Kehraus bei der 70. Berlinale

Der Goldene Bär für den Film „Es gibt kein Böses“, der als letzter im Wettbewerb gezeigt wurde, war aufgrund seiner cineastischen Qualität keine Überraschung. Ansonsten gingen – wie immer – ein paar Silberbären an Filmschaffende, die zuvor im „Bärenorakel“ der Profi-Kritiker mächtig gefeiert wurden, andere Entscheidungen waren dagegen umstritten.

In der Pressekonferenz zum Festivalbeginn erzählten alle Mitglieder der Internationalen Jury von beeindruckenden Filmerlebnissen in Kindheit und Jugend. Sie sprachen über „Bambi“, „E.T.“ oder Charlie Chaplin und waren sich einig, Filme sollten „von Herzen mit Leidenschaft“ gemacht werden. An diesen Ansprüchen können sich ihre Entscheidungen messen lassen.

Für den Gewinner des Hauptpreises, den iranischen Regisseur Mohammed Rasoulof, gelten diese Jury-Wünsche allemal. Er bekam keine Ausreisegenehmigung und durfte, wie bereits andere iranische Regisseure vor ihm, nicht am Festival teilnehmen. Allerdings erhielt der Streifen den Goldenen Bären nicht als politische Demonstration. Sein Film ist wahrlich „von Herzen mit Leidenschaft“ erarbeitet, sowie gemessen an anderen Beiträgen des Wettbewerbs ein cineastisches und thematisches Meisterwerk.

In vier Episoden zeigt „Es gibt kein Böses“ wie Menschen schuldig werden und damit umgehen müssen. Vordergründig geht es um die Todesstrafe „überall in der Welt“, betonte einer der Produzenten. Aber wie bei vielen iranischen Kunstschaffenden ist diese Verallgemeinerung ein Kniff, um noch stärkeren Drangsalierungen im Land zu entgehen: Kritik an Maßnahmen der Mullahs wird nicht direkt geäußert, sondern weltweit angeprangert.

Sicherlich sind die mit Silberbären ausgezeichneten Darsteller im Vergleich die besten Akteure. Oft stehen sie aber auch, gleichsam als „pars pro toto“, für großartige Werke. So der italienische Schauspieler Elio Germano für die spannend und einfühlsam erzählte Lebensgeschichte des Outsider-Künstlers Ligabue („Hidden Away“). Oder die, derzeit mächtig durchstartende Paula Beer als magische Undine in einer entzauberten Welt im gleichnamigen deutschen Beitrag „Undine“. Beide Werke sind „von Herzen und mit Leidenschaft“ gemacht – und wie viele andere im und außerhalb des Wettbewerbs dennoch politisch, wenn man das Politische so erweitert, wie die Berlinale. Häufig aufgegriffene Themen wie Abtreibung, Gender oder Migration waren und sind ja allemal politisch. Doch der künstlerische Leiter Carlo Chatrian fasste das Politische noch weiter: „„Für mich ist Kino dann politisch, wenn ein Film sein Publikum dazu auffordert, die eigene Sichtweise zu ändern.“ Weiterlesen

Känguru-Chroniken kein Blödelfilm

Ein lebensgroßes Känguru namens Känguru klingelt einige Male an Marc-Uwes Wohnungstür, um alle Zutaten zum Backen eines Pfannkuchens auszuleihen und zieht schließlich ungefragt bei ihm ein. So wie der Kult gewordene Episodenroman „Die Känguru-Chroniken“, beginnt auch der Film, der am 5. März in den Kinos anläuft.

Die millionenfach verkauften Chroniken sind keine Blödelsammlung, sondern politisch-surreale Begebenheiten und Weltbetrachtungen, die vom Regisseur Dani Levy („Alles auf Zucker“) großartig cineastisch umgesetzt werden. Allerdings macht er aus dem Allerlei von Figuren, Orten und Ereignissen eine durchgehend groteske Geschichte. Allem Anschein nach spielt sie in der Wendezeit in Berlin-Kreuzberg. Aber bitte kein Gejammer – das Drehbuch entwickelte der  Regisseur gemeinsam mit dem Autor der Chroniken Marc-Uwe Kling.

Das noch von Eingeborenen bewohnte, aber auch multikulturelle und hausbesetzte Kreuzberg, wird vom rechtspopulistischen Immobilienhai Dwigs (Henry Hübchen mit Föhnfrisur) und seiner skrupellosen Frau Jeanette (Bettina Lamprecht mit reichlich Schwangerbauch) plattgemacht. Beide finanzieren eine Nazi-Partei, deren Prügelbande die letzten Bewohner eines Altbaus, darunter Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) und sein Beuteltier, drangsalieren. Dabei wird schon mal ein typisch Berliner Nacht-Einkaufsladen („Späti“) verwüstet oder aus Versehen Dwigs Porsche zu Schrott gehauen.

Das soziale Leben der Bewohner spielt sich meist in der Kneipe von Herta (Carmen-Maja Antoni) und einem türkischen „Späti“ ab. Wie selbstverständlich bewegt sich, ungezügelt und intellektuell zugleich, das Känguru zwischen ihnen. Mal spielt es das Haustier, mal einen findigen Rechtsanwalt, manchmal gibt es seinem Mitbewohner sogar Tipps, wie der die alleinerziehende Mari (Rosalie Thomass) becircen könnte. Nebenbei: Seine Eltern schenkten dem schüchternen Marc-Uwe zehn Psychoanalyse-Stunden, die er bei einem schrägen Wiener Psychiater absitzt. Aus machtgeiler Bosheit will Dwigs eines der letzten alten Häuser abreißen und darauf einen riesigen Turm bauen. Ohne allzu viel zu verraten kann man sagen, dass ihm das nicht gelingen wird, weil Mari fantastische digitale Kenntnisse besitzt.

Die filmische Umsetzung der Chroniken ist kein linksradikaler Politklamauk und schon gar keine, Burleske zum schenkelklopfenden Ablachen. Es ist eine liebevolle aber reichlich übertriebene Erzählung von denen da oben und den Menschen dort unten. Weiterlesen

Generation: Filme für Kids auf der Berlinale

Bereits vor über 40 Jahren gründete die Berlinale ihre Sektion „Generation“ mit Filmen für Schulkinder und Jugendliche. Solch eine Reihe gebe es weder in Venedig noch in Cannes, erklärte Mariette Rissenbeek, Co-Leiterin des Festivals, in einem taz-Interview. Dieser Bereich sei absolut wichtig, weil sie „junge Zuschauer anspricht und viele Filme mit viel Publikum bietet.“

„Yalda“, der iranische Spielfilm, ist sicher der heftigste dieser Sektion, der die Brüche zwischen gruseliger Tradition und moderner Medienwelt aufreißt: In einer Reality-TV-Show kämpft die junge, zum Tode verurteilte Maryam weinend um ihr Leben. Vor laufender Kamera muss sie das Publikum um Vergebung sowie Blutgeld für ihre Tat bitten.

Mit dem Übergang zum Erwachsenenalter in diversen Kulturen setzten sich etliche Coming-of-Age-Filme auseinander. In „Kokon“, dem gefeierten Eröffnungsfilm der Reihe, hat Nina ihre erste Menstruation und verliebt sich in eine Außenseiterin. Von ihrer Schwester Jule wird sie angeblafft: „Hör auf mit der Bitch zu chillen!“ Die Welt dieser Mädchenclique im Berliner Brennpunkt Kotti ist genauso exotisch, wie die von Amy im Pariser Barbès: In „Mignonnes“ wird die Elfjährige aus dem Senegal zwischen afrikanischer Tradition und modernem französischen Leben zerrissen: Die Mutter bereitet das Ehebett für die zweite Hochzeit des eigenen Mannes, während die Tochter die erste Regel bekommt und mit sexualisierten Tänzen in ihrer Clique um Anerkennung kämpft.

Weitere Filme für größere Kinder fragen, wie geht man mit einer Pubertierenden um, die eine riesige Maschine liebt? Wie verhält sich eine zur Waise gewordene Jugendliche in der kriminellen Stieffamilie? Kann ein Nomadenjunge in der mongolischen Steppe den Kampf seines gestorbenen Vaters fortführen? Die Youngsters in diesen spannenden Streifen mit (meist) offenen Lösungen sind auf der Suche. Sie leben im Übergang und ringen um eigene Identität und Anerkennung ihrer Peer Group. Oft auch humorvoll thematisieren die Filme Straffälligwerden oder andere Brüche gesellschaftlicher Normen. Cineastisch gehört „Generation“ mit zum Besten, was die Berlinale zu bieten hat und wird auch gerne von Erwachsenen besucht. Die Ränder zu anderen Bereichen wie „Panorama“ sind fließend.

Früher war die Sektion zunächst filmästhetisch, später pädagogisch überfrachtet, mittlerweile lehrt sie Kinder und Jugendliche beides: Filme zu sehen und im Kino zu genießen, sich aber auch mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie selbst oder Teens in anderen Kulturen haben.

Von der Berlinale werden Besuche ganzer Schulklassen pädagogisch unterstützt. Nach der Kontaktaufnahme können Lehrer in den Pressevorführungen Streifen vorab sehen, die ihnen individuell empfohlen werden. Ein Pädagoge war vom angebotenen „Mignonnes“ so begeistert, dass er mit seiner 7. Klasse kommen will und zur Reflexion ein gemeinsames Video plant. Diesen Film fand auch eine Lehrerin „cool“, die eine Schauspiel-AG leitet und sich dem Thema theatralisch annähern möchte: „Ich will vorher gar nicht so viel interpretieren“, meinte sie, „die Jugendlichen haben immer ganz eigene Sichtweisen auf Filme.“ Weiterlesen

Streiflichter zur Geschichte der Berlinale

Trotz mancher Krisen nahm die Berlinale eine schlüssige Entwicklung, die durch zwei Konstanten geprägt wurde: Sie ist ein Publikumsfestival und verwirklicht politische Ansprüche, die sich allerdings von den Vorstellungen ihrer Gründer und späterer Einflussnehmer lösten. Das Festival entwickelte immer die Kraft, sich selbst erhalten, wandeln und erneuern zu können.

Natürlich wurde 1951 die Erschaffung der Festspiele nicht aus cineastischen Gründen von den USA forciert. Im Kalten Krieg sollte das immer noch vom Krieg zerstörte West-Berlin ein politisches Schaufenster, gleichsam die Leinwand der freien Welt inmitten der DDR werden. Zuvor hatten fast ein Jahr lang sowjetische Truppen 1948/49 Westberlin belagert, die übrigen Alliierten versorgten die zwei Millionen Einwohner aus der Luft: „Apokalypse Now“. Wie ein Blockbuster im Kino.

Die Berlinale war also von Beginn an ein politisches Festival, das den Westberlinern auch Glamour und etwas Hollywood brachte: Von Gina Lollobrigida bis Meryl Streep, den Rolling Stones bis Ed Sheeran, Gary Cooper bis George Clooney kamen viele Weltstars auf den roten Teppich oder saßen in den Jurys.

Zum Ende der 1950er-Jahre verhalf das Festival französischen Filmemachern der „Nouvelle Vague“ um Claude Chabrol und François Truffaut, aber auch anderen europäischen Regisseuren zum Durchbruch. Ingmar Bergmann erhielt hier seinen einzigen bedeutenden Preis. Das „New Hollywood“ feierte in Berlin ebenso Erfolge wie der „Neue Deutsche Film“ Werner Herzogs oder Rainer Werner Fassbinders. Nach einer Krise wurde das „Forum“ vor 50 Jahren mit seinen experimentellen und kritischen Filmen in die Berlinale integriert.

In dem Jahrzehnt bevor Dieter Kosslick 2001 Festivalleiter wurde, waren die Besucherzahlen zurückgegangen, vielen Kritikern war das Programm zu seicht und zu amerikanisch geworden. Der neue Chef und sein Team führten weitere Sektionen ein und luden asiatische, afrikanische und südamerikanische Filmschaffende ein. Initiativen wie der schwule „Teddy Award“ oder Indigene Filme konnten assimiliert werden. „Ein über die Jahre mit Hollywood-Kitsch und Til-Schweiger-Komödien betäubtes Publikum kam aus dem Staunen nicht heraus“, schrieb die NEUE ZÜRICHER ZEITUNG.

Zwei wichtige, sehr große komplementäre Bereiche wurden auch in Kosslicks Ära entwickelt: Der Austausch zwischen Filmschaffenden untereinander, etwa im „World Cinema Fund“ oder die Begegnung von jungen und erfahrenen Kinoleuten in „Talents“. Zum anderen die Kontakte auf dem European Film Market mit zahlreichen Möglichkeiten zur kommerziellen Filmentwicklung und zum Vertrieb. Weiterlesen

Die neue Festival-Leitung und die 70. Berlinale

In wenigen Tagen werden die 70. Berliner Filmfestspiele beginnen, die Berlinale feiert ihr Jubiläum. Bereits vor einigen Wochen stellte die neue Leitung, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die Wettbewerbsbeiträge für die Gold- und Silberbären auf der traditionellen Pressekonferenz vor.

Doch die Stadt ist noch nicht im Bärenfieber, die Medien beschäftigen sich eher mit den neu geborenen Panda-Bären im Zoo. Es fehlen die Plakate, auf denen die Pelztiere durch die Nacht streifen, S-Bahn fahren oder Models Bärenköpfe absetzen. Stattdessen wirbt ein lebloses grafisches Sammelsurium für die Berlinale. Der kurz aufgebauschte „Skandal“ um die Nazi-Vergangenheit des ersten Festivalleiters Alfred Bauer ist kein Thema mehr: Das werde durch unabhängige Wissenschaftler untersucht, meinte Rissenbeek bereits auf der Pressekonferenz.

„Wir wollen nicht die Berlinale verändern sondern weiterführen, sie ist ein Geschenk, das wir bekommen haben“, erklärten der künstlerische Leiter Chatrian und die Geschäftsführerin Rissenbeek, „aber wir möchten neue Ideen aufgreifen.“ Dazu gehört die neue kompetitive Sektion „Encounter“, sowie die Auseinandersetzungen mit der Digitalisierung und dem Serienboom. Wer nach dem Abschied des langjährigen Festivalchefs Dieter Kosslick dramatische Veränderungen erhoffte oder befürchtete, wurde enttäuscht oder war erfreut: Statt 400 Filme wie bisher wurden zwar nur 340 für alle Sektionen ausgewählt. Doch dieser Straffung läge kein Konzept gegen die von Kritikern behauptete „Ausuferung“ vor, sagte uns Chatrian, demnächst könnten es wieder mehr werden.

Die neue Leitung erschien mit 21 – zum Teil langjährigen – verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen Sparten. Damit wollten sie deutlich machen: „Wir sind ein Kollektiv!“ Zugleich symbolisierte der Auftritt die künstlerische Spannweite des Festivals von engagierten Kinder- und Jugendfilmen bis zu radikalen künstlerischen Experimenten. Denn der alljährliche Hype um den Bären-Wettbewerb ist ja nur die Spitze des Eisbergs Berlinale.

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Daneben laufen neue interessante Spiel- und Dokumentarfilme in der „Perspektive Deutsches Kino“, im „Panorama“, in Gala-Vorstellungen und für junge Leute in „Generation“. Alte Streifen bringt die „Retrospektive“, extrem anspruchsvolle avantgardistische Werke zeigt das „Forum“, das sein 50. Jubiläum feiert. Die Filme in der neuen Sektion „Encounter“ werden, so Chatrian, „mit ungeahnten Ideen, Visionen und Erzählweisen für Überraschungen sorgen.“  Quasi unterhalb der Preisbären gibt es in etlichen Sparten ebenfalls Jury- und Publikumspreise. Jedoch sehen sich die Verantwortlichen nicht als Richter, sondern als „Gastgeber und Brückenbauer.“ Weiterlesen

„Die Eiskönigin“ – großes Kino oder lebende Barbiepuppen?

„Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ war einer der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten, der weit über eine Milliarde Dollar einspielte und zwei Oscars sowie zahlreiche weitere Preise erhielt. Jetzt kommt die Fortsetzung des Fantasy-Musicals ins Kino, auf die Liebhaber des Films sechs Jahre lang warten mussten.

Die königlichen Schwestern Elsa und Anna wohnen, nach ihren dramatischen Erlebnissen im ersten Film, zufrieden im nördlichen Fantasieland Arendelle und haben genug von aufregenden Abenteuern. Doch eines Tages tönen aus der Wildnis sirenenhafte Gesänge, die Königin Elsa verwirren und neugierig machen. Nur sie kann die Stimmen hören, die sie in den unheimlichen, mit einem Fluch belegten Zauberwald hineinziehen. Elsa gibt den Verlockungen nach und lässt sich – nach einigem Zögern – von ihrer Schwester Anna begleiten. Auch deren etwas trotteliger Verehrer Christof sowie der wieder aufgetauchte Schneemann Olaf sind dabei. Nach dem Betreten des düsteren Gehölzes begegnen sie bedrohlichen Waldmenschen, flüchten vor lebenden Gebirgen und kämpfen tapfer gegen weitere Unbilden.

Elsas eisige Zauberkräfte, die sie jetzt erneut entfalten aber mittlerweile verantwortungsvoll beherrschen kann, helfen den Abenteurerinnen. Die wieder erwachte Zauberin in ihr verwandelt wildes Wasser in reitbare Eispferde, lässt angreifende Ungeheuer zu Eis erstarren und macht längst vergangene Ereignisse durch Eisskulpturen sichtbar. Mehr wollen wir nicht von der Geschichte verraten. Elsas Kampfszenen in der gefährlichen Wildnis gehören zu den stärksten und überzeugendsten Ereignissen des computeranimierten Films der Walt-Disney-Compagnie.

Natürlich ist das Werk eine weitere fantastische Heldinnenreise Elsas! Ihre Begleitpersonen sind eher Staffage, bieten sich jedoch zur Identifikation für unterschiedliche Zuschauer an. Auf dem Film lastet durchgehend eine düstere Stimmung, die durch Slapsticks, etwa des unsäglichen Schneemanns, und insgesamt sieben Songs der Schwestern gemildert wird. Elsa findet am Ende nicht wirklich zu sich, sie bleibt melancholisch und voller Sehnsucht. Viele ihrer Fans hofften, dass sie endlich ihre große Liebe finden, ja, sich vielleicht sogar als lesbische Frau outen würde. Weiterlesen

„In The Cities“

Wenn man schnell durch die Ausstellung Detlef Waschkaus in der Kunststation Kleinsassen geht, denkt man, ah ja, Großstädte, Straßenszenen, Menschen… „In The Cities“ heißt bezeichnenderweise auch sein Beitrag zur Herbstschau des Kunsthauses.

Geht man näher an ein Bild heran und betrachtet es länger, etwa „New York“ (Foto), dann sieht man eine Collage mit unterschiedlichen Leuten und vielfältigen, aber kaum einordbaren Situationen in einer Metropole: Eine flüchtige Momentaufnahme aus New York. Selten sind in den ausgestellten Arbeiten des Künstlers die Menschen so sehr im Vordergrund. Doch die Dargestellten sind kaum (noch) individuell erkennbar, sie verschwinden durch die übrigen Bildelemente, welche die Hektik und Vielfältigkeit einer Großstadt suggerieren.

Das Werk ist deutlich gerastert, manche Ebenen liegen tiefer oder höher, das Bild ist also letztlich eine dreidimensionale, aber sehr flache Skulptur. Waschkaus „malerische Holzreliefs“, wie er seine Arbeiten selbst nennt, haben Schichtholzplatten aus Pappelholz zur Basis. Die oberen Schichten trägt er zum Teil mit Beiteln ab und trägt ständig – im Wechsel mit der Holzbearbeitung – Farbe auf. Waschkau versteht sich als Bildhauer und Maler zugleich, seine Gebilde sind ein Mix aus künstlerischen Techniken. Als Vorlage für diese Objekte nutzt er von ihm aufgenommene Fotografien.

Die Bedeutungen seiner Reliefs sind nicht eindeutig: Sie können einerseits kritisch auf die Durchgliederung und Normierung, die „Rasterung“, unserer Großstädte verweisen. Andererseits zwingen sie uns, gerade durch die Rastertechnik, unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, die ja Details immer wieder (begrifflich) zusammenfasst: Ah, ja, New York… Und doch: Waschkaus Halbreliefs sind mehr als ihre handwerklich-künstlerischen Raster, sie entführen uns in faszinierende dynamische Welten und behalten ihren unwägbaren Rest.

INFO:
Detlef Waschkau „In The Cities“ noch bis zum 24. November in der Kunststation Kleinsassen. In der Winterzeit nur Donnerstag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet.
www.kunststation-kleinsassen.de

FOTO:
„New York“ © Nikolaus Netzer

Ausstellung „Von Fischen und anderen Gräten…“

Unter dem Titel „Von Fischen und anderen Gräten“ präsentiert die Fuldaer Künstlerin Martina Theisen neue Arbeiten: Ihre maritimen Bilder in der kommunalen Galerie der Stadt Gersfeld sind eine Gradwanderung zwischen angewandter und freier Kunst.

Auf dem Plakat zur Ausstellung zeigt ein Wal Yoga-Übungen. „Geldhaie“ saugen an ihren Zigarren. Ein säuerlich guckender Fisch, hinten schon ein wenig in Scheiben geschnitten, begrüßt uns als „Zitronenhai“. In einer Ölsardinendose schlafen kleine Fische. Aufrecht stehend in Matrosenanzügen salutieren in der „Doraden-Parade“ aufgekratzte Goldbrassen. Die Idee zu ihrer Schau entstand auf der von Meerestieren umgebenen Insel Spiekeroog, wo sich die Künstlerin gerne aufhält. Soll man ihr tatsächlich glauben, dass es diese Wesen alle in Wirklichkeit gibt, wie sie behauptet? Die diversen Grätenviecher sind jedenfalls nicht realistisch gezeichnet oder gemalt, fast immer wirken sie unwirklich, ja grotesk, wie Karikaturen oder Comics.

Alle abgebildeten Seekreaturen sind mehr oder weniger vermenschlicht und bleiben doch Meerestiere: Daraus entsteht die Komik, die in der ernsthaften Bildenden Kunst einst nicht so beliebt war. Theisen spielt auch mit ihren Titeln, einerseits weisen sie Wege zum Verständnis und provozieren lachende Erkenntnis, andererseits sind sie gelegentlich auch Wortspiele: „Der Wal trägt einen Schal mit Aal“, heißt ein Werk. Oder Schweine, also Meerschweine, nutzen einen fetten Delphin als Tauchboot: „We all live in a yellow submarine“, möchte man da fröhlich mit den Beatles singen.

Theisens Arbeiten sind durch Mischtechniken entstanden, sie malt und zeichnet mit Stiften, Kohlen und Kreiden auf farbiges Tonpapier. Die Künstlerin nennt sich Illustratorin, bereits als Kind hat sie ihre Puppen mit Filzstiften angemalt und dann mit ihnen Indianer gespielt. In Mainz studierte sie Kommunikations-Design, seit 2001 illustrierte sie bisher über 60 Kinder- und Erwachsenenbücher für renommierte Verlage. „Mein großes Körperbuch“ von Professor Dietrich Grönemeyer weist Ihre bekanntesten Illustrationen auf.

Bescheiden bezeichnet sie selbst ihre Bilder als angewandte Kunst, doch eigentlich sind die in Gersfeld gezeigten Arbeiten freie Kunstwerke und (bis jetzt) keine Illustrationen. Aber in ihnen schlummern nicht erzählte Geschichten, die zum Erzählen und Nachfragen provozieren: Ist der Aal auch erkältet? Was küsst den Delfin? Weiterlesen

„Das Roadstories Projekt“ – über das Künstlerbuch von Leonie Hochrein

Ein Jahr lang zog die junge Künstlerin Leonie Hochrein durch die Welt und stellte jede Woche einem ihr bekannten oder fremden Menschen drei Fragen zu Glück, Heimat und einigen prägenden Ereignissen im bisherigen Leben. Zu den notierten Antworten fertigte sie jeweils ein Fotoporträt von dem Menschen, der an die nächste Person eine eigene vierte Frage stellen sollte:

„Beschreibe das Gefühl jemanden innig zu lieben“, wollte eine wissen, andere fragten, „Was ist deine Kunst?“ oder „Welche Bedeutung hat Sexualität in deinem Leben?“ Mit diesem Projekt begann Hochrein noch vor dem Abschluss ihres Kunststudiums an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Ihre „Roadstories“ sind kein distanziertes Interviewprojekt, in dem sie Befragte zum Objekt macht. Stattdessen destillierte sie 51 intensive Vignetten aus ihren offenen Gesprächen. Im 52. Interview wollte sie selbst zu Wort kommen, doch während der Nachbearbeitung der authentischen Begegnungen verunglückte die Künstlerin (23) tödlich mit ihrem Lebensgefährten auf einer alpinen Bergtour. Mit zwei Redakteurinnen aus dem Freundeskreis setzte Ihre Mutter die geplante weitere Arbeit fort. 2018 stellte sie das Projekt bei den Dirloser Kunsttagen vor und veröffentlichte vor kurzem „Das Roadstories Projekt“ als englisches und deutsches Künstlerbuch.

Das Werk ist grafisch gut gestaltet, großzügig aufgemacht, angenehm anzufassen, schön anzusehen und gut zu lesen – trotz seiner strengen Systematik: Ganz knapp erzählt Hochrein zunächst jeweils von ihren eigenen Beobachtungen und Gefühlen im Gespräch, bleibt also nicht außen vor. Es folgt ein ganzseitiges, stark angeschnittenes Bildporträt der Befragten, danach deren meist nachdenkliche Antworten und die Frage an die nächste Person.

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„Lara“ mit Corinna Harfouch – ein schöner melancholischer Herbstfilm

Eine Frau erwacht langsam in der Morgendämmerung, steht kraftlos auf, öffnet weit das Fenster, krabbelt auf einen Stuhl, stellt sich mit ausgebreiten Armen vor die Öffnung. Als man denkt, „gleich springt sie“, klingelt es an der Tür. Polizisten bitten sie, einer Durchsuchung im Haus als Zeugin beizuwohnen, später gratulieren sie zum 60. Geburtstag, als sie ihren Ausweis zeigt. Ein seltsamer Beginn für diesen melancholischen Herbstfilm, der ohne Rückblenden nur einen Tag im Leben Laras (Corinna Harfouch) zeigt.

Wie in seinem Debütwerk „Oh Boy“, präsentiert Regisseur Jan-Ole Gerster sieben Jahre später in seinem erst zweiten Werk, ebenfalls nur einen Tag in Berlin im Leben seiner Protagonistin. Laras Sohn Victor ist Tom Schilling, der im Erstling des Filmemachers den „Boy“ darstellte. Am Geburtstag seiner Mutter wird er sein erstes großes Konzert als Pianist und Komponist geben. Die allein lebende, vor kurzem in Pension gegangene Lara, hebt alle Ersparnisse von der Bank ab und kauft die Restkarten für die Musikaufführung. Beim Verteilen der Karten an Freunde, Bekannte oder Ex-Kollegen tauchen wir in ihr Universum ein und spüren ihre Verletzung, ihren Neid. Gerne wäre die offenbar hochbegabte Frau selbst eine große Pianistin geworden, stattdessen wurde sie Verwaltungsbeamtin und trieb den Sohn zur Erfüllung ihrer eigenen Lebensträume.

Corinna Harfouch spielt die Mutter ganz undramatisch, gleichsam mit zurückgehaltener Energie, aber beträchtlicher Glaubwürdigkeit: Sie ist bösartig und doch fürsorglich, sarkastisch und doch einfühlsam, arrogant aber verunsichert. Ihre mit langen Einstellungen erzählte, melancholische Geschichte ist spannend, oft weiß man nicht, wie entscheidet Lara sich gleich, was passiert als nächstes?

Wie unter einem Mikroskop werden ihre Beziehungen in der zerfallenen Familie, bei der Arbeit und in ihrem Umfeld bloßgelegt. Man fragt sich, ist sie in einem falsch gelebten Leben gefangen? Weiterlesen