Ausstellung „Fragil“ im Vonderau-Museum in Fulda

„Fragil“ heißt die aktuelle Ausstellung des Kunstvereins Fulda im Vonderau-Museum, die soeben eröffnet wurde. Auf drei Etagen stellen 59 Kunstschaffende des Vereins gut 133 fantastische Bilder, Fotografien, Installationen, Skulpturen und weitere Werke zum Thema „Fragil“ aus.

Allein die Vernissage wäre einen eigenen längeren Bericht wert. Denn durch das Eröffnungsprogramm führte die – nach eigenen Worten – „Fachkraft für Unterhaltung“ Wolf Mihm. Mit frechen Kabaretteinlagen, sanften Gesängen und einem Loblied auf die Ausstellung faszinierte er immer wieder die Eröffnungsgäste und anwesenden Künstler und Künstlerinnen. Unterstützt wurde er von der singenden Tänzerin Alexandra Pesolt, mit der er gemeinsam einen Sting-Song darbot. Der Leiter des Vonderau-Museums Frank Verse, von Mihm vorgestellt als „Boss der Bude“, verwies darauf, dass aktuell die Auseinandersetzung mit Fragilität viele Gewissheiten infrage stelle. Das Gemälde „Der Goldfisch in der Wüste“ drücke das für ihn am ehesten aus.

„Alles ist fragil, nichts ist stabil!“ 

Ins Programm flossen viele kurze Antworten auf die bereits zuvor gestellte Frage an die Kunstschaffenden des Vereins ein, was für sie der Begriff ‚Fragil‘ bedeute. Zunächst zog Mihm Zettel aus einer Kiste und rezitierte einige Antworten, später trugen Mitglieder aus dem Publikum selbst ihre Statements vor: Fragil ist für mich „…hoffentlich nicht der Ast auf dem ich sitze“, „…das Kribbeln eines ersten verliebten Blicks“ oder „…ein Spinnennetz auf einer feuchten Wiese.“ Zum Schluss tanzte Pesolt graziös einige vom Moderator ausgewählte Antworten: Fragil seien ein „Balanceakt“, „Konfetti in der Luft“ oder „Regentropen auf einen See“. 

Anne Härtel-Geise, die Frau, „die hier im Museum in den letzten zwei Wochen ihren Erstwohnsitz hatte“ (Mihm), trug eine schöne Rede zum Thema vor. Dann bekannte sie, dass die von ChatGPT inspiriert sei und machte mit Beispielen die Gefahren der Künstlichen Intelligenz (KI) für die Kunst deutlich, verwies aber auch auf deren Möglichkeiten zur Unterstützung der künstlerischen Kreativität. Abschließend meinte sie, das Unerklärliche in der Kunst ließe sich eben nicht durch die KI erfassen!  

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Nur noch drei Wochen: „Plastic World“ in der Schirn

Bekanntlich ist die Schirn eine langgezogene Halle, die man in der Mitte betritt und sich nun entscheiden muss, ob man links oder rechts herum gehen will. Empfangen wird man zunächst von fröhlichen Objekten aus diversen Plastiksorten, wie den aufblasbaren „Nanas“ von Niki de Saint Phalle oder der hyperrealistischen Nackten, „Woman Leaning“, von John de Andrea.

Nur noch drei Wochen lang sind in der Ausstellung etwa 100 Arbeiten zeitgenössischer Kunstschaffender zum Thema „Plastic World“ zu erleben.Links herum, an einem Ende der Schau kann man die riesige traumartige Installation begehen, ein „Luft-Aquarium“, in dem gigantische Fabel-Meerestiere aus durchsichtigem Plastik unaufhörlich aufgeblasen werden. Zwei mächtige rote Seeanemonen-Sterne aus festerem rotem Kunststoff lassen zeitlupenhaft ihre Zacken hängen, erstarren und richten sie wieder auf. Die Künstlichkeit des Environments von Otto Piene orientiert sich an der Natur und entführt die Besucher in eine magische Unterwasserwelt, in der man – durchaus trocken – noch lange bleiben und meditieren möchte. 

Am anderen Ende des Saales fasziniert Berta Fischers ausgedehnte skulpturale Farbwolke „Garmion“, die aus kleinen farbenfrohen Plättchen zusammengesetzt ist. Das Werk hängt an zarten Fäden von der Decke, wirkt federleicht und wirft wunderbare Schatten (Bild unten). Auch am Schluss der Ausstellung verführt es zum Bleiben und Rumschlendern. Immer wieder entstehen beim Gehen um das schwebende Gebilde neue Aussichten und zarte Anmutungen: Ein wunderbares Erlebnis, das einem die Problematik des Materials vergessen lässt. „Verführerische Plastik“ heißt passenderweise dieser letzte Teil der Schau, in der sich weitere bezaubernde Arbeiten befinden.

„Plastic World“ bewegt sich in einem Spannungsfeld: Die Begeisterung der Pop-Artisten durch synthetische Materialien in den 1960er-Jahren ist ebenso zu spüren, wie die Lust späterer Kunstschaffender am Experiment mit plastischen Substanzen oder – bereits recht früh – ihr kritischer Umgang mit Plastikmüll. Auch viele Künstlerinnen fanden Gefallen an dem Werkstoff. 

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Ein Kunstausflug in die Rhön

Mit den Worten, die Karwoche habe nur sieben Tage, die Kleinsassener „Ka“-Woche dagegen acht, begrüßte Bürgermeister Marcus Röder gewohnt humorvoll die Gäste: „Kreativität. Kunst. Klüber. Kuchen. Kabarett. Kunststation…“, zählte er deren „Ka“-Besonderheiten auf.

Kreisbeigeordneter Hermann Müller bedankte sich bei den Bewohnern, dass sie ihre Höfe, Scheunen und Garagen erneut für die Kunstschaffenden öffneten. Denn neben dem Eingang zur „Schnipselkunst“ im Schober Vey, steht ein Trecker hinter dem Absperrband. Beim Brunnen auf der Hauptstraße zeigt Evelin Gabler-Labendsch exotische Ölbilder eines Elefanten oder einer schwarzen Prinzessin. An den reichlich vorhandenen, aber höchst diversen Schmuckboxen, drängeln sich die Besucherinnen. Überall vor und in den Scheunen, sowie an vielen Ständen wird geformt, gehämmert, modelliert und mit sonstigen künstlerischen Mitteln experimentiert. Dazwischen läuft die üppige Kunstfigur „Silver-Green-Spacewoman“ herum (Karin Reichardt) und sucht in der Walking-Performance neue Männer für ihren Planeten. 

Auf der Kunstwiese drechselt Michael Sauer in einer Wolke aus Spänen, während „Nordmann74“ große holzgerahmte Spiegel präsentiert und die Funktion seiner Feuerschalen erklärt. Beide sind neu hier und freuen sich bereits früh über die Resonanz der Besucherinnen und Besucher. Erstmals mit dabei – in der Garage Zentgraf – sind auch Martina Theisen und Wolf Mihm mit ihren Arbeiten, die Künstlerin erstellt auf Wunsch skurrile Porträts. 

Die Webers bieten Holzskulpturen mit farbig verglasten Öffnungen an, durch die sanft das Licht scheint. Susann Weber trägt mit Henna auf die Haut ihrer Kunden wasserfeste Tattoos auf, von denen besonders Kinder begeistert sind. Kleine realistische Glasfiguren zeigt Gabriele Mezger, Marie-Luise Brandhorst fröhliche bunte Gartenkeramik und Nicola Schellhammer rustikale Objekte und Schmuck aus recyceltem Material. 

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Die Ausstellung „Make Friends AND Art“

Kunstschaffende im Dialog – Ihre Antwort auf die documenta fifteen: In der aktuellen Ausstellung „Make Frieds AND Art“ präsentieren 32 Kunstschaffende Gemälde, Skulpturen und Installationen. Das umfangreiche Begleitprogramm begann mit einer Performance von Malerin Ulrike Kuborn und Musikerin Nirit Sommerfeld.

Im dynamischen Tanz umkreisen sich die Frauen auf der am Boden befestigten, eingefärbten Leinwand. Schubsen und schieben einander, reißen sich los. Gehen in die Horizontale, winden und wälzen sich auf der Unterlage. Umreißen ihre Silhouetten mit Stiften. Kämpfe, Annäherungen, Trennungen. Die Performance „Approach / Begegnung“ endet nicht harmonisch, sondern mit einem Moment der Ruhe.

Die Beiden haben „Make Friends AND Art“ exemplarisch ausgedrückt: Sich begegnen und Freundinnen zu werden ist ein schwieriger Prozess, kein einmaliger Akt, insbesondere wenn die Deutsche Kuborn auf die Deutsch-Israelin Sommerfeld trifft. Gleichzeitig ist ihre dramatische Begegnung als Kunstwerk festgehalten, das von Kuborn weiterbearbeitet wird. Im Hintergrund hängen zwei ihrer Leinwände mit dem Titel „Approach“, die ähnlich entstanden.

Nahe dieser „bewegten Bilder“ montierte Udo Breitenbach um ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel vier alte hölzerne Skulpturen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Auch diese Figuren scheinen innezuhalten, sich nicht (mehr) zu ärgern. Schließlich ist alles nur ein Spiel, in dem man Revanche fordern und sein Glück aufs Neue versuchen kann. 

Aber das Leben ein Spiel? An der Stirnwand des großen Saals installierte Robert Kunec seine angekokelten hölzernen Fahnenständer und provoziert damit Nachdenken über Fahnen als Symbole. Sie signalisieren Zugehörigkeit, Abgrenzung oder Widerstand, die Brandspuren verweisen darauf, dass daraus auch Kämpfe und Kriege entstehen.

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Rundgang Kunststation: Bodo Korsig

Man kann die Arbeiten Bodo Korsigs in seiner Schau „Gedankenströme“ ganz unbefangen betrachten, ohne etwas über seine künstlerischen Absichten zu wissen.

Nehmen wir das mächtige Filzobjekt „Escape from Memory“ (Foto) mit den ausgeschnittenen Mustern, den „Cut-outs“ wie man neudeutsch sagt. Die Skulptur, wie er sie nennt, hängt an der weißen Wand der großen Halle und fließt auf dem Boden aus. 

Die Arbeit ist einfach eine schöne aber auch verwirrende Gestaltung – und zugleich bewegend: Sie mutet an wie eine im Bildwerk festgehaltene Klangkomposition, die Tanzlust provoziert. Doch man kann in dem löchrigen – etwa zwei mal vier Meter – großen Gebilde auch skurrile Wesen, grimmige Fluggeister, bedrohliche Gewächse entdecken und sich fragen: Was machen die denn hier miteinander? 

Es überrascht nicht, dass Korsig vor 25 Jahren eigentlich mit großformatigen Holzschnitten bekannt wurde, diese Technik findet sich in seinen „Cut-outs“ wieder. Doch erstaunlicherweise liegen den – scheinbar zunächst einfach zu interpretierenden schwarzen Filz-Objekten – komplexe Überlegungen des Künstlers zugrunde. „Ich stehe hinter Dir und schaue durch dein Gehirn“, spaßt der Künstler mit einem Besucher. Tatsächlich scheinen dessen vergrößerten neuronalen Strukturen wie ein lebendes Bild an die Wand projiziert zu sein: Ein „Windows of the Mind“, ein Fenster des Gehirns, wie die hier besprochene Arbeit früher einmal hieß. 

Dennoch sind Korsigs Werke nicht theoretisch überfrachtet: „Das Leben ist ernst genug“, meint der In New York und Trier lebende Künstler, „es muss auch Spaß machen.“

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Rundgang Kunststation: Anette Kramer

In ihrer Studioausstellung verweben sich Erinnerungen, Träume und Leben…

Anette Kramers langgezogenes Wimmelbild „Sichtbares und Unsichtbares“ dominiert eine Wand in ihrer Studioausstellung „Begegnungen“ in der Kunststation: Schemenhafte menschliche Gestalten hat sie hinter- und nebeneinander mit schwarzer Tusche auf eine drei Meter lange Papierbahn gemalt. Die Wesen tanzen, turnen, streiten, begegnen sich oder stoßen einander ab. 

Insgesamt kann man als Betrachter das Bildwerk gar nicht auf einmal erfassen, selbst wenn man weit zurücktritt. Man muss daran entlang gehen, es weiter betrachten, gleichsam hineintauchen. Nun lösen sich einzelne Gestalten aus dem Gewimmel der „Begegnungen.“ Danach erkennt man ein Paar, in schwarze Tusche als Sgraffito gekratzt. Schwebt darüber ein Umriss der Beiden? Ist das ein Traum des Paares oder das Verblassen gemeinsamer Erinnerungen? Dann folgt eine andere Zeit, ein anderer Ort, umrisshaft treffen im Gewühl erneut Menschenwesen aufeinander. Schließlich beendet ein Tanz oder ein Kampf die getuschten Erzählungen Kramers. Alle dargestellten Situationen sind weder eindeutig ausgemalt noch inhaltlich wirklich greifbar. Man muss sie immer wieder neu ansehen und sich ständig fragen, was passiert denn hier eigentlich? 

Die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, aber ebenso von Erinnerungen und Gegenwärtigem, Realität und Fantasie, also „Sichtbares und Unsichtbares“, wird von der Künstlerin dargestellt – und hier für uns in ihrer Arbeit sinnlich erlebbar. Doch unsere Begegnung mit dem Werk ist ebenfalls durch eigene Prägungen, Erfahrungen und aktuelle Stimmungen beeinflusst. Unsere individuellen Beobachtungen und Wahrnehmungen, die wir hinterfragen könnten, spielen im Bilderlebnis gleichfalls eine Rolle…

Kramers Ausstellung ist eine Einladung ihrer Idee zu folgen: „Leben ist eingewoben in Raum und Zeit und Leben ist Bewegung.“ Auch die übrigen Arbeiten der Hünfelder Künstlerin lassen sich so ansehen und interpretieren wie das zentrale Wimmelbild.

Die Studioausstellung „Begegnungen“ endet am 18. April.

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Frühjahr in der Kunststation

Beim Rundgang durch die Frühjahrsausstellungen in der Kunststation kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Was für eine unglaubliche Vielfalt an Werken – aus verschiedensten Materialen und mit unterschiedlichsten Techniken – haben vier Kunstschaffende in ihren individuellen Ausstellungen zusammengetragen.

Alle Künstlerinnen und Künstler waren zur Eröffnung anwesend, um mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen.

Peter Mayer zeigt zahlreiche Collagen und Installationen aus Hunderten unterschiedlicher Fundstücke, wie Fahrradschläuchen, verwelkten Pflanzen oder Polaroid-Fotos. Bodo Korsig präsentiert riesige Filzobjekte mit herausgeschnittenen Mustern und Installationen. Sonja Kuprat entführt das Publikum in grellfarbige oder finstere Wolkenlandschaften die zum Träumen anregen. Anette Kramer zeigt in der Studioausstellung ihre gezeichneten Figuren mit gleichen Bewegungen aus unterschiedlichen Perspektiven. 

„Wahrnehmung“, betonte Kuratorin Dr. Elisabeth Heil bei der Vernissage, das sei „ein Wort, das immer wieder in Texten über Kunst, Künstlerinnen und Künstler vorkommt.“ Doch Wahrnehmung ist ein komplexer Prozess, der nicht nur die Sinne anspricht, sondern durch innere und äußere Prozesse beeinflusst wird. Kunstschaffende hinterfragen diese Wahrnehmungsprozesse, spielen, verfremden oder irritieren sie bewusst mit ihren Gestaltungen.

„Fluide Bildwelten“, der Titel von Mayers Collagen macht deutlich, dass die vielen Fundstücke die er miteinander verbindet, Momentaufnahmen seiner Erinnerungen sind. Zu jedem „Teilchen“ erzählt er Geschichten, Feldpostbriefe fand er in einem gekauften Haus, Portland-Zementsäcke brachte er aus Marokko mit. Das klingt spannend, aber man muss es nicht wissen, um sich von den riesigen Werken berühren zu lassen, die einen in seiner Schau zunächst begegnen. Man kann zwar versuchen Mayers Geschichten zu entschlüsseln, doch seine Arbeiten sind keine Ratespiele. Es sind ästhetische Kompositionen, die etwas in uns zum Schwingen bringen. 

Korsigs „Gedankenströme“, so der Titel seiner Installationen und Objekte, liegen komplexe neurologische Phänomene zugrunde – aber auch die muss man nicht nachvollziehen, um die einzelnen Arbeiten auf sich wirken zu lassen.

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Gemalte Kunst auf Ansichtskarten…

Im Rahmen der drei Winterausstellungen der Kunststation zeigt Roland Stratmann seine Schau „WeltLäufig“. Zwei Arbeiten des Künstlers, die sich wie viele seiner Werke mit Reisen beschäftigen, gehören scheinbar zusammen.

Auf einem Bild schauen offensichtlich schwarze Jugendliche auf langen Stelzen den Betrachter von oben herab grimmig oder herausfordernd an. Unter ihnen verkünden zwei Schriftzüge: „I have never Seen such a Thing before / they don’t even have normal sidewalks.“ „So etwas habe ich noch nie gesehen, die haben nicht mal normale Bürgersteige.“ Den Hintergrund, gleichsam die Leinwand des riesigen Tableaus mit mehr als zwei mal drei Metern, bilden die in diversen Sprachen beschriebenen Rückseiten von 400 Ansichtskarten aus aller Welt. Von einer dieser einst verschickten Karten stammt die arrogante Nachricht über die fehlenden Bürgersteige. Roland Stratmann hat bei aller Komplexität seiner Objekte auch viel grotesken Humor, denn seine Konfrontation des Touristenspruchs mit der Tuschzeichnung der Kids auf Stelzen könnte meinen: wozu brauchen die denn Bürgersteige?

Auf dem Boden davor sind viele Seiten eines alten Diercke-Atlas auf einer Platte von zwei mal drei Metern ausgebreitet, darauf verteilen sich elf verschiedene Drahtfiguren. Sie beschreiten als Urlauber die Länder oder eroberten sie früher kolonialistisch und warfen ihre Schatten. Als Betrachter sieht und bringt man beide Werke zusammen, obwohl sie aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers stammen.

Ohne dass man etwas über dieses Arrangement weiß, fasziniert es durch seine reine Anmutung. Darüberhinaus fordern beide Tableaus zur eigenen Bewegung heraus: Um das Bodenbild „WeltAtlas“ muss man herumgehen und sich bücken, an das Wandbild „I have never seen“ muss man näher herangehen, um die Postkarten erkennen oder lesen zu können. Das Bild besteht – wie die meisten Werke des Künstlers – aus verschiedenen Schichten: den handgeschriebenen Karten, einem daraus meist destillierten Spruch und den dominierenden Tuschzeichnungen (wir berichteten). In diesem „Dreischicht-Verfahren“ (Trescher) entstehen leicht reliefartige Objekte.

Die aus Datenkabeln gefertigten und dadurch symbolisch miteinander vernetzten Figuren nehmen Länder ein, hinterlassen Ökologische Fußabdrücke, werfen düstere Schatten auf Teile der Welt. Aber sind es ihre realen Silhouetten, vielleicht sind es nur die schattigen Klischees der Wesen, exotische Fantasien, die sie von den betretenen Ländern haben? Ähnliches gilt für das Stelzenlaufen der Kids, das einst in einer afrikanischen Kultur Teil eines Initiationsritus war –  heute aber bewusst als „Folklore“ für Touristen inszeniert wird. Zeigen die Gesichter der Kids postkoloniale Empörung oder sind es Fratzen für sich fürchten wollende Reisende?

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Warme Farben gegen das Grau und die Kälte

Zum Beginn der Winterausstellung ist die Kunststation in der Rhön nicht romantisch eingeschneit, ihre Umgebung ist grau in grau, nass und kalt. Wie gut tut es, in die Schau „Farblust – grenzenlos“ von Stefanie Brehm einzutauchen, zwischen ihren fröhlichen vielfarbigen Objekten aus Keramik oder Kunststoff gute Laune zu bekommen. 

Die Künstlerin hatte einst Keramikerin, also Töpferin gelernt, was man ihren kleineren, wunderbar glasierten Arbeiten in der Ausstellung auch ansieht. Es sind aber keine Gefäße zum Gebrauch obwohl sie wie Dosen wirken, sondern winzige Skulpturen oder wie die Töpfer sagen: Zierstücke. Jedoch mit ihren lebensgroßen, aus Ton montierten, oben geschlossenen und polychrom glasierten Zylindern verlässt Brehm das Kunsthandwerk und kreiert autonome Skulpturen. Man kann um sie herumgehen ohne dass die Farbe aufhört: Das Farblust ist tatsächlich grenzenlos. Die Säulen „wollen umtanzt werden, angeregt von Verve und Beschwingtheit des Farbauftrags“, meint Kuratorin Dr. Elisabeth Heil. Ist bei den keramischen Arbeiten noch ein, im weitesten Sinn getöpferter Bildträger vorhanden, so löst sich die Künstlerin mit ihren Werken aus Kunststoff (Polyuretan), den sie in flüssigem Zustand gestaltet, scheinbar völlig von Trägern. Die ausgehärteten, ebenfalls kräftig eingefärbten Objekte, montiert sie direkt an den Wänden.

Roland Stratmann überrascht das Publikum in seiner Ausstellung „WeltLäufig“ zunächst mit einem riesigen, aus Klamotten gestalteten Nashorn, das sich selbst auf einem Abbild zu betrachten scheint. Diese Installation ist Teil eines komplexen ästhetischen Projektes, das der Künstler mit Jugendlichen verwirklichte. Die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, auch in fremden Kulturen, ist für ihn ebenso eine Notwendigkeit wie die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. 

Sein Nashornbild, dem Rhinozeros Albrecht Dürers nachempfunden, ist typisch für viele weitere Arbeiten seiner Schau, in denen er Ansichtskarten als Bildträger nutzt. Diese postalischen Grüße mit Landschafts, Stadt- oder Kunstmotiven, versehen mit persönlichen Zeilen, wurden früher massenhaft verschickt. Der Künstler sucht und sammelt diese Karten, die er thematisch sortiert und zusammenstellt. Er befestigt die beschriebenen Seiten aneinander und nutzt sie als Untergrund, auf den er Zitate aus den Reisetexten schreibt und sie mit irritierenden Bildern versieht. Auf sein mit Zeichentusche gestaltetes Nashorn schreibt er: „Viele Grüße an alle die nach mir fragen.“ Denn das von Dürer auf einem Holzschnitt dargestellte Tier versank mit dem Transportschiff, er musste es im Jahr 1515 aus Erzählungen gestalten. Stratmanns vieldeutige Arbeiten transformieren seine Fundstücke in eigenständige Kunstwerke, die uns auf Reisen in seine eigenartigen Bildwelten mitnehmen.

Reisen dürfen auch Kunstschaffende aus dem Görlitzer oder Fuldaer Raum auf der Via Regia in die jeweilige Partnerstadt, wenn sie für ein monatliches Arbeits-Stipendium vorgeschlagen werden.

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Neue Objekte im Skulpturengarten der Kunststation

Gerade in den Zeiten, als die Ausstellungshallen in Kleinsassen geschlossen oder nur eingeschränkt besuchbar waren, bekam der Skulpturengarten um die Kunststation herum wieder mehr Aufmerksamkeit. In der letzten Zeit sind auf dem ständig zugänglichen Anwesen weitere künstlerische Objekte aufgestellt oder montiert worden. 

Im großen Baum vor der Ausstellungshalle schwankt oder dreht sich ein großes Spiegelobjekt im Wind und bildet, manchmal wie ein schneller Film, im Wechsel Äste mit Blättern, den nahen Kirchturm oder den Himmel ab. Das Kunstwerk „Lichteinfall“ ist eine Dauerleihgabe des Schlüchterner Künstlers und Architekten Gerwin von Monkiewitsch. Seit einigen Jahren kreiert er die spiegelnden Blechplastiken, die einerseits als Fremdkörper in der Landschaft stören, andererseits aber die Anmutung der Natur durch ihre Wiedergabe verstärken.

In einem zweiwöchigen Symposium im September vor der Station, schufen die Bildhauer Lothar Nickel und Johannes Klüber, aus einem tonnenschweren Marmorblock bzw. einem riesigen Holzstamm, neue Objekte für die Anlage. Zum ersten Mal kreuzten sich die Wege der Künstler, obwohl beide schon lange in der Region leben und arbeiten. Trotz ihrer unterschiedlichen Arbeitsweisen entdeckten sie viele Gemeinsamkeiten. Beide waren vor allem mit der Frage beschäftigt, „was macht die Form mit dem Raum?“ Die Natur nimmt die Größe der Kunstwerke problemlos auf, aber im Skulpturengarten entstehen zwischen den vorhandenen Plastiken sofort Beziehungen – die es zu beachten gilt. Bei gutem Wetter stieß Ihre öffentliche Arbeit auf reges Publikumsinteresse, viele Leute haben nur zugesehen, mit anderen gab es aber auch intensive Gespräche. 

Mittlerweile sind beide Objekte auf dem Gelände aufgestellt: Klübers eher reduzierte und konzeptionelle Holzsäule mit spannungsreichen lichtdurchlässigen Einschnitten und den eingekerbten Worten „Baum Art / Stamm Art / Stand Art / Eiche“. Nickel schuf eine figurative Plastik, das weiße „Himalalama“, das er schon einmal wesentlich größer im italienischen Carara unterhalb der Marmorbrüche herstellte. Mit ihrer Werkschau sind die beiden Künstler auch in der laufenden Herbst- Ausstellung der Station präsent (wir berichteten). 

Bereits im Sommer fertigte Hama Lohrmann mit Rhönsteinen sein „Kosmisches Wurmloch“. Das Land-Art-Projekt war von der Kunststation eigentlich für den – ausgefallenen – Hessentag in Fulda geplant und schmückt nun den Skulpturenpark. Weichen musste dafür die einnehmende Stahlplastik Matti Kujasalos, die demnächst auf dem nahen Hügel oberhalb des Kunsthauses einen neuen Platz finden wird.

Info:
Flyer zum Herunterladen auf der Webseite www.kunststation-kleinsassen.de

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