Das Festival „artkin groove“ des Kollektivs Mania

Inmitten des Aufeinandertreffens von Natur, Bildender Kunst, Musik und wenig Regen – im „Botanischen Garten“ in Steinau-Seidenroth – erlebte das Publikum zwei Tage lang ein großartiges abwechslungsreiches Festival.

Etwa einhundert „Suchende“ waren ständig an diesem magischen Ort im „Botanischen Garten“ präsent und befanden sich in einer anderen Welt. Der Höhepunkt des ersten Tages war sicherlich der Auftritt der legendären Psychedelic-Rockband „Embryo“, die mindestens drei Generationen anlockte.


Unterhalb einer Blumentreppe lag ein riesiger, etwas angeschlagener „Schlüsselanhänger“, so groß, wie das Erschrecken, wenn man seinen verlorenen Schlüssel sucht. Vielleicht wuchs er aber auch zu einem autonomen Wesen, das sich davonmachen wollte. Der kräftige Wind wehte durch die Lamettahaare eines Monsters, das vor einem, drohend wirkenden Baum in einem Käfig steckte. Eine künstliche Mauer trennte und verband zugleich das Wohnhaus mit dem Garten. In der nahen Halle zeigte eine chinesische Künstlerin ein Video, das den unglaublichen mechanischen Gruppendrill tanzender Kinder entlarvte. Die krassen Bewegungen der kleinen Tanzmaschinen unterlegte sie mit Knattern, Rattern, Quietschen und anderen unerbittlichen Industriegeräuschen.

Das Festival des Kollektivs Mania realisierte kein Museum im Grünen, keine luftige Konzerthalle im Freien. Einerseits waren die Kunstwerke, Performances und Filme das Thema der Auseinandersetzung mit der Natur, andererseits jedoch das Medium zur Begegnung und Kommunikation der Gäste. Selten erlebte der Verfasser dieser Zeilen so viele freundliche Kontakte mit „Fremden“. Erstaunlich die große Vielfalt, der von den zwei Kuratorinnen Melika Moazeni und Ines Schäfer ausgesuchten Objekte und Darbietungen.

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Eine poetische Konfrontation von Wort und Bild

Im Studio der Kunststation Kleinsassen/Rhön präsentiert Albrecht Rosenstiel poetische Konfrontationen von Bildern und Worten. Seine Ausstellung heißt „Umgeblättert“ – und das ist wörtlich gemeint. Denn wie einst in den Papierstapeln des Fuldaer Künstlers Franz Erhardt Walther, dürfen auch hier die Besucher in seinen „Büchern“ herumblättern. Doch sie sind große Mappen auf wackeligen Drahtständern („um vorsichtig mit ihnen umzugehen“), in denen sich bebilderte Blätter, leere Bögen und beschriftete Seiten treffen. 

Links fragen gestempelte Buchstaben „wo“, „wo, wo“, rechts wabern eigenartige fragwürdige Köpfe. Oder die „Vision“ ist ein kleines Wesen mit einem riesigen rotierenden Kopf. „Entweder freunden sich die Worte mit den Bildern an“, meint der Künstler, „oder sie kämpfen miteinander.“ Drucke, Malereien und Zeichnungen illustrieren nicht die Begriffe, sondern paraphrasieren sie, also umschreiben sie bildhaft. Die Typografie seiner gestempelten Worte wirkt dabei mit: „Not“ stempelte er mit einem riesigen O, „Bedrängung“ steht senkrecht ganz am Rand des Blattes.

Seine Mappen stellt der Künstler, „vorwiegend nach optisch-ästhetischen Gesichtspunkten“ zusammen. Auch die in ihnen enthaltenen Wort-Bild-Paare sind assoziativ hintereinander angeordnet – beispielsweise folgen sukzessiv „Wo“, „Gedanke“, „Vision“, „Umwege“. Aus der Abfolge lassen sich zwar Erzählungen interpretieren, aber beabsichtigt ist das nicht. Im Gegenteil, der Künstler will keine eindeutigen Geschichten erzählen.

Thematisch geordneter sind des Künstlers Leporellos. „Waldgeflüster“ lockt uns mit gebundenen Papierbögen in den Wald. Seine eigenen Verse umschreiben die teils düsteren, teils lichten Gestaltungen: „Wenn zornige Winde / Ins Astwerk fahren / Folgt der Baum dem Rhythmus / Des Windes mit heftigem Schlagen…“


Die dritte, aus Collagen ohne Titel bestehende Werkgruppe, nennt Rosenstiel Palimpsest. Mit dem Titel bezieht er sich auf altertümliche wertvolle Papiere, die nach dem Abkratzen der Wörter neu beschriftet wurden. Seine Palimpseste sind alte Briefe, Dokumente, Zeitungen, die er collagiert, übermalt oder darauf zeichnet.

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„Geschnitten. Gefaltet. Geformt – Papier!“ Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen

In der aktuellen Ausstellung machen 18 renommierte Kunstschaffende die Bedeutung von Papier in der zeitgenössischen Kunst erfahrbar. Ausdrücklich geht es nicht um Papier als Bildträger oder um die Verbindung mit anderen Stoffen wie Holz oder Glas. Den Rundgang beginnt man im Entree zur Halle 1, denn hier wird rasch die Spannweite sichtbar, was künstlerisch mit und aus dem Material gestaltet werden kann: 

Entspannt begrüßen einen zwei Buddhas, die aus zusammen gepressten Katalogen herausgearbeitet wurden, es sind bildhauerische Objekte aus recyceltem Papier.

Eine lilafarbene Porträtskulptur aus geknuddeltem Japanpapier stellt die Künstlerin „Marina Abramowić“ dar. Die moderne Variante eines Scherenschnitts ist der „Wald 2“, mit mehreren Silhouetten übereinander in einem verglasten Kastenrahmen. Lediglich aus nur einem Aquarellkarton wurde der halbreliefartige „Treppenstreifen“ geknickt und gefaltet.


Hinter dem Eingangsbereich hängen zarte Zeichnungen mit Nadelstichen auf Papier oder weiße, aus Baumwolle oder Leinen geschöpfte Blätter mit winzigen bewussten Fehlern. Die Arbeiten sind derartig subtil, dass zunächst kaum erkennbar ist, was sie bedeuten. Doch dann folgen riesige Werke aus farbigem Papier auf andersfarbigem Papier, in Originalgröße von erkennbaren Dingen, ein „Porsche“ oder die „Gelbe Tonne“. Die realistischen – man darf sagen – Installationen, kontrastieren mit den konstruktiven Gebilden an der gegenüberliegenden Wand. Es sind Spiele mit den Möglichkeiten des Materials, sie symbolisieren nichts. Sie beinhalten allerdings „kubistisch“ anmutende, geometrische Formen der Alltagsgegenstände von gegenüber, wie die Reifen des Autos.


Im Nebenraum sind etliche dreidimensionale Fantasiewesen „Ohne Titel“ aus geschöpftem Papier, Farbpigmenten und Beize arrangiert. Auch diese fantastischen, zum Träumen anregende Figuren werden konfrontiert mit extrem strengen, offensichtlich mathematisch berechneten Schnittzeichnungen. 

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Mit einem Tiger schlafen

Auf einem Gemälde von Maria Lassnig (1919 – 2014) scheint ein Tiger die kurzhaarige Frau, die große Ähnlichkeit mit der Malerin besitzt, zu beglücken oder zu vergewaltigen. Dieses Bild gab dem Film, der soeben in die Kinos kam, seinen Titel: „Mit einem Tiger schlafen“. Viele Leute kennen dieses Bild, aber selten die Künstlerin, die es gemalt hat.

Klaglos nimmt die junge österreichische Malerin Maria Lassnig es hin, dass ein von ihr ausgestelltes Bild, ein nackter Mann mit einem roten Penis, vom Bürgermeister ihrer kleinen Heimatstadt mit einem Tuch zugedeckt wird: „Der Dreck ist eine Schande“, bellt er. Ein jüngerer Mann als sie, fast noch ein Junge, reist das Tuch fort und schnauzt, das sei doch das einzig gute Bild in dieser Ausstellung. 

Er ist der jungenhafte Arnulf Rainer, mit dem die Künstlerin in den nächsten Jahren zusammenleben wird und heftig konkurriert: „Immer geht es nur um Rainer“, beschwert sie sich nach einer Parisreise, in der die beiden Galerien besuchten und ihre Arbeiten zeigten.

Später weiß sie genau, was sie braucht und was sie will: „So geht das nicht“, schreit sie in einer Galerie, „das hängt hier alles viel zu tief, meine Bilder sind doch keine Bodenfeger.“

Die Mutter kritisiert Maria, die von ihr gemalten Nachbarn sähen so seltsam aus. „Du musst heiraten“, keift sie, doch Maria widerspricht: „Ich heirate nur einen, der meine Bilder versteht. „Da kannst Du aber lange warten“, kontert die Mutter. 

So wild aneinandergereiht wie diese Beispielszenen, ist der Film geschnitten, springt mit Vor- und Rückblenden durch verschiedene Zeiten, wechselt kühn die Orte, mal im einsamen Waldatelier in den Bergen, mal in Brooklyn. Ihre Begegnungen mit vielen wichtigen Zeitgenossen und Künstlergruppen, von Paul Celan, Andre Breton bis Caroline Schneemann und der Gruppe „Women/Artists/Filmmakers“ fehlen allerdings im Film.

Birgit Minichmayr, die großartige Schauspielerin, zeigt uns Maria Lassnig in jedem Alter: Als junges Mädchen, als bekannte Malerin, selber als zickige Mutter: „Die Sammler stehlen meine Bilder, das sind doch meine Kinder, die sollen nicht ins Waisenhaus“. Und sie gibt auch die alte Frau, die kaum noch malen kann. 

Vor allem jedoch bringt sie uns nahe, wie Lassnig arbeitete. Ihre Bilder kann man als figurativen Expressionismus beschreiben. Oft lag sie auf ihren Papierbögen, räkelte und wand sich, fühlte in sich hinein: wo und wie berühre ich den Boden? Und malte dann ihre Gestalten und Figuren mit empfundenen Bewegungen als „Körpergefühls-Figurationen“.

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„Farbe trifft Holz“ 


Drei unterschiedliche Kunstschaffende in der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins Fulda

Zu Beginn des Rundgangs trifft man auf die „Vier Jahreszeiten“ der Holzbildhauerin Ines Britz. Mit ihrer Installation konfrontiert sie den Besucher direkt mit dem Ausstellungsthema „Farbe trifft Holz“: In drehbare Scheite hat sie, wie bei Holzschnitten, Gesichter eingekerbt und mit Acryl übergewalzt. So entstanden vier Porträts, die für die unterschiedlichen Jahreszeiten stehen. 

Drumherum an den Wänden hängen riesige, farbkräftige Acrylbilder von Jan Döhrer, die man sogleich als Landschaften interpretieren möchte. Doch warum sind sie an den Rändern so ausgefranst oder verwischt? Sind das reale Destruktionen der Gemälde durch Witterung und Verfall oder sind es künstlerische Gestaltungen? Verweisen die Werke auf den Klimawandel oder haben die Übermalungen eine rein ästhetische Funktion? Die irritierenden Gemälde sind keine Ratespiele, vielmehr spielen mit den Wahrnehmungen und Fantasien des Betrachters. 

Andere Bilder des Künstlers sind zentimeterdick mit kräftigen Farben gespachtelt. Diese Farben greifen in den Raum, grapschen nach dem Besucher. Und natürlich kann man auf den Objekten wieder Landschaften sehen: die Natur, die sich ihre Welt zurückholt, mit loderndem Feuer, verbrennender Sonne oder geilem Grün.

Beim Weitergehen sind andere überraschende Arbeiten von Iris Britz zu sehen: In einer Holz- und Eiseninstallation scheinen sich zwei weiß übermalte Figuren zu trennen. Eine Frau schaut einem Mann nach, der gramgebeugt durch eine Tür getreten ist. Man will in die Figuren hineinspüren, ihre Haltungen nachahmen, ihre Erzählung verstehen. Rein formal setzen sich die strengen Linien der Eisenkonstruktion dahinter in den Fenstern und Heizkörpern fort. Ein hervorragender Ort – eigentlich ein Nicht-Ort – in dem „Hin und weg“ (Titel) passiert. 

Die Werke in den hinteren zwei Räumen sind dem 2020 gestorbenen Künstler Ronald Johnson aus Franken gewidmet. Im ersten hängen wilde, scheinbar abstrahierte Kompositionen mit kräftigen Farben, in denen man jedoch (nicht nur als Mann) weibliche Figuren oder Formen erkennen kann. Auch sie sind oft lediglich nummeriert, ohne wegweisende Titel. 

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Biennale-Tagebuch (1)

Die 60. Biennale in Venedig ist eröffnet. Vor dem, gar nicht erst eröffneten israelischen Pavillon, randalierten und grölten hasserfüllte Hamas-Anhänger.  Ansonsten hält sich der organisierte Antisemitismus in Grenzen, denn die Boykottbewegung (BDS) gegen Israel und jüdische Kunstschaffende, konnte sich in Venedig nicht durchsetzen. Im Gegensatz zur letzten documenta ist es nach einer Woche recht friedlich.

Das große Ausstellungsgebäude in den Giardini ist bunt und wild von einer indigenen Gruppe bemalt worden, die kein Geheimnis daraus macht, dass alle bei der Gestaltung ziemlich bekifft waren. Ansonsten rappelt, kracht und bimmelt es überall, die Atmosphäre ist laut und schrill. Es wird viel getanzt oder Theater gespielt, die Grenzen zwischen Performance und Leben verschwimmen. Getrommel und Gerüche betören die Sinne… Trotz der finsteren Zeiten in denen wir derzeit leben, ist die aktuelle Biennale ein buntes, vielfältiges und fröhliches Kaleidoskop.

Wie immer in den letzten Jahren, wollten wir zur Vorabschau für Journalisten und VIPs und danach zur Eröffnung der Biennale anreisen, aber aufgrund eines Unfalls mussten wir unsere Reise verschieben. Auch wenn wir – zunächst – nicht selber in die Giardini und in das Arsenale kommen konnten, kommentieren wir die Eröffnung und formulieren erste Eindrücke aufgrund der Berichterstattung in den deutschen Medien.

Seit vielen Jahren ist die Kunst-Biennale zweigeteilt:

In eigenen Pavillons im Giardini stellen etliche Länder ihre Kunstschaffenden vor. Im Arsenale, der gigantischen alten Schiffswerft, sind einige Länder temporär vertreten. Hier wurde in der Vergangenheit großartige zeitgenössische Kunst – oft beliebig – präsentiert, die Kuratoren wählten, wenn überhaupt, die Themen ihrer Projekte selber.

Im großen Palast in den Giardini und in vielen, vielen Hallen der Arsenale werden seit jeher Kunstwerke präsentiert, die vom jeweiligen Kurator zum – von ihm gewählten Thema der Biennale – ausgewählt wurden.

Auf dem letzten Kunstfestival vor zwei Jahren hieß es „The milk of Dreams“ der Kuratorin Cecilia Alemani. In diesem Jahr postulierte der brasilianische Ausstellungsmacher Adriano Pedrosa „Fremde überall“. Er lud 332 Ausstellende ein, die im Westen weitgehend unbekannt sind und meist noch nie auf der venezianischen Biennale vertreten waren.

Mit seinen ausgesuchten Werken von Fremden, Queeren, Indigenen und Außenseitern setzt Pedrosa die Konzeption der letzten Biennale fort. Damals hatte Alemani viele vergessene oder nicht beachtete Künstlerinnen ausgegraben und vorgestellt.

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In Vielfalt vereint – Studioausstellung EuropArt 

KLEINSASSEN von Hanswerner Kruse 

Anlässlich der nahenden Europawahl zeigt das Vonderau Museum die Fotoschau „Europa, Fulda und Ich“. Die Kunststation beteiligt sich am Thema mit ihrer Studioausstellung EuropArt.

Eine Mutter und ihr Kind schweben zwischen Traum und Wirklichkeit. Surreale Gestalten schaffen eine eigenartige Landschaft. Der Mann malt sich die Welt zurecht. Farbenfrohe abstrakte Kompositionen regen die Fantasien an. Sehr unterschiedliche Bilder in verschiedenen Stilen und mit diversen künstlerischen Mitteln hergestellt, sind derzeit im Studio der Kunststation zu sehen. 

Doch man erlebt hier kein beliebiges Sammelsurium vieler Kunstschaffender, sondern die Gemälde, Collagen und Zeichnungen sind von Kuratorin Elisabeth Heil so ausgewählt, dass sie harmonieren oder Kontraste bilden. Das sich einstellende Gefühl ist tatsächlich: „In Vielfalt vereint!“ Genau das will die Schau hervorrufen, denn jedes Objekt steht symbolisch für ein anderes europäisches Land. Fast alle EU-Staaten und einige Beitrittskandidaten sind dadurch hier vertreten.

Die große Überraschung: Alle Arbeiten sind aus der Artothek des Hauses, sie sind von europäischen Kunstschaffenden gestaltet und hier in den letzten Jahrzehnten ausgestellt worden. Die Station hat diese Objekte angekauft, sie können ausgeliehen oder erworben werden. Es sind nicht nur Einzelausstellungen, auf welche die Werke verweisen, sondern einige sind auch vor Ort in Austauschprogrammen entstanden. Etwa das verrätselte Bild der Finnin Milia Änäkkälä, in dem tatsächlich der Kleinsassener Kirchturm zu erkennen ist (Foto oben). 

Zur Schau „Zehn aus Wien“ reisten österreichische Kunst-Professoren und Meisterschüler an. Der Überblick europäischer Sinti-und Romakünstler ging anschließend um die Welt. Regelmäßig sind Stipendiaten der Via Regia hier zu Gast, das also per se ein europäisches Projekt ist. Denn die Via Regia verband schon sehr früh kulturell diverse Länder unseres Kontinents.

„Durch die ästhetische Vielfalt dieser Ausstellung, wird auch das europäische Profil der Kunststation deutlich“, freut sich Leiterin Monika Ebertowski im Gespräch.

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Künstlergespräch in der Kunststation

„Klaus Schnei-der macht aus
sei-nen Hai-kus Kunst-Wer-ke
Spra-che wird zur Kunst“

Dies sind holprige, vom Verfasser erdachte Verse im japanischen Haiku-Stil. Haikus sind mittlerweile weltweit verbreitet, immer dreizeilig und bringen vorwiegend mit fünf/sieben/fünf Silben aktuelle Begebenheiten poetisch auf den Punkt. Oft sind sie auch philosophisch aufgeladen.

Der Frankfurter Künstler Klaus Schneider beschäftigt sich mit dem Zusammenhang oder der Differenz von Worten versus Bildender Kunst. In der Studio-Ausstellung „bei licht besehen“ (noch bis zum 7. April), präsentiert er Arbeiten, die das 17-zeilige Silbenschema der Haikus gleichsam in sicht- und fühlbare Kunstwerke transformieren.

Denn Malereien oder Skulpturen sind meist keine Symbole für etwas anderes, sondern als „präsentative Symbolisierungen“ (Susanne Langer) stehen sie für sich selbst. Durch ihre Betrachtung oder beim Anfühlen, kann sich die Bedeutung erschließen. Man muss sie im übertragenen Sinn „bei Licht besehen“, also intensiver wahrnehmen. Die Objekte vermitteln durch Farben, Formen, Strukturen eine unmittelbare, sinnliche und wörtlich: eindrucksvolle Erfahrung. Man kann die Haikus sehen! Gleichzeitig setzt Schneider manche Verse in Blindenschrift auf seine Werke, so dass man sie mit den Fingern fühlen könnte… Übertragen auf Partituren werden sie sogar für Musiker spielbar.

Der Wort- und Sprachkünstler Schneider kommt am 10. März 2024 ab 16 Uhr zum Künstlergespräch nach Kleinsassen, um seine Arbeiten vorzustellen. Die Umsetzung der Haikus in Musik übernimmt am Flügel Nigel Edwards. Der Eintritt zu allen Ausstellungen ist an diesem Tag frei.

Infos
„bei licht besehen“
Studioausstellung in der Kunststation Kleinsassen/Rhön
noch bis zum 7. April 2024
Die weiteren Ausstellung laufen
bis zum 28. April 2024
 www.kunststation-kleinsassen.de

Foto
Blick in die Studioausstellung
© Hanswerner Kruse 

Von Drahtwäldern bis fühlbaren Heikus

Ein Rundgang durch vier neue Ausstellungen in der Kunststation Kleinsassen / Rhön.
Heute geht es französisch zu“, begrüßte die Leiterin des Hauses Monika Ebertowski die vielen Gäste der Vernissage. „Les feuilles mortes“ („Die gestorbenen Blätter“) sang Sopranistin Verena Gass, am Flügel begleitet von Axel Daniel. Später folgten weitere Chansons, die sich auf die Ausstellungen bezogen.

Besonders freute sich darüber das französische Künstlerpaar Anne Eliayan und Christian Pic, das viele eigene Werke aus Arles – der Stadt Vincent van Goghs – mitbrachte. Seit 60 Jahren ist dieser Ort Fuldas Partnerstadt, seit 30 Jahren gibt es den Freundeskreis Arles-Fulda, der jetzt die Verbindung zur Kunststation unterstützt. „What’s the matter“ („Was ist los“) heißt die Schau – und es ist mächtig was los in ihren Räumen. Riesige seltsame Naturbilder empfangen den Besucher – etwa ein grellrotes Band, das sich durch eine wilde steinige Landschaft schlängelt, oder ein Baum der mit rotem Stoff umwickelt ist.

Im kleinen Saal verirren sich Figuren aus gefestigtem Zeitungspapier in Drahtwäldern. Hinter den Skulpturen sind Bildnisse seltsam karger, auf reines weiß reduzierte Bäume zu sehen. Am Ende der Ausstellung kann man Opfer unserer Konsumwelt erleben: sie stehen, wie Gekreuzigte mit ausgebreiteten Armen, auf Bergen von Uhren, Elektrogeräten oder Handys.

Den Objekten des Künstlerpaares liegen oft inszenierte und ausgedruckte Fotografien zugrunde. Diese werden später nachbearbeitet, erneut fotografiert und direkt auf Dibond-Platten gedruckt. So changieren die Werke technisch und ästhetisch zwischen Malerei und Fotografie. Die beiden trennen die Urheberschaft nicht, haben Spaß an der Zusammenarbeit – und das glaubt man ihnen, wenn sie begeistert von ihrem Schaffen erzählen. Zum Beispiel, wie Pic den 40 Kilo schweren Seidenballen durch das Tal schleppte. Das Duo setzt sich immer mit der Umwelt auseinander, sieht kritisch auf menschliche Spuren in der Natur oder ihrer Umgebung. Sie machen keine Öko-Propaganda, sondern die Objekte behalten immer ihren unwägbaren Rest, der uns eigene Assoziationen und Fantasien ermöglicht. Der Austausch von Kunstschaffenden aus dem Fuldaer Raum und Arles soll weiter fortgesetzt werden.

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Unwirkliche magische Welten

Die Fotomontagen von Georg Küttinger wurden bereits im Bericht über den Rundgang durch die neuen Ausstellungen der Kunststation in Kleinsassen / Rhön vorgestellt. Der Künstler fotografiert Landschaften aus verschiedenen Perspektiven und zu unterschiedlichen Tageszeiten, dann fügt er Ausschnitte dieser Fotos zu neuen Landschaftsbildern zusammen: „landscapes:remixed.“

Der Arbeitsprozess seiner ersten Werkgruppe ist leicht nachvollziehbar, das Ergebnis spannend, weil er eine neue fotografische Realität der Straßen, Felsen oder Poller schafft. „Sie sind ein Tanz der verschiedenen Blicke auf die reale Landschaft vor dem inneren Auge“, meint die Leiterin der Kunststation Monika Ebertowski. Siehe Neues aus der Rhön.

Seine zweite Werkgruppe „Interferenzen“ in der Ausstellung ist schwieriger zu verstehen. Doch Küttinger kommt selbst – nach dem Ende der Betriebsferien – zum Künstlergespräch am 10. Dezember in die Kunststation. Vielleicht lief man achtlos oder nur mäßig interessiert an den gläsernen Mosaikobjekten vorbei. Doch wenn man sie länger betrachtet, den Kopf bewegt, hin- und hergeht, hoch- oder runterschaut entstehen kleine Farb- und Lichtspiele: Die „Interferenzen“.

Um diese physikalische Wirkung zu begreifen, benötigt man keinen gymnasialen Leistungskurs Physik. Die Künstliche Intelligenz (ChatGPT) erklärt sie recht einfach: „Stell dir vor, du wirfst einen Stein in einen Teich, und dann wirft jemand anders auch einen Stein hinein. Die Wellen, die von beiden Steinen erzeugt werden, treffen sich in der Mitte des Teichs und ‚kämpfen‘ miteinander. Es ist, als ob die Wellen miteinander tanzen und dabei ein Muster erzeugen – das nennt man Interferenz. Auch Lichtwellen können sich kreuzen, vermischen und Muster erzeugen. Denk an Regenbögen, Seifenblasen oder farbige Ölflecken auf Wasser, als Beispiele für Licht-Interferenzen.“

Der Künstler montierte in seinen Arbeiten keine Glaskügelchen aneinander, sondern die Werke der Gruppe „Interferenzen“ sind ebenfalls fotografischen Ursprungs: Mit der Kamera hielt er abstrakte, selbst gefertigte Objekte aus unterschiedlichen Positionen und bei verschiedenem Licht fest, die fotografischen Ergebnisse wurden ebenfalls vermischt.

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