Detlev Heinichen und die Bandbreite des modernen postdramatischen Theaters

Hommage für Detlef Heinichen
Seit sieben Jahren prägt der charismatische Kulturpreisträger, Macher des Theatriums und Bühnenkünstler Detlef Heinichen das kulturelle Leben weit über den Bergwinkel hinaus. Heute – am 12. April – begeht er den 70. Geburtstag, alleine auf dem Pilgerweg zwischen Porto (Portugal) und Santiago de Compostela (Spanien). 

„Dieser ‚Camino de Portugues‘ muss was Magisches haben“, sagt er, aber ihn leiten keine religiösen Gefühle, er nutzt die Wanderung zum Nachdenken. Heinichen ist kein Kauz, auch wenn er viele Solostücke mit seinem Figurentheater entwickelte. Er arbeitet gerne mit anderen Akteuren, das haben seine Werke über „Jonny Cash“ oder „Manche mögen‘s heiß“ offenbart. 

Seit er in der zweiten Klasse gekleisterte Papierfiguren zum Leben erweckte, fasziniert ihn das Puppenspiel. In seinem ersten Kinderstück staunte er, wie – unerwartet von ihm – die Kleinen reagierten. Seitdem entwickelte er Figurentheater als Hobby, doch in der Pubertät wurde es brenzlig, als er seine Werke im Hinterhof in Magdeburg aufführte. „Spätestens dann verabschiedet man sich ja von Puppen“, erinnert er sich, „aber für mich waren sie keine Kuschelpuppen, sondern Darsteller!“ Er hatte sogar einen „Bodyguard, zwei Jahre älter, zwei Köpfe größer als ich, der mein Spiel mochte und mich vor den Gleichaltrigen schützte.“

Mutig und naiv bewarb er sich mit 17 Jahren an der Schauspielschule, aber man empfahl ihm „noch zu reifen.“ Überraschend ermöglichte ihm der Chef der Zwickauer Puppenbühne eine theaterpraktische Ausbildung. Nach der Militärzeit studierte er ab 1975 an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin. Hier reifte er in dreieinhalb Jahren vom Puppenspieler zum umfassend ausgebildeten Schauspieler und kehrte nach Zwickau zurück: „Die gewährt mir eine Chance, ich wollte ihnen was zurückgeben.“

Doch dort wurde es dramatisch, denn 1980 wollte die Stasi – wohl angesichts der revolutionären Ereignisse in Polen – ein Exempel statuieren: Wegen „staatsfeindlicher Äußerungen und Verunglimpfung staatlicher Organe“ auf der Bühne, musste er ein Jahr „in die Produktion“ – in eine Brauerei und ein Ausbesserungswerk: „Das fand ich gar nicht so schlecht.“ Dann kam er nach Dresden, war hier kurz in Stasi-Haft und sah in der DDR keine Chance mehr für sich. 1986 stellte er den schnell bewilligten Ausreiseantrag.

In Bremen übernahm er ein antiquiertes Puppentheater und erneuerte es zu einem zeitgemäßen, gut besuchten Theatrium mit eigenem Festival. Heinichen war gut vernetzt in der avantgardistischen Szene der Stadt, von Peter Zadek bis Johan Kresnik.

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„Ein Glücksfall“ – der neue Film von Woody Allen

„Ich war ganz verrückt nach Dir“, bekennt der Schriftsteller Alain (Niels Schneider), als er überraschend seine New-Yorker-Jugendliebe Fanny (Lou de Laàge) mitten in Paris wiedertrifft, die in einem Auktionshaus arbeitet. „Mein Leben wäre anders verlaufen, hättest Du mir das damals gesagt“, seufzt Fanny. 

Denn nun ist sie der kostbare Besitz des reichen, eifersüchtigen, besitzergreifenden Geschäftsmanns Jean (Melvill Poupaud), der sie wie ein wertvolles, aber ihm gehörendes Schmuckstück behandelt. „Ich fühle mich wie eine Trophäe“, sagt sie, als sie mal wieder einen sündhaft teuren Ring bekommt und ihn nicht sogleich tragen will.

Mehr oder weniger zufällig begegnen sich Alain und Fanny nun öfter, essen zusammen Baguettes im Park, dann selbst gekochte Spaghetti Bolognese in Alains Bude und landen schließlich im französischen Bett. Fanny fühlt sich „schrecklich, weil ich ihn anlüge“, doch der Ehemann hat längst gemerkt, dass ihm seine Frau den Gehorsam verweigert und eigene Wege geht. Ganz cool beauftragt er einen Privatdetektiv mit ihrer Überwachung und ist auch bereit, für ihn unangenehme Recherchen zu ertragen: „Wollen sie es denn wirklich wissen?“, fragt ihn der Kundschafter.

Mehr wird hier nicht verraten, denn überraschend nimmt die Amour Fou an Fahrt auf. Fannys Mutter findet heraus, dass ihr geliebter Schwiegersohn bereits des Mordes an einem Teilhaber verdächtigt wurde. Wie Woody Allens Film „Match Point“ entwickelt sich auch „Ein Glücksfall“ völlig anders als erwartet und findet ein geniales Ende. 

Der spannende Film „Ein Glücksfall“ ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall: 

Regisseur Allen hat ihn völlig auf Französisch mit französischen Darstellerinnen und Darstellern gedreht (aber nicht zum ersten Mal in Paris, wir erinnern uns gerne an seine romantische Erzählung „Midnight in Paris“) und es ist eine richtig schöne Liebesgeschichte mit bösen Einsprengseln geworden. Der Film ist auch ein Glücksfall für die Hauptdarstellerin Lou de Laàge, die keine Probleme hatte mit Allen zu arbeiten. Sie gestand sinngemäß: „Für mich war es ein Glücksfall, dass er mit mir in Paris gedreht hat, sonst hätte ich ihn nie kennengelernt.“

Woody Allen mit seinen beiden französischen Hauptdarstellern
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„Sieger sein“ – ein Märchenfilm aus dem Berliner Wedding

„Ja, ich trage Klamotten, die keiner mehr trägt. Ja, ich bin ein Scheißflüchtling“, beschimpft die aus Kurdistan in Syrien geflüchtete Mona ihre Mitschüler. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Herzlich willkommen in Deutschland!“ Die multikulturellen Kids mobben die Elfjährige, doch der freundlich-konsequente Lehrer Herr „Che“ Chepovsky nimmt sich ihrer an: „Willkommen in der 7. Weddinger Schule.“ 

In Rückblenden wird deutlich, Mona (Dileyla Agirman) wollte nicht flüchten, „aber niemand hat mich gefragt!“ Sie möchte wieder in ihr Land zurück und ist eine gute Fußballspielerin. Natürlich ist weder an eine Rückkehr zu denken noch daran, dass sie in der Mädchenmannschaft dieser Schule mitspielen darf. Denn hier Schule kämpft jeder gegen jeden: die Jungen gegen die Mädchen, die alten Migrantenkinder gegen die neuen, alle Schüler gegen die Lehrer, die Lehrer untereinander… Die Jungen gießen den Mädchen Gips in die Turnschuhe und zerschneiden ihre Trikots.

Die Kids in ihrer Klasse grenzen Mona aus, weil sie Respekt für die Lehrer fordert und Lust zum Lernen hat. „Wir wurden mit dem Lineal verhauen“, erzählt sie, „als die anderen sie als Streberin attackieren.“ Und sie macht ihnen klar, was Diktatur, gerade für Kinder in Syrien bedeutet. Manchmal wendet sie sich an das Publikum und spricht direkt in die Kamera: „Demokratie ist kein Spaß, dafür sterben Menschen bei uns.“ 

Lehrer und Trainer „Che“ (Andreas Döhler) will, dass sie bei den Mädchen mitspielt. Da sie keine Fußballschuhe hat, beschließt er kurzerhand: „Heute wird barfuß gekickt, damit ihr ein besseres Verhältnis zum Ball bekommt.“ Das Training ist eine Katastrophe, jede kämpft für sich, keine achtet auf die andere, sie sind kein Team. Später spalten sich sogar einige zickige Spielerinnen ab.

Dann beginnt jedoch das Weddinger Märchen!

Mona integriert sich und wird wichtig für die Mannschaft. Einer Schülerin soll von der Schulleitung das Mitspielen verboten werden, die anderen solidarisieren sich. Die Mannschaft wird besser und beteiligt sich, mit abenteuerlich zusammengenähten Shirts, an den Berliner Meisterschaften.

Der Film ist kein „Sommermärchen“ des Fußballs, das Spiel ist nur ein Medium für die Darstellung der Probleme in der Schule und bietet Konfliktlösungen an. Wir erleben die Migrantenfamilie, die nicht nach Deutschland wollte, aber deren Leben in der Heimat bedroht wurde. Monas Tante Heli kämpft im kurdischen Widerstand und schenkte ihr zum Abschied einen richtigen Fußball. In schwierigen Momenten erinnert sich Mona an sie und bekommt neue Kräfte. By the way erfährt gerade das junge Publikum die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur oder was in Syrien los ist.

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„Andrea lässt sich scheiden…“

Dies ist der zweite Film des österreichischen Kabarettisten, Schauspielers und Drehbuchautors Josef Hader („Wilde Maus“). „Andrea lässt sich scheiden“ wurde auf der Berlinale uraufgeführt und ist ein eher tristes Werk, mit allenfalls sehr verhaltenem Humor. Stilistisch und durch seine Melancholie erinnert der Film an die Werke des Österreichers Ulrich Seidl. Jedoch wenn man vorher weiß, was im Kino auf einen zukommt und keine Burleske erwartet, kann man sich diesem Film gut ansehen.

Birgit Minichmayr spielt eine undurchschaubare Polizistin auf dem Land, im tiefsten Niederösterreich, die sich in eine größere Stadt versetzen lassen und von ihrem Mann geschieden werden möchte. Unabsichtlich überfährt sie jedoch ihren Ehemann, der dadurch – wahrscheinlich – zu Tode kommt. Sie begeht Fahrerflucht, versucht den Unfall zu verschleiern und hat ein großes Problem. Hader selbst gibt einen leicht deppert wirkenden Religionslehrer, ist der Outsider im Dorf und wird beschuldigt, Andreas Mann getötet zu haben. Mehr wird hier von der Geschichte nicht verraten, denn, obwohl kein Krimi, birgt sie doch einige überraschende Wendungen.

Der Film beginnt mit der endlos langen Aufnahme einer schnurgraden Straße in einer flachen österreichischen Landschaft. Ein Polizeiauto kommt, hält an und die Insassen, ein Polizist und eine Polizistin, machen sich umständlich bereit, zu schnell fahrende Autos zu erwischen. Das alles wird altmodisch und sehr, sehr langsam mit lediglich wenigen Schnitten in hellem Licht ohne Schatten gezeigt. Diese Erzählweise ohne Kameraschwenks, Nahaufnahmen, Lichtveränderungen oder schnelle Bilder ist typisch für den ganzen Film. Immer wieder tauchen Menschen in diesen öden, einsamen, nicht bergigen Landschaften und Dörfern auf der Leinwand auf: Man fühlt sich oft in die trostlosen Gemälde des amerikanischen Malers Edward Hopper versetzt. 

Und Regisseur Hader breitet darin die ganze Tristesse des Landlebens vor uns aus, geißelt die rüde Verlogenheit und Sprachlosigkeit der dort lebenden Menschen. Jedoch macht der Regisseur im Interview auch deutlich, dass die Menschen hier nicht verrückter oder böser sind, als die Leute aus der Stadt. Aber Frauen wie Andrea wollen hier weg, übrig bleiben viele halsstarrige oder demente Männer, aggressive oder stille Säufer…

Hader sagte dazu: „Das zieht sich mindestens von Brandenburg bis Nordfrankreich. Die Provinz ist nichts Österreichische, das ist etwas sehr Europäisches.“

„Andrea lässt sich scheiden…“ 
Regie/Buch Josef Hader, Österreich 2024, 93 Minuten, Filmstart 4. April 2024 
mit Birgit Minichmayr (Andrea), Josef Hader (Franz) u.a.

Foto:
Josef Hader, Birgit Minichmayr © wega film

Tanztheater „Europa brennt“

„Europa brennt!“ Das neue Stück der Compagnie Artodance ist keine durchgehende Erzählung, sondern eine Collage aus assoziativen Bewegungsbildern und Tanzszenen. Die Kulturpreisträgern des Main-Kinzig-Kreises, Monica Opsahl, präsentierte ihre Choreografie zur derzeitigen Situation in Europa, im Rahmen der KulturWerk-Woche 2024 in Schlüchtern.

Dramatisch beginnt das Tanztheater mit Flackerlicht, Schüssen und Explosionen im Hintergrund. Ein verzerrtes Cello intoniert die Europahymne, die „Ode an die Freude“, mit strengen soldatischen oder getriebenen Bewegungen ziehen drei Tänzerinnen über die Bühne. Plötzlich werden sie von zwei maskierten Kriegerinnen mit Maschinenpistolen bedroht, sie haben Angst, unterwerfen sich – doch sie versuchen auch sich zu wehren, gemeinsam gegen die Eindringlinge zu erheben.

Kreischige, tiefdröhnende Klänge fahren in den Bauch und machen die Tanzenden mutiger. Momente der Empörung und Abwehr, bis alle Beteiligten zu Boden sinken, während die Deutschlandhymne angespielt wird. Später drücken Einzelne mit eindringlichen stummen Schreien ihren Schmerz, ihre Trauer, ihre Leiden aus. Eine fällt um, wird von den anderen getragen, eine Stürzende wird aufgefangen und weitergereicht. In der Verzweiflung gibt es zu sanften Tönen immer wieder berührende Szenen mit Kontakt, Beistand, Verbundenheit. Vertieft wird die intensive Anmutung der Tänzerinnen für das Publikum, durch die hervorragende Licht- und Klanggestaltung (Arnold Pfeifer). 

Im zweiten Teil des Abends, die Frauen sind jetzt verschrobener alltäglich gekleidet, geht es abstrakter zu: Sie tanzen das Leben – begegnen sich, schaffen Distanz und Nähe, holen Ausreißerinnen zurück, werden auseinandergerissen. Zwischendurch frieren sie zu eigenartigen Menschenskulpturen ein, sind sie Überlebende? Um Rettung Kämpfende? Denn die Bedrohung ist nicht vorbei, das Draußen erreicht auch die KulturWerk-Halle. Das Schlussbild im Nebel, zu „alle Menschen werden Brüder“, ist sanft und versöhnlich. Jedoch der Tanzabend ist kein Traum. „Mit letztem Atem erklingt mein Schrei: Du darfst nicht schlafen – es ist nicht vorbei!“ So hieß es in dem norwegischen Gedicht von 1937, „Europa brennt“, das Opsahl vor der Aufführung programmatisch rezitierte.

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Künstlergespräch in der Kunststation

„Klaus Schnei-der macht aus
sei-nen Hai-kus Kunst-Wer-ke
Spra-che wird zur Kunst“

Dies sind holprige, vom Verfasser erdachte Verse im japanischen Haiku-Stil. Haikus sind mittlerweile weltweit verbreitet, immer dreizeilig und bringen vorwiegend mit fünf/sieben/fünf Silben aktuelle Begebenheiten poetisch auf den Punkt. Oft sind sie auch philosophisch aufgeladen.

Der Frankfurter Künstler Klaus Schneider beschäftigt sich mit dem Zusammenhang oder der Differenz von Worten versus Bildender Kunst. In der Studio-Ausstellung „bei licht besehen“ (noch bis zum 7. April), präsentiert er Arbeiten, die das 17-zeilige Silbenschema der Haikus gleichsam in sicht- und fühlbare Kunstwerke transformieren.

Denn Malereien oder Skulpturen sind meist keine Symbole für etwas anderes, sondern als „präsentative Symbolisierungen“ (Susanne Langer) stehen sie für sich selbst. Durch ihre Betrachtung oder beim Anfühlen, kann sich die Bedeutung erschließen. Man muss sie im übertragenen Sinn „bei Licht besehen“, also intensiver wahrnehmen. Die Objekte vermitteln durch Farben, Formen, Strukturen eine unmittelbare, sinnliche und wörtlich: eindrucksvolle Erfahrung. Man kann die Haikus sehen! Gleichzeitig setzt Schneider manche Verse in Blindenschrift auf seine Werke, so dass man sie mit den Fingern fühlen könnte… Übertragen auf Partituren werden sie sogar für Musiker spielbar.

Der Wort- und Sprachkünstler Schneider kommt am 10. März 2024 ab 16 Uhr zum Künstlergespräch nach Kleinsassen, um seine Arbeiten vorzustellen. Die Umsetzung der Haikus in Musik übernimmt am Flügel Nigel Edwards. Der Eintritt zu allen Ausstellungen ist an diesem Tag frei.

Infos
„bei licht besehen“
Studioausstellung in der Kunststation Kleinsassen/Rhön
noch bis zum 7. April 2024
Die weiteren Ausstellung laufen
bis zum 28. April 2024
 www.kunststation-kleinsassen.de

Foto
Blick in die Studioausstellung
© Hanswerner Kruse 

Monster oder Menschen wie wir? 

Der Spielfilm „The Zone of Interest“ beschreibt einen Lebensabschnitt des Lagerkommandanten Rudolf Höß. Mit seiner Frau und den fünf Kindern, wohnt er im Schatten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Der englische Titel ist die Übersetzung der euphemistischen nazi-deutschen Umschreibung „Interessengebiet“ für das Gebiet um das KZ.

Lange ist die Leinwand grau, dann taucht der Titel auf: „The Zone of Interest“. Langsam wird er ausgeblendet, dennoch bleibt die Leinwand weiterhin (gefühlt) endlos lange grau. Dazu beunruhigende Neue Musik. Dieser Einstieg verunsichert: Trauen uns die Filmemacher ihre schrecklichen Bilder nicht zu? Wollen sie uns auf unsere Fantasien zurückwerfen? Immerhin wissen wir, es geht um die Gräuel im Todeslager.

Irgendwann dann der Schnitt und lange farbige Kinobilder: Leute picknicken im Wald. Männer baden im Fluss. Frauen suchen mit Kindern nach Beeren. Später die Heimfahrt, Ankunft zu Hause. Morgens gehen die Kinder zur Schule, der Mann zur Arbeit. Es sind banale Ereignisse, etwa wenn der Mann, es ist der Kommandant Höß (Christian Friedel) Geburtstag hat und vor dem Haus einen Schnaps mit seinen SS-Gratulanten herunterkippt. Seine Frau Hedwig Höß (Sandra Hüller), läuft mit dem Baby im Arm zwischen aufgehängter weißer Bettwäsche umher. Zum ersten Mal sieht man jetzt einen Wachturm hinter einer hohen Mauer – das ist das Einzige, was im gesamten Film vom Lager zu sehen sein wird.

Einige jüdische Menschen sind „Bedienstete“ der Familie, furchtsam liefern sie Lebensmittel, putzen im Haus oder servieren Essen. Stolz präsentiert Hedwig ihren Freundinnen einen „beschlagnahmten“ schwarzen Pelzmantel, in dem sie einen grellen Lippenstift fand. Zur gleichen Zeit sitzt Höß mit Ingenieuren zusammen und plant mit sachlich technokratischer Sprache zukünftige Massenmorde: „Der Transport wird entladen“ und „später wird die Brennladung in den Öfen gewechselt“.

Die Kamera ist kalt und distanziert, ihre aufgenommenen Bilder sind nicht ästhetisiert und ohne Effekte, emotionslos halten sie die scheinbar banalen Ereignisse in der Familie unweit des Entsetzens fest. Es gibt keinen Blick in das KZ, man sieht niemals Opfer – außer den ängstlichen „Bediensteten“ der Höß-Familie.

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Von Drahtwäldern bis fühlbaren Heikus

Ein Rundgang durch vier neue Ausstellungen in der Kunststation Kleinsassen / Rhön.
Heute geht es französisch zu“, begrüßte die Leiterin des Hauses Monika Ebertowski die vielen Gäste der Vernissage. „Les feuilles mortes“ („Die gestorbenen Blätter“) sang Sopranistin Verena Gass, am Flügel begleitet von Axel Daniel. Später folgten weitere Chansons, die sich auf die Ausstellungen bezogen.

Besonders freute sich darüber das französische Künstlerpaar Anne Eliayan und Christian Pic, das viele eigene Werke aus Arles – der Stadt Vincent van Goghs – mitbrachte. Seit 60 Jahren ist dieser Ort Fuldas Partnerstadt, seit 30 Jahren gibt es den Freundeskreis Arles-Fulda, der jetzt die Verbindung zur Kunststation unterstützt. „What’s the matter“ („Was ist los“) heißt die Schau – und es ist mächtig was los in ihren Räumen. Riesige seltsame Naturbilder empfangen den Besucher – etwa ein grellrotes Band, das sich durch eine wilde steinige Landschaft schlängelt, oder ein Baum der mit rotem Stoff umwickelt ist.

Im kleinen Saal verirren sich Figuren aus gefestigtem Zeitungspapier in Drahtwäldern. Hinter den Skulpturen sind Bildnisse seltsam karger, auf reines weiß reduzierte Bäume zu sehen. Am Ende der Ausstellung kann man Opfer unserer Konsumwelt erleben: sie stehen, wie Gekreuzigte mit ausgebreiteten Armen, auf Bergen von Uhren, Elektrogeräten oder Handys.

Den Objekten des Künstlerpaares liegen oft inszenierte und ausgedruckte Fotografien zugrunde. Diese werden später nachbearbeitet, erneut fotografiert und direkt auf Dibond-Platten gedruckt. So changieren die Werke technisch und ästhetisch zwischen Malerei und Fotografie. Die beiden trennen die Urheberschaft nicht, haben Spaß an der Zusammenarbeit – und das glaubt man ihnen, wenn sie begeistert von ihrem Schaffen erzählen. Zum Beispiel, wie Pic den 40 Kilo schweren Seidenballen durch das Tal schleppte. Das Duo setzt sich immer mit der Umwelt auseinander, sieht kritisch auf menschliche Spuren in der Natur oder ihrer Umgebung. Sie machen keine Öko-Propaganda, sondern die Objekte behalten immer ihren unwägbaren Rest, der uns eigene Assoziationen und Fantasien ermöglicht. Der Austausch von Kunstschaffenden aus dem Fuldaer Raum und Arles soll weiter fortgesetzt werden.

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Vergleichbar mit nächtlichen Träumen…

„Nicht ich“ ist der Titel des aktuellen Buches der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev, das sie kürzlich im legendären Berliner Ensemble vorstellte. Demnächst wird sie auch im Frankfurter Theater auftreten, begleitet von Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, die Auszüge daraus vorlesen wird., sowie Moderatorin Shelly Kupferberg. Allerdings handelt es sich bei der Veröffentlichung nicht um ein neues Werk. Die ehemalige Lyrikerin verfasste diesen, ihren ersten Prosatext, bereits vor dreißig Jahren, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde.“

Eine Frau nimmt sich einen Geliebten, verlässt ihren Mann und die gemeinsame Tochter. Sie zerstört ihre Familie, obwohl sie immer noch Fantasien einer heilen Welt in sich trägt: „Ich möchte nachts zusammen mit euch im Bett schlafen und zu euch ins Klo kommen…“ Die Autorin erzählt diese Geschichte eines „unerklärlichen Wahns“ nicht gradlinig, sondern spinnt mit krassen Zeitsprüngen ein literarisches Netz aus Erinnerungen und Fantasien. 

Die Schilderungen sind assoziativ miteinander verknüpft, wiederholen oder widersprechen sich, folgen keiner erkennbaren Logik. Sie sind vergleichbar mit nächtlichen Träumen, in denen vieles drunter und drüber geht oder Unmögliches zusammenkommt: Mit ihrem Mann besucht sie, gleich zum Beginn der Story, einen steinalten Heiler. Er verpflanzt ihre Gebärmutter in den Gatten, der später die gemeinsame Tochter zur Welt bringt. Babys soll man nicht anfassen, denn an ihnen kann man sich verbrennen, weiß sie. Trotz ihrer eigenartigen Liebhaber ist sie weiterhin mit dem Gemahl „durch Nägel und Drähte verbunden“. Häufig verschmilzt sie selbst als zwölfeinhalbjährigen Mädchen mit der groß gewordenen Tochter. Auf offener Straße wird sie weiß gekalkt und ist nun „festlich wie eine Wand“… 

Shalevs Sprache ist meist eigenartig und verrätselt, man spürt deutlich die Lyrikerin:

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Der Film „Wo die Lüge hinfällt“

Die junge Frau hastet durch die City, rempelt Leute an, stürzt in ein Café, weil sie dringend pinkeln muss. Aber das ist nur Gästen erlaubt und die Warteschlange vor dem Bestelltresen ist endlos lang. „Liebling, was willst Du trinken?“, ruft ihr ein attraktiver Fremder zu, der ganz vorne steht. Nun bekommt sie, als angebliche Ehefrau, tatsächlich den Kloschlüssel von der knurrigen Kellnerin.

So lernen sich Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell) kennen. Sie verbringen eine Nacht ohne Sex miteinander, doch durch ein blödes Missverständnis am nächsten Morgen, sind sich beide spinnefeind und sehen sich nicht wieder.

Nach diesem langen Teaser sehen wir der Heirat zweier Frauen zu. Als die Frage kommt, ob jemand Einwände vorbringen will, springt der Vater einer Braut auf. Überraschend folgt jetzt keine queerfeindliche Tirade, sondern er lädt – wir schauen ein Video – Verwandte und Freunde aus den USA nach Australien ein. Hier treffen nun also nach einigen Jahren Ben und Bea, die Schwester einer Braut, aufeinander und beginnen sogleich sich anzugiften. Bens Ex ist mit einem dumpfen, kraftprotzigen Surfer liiert: „Nur zum Vögeln“, wie sie ihrem Ex gegenüber betont und ihn anhimmelt. Beas Verflossener wird von den Eltern auch eingeladen, damit sie „endlich in die richtige Richtung geht.“

Die Bräute grämen sich, „sie werden unsere Hochzeit ruinieren“, und stiften die übrigen Gäste an, Bea und Ben zusammenzubringen. „Sie müssen sich ja nicht lieben“, heißt es, „wir müssen es nur hinkriegen, dass sie endlich miteinander vögeln.“ Doch beide durchschauen den plumpen Plan, beschließen dennoch mitzuspielen. Denn die zwei wollen auf keinen Fall wieder etwas mit ihren alten Lieben zu tun haben. Sie befummeln sich, wenn alle gucken, dabei findet Bea auch schon mal eine Vogelspinne in Bens Unterhose. Als die ganze Hochzeitsgesellschaft auf einem Schiff fährt, spielen sie Szenen aus dem Film „Titanic“ nach – was aber gründlich in die Hose bzw. in diesem Fall ins Wasser geht. 

Nach vielen guten Gags und gelungenen Slapsticks kommen sich die beiden einander tatsächlich erotisch näher. Während sich beim ersten Mal Bea aus Bens Wohnung morgens davonschlich, was ihn sehr kränkte, schleicht er sich früh nach der Liebesnacht fort, was sie nun mächtig kränkt. Und wieder beginnt das ganze chaotische Spiel von vorne…

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