Bazon Brock setzt Besucherschule in Wittenberg fort – Kunstausstellung bis zum 1. November 2017 verlängert

Im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg setzten sich bekannte zeitgenössische Künstler wie Ai Weiwei oder Markus Lüpertz mit dem Reformator auseinander. Dazu lädt der Ästhetik-Professor Bazon Brock in eine Besucherschule zur Ausstellung ein.

„Sie müssen ja dumm sein, wenn Sie nur hierher kommen um zu sehen, was Sie bereits kennen.“ Mit diesen Worten entlässt Brock (81) nach seiner eineinhalbstündigen hochinteressanten Vorlesung die Besucher in das düstere Gemäuer, das für einen gemeinsamen Rundgang viel zu eng ist. 66 Künstler haben eine Zelle gewählt und als Kunstwerk umgestaltet oder die Flure und den Hof für ihre Installationen genutzt. „Die meisten“, so Brock, „setzten sich auf vielfältige Weise mit dem Ausstellungs-Thema ‚Luther und die Avantgarde’ auseinander, nur wenige präsentieren das, was sie immer zeigen.“ Jonathan Meese etwa ruft mit einer Videobotschaft in seinem wild bemalten Kabuff wieder einmal „Die Diktatur der Kunst“ aus.

Ohne weitere Sinndeutungen sind manche Installationen berührend, die sich direkt auf den tristen Ort beziehen, der von 1906 noch bis 1965 in Betrieb war. Eine Künstlerin installierte auf dem blanken Boden eine große nackte Schaufensterpuppe, wittenberg-face-2-2.jpgdie ab und zu mechanisch ihren Hintern heben und anbieten muss. Weiterlesen

Performance „Baby was a black sheep“

Performance während der Kunstwoche
auf der Wiese neben der „Kunststation“ Kleinsassen (Rhön)

Mit zwölf weißen Kunstschafen und einem schwarzen Schaf zeigen Hannah Wölfel und Hanswerner Kruse einige kleine Performances neben der „Kunststation“ Kleinsassen. Mal gruppieren sie die weißen Tiere bedrohlich um das schwarze, mal führt das schwarze Schaf mutig die weißen an. Durch kleine Veränderung in den Beziehungen der Geschöpfe zueinander können sich auch die Gefühle der Zuschauer verändern – die können schwanken zwischen Mitleid, Empörung oder fröhlicher Überraschung.

Wie verändern sich diese Tableaus wenn die beiden Performer selbst als Kunstfiguren zwischen den Schafe agieren, sich daneben legen oder dazu stellen? Wie verhalten sich die Kunstwerke auf der Wiese und die Schafe zueinander? Wölfel und Kruse wollen das Entstehen neuer lebender Bilder ausprobieren und zeigen die Performance:

baby was a black sheep…“ am Samstag 19. August während der Kunstwoche
um 16 und 17 Uhr auf der Wiese neben der „Kunststation“ Kleinsassen
Eintritt frei!

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Foto:
Performance „baby was a black sheep…“ in Steinau vor dem Museum Grimm-Haus

Die beiden Performer Wölfel und Kruse leben in Schlüchtern und Berlin. Als „Gruppe Prompte Rührung“ arbeiten sie mal intensiver, mal sporadisch als Aktionskünstler zusammen. Ihre erste Performance inszenierten sie 1987 auf dem Frankfurter Römer.

Der Traum des Künstlers Both-Asmus über Bäume zu laufen…

Der in der Region Fulda aufgewachsene, nun in Berlin lebende Künstler Christoph Both-Asmus (32) versucht, Kunst und Ökologie zu verknüpfen.

Ein Mann liegt am Strand. Sein ganzer Körper ist dick mit Sand bedeckt. Der schützt ihn vor den glühenden Kohlen auf seinem Bauch. Darauf sind frische Blumen gesteckt. Im Hintergrund Felsen, Meer und Wolken. Both-Asmus zeigt dem Besucher kleine Fotos seiner Performance „Requiem“, von der er soeben aus Portugal zurückgekehrt ist. Nur mit dem Filmteam und anderen professionellen Helfern hat er die einstündige, präzise geplante Aktion realisiert, in der er Teil des Kunstwerks wurde. „Das war eine unglaublich starke Erfahrung“, erzählt der Performer, „ich war quasi ‚gesandwiched’, unter mir habe ich die Kälte des Atlantiks gespürt, über mir die Hitze des Feuers.“

Monate später, beim zweiten Besuch, zeigt er den Film mit diesem Ritual, das selbst auf dem Notebook eine stark meditative Wirkung hat. Durch die Hitze fallen Blütenblätter herab, nur durch sie und die fast unmerkliche Dämmerung wird vergehende Zeit deutlich. Ständig wird der Blick des Betrachters von dem bewegten Ozean angezogen. Statt im Hintergrund zu rauschen spürt man die ungeheure Kraft und Energie des Meeres. Die schnell durch die Kohlenglut herabfallenden Blumen verweisen poetisch auf die von Menschen geschaffenen Folgen der Erderwärmung.

Dann packt Both-Asmus die großen Bilder der Aktion aus, die heute geliefert wurden. „Proofs“ (Drucke) nennt er die auf verschiedenen Papieren abgezogenen Fotos. Weiterlesen

Ulrich Barnickels „Todsünden“ – Der Metallbildhauer stellt in Gotha aus

Europas wohl bekanntester Metallbildhauer Ulrich Barnickel (62) eröffnet am Freitag 2. Dezember in Gotha seine umfassende Werkschau mit Stahlplastiken und Objekten aus anderen Metallen. Zum ersten Mal präsentiert er dort seine neuen eisernen Modelle der sieben Todsünden.

Es war ziemlich mühselig, den Künstler in seinem Atelier an der Schlitz zu treffen. Soeben kommt er von einem Vortrag in Finnland zurück, am nächsten Tag will er seine Arbeiten nach Gotha bringen. Am wärmenden Holzfeuer aber lässt er sich Zeit, von seinem Projekt der Todsünden zu erzählen. Gerne schweift der Meister ab, zeigt Fotos vom Empfang beim Papst in Rom, erzählt über seine Luther-Skulptur in Hamburg oder erklärt den neuen, riesigen „Feuermann“ im Hof. „Ihr Journalisten seid ja dazu da, den roten Faden wieder zu knüpfen“, meint er lachend.

Also dann – in den letzten Jahren hat Barnickel sich nach dem „Weg der Hoffnung“ (2009) auf Point Alpha und den, noch nicht in großen Skulpturen realisierten „Zehn Geboten“, mit den Todsünden beschäftigt. „Völlerei, Neid oder auch die anderen Sünden versucht man ja zu vermeiden“, erklärt er, „aber ob das nun immer gelingt? Wir sind ja doch nur Menschen…“ Grundsätzlich arbeitet er jedoch nicht für die Kirche, sondern will zur Besinnung auf deren jahrhundertealten Werte beitragen, um diese wieder zu aktualisieren: „Wir müssen keine neuen Werte suchen!“ Kunst kann auch Politik beeinflussen, davon ist er überzeugt, und er will sich einbringen, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Für den Zyklus Todsünden hat er sieben kleine Plastiken als „Vor-Bilder“ – im Maßstab 1:10 – für die Realisierung in einer großen Figurengruppe geschaffen. Man kann bereits Bronzeabgüsse einzelner Kleinplastiken erwerben. Sie sind eigenständige Kunstwerke, keine Modelle im engeren Sinne, denn wenn der Künstler sie in zehnfacher Größe erschafft, verändern sich nicht nur viele Details durch die Metallbearbeitung sondern auch die Aura der Figuren, die dem Betrachter überlebensgroß entgegentreten.

Die Todsünden sollten erstmals in Fulda gezeigt werden. Das klappte nicht, weil eine geeignete Lokalität fehlte, nun werden sie im KulturForum in Gotha präsentiert. „Hasserfüllt und rasend / Schlägt der böse Zorn“ – stark stilisiert raufen zwei Figuren, eine scheint zum Schlag auszuholen. Ein anderes Paar ringt um einen goldenen Stern: „Immer länger wird der Arm im Neid / Nach den Sternen anderer greifen, umsonst.“ (Prof. Dr. Arlt). Diese neuen, eisernen Figuren sind wieder stark auf ihre Gesten reduziert, die angedeuteten Situationen weniger konkret als in den „Zehn Geboten“. Immer treffen zwei Figuren aufeinander, fast alle Sünden ereignen sich, wohl emblematisch, in der Zweiheit. Die Darstellungen wechseln zwischen Abstraktion und Erzählung, dem Betrachter bleibt Raum für Interpretationen.

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Das Projekt „Weiblich“ – ein Besuch im Fuldaer Atelier allerART

 

Entdeckungen wie in einer Frauenhandtasche…   Kunstherbst in Ost-Hessen 7

Das kleine Fuldaer Kunst-Lädchen präsentiert eine Vielzahl von Bildern und Objekten zum Thema „Weiblich“. Zur Vernissage am Freitagabend standen die Besucher bis auf die Straße, auch am Wochenende kam viel Publikum.

„Überall Busen wohin man guckt“, meint ein männlicher Besucher freudig überrascht beim Umherschauen im winzigen Atelier. „Na klar“, kontert keck Annette Hertenberger, „der weibliche Körper gibt einfach mehr her…“ Die fünf Künstlerinnen des kleinen Lädchens am Fuldaer Peterstor zeigen viele dralle, aber auch zarte weibliche Akte sowie Ballerinen aus Draht, Pappmaché und anderen Materialien. Dazwischen schweben Geisterwesen aus Modelliermasse von Lotte Schnath, Eva Amelung-Kakhzar zeigt Collagen. Eine Postkartenserie beschäftigt sich ebenfalls mit Tänzerinnen. „Das sind Träume“, erklärt Hertenberger ihre Bilder, alle Mädchen wollen doch gerne tanzen.“

Viele der Arbeiten wirken einfach nur schön, jedoch zeigt gerade KiMa Wehner auch aufgelöste und abstrahierte weibliche Formen. Tanja Abeln-Bil, die mit der Nähmaschine weibliche Akte „zeichnet“ (stickt), geht am Weitesten bei der Antwort auf die Frage: „Was ist weiblich?“, die sich die Künstlerinnen als Thema stellten: „Weg von der Anerkennung!“ Mutig verbindet Abeln-Bil in einem Künstlerbuch und einigen Wandbildern autobiografische Erfahrungen zur sozialen Zurichtung von Weiblichkeit mit ihren grafischen Elementen – und transformiert dadurch persönliche Erfahrungen zur Kunst. Weiterlesen