Unterhaltsam und irritierend zugleich: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“

Der sehenswerte „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ kommt jetzt in die Kinos. Auf zwei Ebenen zeigt der Streifen sowohl den Streit um die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ als auch den von Brecht geplanten Kinofilm.

Beleidigte Schauspieler, zickige Diven, ein meuterndes Ensemble und furchtsame Produzenten. Doch unverdrossen bestimmte Bertolt Brecht 1928: „So wird es gemacht.“ Wider Erwarten wurde die „Dreigroschenoper“ eins der erfolgreichsten Stücke der Theatergeschichte. „Mackie Messer“ oder „Seeräuberjenny“, die Gesangseinlagen zu den Klängen des Komponisten Kurt Weill, erlangten Kultstatus. Bis zum Verbot durch die Nazis 1933, wurde die Bettleroper in 18 Sprachen übersetzt.

Der Tonfilm hatte seinen kommerziellen Durchbruch und nicht nur Brecht wollte einen Film aus seinem Bühnenwerk machen, sondern auch die deutsche Kulturindustrie. Allerdings hatten die Finanziers völlig andere Interessen als der Künstler. Der wollte sein Stück nicht abfilmen, sondern mit cineastischen Mitteln und wesentlich gesellschaftskritischer ins Kino bringen. Um seine Vorstellungen durchzusetzen, strebte Brecht als „soziologisches Experiment“ einen Gerichtsprozess an, den er verlor.

Diese authentische Geschichte liegt dem Streifen des Regisseurs und vorzüglichen Brechtkenners Joachim A. Lang zugrunde. Zugleich zeigt er auch den damals nie gedrehten „Dreigroschenfilm“ im Sinne Brechts als Film im Film: Laszive Tänze auf und unter einer Londoner Brücke, zu denen „erst kommt das Fressen, dann die Moral“ gesungen wird. Bald folgt Macheath (Tobias Moretti) auf der Straße dem „entzückenden Hintern“ Pollys (Hannah Herzsprung), den er – so wörtlich – heiraten will.

„Stopp! Stopp! Stopp!“, schreit es manchmal aus dem Off, dann fährt die Kamera zurück und man sieht Brecht (Lars Eidinger) mit den Geldgebern streiten. Die fordern die Erwartungen des Publikums zu befriedigen, der Streifen dürfe nicht vom Original abweichen. Außerdem könne „Pollys Hintern“ oder die „Zuhälterballade“ der Zensur missfallen. Doch Brecht verteidigt hartnäckig seine Ideen: „Warum keinem Hintern folgen, die Kunst folgt doch der Wirklichkeit!“

Trotz der häufigen Unterbrechungen zeigt der „Dreigroschenfilm“ mit sämtlichen Songs den von Brecht geplanten Streifen: Weiterlesen

Gegen weichgespülte Gegenwartskunst… „DAU Freiheit“ in Berlin

Nachdem erste Informationen zum Kunstprojekt „DAU Freiheit“ durchsickerten, überschlug sich bereits die Kritik in der Hauptstadt: Bald soll mitten in der Nacht  in Berlin für einige Wochen eine echte Mauer errichtet werden, um ein Ghetto auf dem Prachtboulevard „Unter den Linden“ nach außen abzugrenzen.

Auf der eilig einberufenen, sehr gut besuchten Pressekonferenz machten die Vertreter der diversen beteiligten Institutionen gestern deutlich, es ginge nicht um Mauerkitsch, stalinistisch-totalitäre Erlebniswelten oder die Verhöhnung der Opfer. So die Vorwürfe, die Filmemacher Tom Tykwer, Dr. Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, Produzentin Susanne Marian und andere Beteiligte widerlegten. DAU sei vielmehr ein europaweites Projekt, das nacheinander die drei Errungenschaften der französischen Revolution künstlerisch in Szene setzen solle: „Freiheit“ in Berlin, „Brüderlichkeit“ in Paris und „Gleichheit“ in London. Gerade für die Berliner sei, angesichts der Mauer in ihrer Geschichte, Freiheit ein lange herbeigesehnter Zustand gewesen.

Seit zwei Jahren wird das Projekt vorbereitet und obwohl Hunderte von Leuten in zuständigen Ämtern und Institutionen sowie betroffene Anwohner einbezogen wurden, drang nichts nach außen. Dadurch konnte verhindert werden, dass das Vorhaben schon vor seiner Planung völlig zerredet und zerrissen wurde. Öffentliche Gelder sind nicht nötig, DAU wird von einer Londoner Stiftung finanziert.

Auf der Pressekonferenz war zu erfahren, die Besucher könnten intramural, in einem Schutzraum ohne Zerstreuung, eine andere, für sie neue Welt erleben: In dem abgegrenzten Areal wird es zahlreiche künstlerische Aktivitäten, Performances, wissenschaftliche Aktionen, Diskussionsgruppen und Einzelgespräche geben – sowie Filme des bekannten russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, der auch Initiator von DAU ist. Ein komplexes digitales Programm (Device) steuert alle Besucher durch ihre eigene Parallelwelt und macht ihnen individuelle – aber letztlich frei wählbare – Angebote zum Besuch in der temporären Kunststadt. Sie zahlen keinen Eintritt, sondern können vorher ein Visum käuflich erwerben.

Dau ist der Spitzname des sowjetischen Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Lev Landau (1908 – 1968), der zeitweilig in einer streng isolierten, geheimen Laboratoriums-Siedlung in der UDSSR arbeitete… Weiterlesen

„Gundermann“ in Steinau…

Zur zweiten Weltpremiere seines Films „Gundermann“ in der Steinauer Katharinenkirche, kam Regisseur Andreas Dresen in den Bergwinkel und gab vorher mit seiner Band ein fantastisches Open-Air-Konzert.

„Da geht’s was, ich spür’s“, ruft Sänger und Schauspieler Alexander Scheer ins begeisterte Publikum auf dem Steinauer Kumpen, noch bevor die Band überhaupt einen Ton gespielt hat. Dann beginnt die sechsköpfige Gruppe mit der sanften Ballade Gerhard „Gundi“ Gundermanns „Alle Filme sind schon gedreht…“, fetzt danach aber mit dessen Song „Gras“ so richtig wild drauflos. Im Laufe des Abends werden fast ausschließlich Stücke des im Westen kaum bekannten ostdeutschen Musikers dargeboten. „Gundi“ war eher ein Folk-Sänger, aber sowohl die Rockgruppe um den Regisseur als auch die Musiker im Film spielen die Lieder des früh verstorbenen Singer-Songwriters wesentlich rockiger als er damals. „Wir haben sie für den Film behutsam modernisiert“, sagte Dresen uns ja im Interview.

Scheer, der den Gundermann im Film unglaublich authentisch und überzeugend spielt, kommt ohne „Gundi“-Verkleidung auf die Bühne und ist ganz er selbst. Man spürt, dass er schon in vielen Bands mitgewirkt und gesungen hat – der Mann ist eine echte „Rampensau.“ Auf seiner abgeschrappten Gitarre begleitet er die meisten Songs selbst, seine Stimme klingt häufig wie beim frühen Rio Reiser, als der noch bei „Ton Steine Scherben“ sang. Für einige Stücke kommt zum Schluss des gut einstündigen Konzerts noch Anna Unterberger auf die Bühne, die im Film Conny, die Lebensgefährtin des Sängers darstellt.

Einerseits fährt die Musik in die Beine, am Rand des Konzerts tanzen auch einige Leute. Andererseits kann man die Qualität der gut zu verstehenden Texte erspüren: Songs wie „Du bist in mein Herz gefallen“ oder „Alle die gehen wollen, sollen gehen können“, sind zeitlos und es wert, (wieder) gehört zu werden.

Es ist eine kleine Sensation, dass das Kuki an diesem wunderbaren Abend nicht nur die zweite Premiere des Films vorbereiten konnte, sondern die Band auch eins ihrer ganz wenigen Konzerte gibt. Der musikalische Filmemacher Dresen freut sich sehr, wieder einmal im Bergwinkel zu sein und lobt die „zauberhafte Kulisse“ in Steinau. Er erinnert daran, dass er hier schon häufiger mit seiner Gruppe – in der oft Axel Prahl mitspielt – in Schlüchtern auftrat. Ausdrücklich bedankt er sich beim KUKI für dessen „wundervolle Arbeit und die Gastfreundschaft.“

Zwischen den Stücken erzählt Dresen viel über die Dreharbeiten und das Leben Gundermanns. Weiterlesen

„Gundermann“ – Mein Interview mit Andreas Dresen zu seinem neuen Film

Zur Weltpremiere des Films „Gundermann“ in Schlüchtern-Steinau und zum einzigen Konzert von Dresen & Band mit Hauptdarsteller Alexander Scheer als Sänger. In Potsdam treffe ich den Regisseur und Gitarristen Andreas Dresen (55), der gut zehn Jahre lang immer wieder an seinem Film über den ostdeutschen Singer-Songwriter Gerhard („Gundi“) Gundermann arbeitete.

Er freut sich, mit mir zu sprechen, dem ersten Journalisten aus dem Westen, der die Rohfassung des Films gesehen hat, ihn gut und gar nicht ostalgisch findet. Manchmal habe er nicht mehr an den Streifen geglaubt, denn es gab so wenig Rückmeldung von außen: „Die Leute waren skeptisch, fanden das Thema zu ‚ostig’, obwohl wir das ja nun überhaupt nicht wollten.“ Nach Osthessen kommt der Filmemacher immer gerne: „Die Leute dort müssten Gundermann eigentlich kennen, wir waren mit der Band schon dreimal dort und haben immer Songs von ihm gespielt.“

Der ostdeutsche Musiker und Sänger Gundermann wurde nach der Wende durch seine Zusammenarbeit mit der Band „Silly“ auch im Westen bekannt; er starb 1998 mit nur 43 Jahren. Die zweite Weltpremiere des Films ist am 14. August in Schlüchtern-Steinau (Besprechung folgt). Vorher ab 19 Uhr tritt dort Dresen & Band mit dem Sänger und Schauspieler Alexander Scheer auf, der im Film den Gundermann spielt.

Warum haben Sie sich so lange mit Gundermann beschäftigt?

„Gundi“ war ein Mensch mit so vielen Facetten… er war Arbeiter, hat im Tagebau im Braunkohlenrevier gearbeitet, gleichzeitig war er ein großer Künstler, ein großer Poet. Er spielte mit seiner Band als Vorgruppe von Bob Dylan, danach ist er zur Frühschicht gefahren. Also das muss man erst mal bringen! Er hatte abends oft Auftritte vor Tausenden von Leuten und ist dann morgens in die einsame Kanzel seines riesigen Baggers gestiegen.

Auch politisch war er eine sehr interessante, widersprüchliche Figur. Einerseits glühender Kommunist, andererseits aus der Partei geflogen. Weiterlesen

„Gundermann“ – Film-Hommage an den leidenschaftlichen Singer-Songwriter


Weltfilmpremiere und einziges Open-Air-Konzert in Hessen mit Andreas Dresen & Band in Schlüchtern-Steinau am Dienstag, 14. August

Neun Tage vor dem offiziellen Bundesstart präsentiert das Kino- und Kulturprojekt KUKI in Schlüchtern-Steinau den Film von Andreas Dresen über die ostdeutsche Singer-Songwriter-Legende Gerhard „Gundi“ Gundermann. Regisseur Dresen gibt mit seiner Band und seinem Hauptdarsteller Alexander Scheer als Sänger vor der Filmvorführung ein Open-Air-Konzert mit Gundermann-Songs.

In den 25 Jahren seines Bestehens hatte das KUKI schon immer einen Faible für besondere Orte. Während der Sommerferien mit „KUKI On Tour“ entdeckten die Cineasten interessante und außergewöhnliche Plätze im Bergwinkel für ihre Veranstaltungen. Die gut vernetzten Filmfreunde verstanden sich seit jeher nicht nur als reine Kino-Initiative, sondern verbanden ihre ehrenamtliche Arbeit auch erfolgreich mit Präsentationen von Filmschaffenden, Kleinkunst, Workshops oder Konzerten.

Die Welturaufführung eines Films des mehrfach preisgekrönten Regisseurs Andreas Dresen im KUKI ist schon etwas sehr Besonderes. Nahezu alle Premieren von „Gundermann“ mit Konzerten in Berlin, Jena, Dresden, Senftenberg, Hamburg sind inzwischen ausverkauft. Der Berliner Schauspieler Alexander Scheer („Sonnenallee“, „Tschick“) brilliert in der Hauptrolle des früh verstorbenen Liedermachers und singt auch „Gundis“ Lieder: „Immer wieder wächst das Gras / klammert alle Wunden zu“ rockt er feuriger und intensiver als Gundermann selbst – und natürlich ist er auch beim Auftritt in Steinau live als Sänger dabei.

Dresens neueste Regiearbeit ist weder ein authentisches Biopic des Singer-Songwriters noch eine nostalgische Ossi-Schmonzette, sondern ein komplexer, sehr unterhaltsamer Spielfilm mit viel Musik. Gundermanns Songs illustrieren und paraphrasieren das dargestellte Leben des überzeugten Baggerfahrers, glühenden Kommunisten und leidenschaftlichen Sängers in den 1970er- und 1990er-Jahren. Das Publikum erlebt ihn auf zwei Zeitebenen: Den Beginn „Gundis“ musikalischer Karriere in der DDR bis zur Vorgruppe von Bob Dylan und Joan Baez. Seinen Kampf um seine große Liebe Conny. Das Engagement gegen die Pervertierung des Sozialismus durch die SED-Diktatur, seinen Rausschmiss aus der Partei sowie seine frühe Stasi-Verstrickung und spätere Auseinandersetzung mit dieser Schuld. Weiterlesen

Der israelische Film „Foxtrot“ im Kino

Der exzellente israelische Film „Foxtrot“, unter anderem 2017 mit der Silbernen Palme in Venedig ausgezeichnet, wurde soeben auf dem Jüdischen Filmfestival Berlin in Deutschland uraufgeführt und kommt nun in die Kinos.

„Sind sie Frau Feldmann?“ fragen die uniformierten Soldaten. Sofort fällt die Frau, die ihnen die Tür öffnet, in Ohnmacht. Sie weiß was die Frage bedeutet und die Uniformierten wissen, was sie auslöst. Routiniert bekommt sie eine Spritze und wird ins Bett geschafft, dann widmen sich die Militärs dem Mann: „Ihr Sohn ist gefallen…“ Unaufhörlich wird dem versteinerten Vater versichert, es werde für alles gesorgt, er brauche sich keine Sorgen zu machen. Die ersten langen Szenen überwältigen den Zuschauer nicht, sondern lassen ihm Raum zum Mitschwingen.

Doch die groteske Professionalität der militärischen Helfer schafft auch Distanz zum Geschehen: Sein Handy werde ihn jede Stunde erinnern, ein Glas Wasser zu trinken, bekommt Feldmann (Lior Ashkenazi) mehrfach zu hören. Nach leidvollen Stunden stellt sich heraus, dass alles nur eine Verwechslung war. Dennoch schäumt der Vater vor Wut, schreit nach seinem Sohn. „Es ist doch ein anderer gewesen“, beschwichtigt ihn seine Frau (Sarah Adler), „Panikattacke“, murmelt mehrmals ein Helfer.

Ein harter Schnitt: Ein einsamer, heruntergekommener Grenzposten irgendwo im Ödland, den vier blutjunge Soldaten bewachen. Sie bewohnen einen verrotteten Container, der jeden Tag tiefer im Schlamm versinkt. Einer von ihnen ist Jonathan Feldmann (Yonatan Shiray), der hinter dem Maschinengewehr hockt, wenn er nicht gerade zeichnet oder lustlos mit den Kameraden Bohnen aus Dosen isst. Durch den Übergang fahren selten Zivilautos, deren Insassen akribisch überprüft und auf absurde Weise schikaniert werden: Ein Spielzeugroboter darf nicht einreisen und muss vor der Station stehenbleiben. Ab und zu wird die Grenze auch von einem Kamel überquert, für das die Posten gefällig die Schranke öffnen. Eines Tages kommt es zu einem versehentlichen Massaker an Zivilisten. „Im Krieg passiert so etwas“, rechtfertigt das später ein hoher Offizier, bevor er Jonathan nach Hause fährt.

Im dritten Teil des Filmes begegnen sich seine Eltern, Dafna und Michael Feldmann, nach ihrer offensichtlichen Trennung wieder. Sie streiten, diskutieren, rauchen das Haschisch des Sohnes, nähern sich einander an. Erst ganz behutsam erfährt man, was eigentlich passiert ist – so wie die Akteure in dem verstörenden Film ist man auch als unwissender Zuschauer lange auf sich geworfen. Das kafkaeske Drama-Puzzle fügt sich erst am Schluss des Films zusammen. Mehr wird hier nicht verraten, denn es gibt einige spannende Wendungen in „Foxtrot“. Weiterlesen

„Love Simon“ – ein ansehbarer Mainstream Film

 

Mit „Love, Simon“ kommt ein US-amerikanischer Film in die deutschen Kinos der bereits im Untertitel verkündet: „Jeder verdient eine großartige Liebesgeschichte!“ Auch der schwule Simon.

„Du bist ein uneheliches Kind von Doktor Freud und Christiano Ronaldo.“ Auf dem Weg zur Schule lädt Simon die anderen Kids seiner Clique ins Auto und blödelt mit ihnen über ihre nächtlichen Träume. Doch Leah (Katherine Langford) motzt, „bitte keine Traumdeutung vor dem ersten Kaffee!“ Der Tag beginnt wie ein fröhlicher, aber trivialer amerikanischer High-School-Film, in dem nach und nach die typischen Schülerfiguren auftauchen. Jedoch dann spricht Simon (Nick Robinson) aus dem Off direkt das Publikum an: „Ich bin genau wie Du, nur habe ich ein großes Geheimnis…“ Der Siebzehnjährige muss sich nicht nur mit den aufregenden Ritualen des Erwachsenwerdens herumschlagen, sondern auch mit seiner sexuellen Orientierung: Er ist schwul!

Niemand weiß davon, weder seine Clique noch die coolen Eltern, die meinen: „Wir sind Supereltern!“ Die unverklemmte Mutter war die schönste Cheerleaderin der Schule, der attraktive Vater der wichtigste Quarterback. „Oh sorry“, sagt er zu Simon, als er unverhofft in dessen Zimmer kommt, „ich wusste nicht, dass Du gerade masturbierst.“

Bald erfährt das Publikum, dass Simon im Internet gerade eine virtuelle Romanze mit Blue, einem Unbekannten beginnt. Beide leben in der gleichen Stadt, kennen sich nicht und haben Furcht, ihre Homosexualität zu leben. In Ihren E-Mails bekennen sie jedoch einander ihre Sehnsüchte. Eines Tages entdeckt Martin (Logan Miller), der unbeholfene Klassenclown, diesen Mailwechsel und erpresst Simon: Er soll ihn mit der schönen Abby (Alexandra Shipp) aus der Clique verkuppeln.

Immer wieder denken Simon und wir Zuschauer, „Oh, dieser Junge ist bestimmt Blue“ – doch die Beiden finden sich nicht, der Unbekannte hat Angst sich zu outen. Die Geschichte ist noch etwas verwickelter und vielschichtiger als hier dargestellt. Der eigenartige und aufdringliche Rektor der Schule könnte durchaus Simons Briefpartner sein, in der Musicalgruppe wird „Cabaret“ einstudiert, dabei geht es hoch her.

Die etlichen überraschende Wendungen und den Schluss des Films wollen wir nicht verraten. Denn auch wenn die Handlung manchmal vorhersehbar wirkt, ist man als Zuschauer doch immer voller Spannung und Neugierde – und hat viel zu lachen. Weiterlesen

„3 Tage in Quiberon – 3 Tage im Leben Romy Schneiders

Der Film „3 Tage in Quiberon“, der jetzt in die Kinos kommt, zeigt das widersprüchliche Leben der deutsch-französischen Schauspielerin Romy Schneider (1938 – 1982)

Es war schon ein kühnes Projekt der Regisseurin Emily Atef und ihrer Produzenten, lediglich einen dreitägigen Ausschnitt aus dem Leben des „Mythos“ Romy Schneider auf die Kinoleinwand zu bringen. Der schwarz-weiße Streifen zeigt eine der bekanntesten Schauspielerinnen ihrer Zeit (hervorragend dargestellt von Marie Bäumer), die 1981 einige Tage in einer „Diätklinik“ verbrachte, um von ihren Medikamenten und Drogen herunterzukommen. Die Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) besuchte sie dort, gemeinsam empfingen beide Frauen zwei Stern-Reporter für ein Interview.

Zur Erinnerung: Als 16-jährige kam Romy Schneider, die schon einige erfolgreiche Filme gedreht hatte, als putzige bayrische Königstochter und österreichische Kaiserin Sissi in die Kinos. Die dadurch berühmt gewordene Schauspielerin ließ sich noch zu zwei Fortsetzungen der Sissi-Trilogie (1955 – 1957) treiben. Dann verweigerte sie eine weitere Folge und emigrierte nach Frankreich. Sie wollte als ernsthafte Akteurin arbeiten, denn in Deutschland „klebte die Sissi an mir wie Grießbrei.“ In Paris wurde sie zum Weltstar durch ihre Arbeit in anspruchsvollen Filmen mit bekannten Kollegen und renommierten Regisseuren.

Gerne gab sie Luder wie eine Pornodarstellerin, Prostituierte oder Gangstergeliebte. Die deutsche Presse verzieh dem „Franzosenflittchen“ diesen „Vaterlandsverrat“ nie, während sie in Frankreich von den Medien begeistert gefeiert wurde. Doch gierig wurden auch von Sensationsblättern ihr problematisches Privatleben, die schwierigen Affären sowie ihre Schicksalsschläge ans Licht gezerrt. Sie arbeitete wie besessen und gönnte sich auch nach persönlichen Katastrophen, wie dem Tod ihres Kindes, keine Pausen.

Um ihrem kritischen vierzehnjährigen Sohn David zu beweisen, „dass ich es kann!“, ging sie 1981 (ein Jahr vor ihrem Tod) in die Klinik. Dort gab sie den Stern-Reportern, trotz ihrer negativen Erfahrungen mit deutschen Boulevardblättern, ein langes Interview, das im Film authentisch wiedergegeben wird. Sie hatte Vertrauen zum Fotojournalisten Robert Lebeck (Charly Hübner), den sie schon länger kannte, der seinen schreibenden Kollegen Michael Jürgs (Robert Gwisdek) mitbrachte. Weiterlesen

„Transit“  – ein kleiner Vergleich des Films mit dem Roman

„Transit“ – der neue Film von Christian Petzold folgt sehr frei dem gleichnamigen Roman Anna Seghers. Ihre spannenden, selbst erfahrenen Flüchtlingsgeschichten aus den 1940er-Jahren hat er in die Gegenwart verlegt.

„Damals hatten alle nur einen einzigen Wunsch: abfahren. Alle hatten nur eine einzige Furcht: zurückbleiben.“

So beschreibt die Autorin die Situation der vielen Flüchtlinge in Marseille, die den Nazis entkommen konnten und dort im unsicheren Transit lebten. Seghers nennt sie „Abreisebesessene“, deren „Strom anschwoll“ und die den Ich-Erzähler mit „düsterem Transitgeschwätz“ ansteckten: „Ich fürchtete mich, ich könnte in diesen Strom hineingeraten…“

Im Film flüchtet Georg gemeinsam mit einem schwerverletzten Freund im Güterzug aus Paris, das von deutschen Truppen besetzt wird. Sein verwundeter Begleiter stirbt, der Zug wird von der Wehrmacht durchsucht, doch der aus einem Lager entflohene Georg (Franz Rogowski) kann entkommen. Er schlägt sich nach Marseille durch und entgeht dort mehrmals seiner Festnahme durch die französische Polizei. Ständig finden Razzien statt, Flüchtlinge werden verhaftet: Sie dürfen groteskerweise nur bleiben, wenn sie mit einem Visa und anderen Papieren nachweisen können, dass sie nicht bleiben wollen.

Als Georg in der mexikanischen Botschaft Briefe des in Paris gestorbenen, von den Deutschen verfolgten Schriftstellers Weidel abgeben will, wird er für eben diesen Mann gehalten. Problemlos erhält er zur Ausreise nach Mexiko die notwendigen Papiere und Tickets, nach denen sich in Marseille alle Gestrandeten sehnen. Doch Georg lässt sich dagegen gleichgültig in der Hafenstadt treiben und gibt sich, erst nach langem Zögern, als Weidel aus. Immer wieder fasziniert ihn die schöne Maria (Paula Beer), die verzweifelt jemanden zu suchen scheint. Er verliebt sich in sie, ohne zu ahnen, dass sie die Frau des Schriftstellers ist, dessen Identität er angenommen hat… Weiterlesen

„Unsane – Ausgeliefert“ – Zum neuen Film von Steven Soderbergh

Man kann sich den Horror kaum vorstellen, als normaler Mensch zwangsweise in die Psychiatrie zu geraten. Das passiert einer jungen Frau in dem Psychothriller „Unsane – Ausgeliefert“, der jetzt in die Kinos kommt.

Die ehrgeizige Bankerin Sawyer Valentini beginnt in einer fremden Stadt einen neuen Job. Rasch wird sie von ihrem Chef gelobt, aber auch sexuell bedrängt. Des Abends schmeißt sie einen Mann aus ihrer Wohnung, mit dem sie eigentlich zum One-Night-Stand verabredet war. Bald wird deutlich, dass Valentini (Claire Foy) zwei Jahre lang von einem irren Stalker verfolgt und dadurch stark traumatisiert wurde. Sie wechselt zwar häufig ihre Wohnorte und Jobs, um dem Verfolger zu entkommen, aber ein normales Leben gelingt ihr nicht.

Nach einer kurzen Sitzung mit einer Psychologin unterschreibt sie achtlos mehrere Papiere. Weil sie dadurch ihrer eigenen geschlossenen Unterbringung zugestimmt hat, landet sie in einer Anstalt. Als sie sich wehrt, wird sie gegen ihren Willen festgehalten, in Anstaltskleidung gesteckt und mit Medikamenten ruhig gestellt. Ihr gesunder Widerstand gegen alle weiteren Zwangsmaßnahmen wird von Pflegern und Medizinern als Beweis ihrer Gefährdung für sich selbst und andere gemaßregelt.

Ein Mitgefangener empfiehlt ihr, sich ruhig zu verhalten, die Klinik sei unterbelegt und würde krankenversicherte Patienten einige Wochen zwangsbehandeln. Danach kämen sie wieder frei, denn das Spital wolle nur vorübergehend alle Betten belegen. Doch Valentini gibt keine Ruhe, fordert energisch die Polizei an, die nichts unternimmt, und telefoniert heimlich mit ihrer Mutter, die von der Klinik abgewimmelt wird. Als sie in einem Pfleger ihren Verfolger (Joshua Leonhardt) wiederzuerkennen scheint, fühlt sie sich ihm hilflos ausgeliefert, flippt völlig aus und wird im Keller in Einzelhaft gesperrt.

Mehr wollen wir von der spannenden weiteren Handlung nicht erzählen, denn Valentinis beklemmenden Albtraum geht unaufhaltsam weiter. Weiterlesen