„The Substance“ ein Horrorfilm?

„Jugend, die mir täglich schwindet…“ – wie aktuell sind doch diese 180 Jahre alten Zeilen Heinrich Heines. Wer würde diesen Prozess des Alterns nicht gerne aufhalten? Die Diva Liz Sparkle, im Film „The Substance“ dargestellt von Demi Moore, ist wahrlich kein junges Mädchen mehr. Aber mit ihren 50 Jahren ist sie immer noch eine topfitte und äußerst attraktive Frau. Doch der verschlagene Programmdirektor Harvey (Dennis Quaid), der aussieht wie Dieter Bohlen, will ihre erfolgreiche Aerobic-TV-Show absetzen und sie loswerden.

Dem alten Knacker ist Liz zu alt, hinter ihrem Rücken bereitet er heimlich das Casting für eine Nachfolgerin vor. Als Sparkle zufällig von der Intrige erfährt, verursacht sie anschließend vor Wut einen heftigen Autounfall. Später bekommt sie in der Klinik einen Zettel zugesteckt, er erhält ein attraktives Angebot…

Mit Hilfe einer geheimnisvoll Substance bekommt sie die Chance, eine Woche lang äußerst jung, dünn und schön zu sein, in der jeweils folgenden Woche müsste sie dagegen ihr altes Ich leben und altern. Natürlich nimmt sie an und nimmt die Substance. Nackt liegt Liz regungslos in ihrem Badezimmer, dramatisch kommt aus ihrem aufreißenden Rücken die nackte junge Sue (Margaret Qualley) herausgekrochen und näht später ihr altes Ego zu. Schnell gewinnt sie die Casting-Show des Senders und wird ihre eigene Nachfolgerin.

Im Folgenden geht es nicht um die Substance und die anonymen Mächte die dahinterstecken, sondern ausschließlich um die Folgen dieses eigenwilligen Tauschs. Immer wieder heißt es: „Ihr seid eine Einheit“, aber Sue wird mit der Wechselei immer unzufriedener. Sie mogelt herum, schindet längere Verwandlungszeiten heraus, doch dadurch altert Liz immer schneller und heftiger. Irgendwann wird sie zum riesigen Monster, wie Dorian Gray in der Erzählung von Oscar Wilde. Und am Ende des Films spritzt das Blut aus ihr wie aus Feuerwehrschläuchen…

So wird auch der Filme, der zunächst im schönen, perfekten Barbieland beginnt, zum krassen Monsaterfilm, genauer zum Genrefilm Body-Horror. Doch der Streifen ist kein Selbstzweck der Regisseurin Coralie Fargeat, für den sie beim letzten Filmfestival in Cannes mit einer Silbernen Palme (Bestes Drehbuch) ausgezeichnet wurde.

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„Die Ironie des Lebens“

„Es sind gute Monate geworden“, sagt Corinna Harfouch am Ende des Films, in ihrer Rolle als sterbende Eva. Ja, auch „Die Ironie des Lebens“ ist ein guter deutscher Film geworden, ein mutiger Seiltanz zwischen Comedy, Sex im Alter, Sterben und Beziehungsdramen. 

Auf der Bühne macht der sehr erfolgreiche ältere Comedian Edgar (Uwe Ochsenknecht) üble Witze auf Kosten seiner Exfrau, die er vor vielen Jahren mit zwei kleinen Kindern verlassen hat. „Was ist das Schönste an der Ehe?“, fragt er ins Publikum. „Die Scheidung“ schallt es aus dem Saal. Doch in der Pause steht plötzlich, nach 25 Jahren, die von ihm geschiedene Frau Eva in seiner Garderobe und berichtet, dass sie schwer an Krebs erkrankt sei und keine Chemo, keine Bestrahlung wolle: „Ich möchte noch ein paar gute Monate haben“, sagt sie und verschwindet schnell, weil sie meint, der Besuch sei wohl doch keine so gute Idee gewesen. 

Im Bademantel und Schlappen folgt Edgar ihr bis in den Bus, versucht Eva dort weis zu machen, dass man gegen ihre Krankheit bestimmt was tun könne, er hätte gute Beziehungen und viel Geld um ihr zu helfen. Doch sie will keine Hilfe annehmen, weißt empört seine Unterstützung als Narzissmus zurück. Der Comedian ist trotz seiner Erfolge eigentlich ein einsamer Mensch, trinkt zu viel, hat gelegentlich Sex mit Groupies, liebt aber nur seinen Hund. Deshalb überrascht es nicht, dass er sich als Retter wieder seiner Frau annähern will – und auch zum ersten Mal seine Tochter trifft, die selber Comedy bei YouTube macht. 

Überraschend (auch für uns) lädt der Komiker die Exfrau zum legendären Comedy-Ball in München ein – die beiden tanzen miteinander, vergnügen sich, trinken reichlich Alkohol und singen nachts im leeren Tanzsaal den alten Song der „Ton-Steine-Scherben“: „Halt Dich an Deiner Liebe fest“. Und natürlich landen die beiden, fast 70-jährigen im Bett und probieren lachend Sex im Alter. Edgar sagt alle Konzerte und Interviews ab, widmet sich ganz Eva, beide haben wunderbare Tage – doch sie will immer noch keine Behandlung.

Als sie sich eines nachts stundenlang vor Schmerzen windet, aber keinen Arzt empfangen will, brüllt Edgar: „Dann stirb doch. Aber ohne mich!“ und verschwindet.

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Eine „goldene Verbindung“ zwischen Oberitalien und der hessischen Rhön

„Una festa italiana“ in der Kunststation in Kleinsassen/Rhön. Ein Trio spielte „Cantare“, alle Leute sangen fröhlich mit. Zur Vernissage in der Studioausstellung des Künstlers Giorgio Cavina kamen 60 italienische Gäste aus seiner Heimat. Sie verbreiteten sofort südländisches Flair und steckten die zahlreichen deutschen Besucher an. Gefördert wurde dieser kulturelle Austausch – zwischen Hofbieber, zu dem Kleinsassen gehört, und Montana Acquacheta in Oberitalien – durch den Rhöner Freundeskreis Italien.

Auf den ersten Blick muten die groben farbkräftigen Malereien Cavinas irgendwie arabisch an, weil sie verhüllte, ja manchmal verschleierte Wesen zeigen. Formal erinnern sie aber auch an byzantinische Ikonenmalerei, nicht zuletzt, weil der Künstler viel Blattgold in seinen Arbeiten verwendet. „Connessione d’oro“ heißt seine Ausstellung, goldene Verbindung – und das ist tatsächlich wörtlich zu nehmen. 

Aber manche Bilder changieren auch ins Abstrakte und irritieren dadurch den Betrachter. Was zeigt denn der Künstler eigentlich wirklich, fragt man sich, und beim zweiten Blick überraschen dann die Untergründe. Cavina nutzt neben Leinwänden auch erkennbar Sperrholz oder Zementplatten für seine Bilder. Die werden nicht nur mit Ölfarbe, Blattsilber und Blattgold arrangiert, sondern auch mal mit Bitumen versehen oder durch Zeitungsschnipsel collagiert. Dadurch entstehen völlig ungegenständliche aber spannende Kompositionen. Die bedeuten gar nichts mehr, bleiben titellos und beeindrucken am meisten, weil sie starke Gefühle provozieren. 

Das ist vielleicht Geschmacksache, doch auch die verhüllten Gestalten oder die arabisch wirkenden Buchstaben sollen lediglich exotische Assoziationen wecken, sie bilden keine Wirklichkeit ab. Denn der Maler will auf diese (Gestaltungs-) Weise ausdrücklich unterschiedliche, ja einander fremde Kulturen verbinden.

Einige neuere Arbeiten mit grellroten Farben setzen sich mit den katastrophalen Unwettern auseinander, denen Cavinas Heimatregion ausgesetzt war.

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„Lebensformen“

Gisela Eichhardt ist eine der drei neuen Ausstellerinnen in der Kunststation Kleinsassen/Rhön

Kaum war in Kleinsassen die Kunstwoche vorbei, begannen bereits eine Woche später in der Kunststation drei neue Ausstellungen. Bewusst hielt die Station die große Papierausstellung bis zum Ende des Festivals geöffnet und beteiligte sich mit Workshops und Aktionen.

Im Folgenden stellen wir Gisela Eichhardt als erste der Ausstellenden mit ihren „Lebensformen“ (Titel) vor. Gleich beim Betreten ihres Saals begegnet man zwei großen, halbwegs realistischen Holzfiguren. Zunächst stößt man auf die „Braut“, die angesichts ihrer Hochzeit eher nachdenklich, bedrückt und in sich gekehrt wirkt. Etwas weiter steht der Doppelkopf „Zusammen allein“. Er könnte siamesische Zwillinge oder ein eng verbundenes Pärchen darstellen, aber auch das widersprüchliche Innere einer Person. Hoffnung macht ein einzelner Flügel, der dieses hölzerne Werk optimistisch aufhellt.

Die weiteren menschlichen, meist weiblichen Skulpturen der Bildhauerin sind ebenfalls leicht naturalistisch ausgearbeitet und wirken genauso verschlossen und nachdenklich. Wichtig ist, um die Figuren herumzugehen, um deren Ausdruck und mögliche Gefühle zu erfassen. Einige sind Fragende: „Wohin“ heißen zwei Wesen, der Holzmann ist ein „Suchender“. Die Arbeitsspuren im Holz, die „Narben“, sowie die dezente Übermalung schaffen eine eher traumartige Anmutung der Geschöpfe. Manche Titel weisen zwar Wege, überlassen aber letztlich die Interpretation den Betrachtern.

Keinesfalls sind die hölzernen Bildhauereien Porträts realer Menschen. Stattdessen sehen sie so aus, als seien sie aus den Baumbildern gekommen, die sie an den Wänden als Bilderwald oder Waldbilder umgeben. Doch um die Skulpturen herum hängen keine Abbilder der Natur, sondern Abdrucke von Natur- und anderen Materialien, die lediglich wie eigenartige Bäume und fantastische Landschaften erscheinen.

Diese wald- und landschaftsartigen Objekte bilden die zweite Werkgruppe der Künstlerin und muten unwirklich, ja fantastisch an.

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Wunderbar kuratiert

Drei neue Ausstellungen in der Kunststation Kleinsassen

Kaum war in Kleinsassen die Kunstwoche vorbei, begannen bereits am letzten Sonntag in der Kunststation drei neue Ausstellungen. Bewusst hatte die Station die Papierausstellung noch so lange geöffnet und war auch selbst mit Workshops und Aktionen an der Kunstwoche beteiligt.

Die Malerin Simone Distler nennt ihre Ausstellung „Resonanz“. Mit wilden Gesten und heftigen Bewegungen bringt sie ihre vermischte Acrylfarbe auf die Leinwände und schafft darauf ungegenständliche Gebilde. Obwohl abstrahiert, wirken sie dennoch wie ortlose Landschaften, kämpfende Riesenwesen oder Eisgebiete.

Gisela Eichardt begrüßt die Besucher in ihren „Lebensformen“ (Titel) mit Holzskulpturen, einem Zwillingspaar und einer Braut, es sind zwar realistische, aber doch sehr in sich gekehrte Wesen. Sie sehen so aus, als seien sie gerade den Bäumen entsprungen, die sie (an den Wänden) umgeben. Doch rundherum hängen keine Abbilder der Natur, sondern Hoch-Drucke von Natur- und anderen Materialien, die wie eigenartige Bäume und traumhafte Landschaften anmuten. 

Michal Fuchs ist die vielseitige Künstlerin, die sich im letzten Jahr an der documenta-kritischen Ausstellung „Make Friends AND Art“ in der Kunststation beteiligte. Für ihre Installation wurde sie mit dem Jurypreis ausgezeichnet und erhielt dafür ihre Einzelausstellung, die sie „Die Quadratur des Kreises“ nennt. Sie beschäftigt sich intensiv mit Prozessen in der Natur, die sie als Metaphern für gesellschaftliche Entwicklungen wahrnimmt oder die Modelle für menschliches Zusammenleben sein könnten.

Ich werde die Künstlerinnen mit einigem Abstand jeweils einzeln vorstellen. 

Service
Die drei Ausstellungen gehen noch bis zum 17. November 2024. Die Kunststation ist von dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Ab 31. Oktober gelten die reduzierten Winteröffnungszeiten.

Sämtliche Informationen unter www.kunststation-kleinsassen.de

„Cuckoo“ – rufst aus dem Wald

Auf der letzten Berlinale im Frühjahr hatte der Film „Cuckoo“ seine Weltpremiere in der Sektion Special Gala und wurde dort als eher düsterer Beziehungsfilm abgekündigt. Die Geschichte der Protagonistin Gretchen beginnt im Ressort „Alpschatten“, jedoch im Schatten eines Alptraums wird „Cuckoo“ völlig unerwartet ein echter Horrorfilm. 

Zwar werden keine Bäuche mit herausquellenden Gedärmen aufgeschlitzt oder blutspritzend Arme durch Kettensägen abgetrennt. Doch mit Licht und Schatten, ja gelegentlich tiefer Schwärze, grellen Schreien, krassen Schnitten, manchmal einer erdbebenartigen Kamera, Loops der bizarren Handlung, in der sich zu schriller Neuer Musik Ereignisse rasch wiederholen, treibt uns der junge Regisseur Tilman Singer in einen tiefen Abgrund. Neben der oft Gänsehaut bereitenden Filmsprache, die man aushalten muss, werden wir Zuschauer auch noch einer abstrusen Handlung ausgesetzt. 

Ungerne kommt die 17-jährige Gretchen (Hunter Schafer) aus den USA in die Bayrischen Alpen, um dort mit ihrem Vater, seiner neuen Frau und ihrer Halbschwester zu leben. Warum bleibt lange offen, denn sie ruft ihre Mutter immer wieder auf dem Anrufbeantworter an und fleht, nach Hause kommen zu dürfen. Erst spät erfährt man vom Tod der Mutter. Ihr Vater soll das Ressort umbauen, dessen etwas schmieriger Besitzer Herr König (Dan Stevens) bietet dem jungen Mädchen gegen den Willen des Vaters an, in der Rezeption zu arbeiten. 

Bald versetzt uns der Streifen in eine bizarre Zwischenwelt von Realität und Alptraum: eine irre wirkenden blonde Frau erschreckt die Filmfiguren (und uns) mit grellen Schreien, dabei bebt die Erde. Doch die Schreckensgestalt verschwindet immer wieder schnell und lässt die Akteure (und uns) verwirrt zurück. Ein neuer weiblicher Gast versucht Gretchen mit heißen Küssen zu verführen. Als sie nach dem ersten Arbeitstag mit dem Fahrrad in der Dunkelheit in ihr neues Zuhause fahren will, wird sie von der blonden Frau attackiert.

Man weiß nicht, neigt sie zum Wahnsinn oder wird sie wirklich verfolgt? Verletzt flüchtet sie in eine Klinik, in der auch bald ihr Vater mit Frau und Kind erscheint. Denn die gehörlose Halbschwester Bela (Mila Lieu) leidet an Krampfanfällen und muss hier zeitgleich behandelt werden.

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„Fremde überall“ in Venedig

Auf der venezianischen 60. Biennale gibt es neben genähten oder bestickten Textilien, naiven Bildern wie von Kinderhand oder ornamentaler Volkskunst auch anspruchsvolle zeitgenössische Kunst. 

Das Ausstellungskonzept „Fremde überall“ passe zum zeitgeistigen Mainstream und habe etwas Anbiederndes, schrieb vorab die Neue Züricher Zeitung. Auch nach dem Beginn gab es Kritik am Konzept des brasilianischen Kurators Adriano Pedrosa, überdies antisemitische Proteste zweitklassiger Kunstschaffender. Doch anders als bei der documenta fifteen steht hier der Diskurs über aktuelle Kunst im Fokus des Festivals, das seit langem zweigeteilt ist: In vielen Hallen der Arsenale, einer steinalten Schiffswerft, und im neu grellbunt bemalten Palast in den Giardini, werden Werke präsentiert, die der Kurator zum Thema der zentralen Biennale-Ausstellung auswählte. Er lud 332 meist unbekannte Kunstschaffende ein.

Beide Orte beginnen mit spannenden Arbeiten, in den Arsenalen mit dem „Refugee Astronaut“, einer lebensgroßen, in afrikanisches Tuch gewickelte Raumfahrer-Figur. Und im Eingang mit der Lichtinstallation von Maori-Künstlerinnen, die zeitgenössische Kreationen mit regionalen Wurzeln verbinden und dafür einen Goldenen Löwen bekamen. Ansonsten schmiegen sich in den halbdunklen Hallen viele Objekte faszinierend an die verrotteten Wände, die vergitterten Fenster und die maschinellen Überbleibsel der einstigen Werft. Zwischen Kitsch, Kunstgewerbe und Folklore überraschen faszinierende Wandteppiche mit surrealen Motiven oder riesige traditionelle Farbscherenschnitte mit sexuellen Motiven. In der zentralen Schau in den Giardini empfängt uns ein Nomadenzelt, eine Zuflucht und doch ein Gefängnis für Frauen. Es folgen faszinierende Malereien einer Outsider-Künstlerin. Andere Bilder werfen Fragen auf: Hat Picasso sie abgeguckt oder ahmen die Enkel lokaler Künstler im globalen Süden ihn nach?

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Malereien zwischen Traum und Realität

In seiner Ausstellung „Scrubble“ im Studio der Kunststation in Kleinsassen/Rhön präsentiert Lukasz Huculak Malereien, die zwischen Realität und Traum changieren. Der Stipendiat des Via-Regia-Künstleraustauschs wird vier Wochen lang in Kleinsassen präsent sein, inmitten seiner Werke arbeiten und für Gespräche bereitstehen.

Dort hängen Bilder von undeutlichen, nicht bestimmbaren Räumen oder Landschaften in erdigen und sepiaartigen Farben. In diesen Orten agieren oft amorphe, unwirkliche Figuren, zuweilen in scheinbarer Bewegung. Selten gibt es auf den farblich zurückhaltenden Gemälden kleine bunte Klekse. Mit seinen Darstellungen schafft der Künstler eine abwechslungsreiche Balance zwischen fantasierten und erkennbaren Gebilden, zwischen Abstraktion und Wirklichkeit. Erst beim zweiten, dritten Blick kann man in seinen Gestalten oder in den Bildstrukturen Buchstaben erkennen. 

Deren Bedeutung ist nicht festgelegt. Huculak gibt keine zu lösenden Rätsel auf, auch wenn sich sein Titel „Scrubble“ auf das Wortspiel Scrabble bezieht. Sondern er spielt mit Bildern und Lettern, fordert die Betrachter auf, eigene Assoziationen und Allegorien zu entwickeln. Unter anderem werden die Buchstaben in seinen Werken von ihrer Funktion zur Vermittlung von Informationen befreit. Dadurch erinnern sie an Konkrete Poesie: Wörter und Buchstaben werden aus ihren sprachlichen Zusammenhängen gelöst und treten den Betrachtern „konkret“ gegenüber. In all seinen Arbeiten interessiert sich der Künstler für das Verhältnis von Schrift, Sprache und Bild – auch wissenschaftlich als Kunstprofessor in Breslau/Polen. Darin sieht er eines der wichtigsten Themen der zeitgenössischen Kunst.


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„Kleines ganz groß“

Im Vonderau-Museum präsentiert der Fuldaer Kunstverein seine spannende diesjährige Querschnitts-Ausstellung „Kleines ganz groß“. 52 Kunstschaffende interpretieren mit 102 unterschiedlichen Arbeiten und künstlerischen Medien das Thema.

Besucher stoßen im Eingangsbereich auf eine Wand von 162 eng gehängten, grünen Leinwänden im Format 20 mal 20 Zentimeter. Die von Mitgliedern gefertigten „kleinen Grünen“ sind extrem verschieden – und verweisen damit auf die gestalterische und inhaltliche Vielfältigkeit der folgenden Schau. Doch die Ausstellung ist kein beliebiges Sammelsurium, sondern hervorragend kuratiert.

Ein gewaltiger hölzerner Apfelgriebsch („Apfel“), eine Wiese von Textilcollagen, „kleine Blüten ganz groß“ (Titel) oder textile Spermien, „Einer wird gewinnen“, empfangen humorvoll die Gäste. Die Beatles sind in Grafiken als Käfer verfremdet („Seltene Spezies“), die fette Spinne auf einer Eiswaffel bietet die „Eiskalte Überraschung“. 

Denn im hinteren Bereich der Halle geht es düsterer zu: Edle, aber bedrohlich anmutende phallusartige Keramikgebilde, verweisen auf die aktuelle Diskussion um die Taurus-Raketen („Taurus 300“). Das Gemälde eines Kindersoldaten geißelt: „Statt Lutscher Kalaschnikow“. Gandhi und Hitler in Graphit auf Papier, provozierend nebeneinander gehängt, symbolisieren den „Flügelschlag eines Schmetterlings“. Diese beklemmenden Arbeiten überwältigen nicht mit eindeutigen Botschaften, sondern provozieren Emotionen und Gespräche.


In der ersten Etage gibt es vor den zahlreichen Wandbildern allerlei Skulpturen. Etwa wieder zwei Käfer, („Skarabäus“), riesig und aus diversen Metallen vor verrätselten Fotografien, die Blumen mit Mädchen verweben („fleur François“). Gigantische Pilzobjekte wirken schön aber bedrohlich, denn diese Gewächse sind ja auch fremdartig – und nicht einfach nur „Drei kleine Pilze“.

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Das Festival „artkin groove“ des Kollektivs Mania

Inmitten des Aufeinandertreffens von Natur, Bildender Kunst, Musik und wenig Regen – im „Botanischen Garten“ in Steinau-Seidenroth – erlebte das Publikum zwei Tage lang ein großartiges abwechslungsreiches Festival.

Etwa einhundert „Suchende“ waren ständig an diesem magischen Ort im „Botanischen Garten“ präsent und befanden sich in einer anderen Welt. Der Höhepunkt des ersten Tages war sicherlich der Auftritt der legendären Psychedelic-Rockband „Embryo“, die mindestens drei Generationen anlockte.


Unterhalb einer Blumentreppe lag ein riesiger, etwas angeschlagener „Schlüsselanhänger“, so groß, wie das Erschrecken, wenn man seinen verlorenen Schlüssel sucht. Vielleicht wuchs er aber auch zu einem autonomen Wesen, das sich davonmachen wollte. Der kräftige Wind wehte durch die Lamettahaare eines Monsters, das vor einem, drohend wirkenden Baum in einem Käfig steckte. Eine künstliche Mauer trennte und verband zugleich das Wohnhaus mit dem Garten. In der nahen Halle zeigte eine chinesische Künstlerin ein Video, das den unglaublichen mechanischen Gruppendrill tanzender Kinder entlarvte. Die krassen Bewegungen der kleinen Tanzmaschinen unterlegte sie mit Knattern, Rattern, Quietschen und anderen unerbittlichen Industriegeräuschen.

Das Festival des Kollektivs Mania realisierte kein Museum im Grünen, keine luftige Konzerthalle im Freien. Einerseits waren die Kunstwerke, Performances und Filme das Thema der Auseinandersetzung mit der Natur, andererseits jedoch das Medium zur Begegnung und Kommunikation der Gäste. Selten erlebte der Verfasser dieser Zeilen so viele freundliche Kontakte mit „Fremden“. Erstaunlich die große Vielfalt, der von den zwei Kuratorinnen Melika Moazeni und Ines Schäfer ausgesuchten Objekte und Darbietungen.

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