten oder bloß menschliche Hände. Die junge deutsche Fotografin schuf in wenigen Jahren ein vielfältiges und innovatives Oeuvre.

„Zottel“, wie sie genannt wurde (und wie sie auf frühen Bildern auch aussieht), hatte eine schwierige Jugend. Dann war sie als junge Revolutionärin an der Münchener Räterepublik beteiligt. In der Sowjetunion warf man sie als Abweichlerin ins Gefängnis, da verging ihr schnell der Kommunismus: Mitte der 1920er-Jahre widmete sie sich in Amsterdam und Paris wieder der Fotografie. Aber Krull blieb unangepasst und rebellisch, das beeinflusste ihren künstlerischen Blick… Weiterlesen

„Mein Weg“ – Werkschau des Metallbildhauers Ulrich Barnickel in der Kunststation Kleinsassen (Teil II)

„Weg der Hoffnung“

„Das muss jemand gemacht haben, der sehr religiös ist“, meinte eine Besucherin beim Anblick der 14 Figurengruppen auf dem ehemaligen „Todesstreifen“ der Grenze zur DDR. Tatsächlich bezeichnet sich Barnickel auch als religiösen aber nicht frömmelnden Menschen oder eifrigen Kirchgänger. „Der Weg der Hoffnung“, den der Bildhauer in fast vierjähriger Arbeit bis 2010 neben der Gedenkstätte „Point Alpha“ schuf, ist der vorläufige Höhepunkt seines künstlerischen Wegs: Darin hat er alle formalen und ausdrucksstarken Elemente seiner Kunst vereinigt.

Barnickels Passionsweg benennt die traditionellen Stationen des christlichen Kreuzwegs um, aus „Jesus fällt zum dritten Mal“ wird beispielsweise „Erniedrigung“. Materialzitate verweisen auf den historischen Bezug: Eine Geschosshülse, ein Helm der DDR-Armee, Hammer und Zirkel als Insignien der Macht. „Hier habe ich einen gehörigen Teil meiner eigenen Geschichte und Befindlichkeit eingearbeitet“, sagt der Künstler. Doch trotz der christlichen, zeitgeschichtlichen und persönlichen Bezüge werden die Stationen zu allgemein menschlichen und urreligiösen Archetypen.

„Zentraleuropa ist christlich geprägt“, meint Barnickel, „wir besitzen Werte, nach denen müssen wir nicht suchen. Wir brauchen den Glauben, vor allem an den Menschen und das Gute.“ Ausdrücklich verweist er auf die christlichen Tugenden „Glaube, Liebe, Hoffnung“ als menschliche Grundhaltung. Die „Hoffnung“ steht als offenes Skulpturenensemble am Ende des 1,4 km langen Passionswegs.