„Die Maisinsel“ – ein großartiger, bildgewaltiger Film

Die Menschen in dem Land Abchasien am Fluss unterhalb des Kaukasus reden nicht viel. Erst als nach 20 Filmminuten schwer bewaffnete, dumpf dreinblickende Soldaten an ihrer kleinen Insel vorbei schippern, fragt die Enkelin Asida (Mariam Buturishvili) ihren Opa Abga (Ilyas Salman): „Wer sind diese Männer?“. Nach einer Filmstunde reden sie zwei weitere Sätze über die Schule, in die das Mädchen morgens mit dem Boot fährt.

Die beiden versuchen in mühseliger Arbeit eine „schwimmende Insel“ fruchtbar zu machen, die sich im Frühjahr mitten im Strom aus angeschwemmter Erde gebildet hat. Der Fluss ist freies Gebiet, die Ufer werden von aggressiven Militärs aus Russland oder Georgien bewacht.

Der alte Mann pflanzt mit Hilfe des Mädchens Mais an und kämpft mit ihr gegen die Naturgewalten, denn die beiden wollen mit dem Verkaufserlös den Winter überleben. Eines Tages flüchtet sich ein angeschossener Soldat auf die Insel, der alte Mann liefert ihn nicht an die Verfolger aus. Das Mädchen ist sehr an diesem jungen Mann interessiert – einmal während des ganzen Films lacht sie, als sie ihm unvermittelt einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet…

Mit sehr ruhigen Bildern und extrem langen Einstellungen erzählt der georgische Regisseur George Ovashvili diese kleine melancholische Geschichte, die ausschließlich auf der winzigen Insel spielt.

Von den persönlichen Hintergründen der Akteure oder den politischen Verhältnissen erfahren wir Zuschauer nichts. Der Filmemacher vertraut ganz auf die gewaltigen Bilder, mehr als ein Dutzend Sätze werden nicht gesprochen. Wir erleben lediglich die beiden Menschen mit ihrer differenzierten Körpersprache in den wechselnden Jahreszeiten auf ihrem Eiland…

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Ein irrer Film und besser als sein Titel „Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“

„Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ ist kein sozialpädagogisches Rührstück, sondern ein schriller, herausfordernder Spielfilm über ein junges, geistig behindertes Mädchen, das hemmungslos seine Lust ausleben will. Der herausragende Film mit dem seltsamen Titel kommt jetzt in die Kinos.

Dora (Victoria Schulz) hat blaue Flecken, nachdem sie lange den schönen Peter (Lars Eidinger) verfolgte und der sie dann – naja, das ist die Sicht ihrer Eltern – vergewaltigte. Dem schönen Mädchen mit der geistigen Behinderung gefällt der ruppige Sex sehr gut, während ihre Eltern außer sich sind. Die alarmierte Polizei unternimmt nichts, denn Dora ist mündig und hat keine gesetzliche Betreuung.

Ihre stark sedierenden Medikamente hat die Mutter (Jenny Schily) am 18. Geburtstag abgesetzt: Verwischte Nahaufnahmen, verschwommene Hintergründe in wackelig gefilmten Bildern lassen uns Zuschauer die jahrelange Dämpfung von Doras Wahrnehmung erahnen. Doch nun wird das ganze Leben eine aufregende Entdeckungsreise für das aus ihrem Dornröschenschlaf geweckte Mädchen. In der Badewanne spielt sie unter den Augen der Mutter an sich herum, von ihrem Vater will sie Zungenküsse, sie begrabscht den Mann einer Freundin und fordert: „Ich will auch ein Paar sein!“ Aber Dora spürt auch ihre Behinderung, „Ich bin kein Mongo!“, kreischt sie die Eltern an, „ich will nicht anders sein.“ Immer wieder trifft sie Peter zum hemmungslosen Sex, ihre Eltern verzweifeln und spüren offensichtlich die eigene Verklemmtheit. Weiterlesen

Märchenhaftes Tanztheater in Hessen – sind getanzte Märchen alter Plunder?

Momentan werden bekannte alte Märchen in den Hessischen Staatstheatern getanzt: In Kassel wurde „Aurora“ nach „Dornröschen“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky uraufgeführt, in Darmstadt hatte Sergej Prokofjews „Aschenputtel“ Premiere. Wie gehen zeitgenössische Choreografen mit verstaubten Ballettvorlagen des 19. Jahrhunderts um?

In seiner letzten Kasseler Choreografie ließ Johannes Wieland von seinem Ensemble den Bühnenboden aufreißen, wohl damit die Tanzenden dem auf den Brettern gezeigten Irrsinn entkommen konnten. Nun entkleidet er radikal „Dornröschen“ um den Ballast des Märchens und konzentriert sich auf die pubertierende 16-jährige Aurora (Morgenröte), wie Dornröschen bei Tschaikowsky heißt. Die einhundert Jahre im Märchenschlaf werden als ihre ohnmächtige Verzweiflung und ihr Ringen um Identität interpretiert:

Aurora ist einsam, sie rebelliert, sie leidet, sie widersetzt sich ihren Zurichtungen als Frau. Die Tanzenden vervielfachen unterschiedliche Auroras, zerren sie tanzend an den Haaren, zwingen sie in weibliche Posen. Das Ensemble nutzt alle Varianten des zeitgenössischen Tanzes, dazu Akrobatik, Alltagsgesten, lebende Bilder. Es gibt keine klassischen Ballettfiguren, nicht einmal als ironisches Zitat. Das Stück erzählt keinesfalls Dornröschens Geschichte sondern bietet den Zuschauern offene, interpretierbare Assoziationen an. Zur Erklärung legt es allenfalls Spuren: „Ich bin immer noch 16 Jahre und sterbe“, schreit eine Aurora ins Publikum. Weiterlesen