Streiflichter zur Geschichte der Berlinale

Trotz mancher Krisen nahm die Berlinale eine schlüssige Entwicklung, die durch zwei Konstanten geprägt wurde: Sie ist ein Publikumsfestival und verwirklicht politische Ansprüche, die sich allerdings von den Vorstellungen ihrer Gründer und späterer Einflussnehmer lösten. Das Festival entwickelte immer die Kraft, sich selbst erhalten, wandeln und erneuern zu können.

Natürlich wurde 1951 die Erschaffung der Festspiele nicht aus cineastischen Gründen von den USA forciert. Im Kalten Krieg sollte das immer noch vom Krieg zerstörte West-Berlin ein politisches Schaufenster, gleichsam die Leinwand der freien Welt inmitten der DDR werden. Zuvor hatten fast ein Jahr lang sowjetische Truppen 1948/49 Westberlin belagert, die übrigen Alliierten versorgten die zwei Millionen Einwohner aus der Luft: „Apokalypse Now“. Wie ein Blockbuster im Kino.

Die Berlinale war also von Beginn an ein politisches Festival, das den Westberlinern auch Glamour und etwas Hollywood brachte: Von Gina Lollobrigida bis Meryl Streep, den Rolling Stones bis Ed Sheeran, Gary Cooper bis George Clooney kamen viele Weltstars auf den roten Teppich oder saßen in den Jurys.

Zum Ende der 1950er-Jahre verhalf das Festival französischen Filmemachern der „Nouvelle Vague“ um Claude Chabrol und François Truffaut, aber auch anderen europäischen Regisseuren zum Durchbruch. Ingmar Bergmann erhielt hier seinen einzigen bedeutenden Preis. Das „New Hollywood“ feierte in Berlin ebenso Erfolge wie der „Neue Deutsche Film“ Werner Herzogs oder Rainer Werner Fassbinders. Nach einer Krise wurde das „Forum“ vor 50 Jahren mit seinen experimentellen und kritischen Filmen in die Berlinale integriert.

In dem Jahrzehnt bevor Dieter Kosslick 2001 Festivalleiter wurde, waren die Besucherzahlen zurückgegangen, vielen Kritikern war das Programm zu seicht und zu amerikanisch geworden. Der neue Chef und sein Team führten weitere Sektionen ein und luden asiatische, afrikanische und südamerikanische Filmschaffende ein. Initiativen wie der schwule „Teddy Award“ oder Indigene Filme konnten assimiliert werden. „Ein über die Jahre mit Hollywood-Kitsch und Til-Schweiger-Komödien betäubtes Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus“, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG.

Zwei wichtige, sehr große komplementäre Bereiche wurden auch in Kosslicks Ära entwickelt: Der Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander, etwa im „World Cinema Fund“ oder die Begegnung von jungen und erfahrenen Kinoleuten in „Talents“. Zum anderen die Kontakte auf dem European Film Market mit zahlreichen Möglichkeiten zur kommerziellen Filmentwicklung und zum Vertrieb. Weiterlesen

Die neue Festival-Leitung und die 70. Berlinale

In wenigen Tagen werden die 70. Berliner Filmfestspiele beginnen, die Berlinale feiert ihr Jubiläum. Bereits vor einigen Wochen stellte die neue Leitung, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die Wettbewerbsbeiträge für die Gold- und Silberbären auf der traditionellen Pressekonferenz vor.

Doch die Stadt ist noch nicht im Bärenfieber, die Medien beschäftigen sich eher mit den neu geborenen Panda-Bären im Zoo. Es fehlen die Plakate, auf denen die Pelztiere durch die Nacht streifen, S-Bahn fahren oder Models Bärenköpfe absetzen. Stattdessen wirbt ein lebloses grafisches Sammelsurium für die Berlinale. Der kurz aufgebauschte „Skandal“ um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivalleiters Alfred Bauer ist kein Thema mehr: Das werde durch unabhängige Wissenschaftler untersucht, meinte Rissenbeek bereits auf der Pressekonferenz.

„Wir wollen nicht die Berlinale verändern sondern weiterführen, sie ist ein Geschenk, das wir bekommen haben“, erklärten der künstlerische Leiter Chatrian und die Geschäftsführerin Rissenbeek, „aber wir möchten neue Ideen aufgreifen.“ Dazu gehört die neue kompetitive Sektion „Encounter“, sowie die Auseinandersetzungen mit der Digitalisierung und dem Serienboom. Wer nach dem Abschied des langjährigen Festivalchefs Dieter Kosslick dramatische Veränderungen erhoffte oder befürchtete, wurde enttäuscht oder war erfreut: Statt 400 Filme wie bisher wurden zwar nur 340 für alle Sektionen ausgewählt. Doch dieser Straffung läge kein Konzept gegen die von Kritikern behauptete „Ausuferung“ vor, sagte uns Chatrian, demnächst könnten es wieder mehr werden.

Die neue Leitung erschien mit 21 – zum Teil langjährigen – verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Sparten. Damit wollten sie deutlich machen: „Wir sind ein Kollektiv!“ Zugleich symbolisierte der Auftritt die künstlerische Spannweite des Festivals von engagierten Kinder- und Jugendfilmen bis zu radikalen künstlerischen Experimenten. Denn der alljährliche Hype um den Bären-Wettbewerb ist ja nur die Spitze des Eisbergs Berlinale.

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Daneben laufen neue interessante Spiel- und Dokumentarfilme in der „Perspektive Deutsches Kino“, im „Panorama“, in Gala-Vorstellungen und für junge Leute in „Generation“. Alte Streifen bringt die „Retrospektive“, extrem anspruchsvolle avantgardistische Werke zeigt das „Forum“, das sein 50. Jubiläum feiert. Die Filme in der neuen Sektion „Encounter“ werden, so Chatrian, „mit ungeahnten Ideen, Visionen und Erzählweisen für Überraschungen sorgen.“  Quasi unterhalb der Preisbären gibt es in etlichen Sparten ebenfalls Jury- und Publikumspreise. Jedoch sehen sich die Verantwortlichen nicht als Richter, sondern als „Gastgeber und Brückenbauer.“ Weiterlesen