Der Film „Wo die Lüge hinfällt“

Die junge Frau hastet durch die City, rempelt Leute an, stürzt in ein Café, weil sie dringend pinkeln muss. Aber das ist nur Gästen erlaubt und die Warteschlange vor dem Bestelltresen ist endlos lang. „Liebling, was willst Du trinken?“, ruft ihr ein attraktiver Fremder zu, der ganz vorne steht. Nun bekommt sie, als angebliche Ehefrau, tatsächlich den Kloschlüssel von der knurrigen Kellnerin.

So lernen sich Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell) kennen. Sie verbringen eine Nacht ohne Sex miteinander, doch durch ein blödes Missverständnis am nächsten Morgen, sind sich beide spinnefeind und sehen sich nicht wieder.

Nach diesem langen Teaser sehen wir der Heirat zweier Frauen zu. Als die Frage kommt, ob jemand Einwände vorbringen will, springt der Vater einer Braut auf. Überraschend folgt jetzt keine queerfeindliche Tirade, sondern er lädt – wir schauen ein Video – Verwandte und Freunde aus den USA nach Australien ein. Hier treffen nun also nach einigen Jahren Ben und Bea, die Schwester einer Braut, aufeinander und beginnen sogleich sich anzugiften. Bens Ex ist mit einem dumpfen, kraftprotzigen Surfer liiert: „Nur zum Vögeln“, wie sie ihrem Ex gegenüber betont und ihn anhimmelt. Beas Verflossener wird von den Eltern auch eingeladen, damit sie „endlich in die richtige Richtung geht.“

Die Bräute grämen sich, „sie werden unsere Hochzeit ruinieren“, und stiften die übrigen Gäste an, Bea und Ben zusammenzubringen. „Sie müssen sich ja nicht lieben“, heißt es, „wir müssen es nur hinkriegen, dass sie endlich miteinander vögeln.“ Doch beide durchschauen den plumpen Plan, beschließen dennoch mitzuspielen. Denn die zwei wollen auf keinen Fall wieder etwas mit ihren alten Lieben zu tun haben. Sie befummeln sich, wenn alle gucken, dabei findet Bea auch schon mal eine Vogelspinne in Bens Unterhose. Als die ganze Hochzeitsgesellschaft auf einem Schiff fährt, spielen sie Szenen aus dem Film „Titanic“ nach – was aber gründlich in die Hose bzw. in diesem Fall ins Wasser geht. 

Nach vielen guten Gags und gelungenen Slapsticks kommen sich die beiden einander tatsächlich erotisch näher. Während sich beim ersten Mal Bea aus Bens Wohnung morgens davonschlich, was ihn sehr kränkte, schleicht er sich früh nach der Liebesnacht fort, was sie nun mächtig kränkt. Und wieder beginnt das ganze chaotische Spiel von vorne…

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„The Palace“ – Roman Polanskis Film im Kino

Peinlich berührt verdammt die Filmkritik unisono Roman Polanskis letzten Film, seine groteske Burleske „The Palace“ (2023), die nun auch hier in die Kinos kommt. Dabei wird von einigen Kritikastern „Altherrenhumor“ als neues cineastisches K.-o.-Kriterium eingeführt. Wir wissen zwar nicht, was bei TicToc und Instagram als jugendfrischer oder feministischer Humor daherkommt. Aber so schlimm ist diese Komödie wirklich nicht, denn unverfroren haut der neunzigjährige Regisseur der älteren Hautevolee im Film, lustvoll deren Dekadenz und Protzerei um die Ohren.

In der Millennium-Silvesternacht 2000 versammeln sich Superreiche, Pornostars, zwielichtige Russen und anderes aufgeblasenes Volk im schweizerischen Nobelhotel Palace. „12 Stunden bleiben uns“, verkündet morgens der Hotelchef (Oliver Masucci) seinem Personal und wird fortan selbst durch den Film gejagt, um zahlreiche Schwierigkeiten mit absonderlichen Gästen zu lösen. Etwa einen, als Geschenk angelieferten Pinguin seiner Empfängerin anzuvertrauen.

Champagner fließt in Strömen, unaufhörlich wird Kaviar gereicht. Eine französische Diva (Fanny Ardant) füttert mit dem Fischrogen ihren Hund, der daraufhin das Bett vollkackt. Der nun hinzugezogene Schönheitschirurg, eigentlich mit seiner Geliebten inkognito im Hotel, muss jetzt den Hund und dessen Frauchen behandeln. Zahlreiche von ihm verschönerte Damen erkennen und umschwärmen ihn.

Überaus dominant ist Bill Crush (Mickey Rourke), er hat zwar vergessen zu reservieren, doch sein Kampf ums Zimmer, einen Restauranttisch oder Bewunderung zieht sich als Running Gag durch die Silvesternacht. Eine arme tschechische Familie taucht im Palace auf und behauptet mit ihm verwandt zu sein. Der vermutliche Vater flippt aus, doch der Hotelchef kümmert sich rührend um die Angereisten. Mit einem braven Bankangestellten (Milan Peschel) bereitet Crush einen internationalen Millenniumsbetrug vor, doch sein Helfer wird zunehmend betrunkener und von jungen russischen Damen verführt, die ihn „niedlich“ finden.

Die wiederum gehören zu einer obskuren Delegation von Halunken, die mehrere Geldkoffer im alten Hotel-Safe verstecken…

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„Perfect Days“ von Wim Wenders im Kino

Die Feuilletons triefen vor Lob über das neue Werk von Wim-Wenders, wann gibt es denn schon mal solchen Einklang? „All diese typischen Wenders-Eigenschaften hat man seit seinen Filmen der siebziger Jahre nicht schöner gesehen“, beendet Daniel Kothenschulte seine Eloge in der Frankfurter Rundschau. Nun, erinnern wir uns an die siebziger Jahre – es gab die verrückten Italo-Western oder die spannenden Krimis des französischen Film Noir. Und viele Kinogänger fanden damals Wenders-Filme einfach nur langweilig. Möglicherweise hat sich diese Einschätzung nach einem halben Jahrhundert geändert, aber schauen wir doch mal in diese so gepriesenen „Perfect Days“.

Ein Mann steht auf, rasiert sich, trinkt einen Kaffee, strahlt in den Morgenhimmel und kriecht in seinen Overall mit der Aufschrift „The Tokio Toilet“. Zu Eric Burdons „House oft he rising sun“ düst er fröhlich mit einem Firmenwagen durch die japanische Metropole und putzt gründlich verschiedene Toiletten im Tokioter Stadtteil Shibuya. Doch das sind keine versifften heruntergekommenen Klos wie wir sie kennen, sondern sehr unterschiedliche, aber immer luxuriöse Design-Gebilde. Sein jüngerer Kollege ist faul und ziemlich dumm, Hirayama (Kôji Yakusho) selbst jedoch lebensfroh und gewissenhaft. Im Beuyschen Sinne ist er tatsächlich ein Künstler, der an seinem Ort mit seiner Arbeit, an einer sinnvollen Welt mitarbeitet. Liebevoll tröstet er einen verirrten Jungen, buddelt einen winzigen Baumableger aus, fotografiert das durch einen Baum fallende Licht mit einer altmodischen Kamera. Solche Bilder tauchen auch immer in seinen kurz angedeuteten nächtlichen Träumen auf, die die Tage zäsieren.

Auch die nächsten Morgende beginnen mit Hirayamas Routinen, doch kleine Überraschungen oder Unbilden geschehen. Er findet im Damenklo einen geheimnisvollen Brief. Sein Helfer will die wertvollen Audiokassetten seines Chefs verkaufen, um ein cooles Mädchen für sich zu gewinnen. Einmal hat das Firmenauto kein Benzin mehr. Nach einer Woche taucht bei ihm eine junge Frau auf, seine Nichte, die von zu Hause abgehauen ist. Flüchtig erfahren wir so von Hirayamas Familiengeschichte und erleben ihn kurzzeitig sehr traurig.

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Eher eine Zeitreise als ein Highlight der Tanzkunst

Das „Dance On Ensemble“ im Fuldaer Schlosstheater: Auf der leeren schwarzen Bühne agieren drei weiß gekleidete Menschen mit alltäglichen aber schwierigen Bewegungen. Obwohl es nur um pure Schwingungen geht, zerfällt das Trio immer wieder in neue Konstellationen und weckt Fantasien. Etwa zwei gegen einen. Ansonsten Stille, man hört nur Getrappel. Tapp. Tapp. TappTappTapp.  Ein Paar vollführt im zweiten Teil gleichzeitig drehende, hüpfende, tänzerische Aktionen ohne miteinander in Kontakt zu kommen. Ein kalter, unnahbarer Pas de deux. Im dritten Stück vier Umhergehende, Hopsende, sich Umringelnde in diversen Situationen.

Es muss eine Revolution gewesen sein, als diese postmodernen „Silent Works“ der Choreografin Lucinda Childs in den 1970er-Jahren auf die Bühne kamen. Es war die Zeit, als das klassische Ballett erneut radikal infrage gestellt und der Modern Dance wiederbelebt wurde. „Tanz kann alles sein“, forderte zur gleichen Zeit Pina Bausch, die Pionierin des deutschen Tanztheaters – und das zeigen auch diese drei kleinen Werke. 

Die Berliner „Dance On“ Compagnie hatte die, heute etwas verstaubt wirkenden Stücke neu einstudiert, um nach der Pause darauf eine aktuelle Antwort zu geben. Die Erwartungen waren hoch, doch die tänzerische Reaktion auf die historische Herausforderung eher bescheiden. 

Es rappelt und knirscht und kracht. Fünf Personen bewegen sich zu Arbeitsgeräuschen diagonal über die leere Bühne. Eine schüttelt ihre weiß gepulverten Arme. Puder wirbelt auf. Schließlich stauben alle. Später winken einige mit den Händen, geben mit den Armen Zeichen. Wird ein Flugzeug eingewiesen? Werden Lastwagen dirigiert? Ständig changieren die Aktionen zwischen Tanz und Pantomime, kunstvollen und alltäglichen Bewegungen. Schließlich entwickelt die Gruppe sogar gemeinsame spannende Rhythmen, aus der sich hin und wieder Einzelwesen lösen. Manchmal versuchen zwei sich zu umarmen, zu begegnen, aber es gelingt ihnen nur schwer. Hier erleben wir endlich zeitgenössischen Tanz, aber doch in etwas reduzierter Form. Die pantomimischen Anreicherungen wirken läppisch. 

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„791 km“ – das mobile Kammerspiel im Kino


Julian Nagelsmann konnte in diesen Tagen für seine Teilnahme an der Auslosung der EM-Spiele in Hamburg weder Flieger noch Bahn benutzen. Weil die Schneemengen in München so gigantisch waren, setzte sich der kränkelnde Bundestrainer selbst ins Auto und düste acht Stunden lang einmal durchs ganze Land: 791 Kilometer. 791 Kilometer. „791 km“, das ist auch der Titel des mobilen Kammerspiels im Taxi, das in dieser Woche in die Kinos kommt.

In München sind die Stürme so gewaltig, dass weder Züge noch Flieger zum 791 km entfernten Hamburg starten können. Zufällig findet sich eine illustre Gesellschaft beim brummeligen, genervten Taxifahrer Josef (Joachim Król) ein, die aus unterschiedlichen Gründen am nächsten Morgen in der Hansestadt sein muss: 

Die überambitionierte Tiana (Nilam Farooq) will ihre „Start-up-Präsentation,“ von der sie ständig redet, persönlich vorstellen. Althippie und Ökostreiterin Marianne (Iris Berben) hat einen wichtigen Untersuchungs-Termin, dazwischen hockt die unermüdlich plappernde, scheinbar geistig etwas behinderte Susi (Lena Urzendowsky) und Tianas Freund Philipp (Ben Münchow), ein Physiotherapeut, den nichts aus der Ruhe bringt. 

Zunächst zieht sich der Film genauso wie die endlos lange Autobahnfahrt durch die Nacht. Das Paar streitet, Marianne gibt Öko-Weisheiten von sich, denen Josef mächtig widerspricht: „Ihr wisst nicht was es heißt, arbeitslos zu werden“ und Susi kommentiert oder hinterfragt alles offenherzig und distanzlos. Schließlich plappert sie sogar noch Tianas Schwangerschaft aus, von der sie zufällig auf dem Klo hörte: „Tampons brauche ich ja jetzt nicht mehr.“

Als alle im Auto pennen und man hofft, dass Josef oder wir Zuschauer nicht auch noch einschlafen, werden die nächtlichen Ereignisse aufregender und komischer. Das Taxi gerät in eine Polizeikontrolle und Susi wird mit einem Luftballon als schwanger ausgegeben. Warum verraten wir hier nicht, jedenfalls wird das Taxi vom Polizeiwagen zur Klinik eskortiert, in dem traumartige Dinge passieren. Beispielsweise assistiert Susi als Krankenschwester bei einer Herz-OP – oder hat sie das nur fantasiert?

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Unwirkliche magische Welten

Die Fotomontagen von Georg Küttinger wurden bereits im Bericht über den Rundgang durch die neuen Ausstellungen der Kunststation in Kleinsassen / Rhön vorgestellt. Der Künstler fotografiert Landschaften aus verschiedenen Perspektiven und zu unterschiedlichen Tageszeiten, dann fügt er Ausschnitte dieser Fotos zu neuen Landschaftsbildern zusammen: „landscapes:remixed.“

Der Arbeitsprozess seiner ersten Werkgruppe ist leicht nachvollziehbar, das Ergebnis spannend, weil er eine neue fotografische Realität der Straßen, Felsen oder Poller schafft. „Sie sind ein Tanz der verschiedenen Blicke auf die reale Landschaft vor dem inneren Auge“, meint die Leiterin der Kunststation Monika Ebertowski. Siehe Neues aus der Rhön.

Seine zweite Werkgruppe „Interferenzen“ in der Ausstellung ist schwieriger zu verstehen. Doch Küttinger kommt selbst – nach dem Ende der Betriebsferien – zum Künstlergespräch am 10. Dezember in die Kunststation. Vielleicht lief man achtlos oder nur mäßig interessiert an den gläsernen Mosaikobjekten vorbei. Doch wenn man sie länger betrachtet, den Kopf bewegt, hin- und hergeht, hoch- oder runterschaut entstehen kleine Farb- und Lichtspiele: Die „Interferenzen“.

Um diese physikalische Wirkung zu begreifen, benötigt man keinen gymnasialen Leistungskurs Physik. Die Künstliche Intelligenz (ChatGPT) erklärt sie recht einfach: „Stell dir vor, du wirfst einen Stein in einen Teich, und dann wirft jemand anders auch einen Stein hinein. Die Wellen, die von beiden Steinen erzeugt werden, treffen sich in der Mitte des Teichs und ‚kämpfen‘ miteinander. Es ist, als ob die Wellen miteinander tanzen und dabei ein Muster erzeugen – das nennt man Interferenz. Auch Lichtwellen können sich kreuzen, vermischen und Muster erzeugen. Denk an Regenbögen, Seifenblasen oder farbige Ölflecken auf Wasser, als Beispiele für Licht-Interferenzen.“

Der Künstler montierte in seinen Arbeiten keine Glaskügelchen aneinander, sondern die Werke der Gruppe „Interferenzen“ sind ebenfalls fotografischen Ursprungs: Mit der Kamera hielt er abstrakte, selbst gefertigte Objekte aus unterschiedlichen Positionen und bei verschiedenem Licht fest, die fotografischen Ergebnisse wurden ebenfalls vermischt.

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Die israelische Choreografie „Last Work“ im Hessischen Staatsballett

Am Abend des Überfalls der Hamas-Terroristen auf Israel am 7. Oktober, hatte die Einstudierung der Choreografie „Last Work“ mit dem Ballett des Hessischen Staatstheaters Premiere. Bereits der Titel klingt düster und pessimistisch, sollte dieses dramatische Tanzwerk wirklich die letzte Arbeit des israelischen Choreografen Ohad Naharin in der hessischen Residenz sein? Obwohl er das Stück bereits 2015 für seine Compagnie „Batsheva Dance Company“ entwickelte, wirkt es hochaktuell: sogar bei der vorerst letzten Darmstädter Aufführung nach fünf Wochen Krieg gegen Israel und in diesen Tagen bei der Wiesbadener Premiere.

Natürlich changieren die tänzerischen Darbietungen zwischen freien Bewegungsexperimenten der Tanzenden, die keine festgelegte Bedeutungen haben, und individuellen Assoziationen der Zuschauenden: Man spürt verzweifelte Auseinandersetzungen, Kämpfe und Annäherungen – und natürlich denkt man gerade in diesen Zeiten an Israel. 

Zum Beginn ist das Saallicht noch an, die weiße Bühne hell ausgeleuchtet. Tiefes elektronisches Brummen ertönt. Hinten links rennt eine Tänzerin auf einem Laufband. Plötzlich watschelt ein gebückter Tänzer im Entengang über die Rampe. Das Brummen geht in verzerrte Streicherklänge über. Zitternd, sich verrenkend erscheint ein weiterer Tänzer, der erste verschwindet. Eine sanft agierende Tänzerin weicht ihm aus. Weitere Tänzerinnen oder Tänzer kommen und bewegen sich nacheinander, auch sie vollführen extreme, überdrehte Bewegungen, scheinbar bedeutungslos aber ausdrucksstark. Diese eigenartigen Bewegungsabläufe der Ensemblemitglieder, ihre Tänze, sind kein Selbstzweck – sondern sie wirken irgendwie „alltäglich“, werden aber durch die Tanzenden in einer, durch sie selbst geschaffenen, verfremdeten Wirklichkeit gezeigt.

Später gibt es, meist vergebliche Versuche von Annäherungen

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Der Film „Elaha“ oder ein Kampf ums Jungfernhäutchen…

Orientalische Musik. Tanzende Menschen. Die Kamera führt uns direkt in eine arabische Hochzeitsfeier. Eine fröhlich hüpfende, flatternde junge Frau wird von ihrer Mutter in einer, uns fremden Sprache barsch zurechtgewiesen. Durch die Untertitel erfahren wir, sie solle sich zurücknehmen, denn sie sei schließlich verlobt. Im Klo fragen sich die jungen Mädchen auf deutsch: „Hast du schon mal?“ Bald erkennen wir, dass die Feierlichkeiten nicht im Nahen Osten stattfinden, sondern in einer Stadt im Ruhrgebiet. Und die vermeintlich arabischen Muslime sind Kurden, aber von den gleichen mittelalterlichen Wertvorstellungen besessen. 

Eine Filmstunde später schreit die junge Frau endlich zurück: „Und wenn ich eure Ehre nicht mehr zwischen den Beinen habe?“ Dann will die Mutter lieber eine tote Tochter! Vorher konnten wir miterleben, wie die bereits 22-jährige Elaha (Bayan Layla) verzweifelt versuchte, ihr Jungfernhäutchen chirurgisch wieder flicken zu lassen. Doch den Preis von mehreren Tausend Euro kann sie nicht aufbringen. Ein Versuch mit einem Blutmittel für die mögliche Hochzeitsnacht funktioniert nicht. Ihre lesbische, verheiratete, dunkelhäutige Lehrerin in der Berufsvorbereitung kümmert sich intensiv um sie, denn „ich weiß wovon ich rede“. Sie könnte ihr helfen, konfrontiert sie aber mit der Frage, „Bist du wirklich die Frau, die du sein willst?“ Schließlich befragt Elaha sich selbst, warum und ob sie das Hymen überhaupt zurückhaben will. 

Sie soll nicht zwangsverheiratet werden, sondern findet ihren zukünftigen Ehemann und dessen Familie durchaus sympathisch. Das Aussuchen des Hochzeitkleides oder die Wohnungssuche mit dem Verlobten sind für sie selbstverständlich. Liebevoll kümmert sie sich um ihren kleineren behinderten Bruder. Aber je weniger sie sich in ihre vorgegebene Rolle als keusche Verlobte einfügt, mit ihren Freundinnen tanzen geht, freizügig kleidet oder das Abitur nachholen will, umso stärker terrorisiert der zukünftige Mann sie bereits vor der Ehe. „Ich gebe dir alle Freiheiten, aber ich will, dass du auf mich hörst“, sagt er. Dann schnüffelt er sogar an ihr, ob sie mit einem anderen Mann Sex hatte. Seine Familie fordert vor der anstehenden Hochzeit plötzlich eine ärztliche Untersuchung ihrer Jungfräulichkeit. 

Bis dahin haben ihre erwachsenen Freundinnen und sie versucht, sich irgendwie zwischen westlicher Freiheit mit selbstbestimmtem Leben und den geliebten Familien, mit ihren repressiven patriarchalischen Regeln durchzuwinden.

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Ein Besuch der Proben für die Kriminalkomödie „Scherenschnitt“

Das neu gegründete Theaterensemble ImmerDaneben präsentiert dem Besucher ihr Stück in einem ersten Durchlauf. Ein Friseursalon ist in einer leerstehenden Wohnung angedeutet, die Akteure kommen herein: Der Figaro macht ordinäre Bemerkungen über Körperbehaarung, die feine, aufgedrehte Dame neigt zur Hysterie, der düstere „Ausländer“ bleibt undurchsichtig, die freizügige Gehilfin des Friseurs ist zunächst noch verhalten. Dazwischen lässt sich der Kommissar inkognito rasieren.

Es sind scherenschnittartig wirkende Figuren, die hier mal fröhlich, mal sarkastisch aufeinandertreffen. „Soll ich hier getoastet werden?“, blafft die feine Dame unter der Haube. 

Entsetzlich laute Klaviermusik von Nachbarin Frau Czerny in der Wohnung obendrüber ertönt, der Barbier flippt aus: „Tagein, tagaus dieser Krach!“ Mit dem Rasiermesser fuchtelt er am Hals des Kunden: „Eines Tages bringe ich sie um.“ Kurze Zeit später ist die ältere Pianistin wirklich tot. Ermordet! Alle Auftretenden sind mal draußen gewesen, jeder kann sie getötet haben.

Hatte die reiche Czerny eine Beziehung mit der jungen Friseurin? Begrabbelte der Friseur seine Mitarbeiterin? Hat die feine Dame einen Lover? Ist der „Ausländer“ gar kein Fremder? Hat er eine Affäre mit der Coiffeurin? Während der Ermittlung kommen allerlei Geheimnisse und Bösartigkeiten ans Licht. Bald weiß man gar nicht mehr, wem man noch glauben kann. Alle haben ein Mordmotiv, unaufhörlich gibt es neue Wendungen: perfide Beschuldigungen werden konstruiert, aber scheinbare Beweise wieder zerpflückt. Und es gibt viel zu lachen.

Häufig entfernt sich die Handlung von der „Tatort“-Struktur, löst sich von gehässigen oder intimen Annäherungen der Beteiligten. Denn im Spiel geht es auch um alltägliche Ereignisse, die plötzlich eine andere Bedeutung bekommen, die Hinterfragung von scheinbar eindeutiger Wahrnehmung und unbewussten Vorurteilen. Die Zuschauer dürfen im „Scherenschnitt“ mitschnibbeln (müssen es aber nicht), es gibt Raum für Diskussionen oder Nachfragen an die Verdächtigen.

Bereits zu Beginn wird das Publikum gefragt, welcher Figur es einen Mord zutraut.

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Mit Malerei habe ich nichts am Hut…

Caroline Camilla Kreusch in der Kunststation: Lassen wir uns überraschen, was alles in die große Halle der Kunststation hineinschweben wird“, hieß es in der Einladung zur Schau der Künstlerin im Rahmen der Herbst-Ausstellungen. Tatsächlich verblüffte die Künstlerin den Pressebesucher am Tag vor der Vernissage: Sie schwebte mit einer um den Hals zu tragenden Textilskulptur neben ihrem Wandobjekt „Mikrolose Makrowolke“ (Foto). Aber das weiche Gebilde mit Zotteln fand dann doch keinen Platz in der aktuellen Präsentation ihrer Arbeiten.

Diese kleine Begebenheit offenbart bereits viel über die Künstlerin: Sie spielt gerne mit Materialien oder Worten, legt sich nicht fest, freut sich auf Neues und Unbekanntes. Ihre Arbeiten tragen Namen wie „Pistazienrutsche“ oder „Ungekämmte Ereignisse“, doch diese skurrilen Titel weisen selten den Weg zum rationalen Verständnis ihrer Werke. Man kann Kreuschs Arbeiten einfach nur erleben und sich daran erfreuen; oft wirken sie dynamisch und fordern zur musikalischen oder tänzerischen Umschreibung heraus.

Ihr Werk im Hintergrund des Fotos sieht aus wie ein leicht dreidimensionales Objekt, ein „Halbrelief“, weitere solche Arbeiten brachte sie mit nach Kleinsassen. Doch die vermeintlichen Wandskulpturen sind ausgesägte Platten aus dem sehr festen MDF-Holz. Diese gestaltete sie dann sorgfältig weiter mit kräftigen Farben, „die ich wie Baumaterial verwende.“ Dadurch erzielt sie die räumliche Wirkung.

An einer anderen Wand befestigte Kreusch neben ihren Bildern einige Pappskulpturen: „Klimakisten, gold und schief aber dicht“, wie es in deren Titeln heißt. Oder sie breitete edel aussehende, grellfarbige Skulpturen im Raum aus: „Polyeder“, die sich selbst narzisstisch in Spiegeln auf dem Boden betrachten. „Ich bin Bildhauerin und habe nichts mit Malerei zu tun“, erklärt die Künstlerin, die übrigens aus einer äußerst musikalischen Familie stammt. „Meine Werke sollen im Raum wirken.“ Man kann sie zwar einzeln betrachten (und natürlich auch einzeln kaufen), aber in den Ausstellungen setzt sie diese oft sehr unterschiedlich anmutenden Arbeiten in Beziehung zueinander. So entstehen Installationen, die eine eigene fantastische Welt bilden. 

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