Die Performance-Trilogie „Leave Paradise“ im Grimm-Haus: „Rotkäppchen“ (Teil 1)

 

Drei Abende lang führt der Sprachkünstler Simon Weiland seine Performance-Trilogie „Leave Paradise“ im Grimm-Haus in Steinau an der Straße auf. Der Ursprung seiner Darbietungen sind Märchen der Brüder Grimm, die er kunstvoll in Szene setzt und radikal auseinander nimmt.

„Was ist, wenn der Wolf im Schafspelz sich ausgibt als der gute Hirte?“ Am ersten Abend geht es um Rotkäppchen, eine Stunde lang schlägt der Mann das Publikum im Grimm-Haus mit seinen Worten in den Bann. Mit intensiver Mimik und Körpersprache, wilden oder sanften Gesängen, Rollentausch und wechselnden Stimmen seziert er das von den Grimm-Brüdern arg gezähmte Märchen. Der Performer ist mal ein komischer, mal Gänsehaut erzeugender Sprachkünstler, der in keine Schublade passt.

Noch relativ konventionell stellt er mimisch dar, was Rotkäppchen im Wald soll, wie es plötzlich krumme Wege mit dem Wolf geht und dabei ihre Unschuld verliert. „Sah ein Knab’ ein Röslein stehn, Röslein auf der Heide.“ Mit seinem Gesang zur Gitarre entlockte Weiland die mächtig erotische Unterströmung des Volkslieds (und Goethe-Gedichts). „Rotkäppchen, wo bist Du?“ heult der einsam zurückgebliebene Wolf, denn „Rotkäppchen wollte nicht auf der Heide bleiben, keine Heidin sein.“ Sie geht nach Rom, dort tragen die Kardinäle ebenfalls rote Kappen…

Kühne Assoziationen, Wortspiele und Gedankensprünge wechseln mit bös grotesken Sequenzen: Weiterlesen

Kunstherbst in Ost-Hessen: Der Höhepunkt, das KulturWerk-Festival

Kein verflixtes siebtes Jahr – das KulturWerk-Festival in Schlüchtern vom 10. bis 20. November 

Zum siebten Mal präsentiert das alljährliche Herbst-Festival des KulturWerks ein üppiges, abwechslungsreiches Programm. Soeben erschien ein Flyer der Künstlervereinigung, der ab sofort überall im Bergwinkel ausliegt und auf die Veranstaltungen hinweist. Der Vorverkauf hat begonnen.

Die KulturWerkWoche steht unter dem Motto „Zuckererbsen für jedermann“, einer Forderung des Dichters Heinrich Heine aus seinem ironischen Vers-Epos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (Anlage). Die KulturWerker erarbeiten dazu eine szenische Collage mit Tanz, Musik, Schattenspiel, Sprache und Theater.

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Dieses Thema wurde noch von der im Frühjahr gestorbenen Bildhauerin und Malerin Dorle Obländer vorgeschlagen, die Heine sehr liebte.Ihr ist auch die diesjährige Kunstaustellung gewidmet, das KulturWerk zeigt in Kooperation mit dem Grimm-Haus die letzten Arbeiten der Künstlerin, 19 ironische Märchenbilder (oben „Froschkönig“). Weiterlesen

„2 & 1“ – Ausstellung in der Bahnhofsgalerie Hünfeld (Kunstherbst Osthessen Teil 5)

 

Ein Fisch schnappt aus einem Frauenkopf heraus nach Luft. Im Hintergrund eine Häuserfassade und seltsame Landschaften, vorne ein Gebilde mit Insekten, ganz in der Ferne das Meer. „Darin muss ich erst mal spazieren gehen“, meinte ein Besucher zu seiner Begleiterin, „bevor ich was sagen kann.“ Die beiden betrachteten ein Werk des serbischen Malers Victor Randjelovic (42). Dessen Arbeiten sind nicht besonders groß, doch die 19 Bilder seiner Serie „East of Eden“ sind die eindrucksvollsten und individuellsten Malereien der Ausstellung. Der Künstler verbindet in diesen, sowie weiteren größeren Arbeiten symbolisch aufgeladene Dinge miteinander – Eier, Hunde, Menschen, Musikinstrumente – und schafft doch in sich geschlossen Bilder. Oft entführt er in traumartige Gegenden, manchmal auch Landschaften unter Wasser, in denen die Besucher „spazieren gehen“ können.

Randjelovic gestaltet seine surrealistischen Gemälde sehr altmeisterlich, man spürt seine Liebe zu den flämischen und niederländischen Malern. Jedoch wirken seine Werke modern und zeitlos zugleich. Elmar Hegmann, der Vorsitzende des Trägervereins, sprach vom „Update“, das der Künstler nutze, „um in einer spannungsreichen Balance zwischen Realität und Fiktion neue, weiterführende Gedanken zu entwickeln.“

Ebenfalls zwischen Wirklichkeit und Traum bewegt sich die Kunst des Bulgaren Kamen Kissimov (44)… Weiterlesen

„Was auf dem Spiel steht!“ Fotoausstellung von Katharina Eglau (Kunstherbst in Ost-Hessen 4)

 

Zuerst fallen in der Bilderschau die unglaublich schönen, glücklichen Kinder in diversen arabischen Regionen auf. Die Porträts ihrer Eltern und Verwandten sind eindrucksvoll, mal tragen die Frauen Kopftücher, mal offene Haaren. Muslime, Christen, Juden.

Fischer bei der Arbeit im Euphrat-Delta. Verputzer werkeln in schwindelnder Höhe an Lehmhochhäusern. Die Puppe eines mit Pfeilen gespickten Diktators (Hussein) wird verbrannt. Ein Jugendlicher liegt in einer Moschee auf dem Boden und fummelt entspannt am Smartphone herum. Eine junge Ägypterin macht Freudensprünge vor Pyramiden.

Man hat nicht den Eindruck, dass diese Menschen freiwillig auf überfüllte Flüchtlingsboote oder in europäische Notaufnahmelager gehen. Doch die seit Jahrtausenden im Delta in den Sümpfen lebenden Menschen wurden vertrieben, die kurdischen Jesiden werden vom IS ausgerottet, das steinalte jüdische Dorf im Jemen gibt es nicht mehr.

Auf vielen Reisen im nahen Osten hat die Fotografin nicht nur unterschiedliche Volksgruppen in ihren sozialen und religiösen Bindungen abgelichtet, sondern so auch die Vielfalt der arabischen Kultur festgehalten. „Das steht auf dem Spiel“, erklärt Eglaus Mann, der Nahost-Journalist Dr. Martin Gehlen, in seinem Vortrag zur Vernissage. Beide leben seit acht Jahren in Kairo und kennen sich bestens in der Region aus, hautnah haben sie den Fall der Diktaturen, den „arabischen Frühling“ und die Renaissance der Gewalt miterlebt.

„Wo ist Katharina schon wieder?“

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„Der Sandmann“ in der Oper Frankfurt – Erneut ein Meisterwerk des Regisseurs Christof Loy

Die Oper Frankfurt eröffnete ihre neue Spielzeit mit Christof Loys Inszenierung „Der Sandmann“, frei nach ETA Hoffmanns Erzählung. Nach der Uraufführung 2012 in Basel, brachte der internationale Regiestar das Gesamtkunstwerk erneut als großartigen und sehenswerten Psychothriller auf die Bühne.

„Bitte nehmen sie mich!“ Fast zum Ende des Stücks füllt sich die karge Bühne mit grell geschminkten Frauen (des Chores) in roten aufreizenden Kleidern, die allesamt kreischen: „Bitte nehmen sie mich!“ Rauben Nathanaels Fleisch gewordene Fantasien ihm nun endgültig den Verstand oder sind es reale mechanische Puppen, die ihn in den Abgrund treiben? Von Anfang an vermischen sich im Stück die Wahnvorstellungen des Dichters Nathanael (Daniel Schmutzhard) mit dem scheinbar echten Leben: Ein Albtraum, der nicht endet.

Anfangs ist die Bühne pechschwarz, seltsam grell von Leuchtstoffröhren eingerahmt. Die Ouvertüre, es gibt wirklich eine Ouvertüre!, evoziert mit tiefen Fagott-Tönen oder sphärischen Violinen-Klängen eigene Assoziationen oder Erinnerungen an „Hoffmanns Erzählungen“. Tatsächlich handelt der zweite Akt dieser Oper Jacques Offenbachs vom „Sandmann“. Später werden die Töne schriller und atonaler, es wird hell, Nathanael windet sich, vom Irrsinn gepackt, in einer Ecke.

Der Poet streitet mit seiner Verlobten Clara (Agneta Eichenholz) über seine ihn bedrängenden Trugbilder, die jedoch Grundlage seiner Dichtung seien. „Du brauchst einen Arzt. Alles ist real,“ setzt sie stoisch dagegen. Doch im Hintergrund agieren längst, bestens miteinander vertraut, der tote Vater Nathanaels und der Sandmann, der ihn möglicherweise umbrachte… Weiterlesen

Ein lebendiger Erfahrungsraum: Die Pina-Bausch-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau

 

Diese Stimme!

großmann-klein-1010048.jpgBereits vor der Vernissage hört man aus der Menge die rauchige Stimme Mechthild Großmanns, der Staatsanwältin aus dem Münster-Tatort. Welcher Fan der Serie weiß wohl, dass die Schauspielerin als einzige „Nicht-Tänzerin“ mehr als 30 Jahre lang Mitglied im Wuppertaler Tanztheater war? Zur Eröffnung liest sie aus einer Rede der Choreografin (Foto rechts).

Im Lichthof des Gropius-Baus steht ein – erst irritierender – riesiger schwarzer Klotz. In ihm ist die Probebühne der Compagnie rekonstruiert, das 50er-Jahre-Kino „Lichtburg“. Hier hat Bausch alle ihre Stücke mit dem Ensemble entwickelt. Prächtige Kleider und feine Anzüge hängen an Garderobenständern, Spiegel an den Wänden. Ballettstangen und ein Klavier stehen am Rand. Die Tänzerin Ann Endicott (66), die von Anfang an in Wuppertal dabei war, ermuntert behutsam Besucher zur Einstudierung eines einfachen Tanzes, der „Nelken-Linie“ (siehe Kasten). Dieses „Warm-up“ zur Ausstellung wird mehrmals täglich angeboten. Staunend kann man selbst erleben, dass vieles Tanz sein kann, wie Bausch einst erklärte.

Darüberhinaus gibt es Workshops und Performances, um in der „Lichtburg“ Ensemble-Mitgliedern zu begegnen. Die Idee kam aus der Compagnie selbst, um so Besuchern einen Zugang zur seinerzeit einmaligen, neuen Arbeitsweise der Bausch zu ermöglichen: Das rekonstruierte Lichtspielhaus wird zum lebendigen Erfahrungsraum…

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„Hünfeld + 100“ im Museum Modern Art in Hünfeld (Kunstherbst in Ost-Hessen 3)

In seiner Ausstellung „Hünfeld + 100)  präsentiert das Museum Modern Art (MMA) in Hünfeld seit Juli 2016 herausragende Künstlerinnen und Künstler der Region. Zur „Halbzeit“ am Wochenende wurde der Publikumspreis an Maler Nikolai Lagoida vergeben. Die drei Auszeichnungen des MMA gingen an Malerin Bat-Amagan Orsoo, Bildhauer Karl F. Hofeditz und Grafiker Norbert Grimm.

Auf der Galerie im alten Gaswerk hängen drei riesige Bilder der Malerin Bat-Amagan Orsoo (39), die derzeit durch Indien reist. Auf einem Gemälde sind zwei Frauen von seltsamen Schriftzeichen umgeben, auf dem zweiten sieht man nur noch Augen, das dritte ist fast völlig gelb übermalt. Die Arbeiten sind figürlich, abstrakt und symbolisch zugleich, viele Teile der Bilder sind verwischt oder mit farbigen Zeichen versehen (siehe Foto oben).

Eine Besucherin ist fassungslos, weil aus einem Auge zwei Tränen rinnen. Doch dieser vermeintliche Kitsch wird schnell aufgelöst, als Museumsleiter Günter Liebau die Tableaus erläutert. Die Künstlerin widme sich der Darstellung menschlicher Figuren in ihren kulturellen, religiösen und sozialen Zusammenhängen. Guatemala werde von Mafia-Banden terrorisiert, Mörder ließen sich für jedes ihrer Opfer eine Träne tätowieren. Orsoo malt Bilder mit ersten Eindrücken nach ihren ausgedehnten Reisen, die sie später weiterbearbeitet.

Ihre Werke lassen genügend Raum für eigene Fantasien der Betrachter… Weiterlesen

„Geteilt“ – Jahresausstellung des Fuldaer Kunstvereins (Kunstherbst in Osthessen 2)

„Geteilt“ heißt diesmal die alljährliche Themenausstellung, die der Kunstverein Fulda am Wochenende im Vonderau Museum eröffnete. Die Vernissage war wie immer ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem viel Publikum erschien.

Lassen wir in einem Rundgang durch die Ausstellung die Kunst selbst sprechen – also zeigen, wie Künstlerinnen und Künstler eigentlich das Thema angegangen sind: Zu sehen sind einfache, formal geteilte und gespiegelte Gemälde oder zerschnittene Skulpturen. Daneben finden wir viele thematische Objekte mit Titeln wie „Geteilte Zuneigung“, „Geteilte Liebe“ oder „Kindschafts-Teilung“. Psychologische Auslegungen des Mottos zeigen mögliche „Gespaltene Aspekte“ unserer Persönlichkeit. Mit der geteilten Welt in arme und reiche Menschen setzen sich etliche Arbeiten auseinander, gerade die Grafiken „Barmherzigkeit“ versus „Todsünden“ verdeutlichen das besonders. Doch ein Tableau mit unterschiedlich geteilten Apfelstückchen macht fröhlich klar: „Es ist genug für alle da!“ Insgesamt zeigen 31 Künstlerinnen und Künstler 53 Malereien, Grafiken, Skulpturen, Fotografien oder Mischtechniken.

Manche Artefakte – in dieser übrigens hervorragend kuratierten Ausstellung – sind einfach zu verstehen, viele eher verrätselt: Weiterlesen

„…das bleibt“ – Ausstellung Dorle Obländer in Schlüchtern (Kunstherbst in Osthessen 1)

Im „Schlösschen“, dem Bergwinkel-Museum, hat die Stadt Schlüchtern in Zusammenarbeit mit dem KulturWerk eine kleine vorübergehende Schau für die im Frühjahr gestorbene Künstlerin Dorle Obländer eingerichtet.

Etwas muffelig stehen zwei blaue Langnasen-Zwerge aus Beton am Fuß der Treppe. Auf einem Gemälde oben am Treppenknick stürmt ein Paar in die Ausstellung im zweiten Stock, eine Frauenbüste, ebenfalls aus Beton, weist ihnen mit spitzer langer Nase den Weg. Die eiligen Kunstfreunde bemerken gar nicht das seltsame Bild an der Wand hinter ihnen, auf dem eine Frau ein Krokodil im Arm wiegt. Was mag da wohl passieren, wenn die Echse gleich die Augen öffnet?

Ganz zentral hängt oben im kleinen Raum das großformatige Bild „Melancholia“. Erstaunt und melancholisch betrachtet Frau Europa ihre 28 Kinder, die sich streiten, prügeln oder Straßen bauen. Drumherum sind typische Dorle-Bilder drapiert, wichtig aussehende Männer mit Schnecken im Haar oder Tigerenten, die sie hinter sich herziehen. Frauen wiegen diese bedeutsamen Männer oder auch schon mal eine rosa Sau in ihren Armen. Es ist unglaublich, dass man das Treppenhaus und den winzigen Raum so gut gestalten kann, wie die Kuratoren Werner Obländer und Hannah Wölfel. Die Werkauswahl ist klein, zeigt aber hoch verdichtet den sarkastischen und doch liebevollen Geist der künstlerischen Arbeit der Malerin und Bildhauerin. Einige der ausgestellten Arbeiten kann man auch zu sehr günstigen Preisen kaufen. Weiterlesen

„Frantz“ – ein großartiger Film mit der preisgekrönten Paula Beer (Venedig 2016)

Für ihre Rolle in dem Film „Frantz“ bekam Paula Beer (21) vor kurzem einen Preis beim Filmfest in Venedig. Sie spielt die traurige Verlobte eines gefallenen Soldaten, die langsam wieder neue Lebensfreude entwickelt.

Düster gekleidet legt Anna (Paula Beer) jeden Tag Blumen auf das Grab ihres im Krieg gestorbenen Verlobten Frantz. Eines Tages beobachtet sie einen seltsamen Fremden, der am Grab weinend eine Rose ablegt. Dieser melancholische Adrien (Pierre Niney) will auch Frantz’ Familie besuchen, wird aber als „französischer Erzfeind“ vom Vater (Ernst Stötzner) rausgeschmissen. Anna dagegen sucht den Kontakt zu Adrien, der sich bald als Freund Frantz’ ausgibt. Er verführt Anna zum Tanzen und Baden im Fluss, sie kauft sich ein farbiges Kleid und gewinnt langsam neue Kräfte. Auch die Eltern leben wieder etwas auf, als der Franzose von seinen Begegnungen mit ihrem Sohn in der Vorkriegszeit erzählt.

Doch dann werden die Ereignisse von der Schuld überschattet, die Adrien mit sich herumträgt, und seiner großen Lüge, die er schließlich Anna gesteht. Die trägt jedoch mutig diese Last und verhindert, dass Frantz’ Eltern die Wahrheit erfahren. Als Adrien überraschend verschwindet reist sie ihm hinterher nach Frankreich. In Paris ist alles anders, als ihr Verlobter es in seinen Briefen schrieb oder Adrien es in der Begegnung mit der Familie erzählte. Mühselig bekommt Anna die Wahrheit über das Leben des Franzosen heraus, der ihre aufkeimende Liebe nicht erwidert. Sie verfällt nicht in Depression, sondern geht nun ihren eigenen Weg. „Es gibt mir Lust“, sagt sie, ziemlich paradox aber glaubwürdig, am Schluss des Films über das „Bildnis eines Selbstmörders“ (Foto unten) des Malers Edouard Manet. Sie hat wieder zu leben gelernt und stürzt sich in das unbekannte Abenteuer der Fremde. Weiterlesen