Das Projekt „Weiblich“ – ein Besuch im Fuldaer Atelier allerART

 

Entdeckungen wie in einer Frauenhandtasche…   Kunstherbst in Ost-Hessen 7

Das kleine Fuldaer Kunst-Lädchen präsentiert eine Vielzahl von Bildern und Objekten zum Thema „Weiblich“. Zur Vernissage am Freitagabend standen die Besucher bis auf die Straße, auch am Wochenende kam viel Publikum.

„Überall Busen wohin man guckt“, meint ein männlicher Besucher freudig überrascht beim Umherschauen im winzigen Atelier. „Na klar“, kontert keck Annette Hertenberger, „der weibliche Körper gibt einfach mehr her…“ Die fünf Künstlerinnen des kleinen Lädchens am Fuldaer Peterstor zeigen viele dralle, aber auch zarte weibliche Akte sowie Ballerinen aus Draht, Pappmaché und anderen Materialien. Dazwischen schweben Geisterwesen aus Modelliermasse von Lotte Schnath, Eva Amelung-Kakhzar zeigt Collagen. Eine Postkartenserie beschäftigt sich ebenfalls mit Tänzerinnen. „Das sind Träume“, erklärt Hertenberger ihre Bilder, alle Mädchen wollen doch gerne tanzen.“

Viele der Arbeiten wirken einfach nur schön, jedoch zeigt gerade KiMa Wehner auch aufgelöste und abstrahierte weibliche Formen. Tanja Abeln-Bil, die mit der Nähmaschine weibliche Akte „zeichnet“ (stickt), geht am Weitesten bei der Antwort auf die Frage: „Was ist weiblich?“, die sich die Künstlerinnen als Thema stellten: „Weg von der Anerkennung!“ Mutig verbindet Abeln-Bil in einem Künstlerbuch und einigen Wandbildern autobiografische Erfahrungen zur sozialen Zurichtung von Weiblichkeit mit ihren grafischen Elementen – und transformiert dadurch persönliche Erfahrungen zur Kunst. Weiterlesen

Die Zeitlosigkeit einer exzellenten Truppe: Manfred Mann’s Earth Band in Fulda

Das charakteristische, manchmal geradezu heulende Keyboard. Heftige Riffs auf der Gitarre. Lange Instrumentalphasen. Überraschende Breaks. Die Stimme des Sängers zum in die Knie gehen. Der satte, rockige Sound macht bereits im ersten Stück klar, wohin die Reise gehen wird: „Spirit in the night“, der schon früh von Manfred Mann gecoverte Song Bruce Springsteens, wird von der Earth Band unverkennbar interpretiert.

Beim nächsten Stück kommt der Keyboarder, der die Gruppe vor 45 Jahren gründete und ihm seinen Namen gab, mit einem Umhängeklavier (korrekt dem „Mini Moog“) nach vorn. Der coole, hoch aufgeschossene Sechsundsiebzigjährige liefert sich mit dem Gitarristen Mick Rogers, ebenfalls Mitgründer der Band, gnadenlose instrumentale Duelle. Dann wieder verschmelzen die Klänge der Spielgeräte im Duett, so dass sie sich kaum noch unterscheiden lassen.

Ob frühe eigene Songs oder Coverversionen von Springsteen, T-Rex oder Bob Dylan, immer zelebrieren die Spieler sie als geilen Blues Rock mit Jazzelementen. Wenn man will, kann man ihnen auch das Etikett „Progressive Rock“ der 1970er-Jahre verpassen, das allerdings schon lange seine Trennschärfe verloren hat. Die alten, sehr unterschiedlichen Stücke bekommen durch die Interpretation der Gruppe jedenfalls etwas Geschlossenes und Zeitloses. Sie wirken weder nostalgisch noch peinlich, wie die frühen Ausflüge der Combo in die Popmusik.

Manfred Mann’s Earth Band ist eine exzellente Livekapelle, die es durchaus verdient hätte, noch größere Hallen zu bespielen. Doch die von ihnen in der Fuldaer Orangerie geschaffene Club-Atmosphäre mit einigen hundert Besuchern ist natürlich höchst angenehm… Weiterlesen

Starke Frauen – der Film „Die Tänzerin“

Heute und in den nächsten Wochen laufen Filme an, die sich starken Frauen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts widmen. Alle mussten sie nach Paris gehen, um ihre Talente und Kräfte zu entfalten:

Paula Modersohn-Becker konnte erst in der Seine-Stadt an der Akademie studieren und zur Künstlerin reifen („Paula“ Filmstart 15. 12.). Die naturwissenschaftlich hoch begabte Marie Curie musste in Paris, im Schatten ihres Mannes, studieren und als Forscherin arbeiten („Marie Curie“, Filmstart 1. 12.). .). Loïe Fuller, „Die Tänzerin“, Filmstart 3. 11., von der heute hier die Rede sein soll, fand erst in der französischen Hauptstadt Anerkennung für die Erneuerung des Tanzes.

Alle drei Filme sind keine Biopics, die zwei Regisseurinnen und der Regisseur unterschiedlicher Provenienz gehen recht freizügig mit den Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen um. Miloš Forman verteidigte vor langer Zeit seine Mozart- und Goya-Streifen, es ginge ihm nicht um historische Details und biografische Wahrheit. Vielmehr wolle er jeweils die gesellschaftliche Atmosphäre und die Lebensbedingungen der Menschen in ihrer Zeit deutlich machen.

Die drei Filme machen das ganz hervorragend und entfalten die Pariser Belle Époque, die für alles Kreative und Innovative offen war. An Authentizität und „Wahrheit“ Klebende sollten diese Frauenfilme tunlichst meiden und besser in Wikipedia-Einträgen oder den Biografien der Damen schmökern. Das könnte ihnen viel Ärger ersparen. Für Cineasten dagegen sind alle drei Filme ein großartiges visuelles Vergnügen – vor allem „Die Tänzerin“.

Die Geschichte der Tänzerin:

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Anne Härtel-Geise „Textile Strukturen“

 

Kunstherbst in Ost-Hessen (Teil 6): Eine sehenswerte Ausstellung im Kunstverein Fulda    

In der Galerie des Kunstvereins drängten sich auf engstem Raum viele Besucher, als die Textilkünstlerin Anne Härtel-Geise zu den fröhlichen Klängen der „Buchonia Klezmer Gang“ ihre Einzelausstellung eröffnete.

„Du armes Schwein, Du!“ In der diesjährigen Jahresschau „Geteilt“ des Kunstvereins Fulda zeigte Härtel-Geise neulich eine lebensgroße, zweigeteilte Sau aus Stoff. Das groteske, kontrovers diskutierte Objekt der Vegetarierin im Vonderau-Museum wurde, erstaunlicherweise, von den Besuchern mit klarer Mehrheit zum Publikumsliebling gewählt. Nun präsentiert die Fuldaerin freie Installationen, Stoffcollagen sowie gestickte Textilkompositionen. Damit zeigt sie die große Spannweite ihres Schaffens in den letzten drei Jahren.

Am Eingang hängt ein selbstironisch wirkendes, maschinengesticktes Porträt der Künstlerin, in der Nähe schweben vor „Blauen Strömen“ gefilzte „Steine.“ Neben dem Büffet an der Treppe schwebt geisterhaft ein erotisches, ausgefranstes weibliches Wesen. Im ersten Stock bringen gestickte Tiergedichte von Heinz Erhardt, mit genähten Abbildungen der Kreaturen, die Besucher zum Lachen: „Es war einmal ein buntes Ding / ein sogenannter Schmetterling / der war wie alle Falter / recht sorglos für sein Alter…“ Kunst kann sehr humorvoll sein, beweist Härtel-Geise mit diesen Arbeiten. Weiterlesen

Ulla Meinecke in Ost-Hessen – ein Gespräch mit der Sängerin

 

Die Sängerin Ulla Meinecke gastiert mit ihrem Programm „Wir waren mit dir bei Rigoletto, Boss“ am 12. November um 20.10 Uhr beim KulturWerk-Festival 2016 in Schlüchtern. Zuvor habe ich die Sängerin in Berlin getroffen.

„Du bist die Tänzerin im Sturm / Du bist ein Kind auf dem Eis…“ – in den 1990er Jahren war Ulla Meinecke (62) mit ihren poetischen Songtexten die erfolgreichste deutsche Sängerin. Auch für viele Ost-Hessen war sie die Heldin ihrer Jugend oder des frühen Erwachsenenlebens… Im letzten Jahr kam sie nach Fulda, nun tritt sie beim KulturWerk-Festival in Schlüchtern auf. Das Treffen im Berliner Bergmannkiez ist schwierig, mal kommt die Sängerin eine Stunde zu früh und wir verpassen uns, mal begegnen wir uns, aber sie hat zu wenig Zeit. Der dritte Anlauf gelingt, vielleicht werden wir beide ja eine Fußnote in ihrem Buch „Glanz und Elend der Chaotiker“ werden. Die Musikerin gibt pro Jahr nicht nur bis zu 100 Konzerte sondern schreibt Bücher, Texte für andere Sängerinnen und Sänger („Die Person muss mich künstlerisch interessieren“) und hat auch schon Theater gespielt.

Was erwartet uns bei Deinem Konzert in Schlüchtern?

Es wird musikalisch bestimmt ein ganz toller Abend. Wenn man schon so lange und so viel zusammenspielt wie ich mit den beiden Musikern Ingo York und Reinmar Henschke, dann fliegt einem entweder alles um die Ohren und man trennt sich – oder man wird immer besser. Unsere Konzerte sind dauernd anders, aber es wird oft salzig weil die Träne rinnt – vor Lachen oder vor Rührung. Zwischen den Songs erzähle ich wie überall skurrile Geschichten… Weiterlesen

Die Performance-Trilogie „Leave Paradise“ im Grimm-Haus: „Rotkäppchen“ (Teil 1)

 

Drei Abende lang führt der Sprachkünstler Simon Weiland seine Performance-Trilogie „Leave Paradise“ im Grimm-Haus in Steinau an der Straße auf. Der Ursprung seiner Darbietungen sind Märchen der Brüder Grimm, die er kunstvoll in Szene setzt und radikal auseinander nimmt.

„Was ist, wenn der Wolf im Schafspelz sich ausgibt als der gute Hirte?“ Am ersten Abend geht es um Rotkäppchen, eine Stunde lang schlägt der Mann das Publikum im Grimm-Haus mit seinen Worten in den Bann. Mit intensiver Mimik und Körpersprache, wilden oder sanften Gesängen, Rollentausch und wechselnden Stimmen seziert er das von den Grimm-Brüdern arg gezähmte Märchen. Der Performer ist mal ein komischer, mal Gänsehaut erzeugender Sprachkünstler, der in keine Schublade passt.

Noch relativ konventionell stellt er mimisch dar, was Rotkäppchen im Wald soll, wie es plötzlich krumme Wege mit dem Wolf geht und dabei ihre Unschuld verliert. „Sah ein Knab’ ein Röslein stehn, Röslein auf der Heide.“ Mit seinem Gesang zur Gitarre entlockte Weiland die mächtig erotische Unterströmung des Volkslieds (und Goethe-Gedichts). „Rotkäppchen, wo bist Du?“ heult der einsam zurückgebliebene Wolf, denn „Rotkäppchen wollte nicht auf der Heide bleiben, keine Heidin sein.“ Sie geht nach Rom, dort tragen die Kardinäle ebenfalls rote Kappen…

Kühne Assoziationen, Wortspiele und Gedankensprünge wechseln mit bös grotesken Sequenzen: Weiterlesen

Kunstherbst in Ost-Hessen: Der Höhepunkt, das KulturWerk-Festival

Kein verflixtes siebtes Jahr – das KulturWerk-Festival in Schlüchtern vom 10. bis 20. November 

Zum siebten Mal präsentiert das alljährliche Herbst-Festival des KulturWerks ein üppiges, abwechslungsreiches Programm. Soeben erschien ein Flyer der Künstlervereinigung, der ab sofort überall im Bergwinkel ausliegt und auf die Veranstaltungen hinweist. Der Vorverkauf hat begonnen.

Die KulturWerkWoche steht unter dem Motto „Zuckererbsen für jedermann“, einer Forderung des Dichters Heinrich Heine aus seinem ironischen Vers-Epos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (Anlage). Die KulturWerker erarbeiten dazu eine szenische Collage mit Tanz, Musik, Schattenspiel, Sprache und Theater.

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Dieses Thema wurde noch von der im Frühjahr gestorbenen Bildhauerin und Malerin Dorle Obländer vorgeschlagen, die Heine sehr liebte.Ihr ist auch die diesjährige Kunstaustellung gewidmet, das KulturWerk zeigt in Kooperation mit dem Grimm-Haus die letzten Arbeiten der Künstlerin, 19 ironische Märchenbilder (oben „Froschkönig“). Weiterlesen

„2 & 1“ – Ausstellung in der Bahnhofsgalerie Hünfeld (Kunstherbst Osthessen Teil 5)

 

Ein Fisch schnappt aus einem Frauenkopf heraus nach Luft. Im Hintergrund eine Häuserfassade und seltsame Landschaften, vorne ein Gebilde mit Insekten, ganz in der Ferne das Meer. „Darin muss ich erst mal spazieren gehen“, meinte ein Besucher zu seiner Begleiterin, „bevor ich was sagen kann.“ Die beiden betrachteten ein Werk des serbischen Malers Victor Randjelovic (42). Dessen Arbeiten sind nicht besonders groß, doch die 19 Bilder seiner Serie „East of Eden“ sind die eindrucksvollsten und individuellsten Malereien der Ausstellung. Der Künstler verbindet in diesen, sowie weiteren größeren Arbeiten symbolisch aufgeladene Dinge miteinander – Eier, Hunde, Menschen, Musikinstrumente – und schafft doch in sich geschlossen Bilder. Oft entführt er in traumartige Gegenden, manchmal auch Landschaften unter Wasser, in denen die Besucher „spazieren gehen“ können.

Randjelovic gestaltet seine surrealistischen Gemälde sehr altmeisterlich, man spürt seine Liebe zu den flämischen und niederländischen Malern. Jedoch wirken seine Werke modern und zeitlos zugleich. Elmar Hegmann, der Vorsitzende des Trägervereins, sprach vom „Update“, das der Künstler nutze, „um in einer spannungsreichen Balance zwischen Realität und Fiktion neue, weiterführende Gedanken zu entwickeln.“

Ebenfalls zwischen Wirklichkeit und Traum bewegt sich die Kunst des Bulgaren Kamen Kissimov (44)… Weiterlesen

„Was auf dem Spiel steht!“ Fotoausstellung von Katharina Eglau (Kunstherbst in Ost-Hessen 4)

 

Zuerst fallen in der Bilderschau die unglaublich schönen, glücklichen Kinder in diversen arabischen Regionen auf. Die Porträts ihrer Eltern und Verwandten sind eindrucksvoll, mal tragen die Frauen Kopftücher, mal offene Haaren. Muslime, Christen, Juden.

Fischer bei der Arbeit im Euphrat-Delta. Verputzer werkeln in schwindelnder Höhe an Lehmhochhäusern. Die Puppe eines mit Pfeilen gespickten Diktators (Hussein) wird verbrannt. Ein Jugendlicher liegt in einer Moschee auf dem Boden und fummelt entspannt am Smartphone herum. Eine junge Ägypterin macht Freudensprünge vor Pyramiden.

Man hat nicht den Eindruck, dass diese Menschen freiwillig auf überfüllte Flüchtlingsboote oder in europäische Notaufnahmelager gehen. Doch die seit Jahrtausenden im Delta in den Sümpfen lebenden Menschen wurden vertrieben, die kurdischen Jesiden werden vom IS ausgerottet, das steinalte jüdische Dorf im Jemen gibt es nicht mehr.

Auf vielen Reisen im nahen Osten hat die Fotografin nicht nur unterschiedliche Volksgruppen in ihren sozialen und religiösen Bindungen abgelichtet, sondern so auch die Vielfalt der arabischen Kultur festgehalten. „Das steht auf dem Spiel“, erklärt Eglaus Mann, der Nahost-Journalist Dr. Martin Gehlen, in seinem Vortrag zur Vernissage. Beide leben seit acht Jahren in Kairo und kennen sich bestens in der Region aus, hautnah haben sie den Fall der Diktaturen, den „arabischen Frühling“ und die Renaissance der Gewalt miterlebt.

„Wo ist Katharina schon wieder?“

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„Der Sandmann“ in der Oper Frankfurt – Erneut ein Meisterwerk des Regisseurs Christof Loy

Die Oper Frankfurt eröffnete ihre neue Spielzeit mit Christof Loys Inszenierung „Der Sandmann“, frei nach ETA Hoffmanns Erzählung. Nach der Uraufführung 2012 in Basel, brachte der internationale Regiestar das Gesamtkunstwerk erneut als großartigen und sehenswerten Psychothriller auf die Bühne.

„Bitte nehmen sie mich!“ Fast zum Ende des Stücks füllt sich die karge Bühne mit grell geschminkten Frauen (des Chores) in roten aufreizenden Kleidern, die allesamt kreischen: „Bitte nehmen sie mich!“ Rauben Nathanaels Fleisch gewordene Fantasien ihm nun endgültig den Verstand oder sind es reale mechanische Puppen, die ihn in den Abgrund treiben? Von Anfang an vermischen sich im Stück die Wahnvorstellungen des Dichters Nathanael (Daniel Schmutzhard) mit dem scheinbar echten Leben: Ein Albtraum, der nicht endet.

Anfangs ist die Bühne pechschwarz, seltsam grell von Leuchtstoffröhren eingerahmt. Die Ouvertüre, es gibt wirklich eine Ouvertüre!, evoziert mit tiefen Fagott-Tönen oder sphärischen Violinen-Klängen eigene Assoziationen oder Erinnerungen an „Hoffmanns Erzählungen“. Tatsächlich handelt der zweite Akt dieser Oper Jacques Offenbachs vom „Sandmann“. Später werden die Töne schriller und atonaler, es wird hell, Nathanael windet sich, vom Irrsinn gepackt, in einer Ecke.

Der Poet streitet mit seiner Verlobten Clara (Agneta Eichenholz) über seine ihn bedrängenden Trugbilder, die jedoch Grundlage seiner Dichtung seien. „Du brauchst einen Arzt. Alles ist real,“ setzt sie stoisch dagegen. Doch im Hintergrund agieren längst, bestens miteinander vertraut, der tote Vater Nathanaels und der Sandmann, der ihn möglicherweise umbrachte… Weiterlesen