„Fuocoammare“ / „Seefeuer“ – der Gewinnerfilm der Berlinale 2016

Der Gewinner der Berlinale ist mehr als ein Flüchtlingsfilm

„Das Herzstück der Berlinale“ und einen „notwendigen Film“, nannte Jury-Präsidentin Meryl Streep im Frühjahr „Fuocoammare“ („Seefeuer“), den Gewinnerfilm des Berliner Festivals. Zum ersten Mal wurde dort ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Der zwölfjährige Fischerssohn Samuele spielt am Meer, nach einem harten Schnitt rettet die Küstenwache im Wasser treibende Flüchtlinge: Zwei Welten, die fast nichts miteinander zu tun haben, auf der nur wenige Meilen von Afrika entfernten italienischen Insel Lampedusa. Ohne Kommentare fängt die Kamera den Alltag der Italiener ein. Dagegen setzt sie ohne weitere Vermittlung Bilder der Rettung und Unterbringung überlebender Flüchtlinge, den Abtransport von Leichensäcken. Samuels Mutter macht die Betten, kocht Essen, im Radio ist die Rede von 24 geborgenen Toten, sie murmelt: „Arme Teufel.“

Nur die Küstenwache ist in Kontakt mit den meist aus Schwarzafrika Geflüchteten sowie Insel-Arzt Pietro Bartolo, der die an Land kommenden Menschen untersucht. Aufgrund ihrer Unterkühlung sind sie in Gold-Folien gewickelt, was für eine Symbolik! Später untersucht der Doktor in einer Szene lange per Ultraschall eine hochschwangere Flüchtlingsfrau, die Zwillinge erwartet: „Arme und Beine sind verschlungen, so ein Chaos“, meint er fröhlich. In einer langen Einstellung zelebrieren Überlebende einen wilden afrikanischen Gottesdienst, die Menschen tanzen, ein nigerianischer Rapper beschwört die Leiden der wenigen Überlebenden: „…in der Wüste ging das Wasser aus / wir tranken unsere Pisse…“ Weiterlesen

„Toni Erdmann“  in Cannes gefeiert, doch ohne Goldene Palme

 

„Toni Erdmann“ von Maren Ade, der Film mit dem seltsamen Titel, wurde 2016 auf dem Filmfestival in Cannes von den Kritikern begeistert gefeiert. Eine goldene Palme bekam er jedoch nicht, jetzt kommt der Streifen bundesweit in die Kinos.

Zunächst ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso der Film so bejubelt wurde, denn seine Geschichte wird sehr, sehr langsam mit sehr traditionellen filmischen Mittel erzählt. Doch irgendwann nimmt die Erzählung an Fahrt auf, wird ohne Plattheiten humorvoll und recht spannend:

Winfried (Peter Simonischek), ein leicht verlotterter Musiklehrer und Alt-68er taucht plötzlich im Leben seiner karriereorientierten Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest auf. Die arbeitet dort für eine weltweit agierende Beratungsfirma, ihr Job ist stressig, anspruchsvoll und erfordert großes Engagement. Der nun in ihrer Welt herumtapernde Vater nervt sie fürchterlich mit seinen schrägen Witzen und dem distanzlosen Verhalten gegenüber ihren Kollegen. Denen macht er weis, er habe sich zu Hause eine Ersatztochter gesucht, die Ines nun bezahlen solle.

Als Winfried endlich merkt, dass Ines zwar unglücklich ist, aber um ihre Karriere bangt, verschwindet er einfach – und taucht als Finanzberater Toni Erdmann mit schwarzer Langhaarperücke, im Mund eingeklemmten Hasenzähnen und Leinenbeutel wieder auf. Ines’ Kollegen, die rumänischen Geschäftspartner und vor allem deren Frauen sind von ihm und seinen unkonventionellen Ideen sowie abenteuerlichen Vorschlägen zum Krisenmanagement begeistert. Nach einer Kinostunde hat die spröde Tochter endlich auch mal etwas Sex mit einem Kollegen und nähert sich, erstaunlicherweise, dann ganz langsam dem Alter Ego ihres Vaters an.

Ihren Geburtstag will sie auf eine Anregung ihres Chefs im deutsch-rumänischen Team feiern. Kurz bevor die Gäste kommen, zieht sie sich noch einmal um, weil ihr das hautenge Kleid etwas kühn vorkommt. Doch der Fummel zerreißt beim Ausziehen, während die ersten Besucher schon klingeln – plötzlich und spontan öffnet Ines splitternackt die Tür. Weiterlesen

4. Land Art Festival am Rande der Rhön Zwischen Zivilisation und Wildnis bis Ende August 2016

Am Wochenende vom 1. bis 3. Juli  präsentierten Künstlerinnen und Künstler ihre Kunstwerke in der Landschaft um Hutten-Heiligenborn am Rande der Rhön. Hier, an der „Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis“, können sie nun zwei Monate lang von Interessierten besucht werden.

Auf der Wiese oberhalb des Schwimmbads grüßt die Besucher die große, dort beim ersten Festival vor vier Jahren platzierte Doppelkopf-Skulptur Thomas Kippenbergs. „Damit man die wieder wahrnimmt“ hatte die Choreografin Monica Opsahl sie durch ihre Tänzerinnen erneut sichtbar gemacht. Hunderte von Menschen stromerten am Sonntag, geführt von der KulturWerkerin Hannah Wölfel oder alleine durch die Gegend um das Bergrestaurant.

Tänzerinnen belebten während der Führungen weitere Kunstwerke – etwa die von Gerwin von Monkiewitsch zu eisernen Pflanzen montierten Schaufeln (Schippendehls Traum“) oder schufen mit seltsamen Bewegungen eine fremdartige Atmosphäre im dunklen Gehölz um die fliegende „Schwerelos“ Thomas Kippenbergs. Tränen der kleineren Balletteusen gab es samstags, weil aufgrund des schlechten Wetters, alle Tänze ausfielen.

Sowohl in den Gesprächen mit anwesenden Künstlern als auch durch die geführten Gänge über den Kunst-Parcours wurde deutlich, dass sehr viele Werke durch weiter gestaltete Fundstücke entstanden. „Das Gassi gehen mit Hunden scheint die Kreativität besonders zu fördern“, meinte Werner Obländer augenzwinkernd. Er hatte dabei mal ein verbogenes Sägeblatt und ein halbes Vogelnest gefunden und zur NaturGewalt“ montiert. „Ich sammle alles und habe zwei Räume voll mit gefundenen Dingen“, erzählte Norbert Blücher, der eine Baumwurzel mit einer Riesenmuschel als „Mutierte Wegschnecke“ präsentierte. Birgit Hackbarth erblickte im Bauschutt eine weibliche Figur, „da wurde das Zeugs plötzlich wertvoll.“ Sie gestaltete den Fund weiter und fügte zur Frau noch einen Säugling aus Betonresten hinzu („Mutter mit Kind“). Weiterlesen

„Verräter wie wir“ Unbeteiligte im Fadenkreuz von Russenmafia und Geheimdienst

Prolog: Der Filmkritiker düst unvorbereitet in die Pressevorführung, weiß nichts über den Film oder seinen Titel – doch im Kino ist er schnell fasziniert von einem Streifen, dessen dramatische Struktur ihn an spannende Romane John le Carrés erinnert.

„Verräter wie wir“ IST die Verfilmung von Le Carrés gleichnamigem Buch. Regisseurin Susanna White hat die typische Dramaturgie des britischen Kultautors in großartigen Bildern eingefangen. Mit wenigen Nahaufnahmen entführt der Film in die Welt der russischen Mafia: Tanzbilder aus dem Schwanensee-Ballett. Vertragsabschlüsse. Eine Kamerafahrt über die Schneelandschaft. Schnelle Morde. Blut im Schnee…

Nach dem Vorspann ein harter Schnitt auf ein schmusendes Liebespaar im Bett. „Das wird nichts“, sagt die Frau und steht abrupt auf. Die Rechtsanwältin und der Literaturprofessor aus London sind in einem marokkanischen Edelhotel und wollen ihre Ehe kitten. Doch nun geraten die beiden in eine fremde, unwirkliche Welt. Der russische Geschäftsmann Dima (Stellan Skarsgård) lädt die sie zu teuren Drinks ein, entführt sie auf eine wilde Party und steckt Professor Makepeace (Ewan McGregor) einen USB-Stick zu, den er einfach nur britischen Zollbeamten aushändigen soll. Der Russe will aus der Mafia aussteigen, für die er als Geldwäscher arbeitet, und hat keinen anderen Helfer als den soeben kennengelernten Briten. Seine Frau Gail (Naomie Harris) findet das zwar überhaupt nicht gut, lässt sich aber dennoch in die düstere Geschichte verwickeln.

Die beiden Unbeteiligten werden in eine riesige Verschwörung hineingezogen und möglicherweise zwischen Mafia, Politikern und Geheimdienst zerrieben. Denn die britischen Agenten setzen ohne jede Rücksicht oder Skrupel ihre Interessen durch und erpressen eiskalt den Professor und die Anwältin…

Der Film ist – auch durch seine kühlen Farben, radikale Schnitte und eigenartige Musik – durchgehend sehr, sehr spannend. Die komplizierte Handlung ist durchaus glaubwürdig, seit der NSA-Affäre und der Flucht Edward Snowdens traut man Politikern und Geheimdiensten schließlich jede Schweinerei zu. Eine gelungene Literaturverfilmung und ein sehenswerter Film! Weiterlesen

„Tangerine LA“ Ein cooler und doch bewegender Film aus der Subkultur transsexueller Huren

Heiligabend in Los Angeles. Zwei schrille dunkelhäutige Weiber kreischen herum, fallen sich in die Arme, feiern lautstark ihr Wiedersehen.

Beide sind transsexuelle Prostituierte, die eine, Sin-De (Kitana Kiki Rodriguez) war einen Monat lang im Knast. Ihr Zuhälter Chester (James Ransone) habe sie mit „einer echten weißen Möse“ betrogen, erzählt Freundin und Kollegin Alexandra (Mya Taylor). Die Transsexuelle ist außer sich vor Wut, will Rache nehmen und schreit im coolen Slang: „Ich bin echter als echt, eye, ich hab’ auch ’ne Möse wenn ich mir die Eier wegklemme.“ Parallel erfahren die Zuschauer die Erlebnisse des armenischen Taxifahrers Razmik, dem das Auto vollgekotzt oder sonst wie der Job schwer gemacht wird. Er ist verheiratet, hat eine kleine Tochter, liebt aber den Sex mit den transsexuellen Weibern der 17. Straße. Als er schnelle Liebe in der Waschanlage machen will, entpuppt sich die Transe als „Pussy“ und er ist entsetzt, weil sie nichts in der Hose hat..

Wütend streift Sin-De in glühender Hitze durch die Boulevards in LA, bis sie endlich, zu dramatischer Opernmusik, Chesters Adresse bekommt. Die Musik geht in Hip Hop über, die Rächerin rast mit dem Bus durch die Stadt und erwischt endlich die „weiße Möse“, ein dünnes verhärmtes Ding. Im Donut Shop treffen sie dann irgendwann alle aufeinander, die runden sinnlichen transsexuellen Huren, Chester, der coole Zuhälter, die mickrige Konkurrentin. Schließlich kommt noch der geile Razmik, der es Heiligabend zuhause nicht aushält, seine Schwiegermutter, die ihn zur Rede stellen will – und schließlich auch seine schöne junge Frau mit dem Baby, die längst alles weiß…

Der bekannte Independent Filmer Sean Baker hat den Streifen mit dem I-Phone 6 gedreht, aber natürlich im Studio professionell nachbearbeitet. Dadurch wirkt diese Tragikomödie mit ihren warm-blassen Farben wie ein authentischer 70er-Jahre-Film mit dennoch, manchmal atemberaubenden Bildern: Die Liebe in der Waschstraße wird in voller Länge mit nur einer einzigen Kameraeinstellung auf die Frontscheibe vom Hintersitz aus gezeigt. Sinn-De ruht mal kurz in einem Café aus, während riesige Augen (der Werbung auf einem Bus), sie eine Zeitlang anschauen und verschwinden…

Tangerine LA ist ein durchgehend schräges Subkulturdrama… Weiterlesen