„Die Frau im Mond“ – ein Film, poetisch wie sein Titel

In der französischen Provence war es, in den 1950er Jahren, für Frauen bestimmt kein Zuckerschlecken, sexuelle Begierde zu spüren und von der großen Liebe zu träumen. Auch die verliebte junge Träumerin Gabrielle (Marion Coillard) bekommt die Verachtung ihres Dorfes zu spüren, als sie vom Dorflehrer öffentlich brüsk zurückgewiesen wird.

Aber hat er sie denn nicht durch das Ausleihen von Liebesromanen geradezu ermuntert sich ihm zu nähern und hinzugeben? Gabrielles wütende Mutter droht, sie lasse die Tochter in die Irrenanstalt einweisen, wenn sie nicht den baskischen Flüchtling José (Alex Brendemühl) heiraten würde: „Du bist nicht verrückt, aber Du lebst in Deiner eigenen Welt!“

Die Mutter verspricht dem, zunächst zögernden Basken Geld und Unterstützung bei seiner Verwirklichung beruflicher Pläne. Widerstrebend willigt schließlich auch Gabrielle in den Handel ein, nicht ohne José klar zu machen, dass sie niemals mit ihm Sex haben werde. Doch als der Mann wieder einmal zu den Huren gehen will, macht seine Frau sich erotisch zurecht, fordert ihn auf, Geld auf den Küchentisch zu legen und gibt sich ihm hin.

Aufgrund ihrer Dauerschmerzen in der Niere, geht Gabrielle widerwillig in ein Sanatorium in der Schweiz. Dort fällt sie durch ihr exzentrisches Auftreten auf, verliebt sich aber unsterblich in den depressiven und totkranken Offizier André (Louis Garrel), der im Indochina-Krieg verwundet wurde. Kann sie mit dem geheimnisvollen Opiumesser endlich die so lang ersehnte heiße Liebe ausleben und ihre Begierde stillen? „Dein Körper ist in mich eingedrungen, ich bin ein Teil von ihm“, schreibt sie später. Weiterlesen

„Marie Curie“ – ein weiterer Film über kämpferische Frauen um 1900 in Paris

„Willst Du?“, stöhnt der Mann. „Ja!“, haucht sie – doch statt im Bett übereinander herzufallen springen beide auf und stürmen des Nachts in ihr kaltes, zugiges Labor, um wissenschaftlich zu arbeiten. Doch ganz so eine Nonne der Wissenschaft ist Marie Curie schließlich nicht, wie sich im Laufe des Films herausstellt.

Aber erzählen wir der Reihe nach: Ende des 19. Jahrhunderts musste die naturwissenschaftlich hochbegabte Polin Marie Curie (Karolina Gruszka) nach Paris gehen, weil sie nur dort studieren kann. Der Film beginnt, wie sie und ihr Mann Pierre Curie (Charles Berling) den Nobelpreis bekommen, den lediglich er entgegen nehmen darf. Die Auszeichnung erhalten die beiden für die leidenschaftliche Weiterentwicklung ihrer Radium-Krebstherapie. Als Pierre überraschend bei einem Unfall ums Leben kommt, widmet sich Marie alleine der Forschung. Um Pierres Lehrauftrag an der Sorbonne zu übernehmen oder gar in die Académie des sciences aufgenommen zu werden, stößt sie auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten in der, von allenfalls durchschnittlich begabten Männern dominierten Wissenschaft.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Paul Langevin (Arieh Worthalter) setzt Marie ihre Forschungsarbeiten fort, versucht gleichzeitig aber auch bei Kindern und Studenten Forscherlust zu wecken. Aus der Arbeit mit Langevin entwickelt sich eine lange, leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem verheirateten Kollegen. Während bekannt wird, dass sie als erste Frau den Nobelpreis für ihre wissenschaftliche Arbeit erhalten wird, geht Langevins verlassene Frau an die Öffentlichkeit. Die Pariser Gazetten geißeln die Witwe als Hure und Ehebrecherin, obwohl Langevin für seine zahllosen außerehelichen Affären bekannt ist. Das Nobel-Komitee legt Marie nahe, auf den Preis zu verzichten…

Wir hatten vor einiger Zeit  über die Filme „Paula“ und „Die Tänzerin“ berichtet (zum Link), Paula Modersohn-Becker und Luis Fuller mussten ebenfalls um die Jahrhundertwende nach Paris gehen, um als Künstlerinnen anerkannt zu werden. Dabei hatten sie es schon schwer genug – aber eine weibliche Wissenschaftlerin galt selbst im fortschrittlichen Paris als perverses, abartiges Ungeheuer. Übrigens endet der Streifen „Marie Curie“ interessanterweise mit der Rekonstruktion des Tanzes „Radium Dance“ Luis Fullers. Die Tänzerin und die Curies kannten sich und waren geschmeichelt, dass ihnen ein Tanz gewidmet wurde.

Marie wird als moderne Frau ohne Plüsch und in zeitloser Kleidung gezeigt, das historische Umfeld spielt keine große Rolle im Film. „Das soll zur Identifikation herausfordern“, meint Regisseurin Marie Noelle. Doch ist dieser Film als Zeitbild einerseits so authentisch wie „Paula“ oder „Die Tänzerin“, andererseits aber sehr viel näher an der biografischen Realität der Protagonistin. Dennoch ist er kein Biopic, weil er sich, trotz einiger Rückblenden, auf die Zeit zwischen den beiden Nobelpreisen konzentriert. Weiterlesen

„Ich, Daniel Blake“ – der Gewinnerfilm von Cannes jetzt in einigen Kinos

Beim letzten Filmfestival in Cannes gewann Ken Loach die „Goldene Palme“ für den Film „Ich, Daniel Blake“. Nun startet der Film in Deutschland in ausgewählten Kinos. Das preisgekrönte Werk ist ein sehr traditionell erzählter Film des achtzigjährigen Meisterregisseurs. Doch warum erhielt gerade er den Hauptpreis auf dem wohl wichtigsten Filmfestival der Welt?

Die Story des Films ist schnell erzählt: Der ältere Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) bekam nach dem Tod seiner Frau einen Herzinfarkt und versucht nun, bis zu seiner Genesung, Sozialhilfe zu bekommen. Doch er ist zu gesund für die staatliche Unterstützung, aber noch zu krank, um zu arbeiten. Wie in einer modernisierten Erzählung von Franz Kafka, wird Blake von der gnadenlosen britischen Sozialbürokratie und ihren Mitarbeitern zerrieben. So muss er viele Bewerbungen schreiben, obwohl klar ist, dass er die Jobs (noch) nicht annehmen kann. Bei seiner Odyssee durch die Ämter freundet er sich mit der jungen alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) an, die ebenfalls Opfer des undurchsichtigen Verwaltungsapparats wird. Blake hilft ihr bei Reparaturen im Haus und wird für die zwei kleinen Kinder ein guter Opa. Mit viel schwarzem Humor halten die beiden gedemütigten Menschen ihre Unbilden aus, aber irgendwann reicht deren Kraft nicht mehr. Katie prostituiert sich, Blake rebelliert ungestüm gegen das ihm zugefügte Unrecht.

Loach und sein Team haben intensive Recherchen unter arbeitslosen und von der Fürsorge abhängigen Menschen in Groß-Britannien durchgeführt. Sie waren entsetzt über die systematische Erniedrigung arbeitswilliger Underdogs in undurchschaubaren bürokratische Strukturen:

„Die Armen werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht“, sagt Loach.

Während die meisten Briten glauben, 30% der Sozialhilfeempfänger seien Betrüger, sind es in Wirklichkeit nur 0,7%. In den zwei Filmfiguren sind viele Geschichten der befragten Menschen aufgehoben und verdichtet. Wie diesen Personen durch Willkür und Ungerechtigkeit ihre Würde genommen wird, ist mittelständischen Bürgern kaum bekannt.

Vor kurzem erhielt die Journalistin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In einem ihrer Bücher machte sie darauf aufmerksam, dass nicht nur Folteropfer oder Flüchtlinge durch die ihnen zugefügte Brutalität sprachlos werden, sondern auch die Leidtragenden struktureller Gewalt:

„Verzweiflung und Schmerz legen sich wie eine Schale um die betroffene Person und schließen sie ein.“

„Ich Daniel Blake“ ist also nicht einfach nur ein Politfilm, sondern ein Werk, in dem entwürdigte Menschen – durch die Filmfiguren – Gehör finden und dadurch ihre Würde zurück erhalten. Weiterlesen

Starke Frauen – der Film „Die Tänzerin“

Heute und in den nächsten Wochen laufen Filme an, die sich starken Frauen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts widmen. Alle mussten sie nach Paris gehen, um ihre Talente und Kräfte zu entfalten:

Paula Modersohn-Becker konnte erst in der Seine-Stadt an der Akademie studieren und zur Künstlerin reifen („Paula“ Filmstart 15. 12.). Die naturwissenschaftlich hoch begabte Marie Curie musste in Paris, im Schatten ihres Mannes, studieren und als Forscherin arbeiten („Marie Curie“, Filmstart 1. 12.). .). Loïe Fuller, „Die Tänzerin“, Filmstart 3. 11., von der heute hier die Rede sein soll, fand erst in der französischen Hauptstadt Anerkennung für die Erneuerung des Tanzes.

Alle drei Filme sind keine Biopics, die zwei Regisseurinnen und der Regisseur unterschiedlicher Provenienz gehen recht freizügig mit den Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen um. Miloš Forman verteidigte vor langer Zeit seine Mozart- und Goya-Streifen, es ginge ihm nicht um historische Details und biografische Wahrheit. Vielmehr wolle er jeweils die gesellschaftliche Atmosphäre und die Lebensbedingungen der Menschen in ihrer Zeit deutlich machen.

Die drei Filme machen das ganz hervorragend und entfalten die Pariser Belle Époque, die für alles Kreative und Innovative offen war. An Authentizität und „Wahrheit“ Klebende sollten diese Frauenfilme tunlichst meiden und besser in Wikipedia-Einträgen oder den Biografien der Damen schmökern. Das könnte ihnen viel Ärger ersparen. Für Cineasten dagegen sind alle drei Filme ein großartiges visuelles Vergnügen – vor allem „Die Tänzerin“.

Die Geschichte der Tänzerin:

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„Frantz“ – ein großartiger Film mit der preisgekrönten Paula Beer (Venedig 2016)

Für ihre Rolle in dem Film „Frantz“ bekam Paula Beer (21) vor kurzem einen Preis beim Filmfest in Venedig. Sie spielt die traurige Verlobte eines gefallenen Soldaten, die langsam wieder neue Lebensfreude entwickelt.

Düster gekleidet legt Anna (Paula Beer) jeden Tag Blumen auf das Grab ihres im Krieg gestorbenen Verlobten Frantz. Eines Tages beobachtet sie einen seltsamen Fremden, der am Grab weinend eine Rose ablegt. Dieser melancholische Adrien (Pierre Niney) will auch Frantz’ Familie besuchen, wird aber als „französischer Erzfeind“ vom Vater (Ernst Stötzner) rausgeschmissen. Anna dagegen sucht den Kontakt zu Adrien, der sich bald als Freund Frantz’ ausgibt. Er verführt Anna zum Tanzen und Baden im Fluss, sie kauft sich ein farbiges Kleid und gewinnt langsam neue Kräfte. Auch die Eltern leben wieder etwas auf, als der Franzose von seinen Begegnungen mit ihrem Sohn in der Vorkriegszeit erzählt.

Doch dann werden die Ereignisse von der Schuld überschattet, die Adrien mit sich herumträgt, und seiner großen Lüge, die er schließlich Anna gesteht. Die trägt jedoch mutig diese Last und verhindert, dass Frantz’ Eltern die Wahrheit erfahren. Als Adrien überraschend verschwindet reist sie ihm hinterher nach Frankreich. In Paris ist alles anders, als ihr Verlobter es in seinen Briefen schrieb oder Adrien es in der Begegnung mit der Familie erzählte. Mühselig bekommt Anna die Wahrheit über das Leben des Franzosen heraus, der ihre aufkeimende Liebe nicht erwidert. Sie verfällt nicht in Depression, sondern geht nun ihren eigenen Weg. „Es gibt mir Lust“, sagt sie, ziemlich paradox aber glaubwürdig, am Schluss des Films über das „Bildnis eines Selbstmörders“ (Foto unten) des Malers Edouard Manet. Sie hat wieder zu leben gelernt und stürzt sich in das unbekannte Abenteuer der Fremde. Weiterlesen

„Die Glorreichen Sieben“ – eine spannende und gute Neuverfilmung ab heute im Kino

 

Wenn man Action-Kino und das Western-Genre halbwegs mag, dann ist die Neuverfilmung der „Glorreichen Sieben“ durch den großen Wild-West Regisseur Antoine Fuqua, ein brillanter und sehenswerter Streifen.

Auch etliche Jahre nach dem Bürgerkrieg in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschen im Westen noch Faustrecht und Gewalt. Das Gesetz der Zentralmacht beginnt sich nur langsam durchzusetzen. Der etwas irrsinnige „Kapitalist“ Bogue versucht 1879 Farmer aus der kleinen Stadt Rose Creek zu vertreiben, um auf ihrem Land Gold zu schürfen. Um sie willfährig zu machen, lässt er von seinen Blackstone-Söldner die Kirche anzünden und den Pfarrer verprügeln. Ein Farmer widersetzt sich und wird öffentlich eiskalt ermordet.

Soweit der Vorspann. Dann erleben die Zuschauer, wie der schwarze (!) Kopfgeldjäger Sam Chisolm (Denzel Washington) – ganz wie im klassischen Western – in einer Kleinstadt das Böse bekämpft. Emma (Haley Bennett), die Witwe des ermordeten Farmers, will diesen aufrechten Mann unbedingt als Helfer. Sie bietet ihm sehr viel, von anderen Farmern eingesammeltes Geld, um Rose Creek zu befreien. Chisolm ist unwillig, aber weil sie ihm „alles“ geben will, sagt er zu: „Alles hat mir noch nie jemand angeboten.“ Emma will Gerechtigkeit – aber Rache sei auch ok, verkündet die starke Frau.

In Parallelhandlungen erfahren wir, wie sich die Männer, die Chisolm für den Kampf anwerben will, so durchs Leben schlagen. Die meisten sind aus der Bahn geworfene Menschen und nicht unbedingt per se edle Kämpfer für Recht und Ordnung. Der Schwarze stellt eine illustre Befreiungsarmee zusammen… Weiterlesen

„24 Wochen“ – Mein Interview mit Regisseurin Berrached

Im Gespräch mit Anne Zohra Berrached

Wir treffen uns im edlen Hotel Roma, in dem die Film-Agenturen gerne Interviews organisieren. Anne Zohra Berrached, die Tochter einer Thüringerin und eines Algeriers schafft es sofort, die etwas steife Hotelatmosphäre aufzulösen. Trotz des eigentlich ernsten Themas lacht sie viel, hat Spaß an dem Zweiergespräch – und ist überaus engagiert. Sie ist so voller Leidenschaft für ihre Ideen, dass man sich sofort vorstellen kann, wie schnell sie ihre Produzenten von dem neuen Filmstoff überzeugen konnte. Bei ihr gehen die Ideen, das Thema, die ausgefeilten Figuren dem Casting voraus, dann erst sucht sie die Schauspieler aus. Nach dem Studium der Sozialpädagogik hat sie zunächst Dokumentarfilme gedreht, das hat wohl ihren Blick auf die Welt geprägt.

„24 Wochen“ – ein sogenannter Abtreibungsfilm – kommt zunächst ins Kino, dann ins ZDF. Meinen Sie, das wird einen Aufschrei geben?

Das wäre doch gut, das wünschen wir uns, denn ich habe als Regisseurin alles getan, um einen Film zu machen, der die Leute berührt und zum miteinander Reden anregt. Julia Jentsch spricht uns ja einige Male direkt mit ihrem Blick an und fragt dadurch, „was würdest Du denn tun?“

Wie konnten Sie die Produzenten und das ZDF vom Thema überzeugen?

Auf der einen Seite habe ich ja schon mit meinem ersten Langfilm „Zwei Mütter“ bewiesen, dass ich es kann. Andererseits haben die wohl gedacht, die ist jung und wild, lassen wir sie doch mal was Neues versuchen. Denen war vielleicht gar nicht klar, was für eine Qualität dieser Film kriegen könnte – (lacht) wir wussten das ja, doch damit haben wir alle erstaunt.

Der Film ist keine sozialpädagogische Schmonzette… Weiterlesen

„24 Wochen“ Großes Kino und ein Interview mit der Regisseurin Anne Zohra Berrached

Der jungen Regisseurin Anne Zohra Berrached (34) ist mit ihrem zweiten Spielfilm „24 Wochen“ großartiges Kino gelungen. Ihr vom ZDF mitproduzierter Film lief im Frühjahr als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale 2016, wurde für den Europäischen Filmpreis nominiert und kommt am 22. September in die Kinos.

Kabarettistin Astrid Lorenz (Julia Jentsch) steht in ihrem Leberwurstkleid schwanger auf der Kabarettbühne und witzelt, „ich bin seit acht Jahren verheiratet, sie sehen, ich mache Gebrauch davon.“ Doch dann erfahren sie und ihr Mann Markus (Bjarne Mädel), ihr zweites Kind wird mit einem Down-Syndrom zur Welt kommen. Beide entscheiden sich nach gründlicher Beratung und langen Gesprächen gegen eine mögliche Abtreibung. Allerdings stellt sich in der 24. Woche der Schwangerschaft heraus, das Ungeborene ist sehr schwer herzkrank und wird keine lange Lebenserwartung haben. In dieser Situation lässt das Gesetz auch einen Abbruch bis zur Geburt zu. Die beiden wissen nicht, was sie tun sollen: „Ausgerechnet das Herz!“ Jede Entscheidung wird – wie in der griechischen Tragödie – eine falsche sein, es gibt keinen Ausweg…

Mit seinen riesigen Nahaufnahmen, ungewöhnlichen Schnitten, eigenartigen Farben, wenig Musik und der großen schauspielerischen Leistung der Protagonisten zieht der spannende Film die Zuschauer in den Konflikt der Familie hinein. Der Streifen rührt zu Tränen und kommt doch ohne Pathos und Kitsch aus, er ist voll überaus dichter Bilder und zeigt, was Worte alleine nicht ausdrücken können. „24 Wochen“ ist ganz großes Kino voller Verzweiflung, Auseinandersetzung und Leidenschaft.

In Berlin sprach ich mit der Regisseurin (Foto Vangelis Antimons) Zum Interview

„Fuocoammare“ / „Seefeuer“ – der Gewinnerfilm der Berlinale 2016

Der Gewinner der Berlinale ist mehr als ein Flüchtlingsfilm

„Das Herzstück der Berlinale“ und einen „notwendigen Film“, nannte Jury-Präsidentin Meryl Streep im Frühjahr „Fuocoammare“ („Seefeuer“), den Gewinnerfilm des Berliner Festivals. Zum ersten Mal wurde dort ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Der zwölfjährige Fischerssohn Samuele spielt am Meer, nach einem harten Schnitt rettet die Küstenwache im Wasser treibende Flüchtlinge: Zwei Welten, die fast nichts miteinander zu tun haben, auf der nur wenige Meilen von Afrika entfernten italienischen Insel Lampedusa. Ohne Kommentare fängt die Kamera den Alltag der Italiener ein. Dagegen setzt sie ohne weitere Vermittlung Bilder der Rettung und Unterbringung überlebender Flüchtlinge, den Abtransport von Leichensäcken. Samuels Mutter macht die Betten, kocht Essen, im Radio ist die Rede von 24 geborgenen Toten, sie murmelt: „Arme Teufel.“

Nur die Küstenwache ist in Kontakt mit den meist aus Schwarzafrika Geflüchteten sowie Insel-Arzt Pietro Bartolo, der die an Land kommenden Menschen untersucht. Aufgrund ihrer Unterkühlung sind sie in Gold-Folien gewickelt, was für eine Symbolik! Später untersucht der Doktor in einer Szene lange per Ultraschall eine hochschwangere Flüchtlingsfrau, die Zwillinge erwartet: „Arme und Beine sind verschlungen, so ein Chaos“, meint er fröhlich. In einer langen Einstellung zelebrieren Überlebende einen wilden afrikanischen Gottesdienst, die Menschen tanzen, ein nigerianischer Rapper beschwört die Leiden der wenigen Überlebenden: „…in der Wüste ging das Wasser aus / wir tranken unsere Pisse…“ Weiterlesen

„Toni Erdmann“  in Cannes gefeiert, doch ohne Goldene Palme

 

„Toni Erdmann“ von Maren Ade, der Film mit dem seltsamen Titel, wurde 2016 auf dem Filmfestival in Cannes von den Kritikern begeistert gefeiert. Eine goldene Palme bekam er jedoch nicht, jetzt kommt der Streifen bundesweit in die Kinos.

Zunächst ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso der Film so bejubelt wurde, denn seine Geschichte wird sehr, sehr langsam mit sehr traditionellen filmischen Mittel erzählt. Doch irgendwann nimmt die Erzählung an Fahrt auf, wird ohne Plattheiten humorvoll und recht spannend:

Winfried (Peter Simonischek), ein leicht verlotterter Musiklehrer und Alt-68er taucht plötzlich im Leben seiner karriereorientierten Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest auf. Die arbeitet dort für eine weltweit agierende Beratungsfirma, ihr Job ist stressig, anspruchsvoll und erfordert großes Engagement. Der nun in ihrer Welt herumtapernde Vater nervt sie fürchterlich mit seinen schrägen Witzen und dem distanzlosen Verhalten gegenüber ihren Kollegen. Denen macht er weis, er habe sich zu Hause eine Ersatztochter gesucht, die Ines nun bezahlen solle.

Als Winfried endlich merkt, dass Ines zwar unglücklich ist, aber um ihre Karriere bangt, verschwindet er einfach – und taucht als Finanzberater Toni Erdmann mit schwarzer Langhaarperücke, im Mund eingeklemmten Hasenzähnen und Leinenbeutel wieder auf. Ines’ Kollegen, die rumänischen Geschäftspartner und vor allem deren Frauen sind von ihm und seinen unkonventionellen Ideen sowie abenteuerlichen Vorschlägen zum Krisenmanagement begeistert. Nach einer Kinostunde hat die spröde Tochter endlich auch mal etwas Sex mit einem Kollegen und nähert sich, erstaunlicherweise, dann ganz langsam dem Alter Ego ihres Vaters an.

Ihren Geburtstag will sie auf eine Anregung ihres Chefs im deutsch-rumänischen Team feiern. Kurz bevor die Gäste kommen, zieht sie sich noch einmal um, weil ihr das hautenge Kleid etwas kühn vorkommt. Doch der Fummel zerreißt beim Ausziehen, während die ersten Besucher schon klingeln – plötzlich und spontan öffnet Ines splitternackt die Tür. Weiterlesen